Ellen | Jedes Wort von dir | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 464 Seiten

Ellen Jedes Wort von dir

Kann man sich ineinander verlieben, ohne sich zu begegnen? - Roman
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-641-32396-7
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kann man sich ineinander verlieben, ohne sich zu begegnen? - Roman

E-Book, Deutsch, 464 Seiten

ISBN: 978-3-641-32396-7
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Zwei Fremde. Ein Anruf. Ein unverhoffter Neuanfang ...

Will arbeitet für ein Krisentelefon und ist ein ausgesprochen guter Zuhörer. Über sein eigenes Leben spricht er jedoch so gut wie nie – vor allem nicht über das, was vor fünf Jahren in Paris geschah. Die Journalistin Annie braucht dringend ein offenes Ohr: In ihrer Beziehung kriselt es, im Job ebenso, und das Verhältnis zu ihrer Familie ist angespannt. Als sie bei Will anruft, fühlt sie sich verstanden wie lange nicht mehr. Und auch er spürt eine ungewohnte Verbundenheit mit der Fremden am Telefon. Immer wieder wählt Annie Wills Nummer, und mit jedem Anruf werden ihre Gespräche vertrauter. Kann daraus echte Freundschaft werden – oder sogar Liebe?

»David Nicholls für die junge Generation.« The Times

»Ein modernes ›Schlaflos in Seattle‹ – bezaubernd!« Press & Journal

Tom Ellen stammt aus London und ist Autor und Journalist. Als Co-Autor hat er mehrere preisgekrönte YA-Romane veröffentlicht. Außerdem schreibt er für Zeitschriften wie Cosmopolitan, Glamour und Stylist. Zurzeit lebt er in Athen.

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KAPITEL ZWEI


Annie

3. März

Shoreditch, London

Außer dieser Betreffzeile enthält die E-Mail kein einziges Wort, ist aber mit dem roten Ausrufezeichen für »Hohe Priorität« gekennzeichnet.

Ich spähe über den Rand meines Bildschirms und sehe, dass die Absenderin – meine Freundin und Kollegin Lexi – mich unverwandt anstarrt. Ich drücke auf »Antworten« und tippe:

Von der anderen Seite des Schreibtisches höre ich einen dramatischen Seufzer, dann das Klappern der Tastatur. Lexis Antwort kommt eine Sekunde später:

Obwohl wir uns acht Stunden am Tag direkt gegenübersitzen, kommunizieren Lex und ich bei der Arbeit hauptsächlich per E-Mail. Das liegt zum Teil daran, dass wir gerne obskure GIFs von der Sitcom austauschen – was schwierig ist, wenn man miteinander redet –, aber vor allem wollen wir in unserem Großraumbüro den Anschein erwecken, dass wir produktiv arbeiten. Auch wenn wir uns eben nur obskure -GIFs mailen.

Oder, wie in diesem Fall, über Lexis Babyparty diskutieren.

, schreibe ich und klicke auf »Senden«.

, schreibt sie zurück.

Ich höre, wie sie prustet, sich aber schnell wieder beruhigt, als die anderen sich umschauen.

, schreibe ich.

, antwortet sie. Sie fügt ein GIF hinzu, auf dem David Rose aus der Serie »Äußerst peinlich und unangenehm« sagt.

, tippe ich und füge ein GIF von Moira Rose aus derselben Serie beim Aussuchen einer besonders lächerlichen Perücke hinzu.

Zwei Sekunden später landet eine weitere E-Mail in meinem Posteingang. Ich öffne sie und zucke halb lachend, halb angewidert zusammen, als ich das Foto sehe, das Lexi angehängt hat: eine dreistöckige Sahnetorte, die beunruhigend realistisch den Austreibungsprozess einer Geburt darstellt.

»Du liebe Zeit, Annie, was schaust du dir denn da an?«

Ich drehe mich um und sehe meinen Boss Matt – den Chefredakteur von Marker Media –, der hinter mir steht und mit einer Grimasse die Marzipanvagina anstarrt, die meinen halben Bildschirm einnimmt.

»Entschuldigung, ich … Entschuldigung.« Ich werde rot und verkleinere das Foto, während Lexi mir gegenüber in stumme Hysterie verfällt. »Das ist nur Recherche … für einen Artikel.«

Matt hebt die Augenbrauen. »Ach so. Nun, dann freue ich mich, bald deine Top Ten der Albtraumtorten zu sehen.«

Er zupft an den Kordeln seines Hoodies. Wie die meisten Männer, die im Bereich digitale Medien arbeiten, zieht sich auch Matt an Tagen ohne offizielle Termine immer noch an wie ein Schuljunge, obwohl er bereits Ende dreißig ist. Heute trägt er den neongrünen Hoodie und eine Low-Waist-Jeans, die uns eine halbe Arschbacke seiner Boxershorts mit den Hauptcharakteren der Serie präsentiert. Mit besagter Arschbacke setzt er sich auf die Kante meines Schreibtisches, beugt sich vor und senkt die Stimme. »Übrigens, Annie«, fügt er hinzu, »ich würde gern morgen kurz mit dir über etwas sprechen. Wann immer es dir passt.«

Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Lexis Kopf über dem Monitorrand wie ein Erdmännchen hüpft.

»Ja, natürlich«, sage ich zu Matt. »Klingt gut.«

»Coolio.« Er klopft mit den Fingerknöcheln auf meinen Schreibtisch und schlendert davon.

Lexi hat immer noch ihre Worum-ging-es-da-gerade-Miene aufgesetzt, also schicke ihr ein GIF von David Rose, in dem er sagt: »Ich empfinde dieses tiefe, schmerzende Gefühl des Grauens.«

Sie antwortet sofort:

#

»Was glaubst du, worüber will er mit dir reden?«, fragt Lex, als wir uns die Shoreditch High Street entlang in Richtung einer Pret-Filiale schlängeln.

»Keine Ahnung«, sage ich. »Wahrscheinlich will er nur mit mir brainstormen oder so. Er redet schon seit Wochen davon, dass er ein paar neue Ideen für die Website braucht. Oder vielleicht …« Ich starre sie mit gespieltem Entsetzen an. »Du glaubst doch nicht, dass er mich wegen des Vaginatortenfotos feuern würde, oder?«

Sie prustet vor Lachen, während wir um die Ecke biegen. »Vielleicht will er wirklich über die Idee mit den Albtraumtorten diskutieren. Ich kann mir so etwas hundertprozentig auf unserer Seite vorstellen.«

»Ich auch.«

Die Website, für die wir arbeiten – Marker Media –, ist eigentlich ein Abklatsch von BuzzFeed: alberne Listen, witzige Quizfragen, schräge Nachrichten, Wissenswertes und Promitratsch, um die Mittagspause aufzulockern. In unserer siebenköpfigen Redaktion bin ich Senior Writer: ein Titel, der beeindruckend klingt, aber eigentlich nur dazu dient, mich daran zu erinnern, dass ich gut fünf Jahre älter bin als alle anderen hier, außer Lexi und Matt.

Nicht dass ich mich beschweren würde. Im Großen und Ganzen macht mir meine Arbeit wirklich Spaß. Sie stresst mich definitiv nicht und verursacht mir auch keine schlimme Schlaflosigkeit oder Herzrasen wie die Jobs einiger meiner Freunde. Aber es gibt eben Momente, in denen mich eine innere Panik fast lähmt und ich mich frage, ob ich mit vierzig immer noch Listen mit den zehn besten -Memes erstellen werde. Dann erinnere ich mich daran, dass ich vor acht Jahren mit dem Traum nach London kam, eine richtige Autorin zu werden. Alles in allem bin ich aber immer noch froh, dass ich meinen Lebensunterhalt mit Schreiben verdienen kann.

»Das war übrigens mein Ernst«, sagt Lexi, während wir einem Paar ausweichen, das Selfies vor einem Banksy-Graffiti macht. »Bitte bestelle mir keine Vaginatorte für meine Babyparty.«

»Alexie«, seufze ich, »dir ist hoffentlich klar, dass diese Party erst in fast einem Monat stattfindet, oder? Wahrscheinlich fange ich frühestens am Abend vorher an, ernsthaft über die Torte nachzudenken.«

Sie bleibt mit entsetztem Gesicht mitten auf der Straße stehen.

»Das war ein Scherz! Ich mache nur Spaß!« Ich packe ihren Arm, damit sie weitergeht. »Ich weiß, dass dich nichts mehr stresst als Aufschieberitis.«

Sie zieht eine Miene. »Ich will doch nur, dass es schön wird, Annie! Schönes Essen, schöne Getränke, schöne Spiele; einfach eine schöne Zeit.« Sie umfasst ihren dicken Bauch durch die Jacke und lächelt mich an. »Du wirst es bestimmt verstehen, wenn du selbst mal so weit bist …«

. Ich erwidere ihr Lächeln, obwohl ich bei diesem Satz ehrlich gesagt einen leichten Stich verspüre. Ich bin einunddreißig, und Dom und ich sind jetzt seit fast drei Jahren zusammen; ich nehme an, ich sollte allmählich mal darüber nachdenken, wann ich bin. Aber immer wenn ich mir vorstelle, wir würden heiraten oder Kinder bekommen … Ich weiß nicht. Das Bild bleibt immer verschwommen.

Als wir Pret erreichen, ärgert sich Lexi. »Mist. Brechend voll. Und ich dachte, wir könnten dem Ansturm entgehen, wenn wir früher als sonst hier sind.« Sie holt tief Luft und krempelt ihre Ärmel hoch. »Ich hoffe, es gibt noch Falafel-Wraps, sonst mache ich einen Aufstand.«

Wie sich herausstellt, gibt es keine mehr, und sie macht tatsächlich einen Aufstand. Ich bezahle mein Sandwich und mein Getränk und sage ihr, dass ich draußen auf sie warte, bis sie damit fertig ist, die Pret-Mitarbeiter anzufauchen, sie sollten besser auf Schwangere mit Heißhunger auf Hummus vorbereitet sein.

Als ich auf den Bürgersteig trete, entdecke ich auf der anderen Straßenseite ein Geschäft. Eine Buchhandlung. Ich bin bestimmt schon tausendmal daran vorbeigelaufen, aber bis heute ist sie mir nie aufgefallen. Es ist die Art von Buchladen, die man heutzutage immer seltener sieht: abblätternde Farbe, ein verwittertes Schild, das knarrend über der Tür hängt, und ein nicht ganz sauberes Schaufenster mit einer wahren Fundgrube an verstaubten, gebrauchten Büchern.

Genau die Art Buchhandlung, die Dad geliebt hätte.

Mir stockt der Atem. Es ist zwar schon über ein Jahr her, aber es schockiert mich immer noch, wie plötzlich – und wie heftig – einen dieses Gefühl noch überfallen kann. An manchen Tagen spüre ich, dass ich ihn vermisse, nur als dumpfen Schmerz – als eine Art Hintergrundgeräusch. Dann wieder fühlt es sich an wie ein Würgegriff. Etwas, das dich an der Kehle packt, wenn du es am wenigsten erwartest.

Ohne nachzudenken, überquere ich die Straße und spähe durch die offene Tür des Ladens. Sogar der Geruch der Bücher erinnert mich an ihn. In so vielen meiner...


Ellen, Tom
Tom Ellen stammt aus London und ist Autor und Journalist. Als Co-Autor hat er mehrere preisgekrönte YA-Romane veröffentlicht. Außerdem schreibt er für Zeitschriften wie Cosmopolitan, Glamour und Stylist. Zurzeit lebt er in Athen.



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