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E-Book, Deutsch, Band 1, 560 Seiten
Reihe: House of Marionne
Elle House of Marionne
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7363-2312-4
Verlag: LYX.digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 560 Seiten
Reihe: House of Marionne
ISBN: 978-3-7363-2312-4
Verlag: LYX.digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ich will, dass er mir verspricht, dass es nach dieser dunklen Nacht einen Morgen gibt
Quell Marionne wurde mit einer verbotenen dunklen Magie geboren. Ständig auf der Flucht fällt ihr nur noch ein Ort ein, an den sie sich retten kann: das luxuriöse Internat House of Marionne. Unter der Leitung ihrer Großmutter werden dort Schüler:innen mit magischen Fähigkeiten ausgebildet, um nach dem Abschluss einer elitären Vereinigung beizutreten. Quell hofft, mehr über ihre Kräfte zu erfahren und sie vor der Welt verbergen zu können. Auch vor Jordan Wexton, dem attraktiven und talentierten Mündel ihrer Großmutter, der zu ihrem Tutor ernannt wird. Denn auch wenn beide sich dagegen zu wehren versuchen, bei jeder Begegnung knistert es stärker zwischen ihnen - obwohl nicht nur Quell ein tödliches Geheimnis hütet ...
»House of Marionne steckt voller Magie und Intrigen. Die Geschichte ist perfekt für alle, die Fantasy lieben und die sich an schillernde und trügerische Orte entführen lassen wollen.« STEPHANIE GARBER
Auftakt der HOUSE-OF-MARIONNE-Trilogie
J. Elle ist eine NEW-YORK-TIMES-Bestseller-Autorin. Wenn sie gerade nicht schreibt, ist sie entweder auf der Jagd nach einem Dessert, das keine Schokolade enthält, sucht einen Grund, um sich schick zu machen, oder befindet sich mit ihren beiden Hunden auf einem Roadtrip quer durch das Land.
Weitere Infos & Material
DER DRAGUN
Yagrin fuhr mit einem Finger über die Klinge und holte tief Luft. Er hasste diesen Teil. Der Gestank von Containermüll wehte ihm in die Nase, und er zog seinen Mantel enger um sich. Er streckte den Kopf aus seinem Versteck zwischen dem Krimskramsladen und der Konditorei hervor.
»Memento sumptus«, skandierte er vor sich hin, als würde das gegen das Gefühl helfen, das sich in seinem Magen breitmachte. Es fühlte sich an, als würden Aale in seinem Bauch zappeln. Er ließ den Blick über den Verkehr schweifen.
Und da war sie.
Eine pink gestreifte Beanie-Mütze saß fest auf ihrem Kopf. Darunter quollen gekräuselte Locken hervor. Sie trug eng anliegende Jeans und einen hellgrünen Pullover mit Kimonoärmeln. Seine Nervosität schnürte ihm die Kehle zu. Er konnte nicht aufhören, mit dem Fuß auf den Boden zu tippen.
Doch er legte die Finger seiner rechten Hand fest um den Dolch in seiner Tasche.
Er war eine behände Waffe. Das kunstvoll verzierte Metall war so gestaltet, dass es genau in die Wölbung seiner Handfläche passte. Seine Fingerspitzen wurden feucht. Er rieb das Blut an dem Innenfutter seiner Hose ab und wartete darauf, dass die junge Frau mit der pinken Beanie an ihm vorbeiging, damit er sich unbemerkt unter die Leute hinter ihr mischen konnte. Er würde geduldig sein. Vorsichtig. Deswegen hatte er den Auftrag wochenlang vor sich hergeschoben. Um heimlich vorgehen zu können. Immerhin ging es hier um den Ruf des Hauses. Er musste den Ruf des Hauses wahren.
Zuerst musste er sie allein erwischen. Isoliert.
Du bist kein Mörder, Yagrin, argumentierte die Stimme in seinem Kopf, doch er zähmte sie mit Rezitationen, die ihm in Fleisch und Blut übergegangen waren. Secretum. Die Frau mit der pinken Beanie stellte eine direkte Bedrohung für ihre Lebensweise dar, ob sie es nun wusste oder nicht. Und deswegen musste sie sterben.
Sie schlenderte an ihm vorbei. Er überprüfte sein Aussehen im Schaufenster auf der anderen Straßenseite, nahm ein paar Korrekturen vor und schob sich dann aus der schattigen Gasse in dem geschäftigen Einkaufsviertel, um sich an ihre Fersen zu heften. Ihre Mütze wippte in der Menge auf und ab, ihr Blick klebte an ihrem Handydisplay. Ihre Miene konnte er nicht richtig erkennen, aber sie bewegte sich langsam und unbekümmert fort und grüßte jede Person, an der sie vorbeiging, sofern diese Blickkontakt zu ihr herstellte.
Seine Finger zuckten, als er seinen Plan im Kopf noch einmal durchging. Der verzauberte Dolch würde sauberer sein. Leiser. Er zog eine runde Münze hervor und warf sie in die Luft. Zahl. Gib mir Zahl, verdammt. Er sollte nicht abergläubisch sein. Aberglaube war vorgetäuschte Magie, und er musste nichts vortäuschen. Er verfügte über echte Magie. Die Münze schimmerte im Sonnenlicht und landete mit der Kopfseite nach oben in seiner Handfläche.
»Mist«, murmelte er. Wie auch immer seine Unterfangen an diesem Tag aussehen mochten, sie würden sich zu seinen Gunsten entwickeln.
Wenn er es nicht tat, würde es einer seiner Dragunbrüder tun, redete er sich ein. In seinem Inneren wankte alles. Er umklammerte die Münze mit der Hand. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. An einer Kreuzung trat er beiseite, um einen Dogwalker vorbeizulassen, der zahlreiche Hunde an miteinander verworrenen Leinen mit sich führte. Die Frau mit der pinken Beanie hielt an, um einen Kaffee zu trinken. Er ließ es zu und achtete darauf, außer Sichtweite zu bleiben.
Während sie auf einem Stuhl saß und an einem Cappuccino nippte, wischte er auf seinem Handy herum. Dabei nahm er eine etwas aufrechtere Haltung ein, als würde dieser Augenblick der Gnade es irgendwie besser machen. Als würde er ihn besser machen. Als könnte er sich dadurch von diesem Leben reinwaschen, das ihn ausgewählt hatte. Sie trank ihren Cappuccino gern mit Zimt und einer Extraportion Schlagsahne. Außerdem liebte sie es, wenn er bereits vollständig abgekühlt war.
Sein Finger schwebte über dem Eintrag Mutter in seinem Handy – nicht die, die ihn geboren hatte, sondern jene, der gegenüber er sich verpflichtet hatte. Er schluckte und tippte auf das Anrufsymbol. Es tutete. Schnell tippte er erneut auf den Bildschirm, um direkt wieder aufzulegen, denn er wusste, was sie sagen würde. Die Pflicht ist die Ehre der Bereitwilligen.
Er suchte die Umgebung nach Zeugen ab und ließ den Blick über die Menge wandern, die Leute, die Läden betraten und verließen. Ein Liebespaar saß mit ineinander verschlungenen Armen da und teilte sich einen Muffin. Ein Mädchen mit lockigen Haaren und Sommersprossen auf dem Gesicht saß an einer Bushaltestelle und spielte an einem Schlüsselanhänger herum.
Ein kalter Schauer durchfuhr ihn. Der heutige Tag fühlte sich nicht wie ein Tag zum Töten an.
Ein kleines Mädchen watschelte an ihm vorbei. Es kämpfte mit einer riesigen Eiswaffel mit drei Kugeln, die fast so groß wie es selbst war. Das Eis drohte, der Kleinen aus der Hand zu fallen, und er griff nach unten, um die Waffel aufrecht zu halten. Sie grinste ihn dankbar an, und er verzog die Lippen zu einem Lächeln. Doch er wischte es schnell wieder von seinem Gesicht. Er verdiente die Freude nicht, die es in ihm auslöste.
Wieder schluckte er und ballte die Hand zur Faust. Je öfter er es tat, desto leichter würde es werden. Aber er hatte nichts davon je leicht gefunden. Nicht, als er den Auftrag angenommen hatte. Nicht, als er in den Orden eingeführt worden war. Damals hatte er das alles nur überstanden, indem er sich verstellt hatte. Er hatte die entsprechenden Bewegungen ausgeführt, den mit Seide ausgekleideten Smoking getragen, die Maske aufgesetzt, den Dolch gehalten und ihn in sein Herz gestoßen. Er mochte nicht kühn sein. Aber er war klug. Wirklich klug.
Das Knacken eines auf Knochen treffenden Dolches war etwas, das er perfektioniert hatte. Das Täuschen der Ohren und die Umwandlung der Gestalt und der Töne, während sich das Geräusch in der Luft bewegte, fielen ihm leicht. Mutter und den Rest von ihnen glauben zu lassen, dass er sich selbst erstochen hatte, war einfach gewesen. Weil er das entsprechende Geräusch verursacht und es so hatte aussehen lassen, wie es sollte, gingen alle davon aus, dass er das Dritte Ritual vollzogen hatte. Niemand musste erfahren, dass er in Wahrheit ein Feigling war.
Aber heute würde er nichts vortäuschen können. Er musste die junge Frau umbringen.
Und dann eine weitere und eine weitere. Er musste sich dringend an diese Aufgabe gewöhnen. Er suchte nach der pinken Beanie-Mütze, musste aber feststellen, dass der Tisch leer war und nur noch ihre Tasse dort stand. Sein Herz hüpfte in seiner Brust, während er die Menge absuchte, von der ein konstantes Summen aus Stimmen und Gesprächsfetzen ausging. Aktentaschen schwangen rauschend zwischen Beinen hin und her.
»Sie war doch eben noch hier«, sagte er zu sich.
Er begab sich zu der Umrandung aus Hecken, die die Terrasse des Cafés einrahmte. Dort roch er sie, bevor er sie entdeckte. Vanille und Zimt, ein Garten voller Jasmin. An ihrer Lippe klebte ein winziger Fleck Schlagsahne.
»Tut mir leid, ich wollte gerade …« Sie verlagerte das Gewicht auf das andere Bein und versuchte dann, sich an ihm vorbeizuzwängen. Ihre Augen waren so tiefschwarz wie Ebenholz und doch irgendwie so hell wie die Sonne.
»Nein, bitte entschuldige, tut mir leid.«
»Kennen wir …?« Sie lächelte und strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. »Du kommst mir bekannt vor«, sagte sie und schaffte es schließlich, sich an ihm vorbeizudrängen.
Er passte sich ihrem Tempo an, lief neben ihr her und behielt dabei eine Hand in seiner Tasche, wo er das Metall fest umklammerte.
»Oh?« Er lächelte. »Ich meine … Ich würde gerne glauben, dass wir uns kennen … oder dass wir uns kennen sollten.«
Sie errötete, und das berührte ihn auf eine Weise, auf die es ihn nicht berühren sollte. Aber das hier war ein Auftrag, also hielt er sich an den Plan: Gewinne ihr Vertrauen. Sie gingen weiter, und er hing an ihren Lippen, streute hin und wieder Erwiderungen ein, die er mit dem ein oder anderen Lächeln und Nicken untermalte. Sie redete unglaublich schnell und wurde rasch zugänglich. Er erwähnte nebenbei Dinge, von denen er wusste, dass sie sie mochte … wie Zwerghündchen, Pullover mit Zopfmuster und alles mit Apfelgeschmack. Jede Kleinigkeit sorgte dafür, dass die fröhlichen Fältchen um ihre Augen herum tiefer wurden.
»Das ist wie Kismet«, sagte sie.
»So muss es wohl sein.« Ihm war übel. »Hast du einen Moment Zeit?«
»Wofür?«
Er bezwang seinen nervösen Magen und ließ das Monster, zu dem man ihn erzogen hatte, übernehmen. »Da ist dieses wirklich reizende Café, ein wenig abseits vom allgemeinen Trubel. Dort gibt es die besten Beignets, die du je gekostet hast.« Er deutete in Richtung einer nahe gelegenen Gasse, vorbei an dem Menschengewühl und dem Lärm. »Was meinst du? Wollen wir uns dort vielleicht einen Happen gönnen?«
Sie zögerte und schaute auf ihr Handy. Beruhige sie, Yagrin. Er zwang sich dazu, ein freundliches Lächeln aufzusetzen. Dabei achtete er darauf, dass seine Zähne aufblitzten und er seine Wangen so weit nach oben zog, dass um seine Augen herum kleine Fältchen entstanden.
»Sie sind wirklich köstlich.«
Sie schürzte nachdenklich die Lippen. Das Funkeln in ihren Augen verwandelte sich von Neugier in nervöse Aufregung. »Okay, für einen Moment. Klar.«
Er führte sie...




