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Ellison | Ich muss schreien und habe keinen Mund | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 672 Seiten

Ellison Ich muss schreien und habe keinen Mund

Erzählungen
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-13201-9
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erzählungen

E-Book, Deutsch, 672 Seiten

ISBN: 978-3-641-13201-9
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ich denke, also bin ich!

Der Weltuntergang liegt bereits über einhundert Jahre zurück, ausgelöst durch einen verheerenden Weltkrieg von intelligenten Supercomputern. Die Überlebenden haben sich in einen unterirdischen Komplex geflüchtet, doch sie sind nun von einem solchen Computer abhängig. Dieser hat die Menschen unsterblich gemacht – um sie einer ewigen Folter zu unterziehen ... Harlan Ellison beweist mit seinen Stories, wie schonungslos spekulative Literatur die großen Fragen der Menschheit aufzudecken vermag.

Harlan Ellison, geboren 1934 in Cleveland, Ohio, kam in den 1950er Jahren nach New York, nachdem er von zu Hause ausgerissen war und sich mit kuriosen Jobs – etwa als Holzfäller, Fischer, Kaufhausdetektiv und Mitglied einer Kirmestruppe – über Wasser gehalten hatte. Er veröffentlichte ab 1955 Kurzgeschichten in den Pulp-Magazinen, später auch Romane, Comics und Film- und Musikkritiken. In den frühen 60er Jahren zog er nach Los Angeles und schrieb Drehbücher für Hollywoodfilme und TV-Serien, darunter „Star Trek“ und „Twilight Zone“. Als Herausgeber setzte er sich immer wieder für (noch) unbekannte Autoren wie etwa Dan Simmons ein und warb beständig für seiner Meinung nach unterschätzte und in Vergessenheit geratene Schriftsteller wie A. E. van Vogt oder Fritz Leiber. Für seine Stories wurde er unter anderem achteinhalb Mal mit dem Hugo Gernsback Award und vier Mal mit dem Nebula Award ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Frau Susan in Los Angeles.
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VORWORT

Dies sind Geschichten aus einer Zeit, in der der Mensch keinen größeren Feind hat als sich selbst. Dies sind Geschichten aus einer Welt, die so monströs ist, dass sie sich selbst zu verschlingen droht. Dies sind Geschichten aus unserer Zeit, aus unserer Welt. Geschichten von einem der maßlosesten und feinfühligsten, verrücktesten und intelligentesten, diszipliniertesten und wildesten, anstrengendsten und lässigsten, berühmtesten und unbekanntesten Schriftsteller, den das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Geschichten, die zum Besten gehören, was die Literatur überhaupt je hervorgebracht hat …

Hallo. Mein Name ist Sascha Mamczak. Ich habe die zwanzig in diesem Band versammelten Erzählungen von Harlan Ellison ausgewählt und freue mich sehr, dass Sie das Buch gekauft haben (oder kurz davor sind, es zu kaufen). Und ich weiß, was Sie gerade denken: Klar, das muss er in seinem Vorwort ja machen – einen Autor, von dem man hierzulande kaum je etwas gehört, geschweige denn gelesen hat, so zu loben, dass es sich fast schon wie eine peinliche Bildungslücke anfühlt, Harlan Ellison nicht zu kennen. Aber keine Sorge: Die Literatur ist ein Kontinent, den nur die allerwenigsten von uns in all seinen Ausformungen, Bruchlinien und Verwerfungen ganz und gar erschließen können, und eines ist auch völlig richtig: Im Gegensatz zu den USA, wo Harlan Ellison nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Journalist und Kritiker, als Dozent und Aktivist, als öffentliche Person seit vielen Jahrzehnten ein fester Bestandteil der kulturellen Landschaft ist, ist seine Bekanntheit in Deutschland über einen kleinen Kreis von Experten und eingeschworenen Fans nie hinausgekommen. Vielleicht haben Sie in einer Anthologie einmal eine Story von ihm entdeckt, vielleicht haben Sie auch eine der wenigen deutschen Ellison-Kurzgeschichtensammlungen bei sich im Regal stehen und vielleicht erinnern Sie sich sogar noch an den etwas schrägen Film A Boy and His Dog, der auf Ellisons gleichnamiger Erzählung basiert – aber viel mehr war da nicht, und das meiste davon ist so lange her, dass es sich wie eine andere Epoche anfühlt.

Dafür gibt es natürlich Gründe. Zum einen schreibt Harlan Ellison keine Romane (die Novelle Mephisto in Onyx dürfte das längste sein, was er seit Jahrzehnten an Prosa veröffentlicht hat), und ein Autor, so talentiert er auch sein mag, der keine Romane, sondern ausschließlich Erzählungen schreibt, gilt in den Augen des Literaturbetriebs und des Publikums als Autor zweiter Klasse, als einer, der sich mit Fingerübungen verzettelt, der sich vor dem eigentlichen Sinn und Zweck des Schriftstellerdaseins drückt; man muss schon, wie unlängst Alice Munro, den Literaturnobelpreis gewinnen, um als reiner Kurzgeschichtenautor seinem Können entsprechend wahrgenommen zu werden. Hinzu kommt, dass Harlan Ellison ziemlich merkwürdige Erzählungen schreibt, für die das Attribut »fantastisch« bestenfalls eine Hilfskonstruktion ist: Die meisten seiner Geschichten sind darauf angelegt, jedes Genre, jedes Label, jede Schubladisierung zu unterlaufen, und was nicht gelabelt und schubladisiert, was nicht klar zugeordnet werden kann, hat insbesondere in Deutschland auf allen Ebenen der literarischen Verwertungskette einen schweren Stand – »Wohin damit?«, fragt sich der Verlagslektor, der Buchhändler, der Rezensent, der Leser. Und schließlich: So fantastisch Ellisons Erzählungen auch anmuten, sie sind nicht auf jene Weise fantastisch, die wir gewohnt sind. Unsere Metaphernradare und Allegorienscanner, mit denen wir die Geschichten etwa eines E.T.A. Hoffmann oder Stephen King erfassen und interpretieren (das Monster im Keller ist der Vater, der den Protagonisten in seiner Kindheit regelmäßig verprügelt hat, das zum Leben erwachende Auto ist die menschliche Hybris, die sich zur Nemesis wandelt, und so weiter), versagen, wenn wir in Der Todesvogel unvermittelt mit einem Multiple-Choice-Test zum Wesen Gottes konfrontiert werden (dem eigentlichen Wesen, nicht irgendeinem religiösen Mumbo-Jumbo); wenn uns in Hilflos Wind und Wellen ausgeliefert ein in den Text geworfenes Stück kalte Wirklichkeit das Herz zerreißt (die Wirklichkeit, von der wir jeden Tag in der Zeitung lesen); wenn wir begreifen, dass in Jeffty ist fünf die Zeit für manche Menschen anders vergeht als für uns (nicht nur bildlich anders, sondern wirklich anders); wenn uns in Die bessere Welt klar wird, dass der größte aller Schrecken mit komödiantischen Mitteln erzeugt wird (und wir trotzdem lachen); wenn in Die Bestie, die im Herzen der Welt ihre Liebe hinausschrie die Geschichte plötzlich einen Sprung macht, aber nicht in einen anderen Handlungsstrang, sondern dorthin:

Wennseits, hinter gedanklichen Zwischenräumen, Zeit genannt, hinter Spiegelbildern, Raum genannt; ein anderes Damals, ein anderes Jetzt. Dieser Ort dort drüben … Dort, in dieser ultimativen Mitte, von der alles nach außen strahlt, unendlich viel komplexer wird, das Rätsel der Symmetrie, Harmonie, Aufteilung von Gesang in fein abgestimmter Abfolge an diesem Ort, wo alles begann, beginnt, immer beginnen wird. In der Mitte. Wennseits.

»Wennseits«: Das ist Harlan Ellisons literarischer Ort, ganz egal ob die jeweilige Erzählung in der Vergangenheit, der Gegenwart, der Zukunft oder in allen Zeiten gleichzeitig angesiedelt ist. »Wennseits« heißt aber nicht, dass wir es hier mit etwas völlig Beliebigem zu tun hätten oder mit Kunst, die sich ausschließlich von Kunst nährt, ganz im Gegenteil: Ellisons Kunst entsteht dort, wo die tatsächliche Wirklichkeit auf die wahrgenommene Wirklichkeit trifft – und sich diese beiden Wirklichkeiten gegenseitig an die Gurgel gehen. Seine Kunst entsteht dort, wo Kunst eigentlich immer entsteht, wenn sie sich nicht als Zeitvertreib für die jeweils herrschende Klasse versteht, wenn sie sich nicht als Ergänzung des Lebens, sondern als das Leben an sich versteht: dort, wo sich eine Lebensform – wie die menschliche – nicht nur ihrer selbst bewusst wird, sondern in einem undurchdringbaren, gleichgültigen, mörderischen Kosmos zu sich selbst findet: wennseits. Natürlich lässt sich vieles, was Ellison sprachlich, stilistisch, handlungstechnisch macht, im weitesten Sinne als Avantgarde charakterisieren, als, wenn man so will, Pop-Version eines Kafka, Joyce oder Borges, aber trotzdem ist es völlig unmöglich, eine Harlan-Ellison-Geschichte zu interpretieren, weil sie bereits eine Interpretation ist: die Interpretation eines Universums, das uns erst Freuden empfinden lässt und uns dann diese Freuden wieder brutal entreißt; einer Welt, in der die Zeit alles auflöst, was wir eben noch als fest und beständig, als wertvoll begriffen haben; einer Gesellschaft, in der Ruchlosigkeit und Dummheit regelmäßig über Klugheit und Sensibilität siegen. Wir haben nicht darum gebeten, in diesem Universum, dieser Welt, dieser Gesellschaft zu existieren, und deshalb müssen wir auch nicht auf die Knie gehen und dafür danken. Nein, wir können dieses Universum packen und es kräftig durchschütteln, wir können diesem Universum die Meinung geigen. Genau das ist es, was eine Harlan-Ellison-Geschichte macht.

Genau das ist es auch, was Harlan Ellison macht, wenn er gerade keine Geschichten schreibt, seit er in den 1950ern das Provinznest seiner Kindheit hinter sich gelassen, in New York die ersten Storys und Reportagen publiziert hat und 1962 nach Los Angeles gezogen ist, um dort Hollywood aufzumischen: Er kämpft gegen die Dummheit, die Gedankenlosigkeit, die Unterwürfigkeit, die Ausbeutung, die Manipulation. Von einigen dieser Kämpfe, die sich ganz konkret in Gerichtsverfahren niedergeschlagen haben und denen man im Internet wunderbar nachspüren kann, könnte man den Eindruck bekommen, dass sie nur um ihrer selbst willen gekämpft wurden – weil Harlan Ellison eben ein schlecht gelaunter Misanthrop ist und nichts besseres zu tun hat, als sogar seinen eigenen Namen als Trademark registrieren zu lassen (haben Sie das kleine ® auf dem Umschlag bemerkt?). Aber lassen Sie sich nicht täuschen: Harlan Ellison kämpft diese Kämpfe, weil es sonst kaum jemand tut; er kämpft diese Kämpfe für uns. Wer Ellisons Geschichten liest, weiß: Hier ist ein Schriftsteller, der erkannt hat, dass das Leben, das wir führen, und das Leben, das wir führen wollen, allzu oft zwei grundverschiedene Dinge sind, dass gesellschaftlicher Konformismus, politisches Diktat, ökonomischer Zwang die besten Absichten pervertieren können und (wenn wir nicht aufpassen) ihre eigene Logik, ihre eigene Wirklichkeit erzeugen (und wie oft in der Geschichte unserer Spezies haben wir nicht aufgepasst).

Da kann es wohl nicht verwundern, dass etliche der in diesem Band versammelten Erzählungen wie eine düstere Klage wirken, wie ein Abgesang auf die menschliche Zivilisation. Aber gleichzeitig lauert auch überall das, was uns überhaupt erst zu Menschen macht: das Herz und der Verstand im heroischen Kampf mit sich selbst. Überall lauert das, was wir uns immer wieder klarmachen sollten: dass die Welt nicht so sein muss, wie sie uns gegenübertritt, dass es, wie es in einer der Geschichten heißt, »einen Weg hinaus gibt. Man muss einfach weitergehen, bis man ihn findet«. Überall lauert das, was uns alle vereint: die Fähigkeit zum Mitleid, zur Zuneigung, zur Liebe; und das Wissen, dass Mitleid, Zuneigung und Liebe, dass wir nur für eine kurze Zeit existieren – und dann nicht mehr. Aber diese kurze Zeit ist lang genug, um das Richtige zu...


Ellison, Harlan
Harlan Ellison, geboren 1934 in Cleveland, Ohio, kam in den 1950er Jahren nach New York, nachdem er von zu Hause ausgerissen war und sich mit kuriosen Jobs – etwa als Holzfäller, Fischer, Kaufhausdetektiv und Mitglied einer Kirmestruppe – über Wasser gehalten hatte. Er veröffentlichte ab 1955 Kurzgeschichten in den Pulp-Magazinen, später auch Romane, Comics und Film- und Musikkritiken. In den frühen 60er Jahren zog er nach Los Angeles und schrieb Drehbücher für Hollywoodfilme und TV-Serien, darunter „Star Trek“ und „Twilight Zone“. Als Herausgeber setzte er sich immer wieder für (noch) unbekannte Autoren wie etwa Dan Simmons ein und warb beständig für seiner Meinung nach unterschätzte und in Vergessenheit geratene Schriftsteller wie A. E. van Vogt oder Fritz Leiber. Für seine Stories wurde er unter anderem achteinhalb Mal mit dem Hugo Gernsback Award und vier Mal mit dem Nebula Award ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Frau Susan in Los Angeles.



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