E-Book, Deutsch, 541 Seiten
Reihe: LYX.digital
Elle Shadows of Perl
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7363-2433-6
Verlag: LYX.digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 541 Seiten
Reihe: LYX.digital
ISBN: 978-3-7363-2433-6
Verlag: LYX.digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sie ist die Dunkelheit. Und trotzdem wärmt sie mich wie die Sonne
Quell Marionne ist erneut zur Gejagten geworden. Nachdem sie während ihres Initiationsritus die zerstörerischen Schatten offenbart hat, die sie beherrscht, ist die Bruderschaft der Dragune hinter der jungen Magierin her. Denn ihre dunklen Kräfte sollen angeblich die Quelle der Magie selbst gefährden und sind daher streng verboten. Darum flüchtet Quell zum Haus Perl, wo ihr Unterschlupf gewährt wird. Zu ihren Verfolgern gehört ausgerechnet auch Jordan Wexton: zweiter Kommandant der Dragune und der Mann, dem Quells Herz gehört. Er hat geschworen, jede Bedrohung für die Magie auszuschalten - selbst wenn das bedeutet, die Frau zu töten, die er liebt. Aber werden sich die beiden voneinander fernhalten können, obwohl ihre Entscheidungen sie zu Feinden gemacht haben?
»Eine Forbidden-Love-Story, wie ich sie mir erträumt habe!« ALI HAZELWOOD über HOUSE OF MARIONNE
Band 2 der House-of-Marionne-Trilogie
J. Elleist eineNEW-YORK-TIMES-Bestseller-Autorin. Wenn sie gerade nicht schreibt, ist sie entweder auf der Jagd nach einem Dessert, das keine Schokolade enthält, sucht einen Grund, um sich schick zu machen, oder befindet sich mit ihren beiden Hunden auf einem Roadtrip quer durch das Land.
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DAS UNMARKIERTE MÄDCHEN
Das Einzige, was kälter als die frische Herbstluft war, ließ einen leichten Akkord auf den Rippen des Mädchens anklingen. Es schloss einen Moment lang die Augen, bevor es über die Bergflanke marschierte. Ein warmer Strom von Erinnerungen versuchte, sich in seiner Brust auszubreiten, erstarrte jedoch an seinem kalten, toten Herzen. Einst hatte es pulsiert, wild gepocht vor Hunger auf Dinge, die es für jemanden in seiner Position und Lage/Verfassung nie für möglich gehalten hätte.
Doch der Junge, den es geliebt hatte, war fort.
Und alles, was sie gehabt hatten, verwitterte wie die Namen in den Grabsteinen, die sie umgaben. Es musste ihn vergessen. Seine Faust schloss sich fester um den Strauß schwarzer Rosen, als es tiefer in das Ambrose-Gebiet eindrang. Wo die anderen Häuser wie Kronjuwelen auf üppigem, gepflegtem Rasen standen, war das Dlaminaugh-Anwesen eine Festung, die in eine steile Bergflanke eingelassen und von endlosen Morgen von Friedhöfen umgeben war.
Etwas änderte sich. Das Mädchen blieb stehen, während sich Gänsehaut auf seinen Armen ausbreitete. Der Nebel um es herum waberte wie eine Flagge, die im Wind wogte. Es atmete einen ranzigen Geruch ein, doch beraubte es die Höhenlage der Bestätigung, die es suchte.
Sie waren ebenfalls hier.
Es konnte ihre Anwesenheit wie Nadeln auf seiner Haut spüren. Die Toten von Haus Ambrose lungerten auf dem Anwesen herum, um es vor Eindringlingen zu schützen. Und an diesem Abend waren sie ihm gegenüber zu Recht misstrauisch.
Mit seiner freien Hand zog es eine verzierte Phiole aus seiner Tasche und hielt sie fest in seiner Faust, während es sich zwang, weiterzugehen, um sich warm zu halten und den Mut nicht zu verlieren, doch Angst lähmte es. Das alte Weib, das ihm die Phiole verkauft hatte, hatte gesagt, dass Sonnenstaub in den Augen die Sehfähigkeit dauerhaft beeinträchtige. Sie schien sich dessen sicher zu sein. Sie schien auch dringend Geld zu brauchen.
Das Mädchen schritt energisch voran. Seine Hände waren trotz der Handschuhe ganz steif und eiskalt. Es seufzte. Vielleicht hätte es doch das Pferd nehmen sollen, das ihm der Hausmeister angeboten hatte. Doch es wollte nichts unterschreiben und so dumm sein, seinen Namen preiszugeben. Außerdem war es nur aus einem einzigen Grund dort – um seine Mutter zu zwingen, sein Leiden zu heilen.
Es drehte den Kopf, doch es gab nirgendwo eine Spur der strengen Frau, die es geboren hatte, noch nicht. Seine Oberschenkel brannten, während es einen Fuß vor den anderen setzte. Die Kälte war schon vor Stunden durch seine Lederstiefel gedrungen. Der Anstieg war steil, und so spät im Jahr schneite es mindestens einmal die Woche, sodass nichts schmelzen konnte. Je höher es stieg, desto heftiger flatterten seine Rockzipfel im Wind. So als hätten die Vorfahren der Ambrose die Absicht, es von der Bergflanke zu wehen.
Das Mädchen räusperte sich. »Geht auf euer Anwesen zurück!«, rief es ihnen zu. Die lauernden Schatten rührten sich nicht. »Ich kann euch sehen.« Die Vorfahren neigten dazu, sich vor menschlichen Blicken zu verstecken.
Doch das Zerren an seiner Kleidung wurde immer intensiver. Die Kleine ging weiter und dachte an die Verachtung ihrer Mutter. Sie hatte jetzt ein Druckmittel. Direktorin Isla Ambrose würde zur Abwechslung einmal tun, was sie wollte. Schatten flitzten um sie herum, als könnten sie das verborgene Flüstern ihres Herzens hören. Sie stemmte sich gegen den Wind und griff nach den stärksten Wurzeln, die sie finden konnte, um sich hochzuziehen. Als sie das Plateau erreichte, betrachtete sie die frische Reihe Gräber.
»Dreißigste Reihe, Zweites von rechts, wenn du von Osten kommst«, sagte sie zu sich selbst.
Die Grabsteine waren äußerst merkwürdig. Die Landschaft war hügelig mit flachen Stellen, auf denen hier und da Betontafeln lagen, wie ein Puzzle, das jemand begonnen, aber nicht beendet hatte. Ein paar der Tafeln steckten am Rand des Hügels wie Ziegelsteine, die hastig hingeworfen worden waren, ungleichmäßig und schief. Eine stand auf dem Kopf. Sie wischte ein wenig Schnee weg.
WILMA ERO GHINSON
Sie war noch nicht einmal nah dran. Sie zog ihren Wollmantel fester um sich und ging weiter. Als sie schließlich bei den Ws angekommen war, stieß sie mit dem Fuß gegen einen Grabstein, und ihr Blick schnellte zur Grabinschrift.
HIER RUHT RED WILLOW
OHNE NAMEN, OHNE HERKUNFT
SIE IST FREI GESTORBEN, SIE IST GELIEBT GESTORBEN
Sie legte die schwarzen Rosen neben den Grabstein und verweilte dort. Ihre Stimmung sank, während sie die gemeißelten Buchstaben entlangfuhr, immer wieder dieselben. Flache Schatten lungerten zwischen den Ästen – die Vorfahren, die sie noch immer beobachteten. Doch als Pferdegetrappel im Wald erklang, verschwand der Tod. Sie stieß die Luft aus und zog ihre Kapuze ab, unter der ein schlichtes gewölbtes Haarband aus gebürstetem Silber zum Vorschein kam. Sie suchte die Bäume erneut nach den Ahnen ab, bevor sie das Haarband gegen ihren Schädel presste, bis es wehtat, um dafür zu sorgen, dass es nicht rutschte und wie ein echtes Diadem aussah. Um dafür zu sorgen, dass sie wie eine Markierte aussah – jemand, der mit magischen Kräften geboren war.
In der Ferne konnte sie ein Shire Horse mit weißen Fesseln und glänzend schwarzem Fell ausmachen, ähnlich dem von Daring, den sie zum siebten Geburtstag geschenkt bekommen hatte, die einzige Sache, die ihre Mutter richtig gemacht hatte. Ihre Mutter traute sich nicht in den Wald. Sie hasste Friedhöfe, was seltsam war, wenn man ihre obsessive Faszination für den Tod bedachte.
Das Mädchen verzog den Mund erwartungsvoll, während es blinzelte. Sie erkannte den einseitigen Gang ihres Pferds, den flotten Galopp, mit dem es sich geschickt auf dem unebenen Grund bewegte. Ihn heute hierherzubringen, war ein wenig verzweifelt, aber auf jeden Fall schlau. Es passierte wirklich. Ihre Mutter war wirklich hier. Die Hand, in der das Mädchen die Phiole hielt, zitterte, als sie ihren Plan erneut durchging.
Daring kam schnaubend zum Stehen, und sie ballte die Fäuste. Mutter war komplett in Umhänge in den Farben des Hauses gehüllt, doch eine Dreieckssonne, die in den äußeren Umhang eingenäht war, war auch aus der Ferne zu erkennen. Eine Spitze für jede Gottheit. Sie waren das einzige Haus, das wusste, Sola Sfenti war die Herrscherin, aber nicht die einzige Göttin. Ihre Vorfahren hatten die Herrscherin, den Wandler und den Weisen verehrt, solange ihre Blutlinie existierte, bevor ihr Haus überhaupt existierte, in ihrer finstersten Zeit. Doch die Götter waren ihr vollkommen gleichgültig. Was hatten sie schon für sie getan?
Auf Darings Rücken lag noch ein Umhang ausgebreitet, dieser in Königsblau. Die Lippen des Mädchens zuckten. Ihre Mutter schwang das Bein und sprang herunter, und der Aufprall ihrer Stiefel auf dem Boden dröhnte in der Brust des Mädchens wie eine Kugel. Doch etwas stimmte nicht. Ihre Mutter bewegte sich steif und war zu groß …
Halt …
Ihr Herz machte einen Satz, als die langen braunen Haare ihres Bruders unter der Kapuze hervorquollen und auf seine Schultern fielen. Sein bernsteinfarbener Umhang schimmerte wie Kupfer vor dem Hintergrund des unendlichen Walds, während seine gebürstete Silbermaske mit seiner Haut verschmolz. Sie ballte ihre Fäuste noch fester. Ihre Schultern wollten herabsinken, aber ihr Bruder breitete die Arme aus, und sie fühlte sich wieder wie mit zwölf, als sie auf seinen Rücken gesprungen war, um vom Grundstück geschmuggelt zu werden.
»Ellery!« Sie rannte zu ihm, und er riss sie in eine Umarmung. Es war viele Monate her, dass er ihr dabei geholfen hatte, von Dlaminaugh zu der Farm zu fliehen, die er heimlich für sie gekauft hatte. Sie hatte ihn nicht gesehen, seit sie beinahe von Draguns getötet worden war. Ellery drückte sie fest, und seine Wärme war wie ein beruhigender Anker.
»Kleine Schwester.« Er drückte ihr einen Kuss auf den Scheitel. Seine ausgeprägte Ambrose-Kinnpartie; seine Stupsnase, die sie beide hatten; und diese tief liegenden, sanften Augen, ein Spiegel ihrer eigenen. Seine waren blau. Ihre wolkengrau – wie bei allen Frauen in ihrer Familie. Sie strich mit dem Daumen über eine gezackte Narbe auf seiner Wange unterhalb des Ohrläppchens. Narben waren etwas, das nicht einmal die Anatome aus dem Haus Ambrose beseitigen konnten. Sie studierte seine Gesichtszüge. Er war es tatsächlich.
»Ich bin es, leibhaftig.«
Sie drückte ihren Bruder fester. Wenn der Junge, den sie die letzten Monate geliebt hatte, ihr etwas beigebracht hatte, dann dass Familie weniger mit Blutsverwandtschaft als mit Loyalität zu tun hatte. Jetzt, da er nicht mehr da war, war Ell die einzige Familie, die ihr geblieben war. Sie spürte, wie ihr Tränen in die Augen traten, blinzelte sie jedoch weg und drehte die Phiole in ihrer Hand. »Bist du allein?«
»Nicht ganz.« Er tätschelte den kräftigen Hals des Pferds. »Er hat dich vermisst.«
Sie kraulte Darings samtene Nüstern, und er rieb sich an ihrer Hand. »Wo ist Mutter?«
Die Heiterkeit verschwand aus Ellerys Miene, so wie der Horizont die Sonne verschluckte. Er packte sie am Handgelenk. »Mach auf.«
Sie wollte die Hand wegziehen, doch der sanfte Griff ihres Bruders war fest. Er war gebaut wie ein typischer Ambrose, untersetzt mit kräftigen Armen und höllisch stark. Er zog an ihren Fingern, um ihre Faust zu öffnen, doch sie gab nicht nach. Bis er ihr einen Fingerknöchel zwischen die Rippen bohrte. Ihre Umklammerung löste sich, und...




