E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Reihe: HarperCollins
Ellen Zwischen hier und für immer
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-95967-592-5
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Reihe: HarperCollins
ISBN: 978-3-95967-592-5
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Was würdest du ändern, wenn du die Vergangenheit noch einmal erleben könntest?
Weihnachten 2020: Ben steckt in einer Lebenskrise: Seine Karriere als Autor kommt einfach nicht ins Rollen, seine Frau Daphne muss am Weihnachtsabend in ihrer Literaturagentur arbeiten - irgendwie hatte er sich sein Leben mal anders vorgestellt. Leicht angetrunken lässt er sich auf einen Flirt mit einer alten Bekannten ein, die er vor 15 Jahren zeitgleich mit Daphne kennengelernt hat. Wie sein Leben wohl verlaufen wäre, wenn er statt seiner Frau damals Anna geküsst hätte? Als ihm auf dem Dachboden eine alte Schneekugel in die Hände fällt, kommt er der Antwort auf diese Frage unerwartet nah: Kurze Reisen führen ihn nun in seine Vergangenheit, in sein Leben mit Daphne - und in eine mögliche Zukunft ...
Tom Ellen hat als Journalist unter anderem für die Cosmopolitan geschrieben und ist der Co-Autor von Jugendbüchern, die Kritiker hoch gelobt haben. Seine Romane wurden bereits in 15 Ländern veröffentlicht. »Zwischen hier und für immer« ist sein Debüt in der Erwachsenenunterhaltung.
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1. KAPITEL
London, 24. Dezember 2020
»Also, kommst du nun mit oder nicht?«
»Natürlich kann ich mitkommen. Wenn du es wirklich möchtest …«
Daphne atmet schwer aus, verweigert aber jeden Blickkontakt. »Willst du mitkommen?«, fragt sie ihr Ebenbild im Wandspiegel.
Ich bücke mich gelangweilt vor dem ungeschmückten Weihnachtsbaum und hebe ein paar abgefallene Nadeln auf. »Wenn du meinst, dass ich mitkommen soll, dann vielleicht. Eventuell.«
Mit beeindruckender Vehemenz rammt sie die Bürste in ihr Mascarafläschchen zurück. »Ben, im Ernst. Allmählich komme ich mir wie ein Quizmaster vor. Kannst du nicht einfach Ja oder Nein sagen?«
»Nun, ich bin mir eben nicht sicher. Letztes Jahr bin ich mitgekommen.«
»Ja, und was für ein Riesenerfolg das war«, sagt sie in Richtung Zimmerdecke, und es folgt eine Pause, während der wir uns beide die letztjährige Weihnachtsfeier bei ihrem Chef ins Gedächtnis rufen.
»Hör zu …«, sagt sie und kneift sich in die Nasenwurzel, »es ist eine kleine Feier, es gibt ein paar Drinks. Ich habe selbst keine große Lust hinzugehen, warum sollte ich dich also drängen, mitzukommen?«
»Wie gesagt, wenn du möchtest, begleite ich dich gern.« Sie ignoriert meine Worte völlig, weshalb ich anfüge: »Aber darauf scheinst du ja keine Lust zu haben, verdammt noch mal.«
Schließlich wendet sie sich um und funkelt mich an. »Ich möchte, dass du mitkommst, falls du dich tatsächlich mit den Leuten unterhältst und versuchst, einen netten Abend zu verleben. Falls du nur wie ein mürrisches Arschloch in der Ecke rumstehst, möchte ich dich nicht dabeihaben. Okay …?«
Sie schnappt sich ihre Handtasche und geht in den Flur.
Daff ist der Meinung, dass es einer Beziehung guttut, wenn man sich hin und wieder streitet. Dass es gesund ist. Oder zumindest war sie dieser Meinung, als unsere Streite noch keine richtigen Streite waren, sondern dumme kleine Scharmützel wegen nichts. Manchmal wurde ich stinkig, weil sie so lange brauchte, um sich fertig zu machen, oder sie wurde sauer, weil ich gefurzt oder die Bettdecke nicht perfekt gefaltet hatte. Und dann, nach ein bisschen Gezeter, verstummten wir, umarmten uns und kicherten darüber, dass wir uns wie ein altes Ehepaar gezankt hatten.
Aber irgendwann in den letzten Jahren veränderte sich etwas. Aus den arglosen Zankereien wurden schreckliche Grabenkämpfe, bei denen keiner bereit ist nachzugeben und bei denen wir mittlerweile auch passiv-aggressive Handgranaten ins Niemandsland abfeuern.
Wie sind wir an diesen Punkt gelangt?, frage ich mich. Vom ruhigen Besprechen unserer abendlichen Pläne zum lodernden Zorn in – wie war das noch? – anderthalb Sekunden? Es muss eine Art Weltrekord in spontanen Wutausbrüchen zwischen Eheleuten sein. Denn bei uns kann inzwischen wirklich alles zum Streit führen. Jede kleine Geste, jedes Nicken oder Murmeln scheint potenziell explosiv zu sein, hinter allem scheint eine verborgene Bedeutung zu stecken. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es an mir liegt – genau genommen weiß ich es sogar. Es hängt alles damit zusammen, was in den letzten Jahren geschehen ist, und mein allgemeines Selbstwertgefühl geht zunehmend den Bach runter. Ich sehe die Probleme ganz klar, ich weiß nur nicht, wie ich sie lösen soll. Vielleicht kann man sie gar nicht mehr lösen.
Ich folge Daff in den Flur, wo sie ihre langen, lockigen schwarzen Haare auftürmt und eine Haarklammer hineinschiebt. »Tut mir leid«, sage ich. »Ich fühle mich bei diesen Anlässen einfach immer so überflüssig. Wenn ich etwas sage, habe ich das Gefühl, dass die Leute mich gar nicht beachten.«
»Ben, das stimmt nicht«, schnappt sie. »Und falls es doch stimmt« – was bedeutet, dass es tatsächlich so ist –, »dann weil du dir einfach keine Mühe gibst.«
»Ich gebe mir sehr wohl Mühe«, widerspreche ich, doch wir beide wissen, dass es Unsinn ist. Ich habe vor langer Zeit aufgehört, mir Mühe zu geben. Nicht nur beim Small Talk, sondern bei allem.
Seufzend nimmt sie ihren Mantel von der Garderobe. »Nun mach dir mal keine Gedanken«, sagt sie. »Du weißt doch, wie diese Abende ablaufen. Es gibt nur langweiliges Gerede über die Arbeit. Wenn ich jetzt losgehe, kann ich um zehn zurück sein.«
»Okay, gut«, sage ich, und ihr erleichterter Gesichtsausdruck bestätigt mir etwas, das ich schon seit Längerem vermute: dass ich bei diesen Anlässen zu einer Last für sie geworden bin. Oder schlimmer noch: einer Peinlichkeit.
Daff ist Literaturagentin. Sie arbeitet für eine große wichtige Firma, und ihre Kunden sind allesamt berühmte einflussreiche Schriftsteller und Drehbuchautoren. Bei einer ihrer Firmenfeiern mitzumachen ist, als würde man in einen brodelnden Kessel des Erfolgs eintauchen – man ist nie weiter als einen Schritt von einem BAFTA-Gewinner oder einem Booker-Preisrichter entfernt. Deshalb kann ich es ihr wohl nicht verübeln, dass sie sich fremdschämt, wenn ich diesen Leuten erzähle, dass ich mein Geld mit lumpigen kleinen Pressemeldungen verdiene. Ich fühle mich ja auch nicht toll dabei. Genau genommen frage ich mich in letzter Zeit immer öfter, warum Daphne eigentlich noch mit mir zusammen ist. Und ich weiß auch, dass die Leute sich bei der Feier nachher dieselbe Frage stellen werden.
»Wird Du-weißt-schon-wer auch dort sein?«, frage ich, während sie den Mantel anzieht. »Der große Mann?«
Ich hoffe, ihr damit ein Lachen entlocken zu können, nur um zu beweisen, dass ich wenigstens das noch hinbekomme. Schon ein sarkastisches leises Kichern würde mir genügen. Doch sie verdreht nur die Augen.
»Ja, Rich wird auch da sein. Willst du seinetwegen nicht mitkommen?«
»Nein, natürlich nicht. Ich habe nur …«
»Du weißt doch, dass du nicht mit ihm reden musst. Es sind genügend andere Leute dort.«
»Ich weiß. Er ignoriert mich ja sowieso …«
»Warum versuchst du es nicht mal mit ein bisschen Freundlichkeit, statt dich immer wie ein bockiger kleiner Junge aufzuführen?«
Da haben wir es wieder. Es ist so, wie ich es gesagt habe: Ganz gleich, worum es geht, bei uns führt alles zum Streit.
Was eigentlich bescheuert ist, denn Rich war immer Gegenstand unserer verlässlichsten Insiderwitze. Ein verlässlicher Klassiker, auf den wir immer zurückgreifen konnten.
Er fing etwa zur gleichen Zeit wie Daphne bei der Agentur an, und da er aussieht, als sei er eigens für die Verunsicherung nervöser Ehemänner im Labor entworfen worden, wurde der Gedanke, dass sie sich mit ihm einlassen könnte, schnell zum Running Gag zwischen uns. Wenn ich mal ein Toast anbrennen ließ oder so, pflegte sie dramatisch zu seufzen und zu sagen: »Ich wette, Rich ist ein fantastischer Koch …« Oder wenn ich mal abends allein ausging und Daphne zu Hause blieb, verabschiedete ich mich von ihr mit den Worten: »Wenn Rich gleich kommt, grüß ihn von mir«, worauf sie ein Oh-Mist-ich-wurde-erwischt-Gesicht aufsetzte und ich lachend losging.
Aber wie alle Witze, über die wir früher gemeinsam lachen konnten, scheint auch dieser schal geworden zu sein. Ich habe keine Ahnung, ob es daran liegt, dass Daphne tatsächlich anfängt, sich für Rich zu interessieren, oder ob ich es nur vermute. Jedenfalls ist er ein Womanizer ersten Ranges (Daphne hat mir mal gesagt: »Wenn Tinder ein Computerspiel wäre, hätte Rich es zu Ende gespielt«, was ich sowohl lustig als auch leicht einschüchternd fand), aber ich glaube eigentlich nicht, dass da wirklich etwas zwischen ihnen läuft. Der Gedanke, dass es doch der Fall sein könnte, trifft mich gelegentlich wie ein Schlag in die Magengrube. Wahrscheinlich kann ich mir einfach nicht erklären, warum Daphne nicht an ihm interessiert sein sollte. Oder vielleicht hat sie ja Interesse an ihm, aber sie ist einfach nicht die Art von Mensch, die dann die entsprechenden Schritte unternimmt.
Plötzlich fallen mir all die Nachrichten von Alice ein, die ich in meinem Handy gebunkert habe. Offenbar bin ich diese Art von Mensch.
Bei genauer Betrachtung ist das wohl der Grund, warum Daphne noch bei mir ist: wegen der Dinge, die sie nicht weiß. Sie weiß nicht über Alice Bescheid, weiß nicht über Paris Bescheid. Das mit Mum weiß sie offenkundig, aber nicht, was ich davor zu meiner Mutter gesagt habe. Dinge, die mich nachts immer noch aus dem Schaf reißen.
Nach fünfzehn gemeinsamen Jahren, vier davon als Ehepaar, kennt Daphne mich immer noch nicht richtig. Täte sie es, wäre sie sicher nicht mehr bei mir.
Sie öffnet die Haustür und schickt sich an, in die kalte frühabendliche Dunkelheit hinauszutreten. »Ich muss los«, sagt sie, aber bleibt stehen und schaut stirnrunzelnd auf die Fußmatte. »Wir können nachher reden. Es ist auf der Arbeit momentan ziemlich anstrengend und dann komme ich nach Hause und hier ist es … sogar noch anstrengender.« Sie verstummt und schaut mich aus ihren großen haselnussbraunen Augen an. Sie sieht müde aus. Müde und zutiefst unglücklich. Und ich erstarre innerlich, weil ich mir plötzlich sicher bin, dass sie gleich etwas Großes und Schlimmes und Endgültiges sagen wird.
Aber dann schaut sie an mir vorbei ins Wohnzimmer auf den Weihnachtsbaum und schüttelt den Kopf, als wäre ihr eingefallen, dass dieser Zeitpunkt im Jahr für gewöhnlich nicht der Augenblick ist für große schlimme endgültige Erklärungen.
»Wie auch immer, wir können später miteinander...




