Ellwood | Was ihr nicht seht | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

Ellwood Was ihr nicht seht

Psychothriller
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-22210-9
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Psychothriller

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

ISBN: 978-3-641-22210-9
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Kate ist eine mutige Frau, die als Kriegsreporterin kein Risiko scheut. Ihre Vergangenheit an der südenglischen Küste hat sie lange hinter sich gelassen. Erst als ihre Mutter stirbt, kehrt sie zurück nach Herne Bay, wo ihre Schwester Sally noch immer lebt. Aber Kate spürt vom ersten Tag an, dass die Heimkehr unter keinem guten Stern steht. Sie hat furchtbare Albträume und hört Stimmen, die ihr keine Ruhe lassen. Und so glaubt ihr auch niemand, als sie meint, die Schreie eines Jungen aus dem Nachbargarten zu hören. Doch Kate will der Sache auf den Grund gehen – nicht ahnend, dass sie und ihre Schwester dadurch in tödliche Gefahr geraten …

Nuala Ellwood zog mit Mitte zwanzig nach London – eigentlich um Karriere als Musikerin zu machen. Stattdessen begann sie, Romane zu schreiben. Ihr erster Thriller, »Was ihr nicht seht«, schaffte es auf Anhieb in die Top Ten der englischen Bestsellerliste.
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2

Sonntag, 12. April 2015

Eine Woche zuvor

Mich fröstelt, als ich aus dem Zug steige und auf dem verlassenen Bahnsteig stehe. Die Seeluft peitscht mir wütend um das Gesicht. Ich wuchte den sperrigen Rucksack auf meinen Rücken und steuere auf den Ausgang zu. Die Bahnhofsuhr zeigt 23:59 Uhr an. Mit einem beklommenen Gefühl laufe ich durch die drückende Stille. Habe ich die richtige Entscheidung getroffen? Ich halte an und überlege, ob ich wieder in den Zug steigen soll, aber die Maschine ist aus, und ein Schaffner in einer Leuchtweste öffnet gerade die Türen, damit das Reinigungspersonal ans Werk gehen kann. Das hier ist die letzte Haltestelle, die Endstation.

Ich ziehe meine dünne Jacke enger um mich und ärgere mich über mich selbst, weil ich die dickere Jacke ganz unten in den Rucksack gepackt habe. Ich hatte vergessen, wie kalt es nachts in Herne Bay werden kann, sogar im April. »Knochenkälte«, sagte meine Mutter immer.

Während ich auf die Treppe zuhalte, sehe ich mich nach irgendwelchen Lebenszeichen um, aber da ist nichts. Ich bin der einzige Mensch im Bahnhof. Hoffentlich hat er meine Nachricht bekommen. Ich habe mich im Lauf der Jahre schon häufig in beängstigenden Situationen befunden, aber noch nie habe ich mich so unwohl gefühlt wie in dieser. Herne Bay. Wo die Dunkelheit früh heraufzieht und das Leben so vorhersehbar ist wie die Gezeiten. Ich werde alle Kraft, die noch in mir ist, aufbringen müssen, um diese nächsten Tage zu überstehen.

Als ich die düster beleuchtete Schalterhalle betrete, vibriert mein Handy in der Tasche, und ich bleibe im roten Schein eines Verkaufsautomaten stehen, um das Gespräch anzunehmen.

»Hallo. Ach, kein Problem. Ich bin gleich da.«

Draußen fällt ein leichter Regen, als ich den Bahnhof verlasse und die silberne Limousine entdecke, die an dem leeren Taxistand parkt. Auf dem Weg zum Auto winke ich dem Mann auf dem Fahrersitz zu. Der schwere Rucksack drückt mir gegen das Schlüsselbein. Mein Schwager winkt zurück, aber ohne zu lächeln. Meine Anwesenheit in Herne Bay bedeutet Ärger, und das weiß er. Trotzdem bin ich dankbar, dass er mich abholt. Er ist das einzige Mitglied meiner Familie, das noch mit mir sprechen will.

»Hallo Paul«, seufze ich, als ich die Tür öffne. »Danke, dass du um diese Zeit gekommen bist, das ist wirklich nett von dir.«

»Kein Problem«, antwortet er. »Verstau deinen Rucksack einfach auf dem Rücksitz. Dann hast du mehr Platz.«

Am liebsten würde ich mich auch auf dem Rücksitz verstauen und so tun, als säße ich in einem anonymen Taxi in London und führe nach Hause, zu meinem eigenen Bett. Aber vom Bahnhof zum Haus meiner Mutter ist es nur eine kurze Strecke, sage ich mir. Also werfe ich den Rucksack hinten hinein und setze mich auf den Beifahrersitz. Ich schnalle mich an, lehne mich zurück und schließe kurz die Augen. Ich bin zu Hause, was auch immer das heißt.

»Willst du wirklich bei deiner Mutter wohnen?«, fragt Paul, als wir losfahren. »Du bist mehr als willkommen, wenn du dich die Woche über bei uns einquartieren willst.«

»Danke, Paul.« Vertraute Anblicke ziehen am Fenster vorbei. »Aber ich will euch wirklich nicht zur Last fallen.«

»Du würdest uns nicht zur Last fallen«, sagt er. »Es wäre uns ein Vergnügen.«

»Ach, komm«, erwidere ich. »Ich glaube kaum, dass es Sally ein Vergnügen wäre. Ich kann mir gut vorstellen, was für ein Gesicht sie machen würde, wenn ich plötzlich vor der Tür stünde.«

»Na gut«, sagt er. »Und wie wäre es mit einem Hotel? Direkt am Meer hat ein neues eröffnet, hübsch und vornehm, das würde dir gefallen.«

»Ehrlich, Mums Haus ist völlig in Ordnung«, sage ich entschlossen. »Ich bin nur kurz hier, und nach allem, was passiert ist, wird es mir guttun, ein paar Tage dort zu verbringen. Das gibt mir die Gelegenheit, alles zu verarbeiten.«

»Okay«, meint er. »Aber das Angebot steht, falls du es dir anders überlegst.«

»Danke, Paul.«

Die restliche Fahrt über schweigt er. Ich blicke hinaus, während wir durch eintönige Wohnstraßen fahren, deren Namen vor meinen Augen verschwimmen wie Tinte, die sich in Wasser auflöst. Mein Magen knurrt, und mir ist auf einmal leicht schwindelig. Das passiert immer, wenn ich hierher zurückkehre. Als wäre ich allergisch auf diesen Ort.

»Macht es dir etwas aus, wenn ich das Fenster öffne?«, frage ich Paul und hoffe inständig, dass ich mich nicht auf sein makelloses Armaturenbrett erbreche.

»Nur zu.« Er zeigt auf den Knopf neben dem Türgriff.

»So ist es besser.« Ein kalter Windstoß fegt mir ins Gesicht, allerdings ist der beißende Fischgeruch nicht gerade hilfreich.

Ich stecke die Hand in die Tasche und fahre mit den Fingern über die beruhigende, glatte Oberfläche meines Glücksstifts. Der Stift – ein wunderschöner silberner Füller, in den mein Name eingraviert ist – war ein Geschenk von Chris an unserem ersten Jahrestag. Er hat mich überallhin begleitet – nach Syrien, nach Afghanistan, in den Irak. Immer wenn ich den Stift berühre, weiß ich, dass ich in Sicherheit bin.

»Wie still es hier ist«, flüsterte ich und schiebe den Füller wieder in die Tasche, als das Auto den Hügel Richtung Smythley Road hinaufkriecht.

Ich hatte die Stille vergessen, die sich nachts wie eine Decke über die Stadt senkt. Beim Blick aus dem Fenster stelle ich mir die Bewohner der Smythley Road vor, eingepackt in ihren Betten, verloren in ihren »kleinen Scheibchen Tod«, wie die Figuren in den Geschichten von Edgar Allan Poe, die ich als Kind verschlungen habe. Kaum zu glauben, dass ich hier einmal zu Hause war, in dieser stillen Welt.

»Wir sind da«, sagt Paul und hält an.

Ich erschrecke, als ich seine Stimme höre, und blicke hinauf zu dem Haus, vor dem wir parken. Nummer 46: eine leblose Doppelhaushälfte aus den Dreißigerjahren mit ergrauendem Kieselrauputz, der früher einmal strahlend weiß war. Ich erinnere mich noch an die Telefonnummer – 65 43 45 – und an mein Kindheitsmantra: Ich heiße Kate Rafter und wohne mit meiner Mummy und meinem Daddy und meiner Schwester Sally in der Smythley Road Nummer 46. Meine Augen werden feucht, aber ich blinzle die Tränen weg und sage mir, dass der erste Schritt immer der schwerste ist.

Als ich die Wagentür öffne und auf den Gehsteig hinaustrete, zieht sich meine Lunge zusammen, als würde sich ein Hustenanfall ankündigen. Ich muss mich erst sammeln. Vorsichtig lege ich die Hände auf die Motorhaube.

Es ist nur eine Woche, das ist alles, rede ich mir ein. Ein paar Tage Seeluft und Mums Papiere unterschreiben, dann geht es wieder zurück zur Arbeit, zurück zur Normalität.

»Alles in Ordnung?«

Paul steht hinter mir. Er nimmt mir den Rucksack von der Schulter und führt mich zum Haus.

»Es geht mir gut, Paul, ich bin nur müde.«

»Kann ich dich wirklich nicht davon überzeugen, ein Hotelzimmer zu buchen?«

»Nein«, sage ich, während wir die Zufahrt hochlaufen. »Ich muss mich nur einmal richtig ausschlafen.«

»Das wird dir hier gelingen, da bin ich mir sicher«, meint er beschwingt. »Hier ist es ruhig und friedlich. Ich weiß nicht, wie du das schaffst, von einem Höllenloch ins nächste zu hüpfen. Ich wäre völlig am Ende.«

Ich lächle kläglich. Den meisten Menschen kommt es nur darauf an – in aller Ruhe ausschlafen zu können. Ich stelle mir Paul in Homs oder Aleppo vor, wie er vor sich hin schnarcht, während um ihn herum die Menschen um ihr Leben kämpfen.

Auf der Schwelle bleibe ich stehen und starre auf die Tür. Es ist immer noch unbegreiflich, dass meine Mutter nicht dahinter ist, umgeben vom Duft nach Gebackenem. Meine Mutter war dieses Haus, es war die einzige Welt, die sie kannte.

»Dann lasse ich dich besser mal allein.« Paul reißt mich aus meinen Gedanken. »Hier sind die Schlüssel. Der Chubbschlüssel ist für vorne, der andere für die Rückseite. Der Thermostat ist in der Küche über dem Wasserkessel, falls dir kalt ist. Ich komme morgen Vormittag vorbei und sehe nach dir.«

»Danke«, antworte ich, nehme die Schlüssel und reibe das kantige Metall zwischen Daumen und Zeigefinger. »Und sag Sally schöne Grüße, ja?«

Er zuckt zusammen, als ich ihren Namen erwähne.

»Sie ist immer noch meine Schwester«, sage ich zu ihm. »Trotz allem.«

»Ich weiß. Und in ihrem tiefsten Inneren weiß sie das auch.«

»Das hoffe ich.« Die Kälte jagt mir Schauer über den Rücken.

»Jetzt geh besser rein.« Paul klopft mir auf den Arm. »Es ist eiskalt hier draußen.«

Ich folge ihm über die Kieszufahrt und sehe zu, wie sein Auto in den dunklen Falten der Bucht verschwindet. Ich zögere es noch ein paar Augenblicke hinaus, das Haus zu betreten. Sobald ich die Tür öffne, wird alles real werden. Der Tod meiner Mutter wird Gewissheit. Es tut so weh, dass ich es kaum ertrage. Aber ich muss es tun, sage ich mir, als ich widerwillig zum Haus zurücklaufe, sonst komme ich nie weiter. Während ich mich der Tür nähere, bemerke ich im oberen Fenster des Nachbarhauses Licht und halte an. Es ist ein beruhigender Anblick, ein Lebenszeichen inmitten von Dunkelheit und Tod, und ich fühle mich getröstet. Dann stecke ich den Schlüssel ins Schloss und stoße die Tür auf.

Im Inneren taste ich nach dem Lichtschalter. Vorsichtig streiche ich mit den Handflächen über die glänzende Raufasertapete und stolpere dabei über meinen Rucksack. Als ich den Schalter schließlich finde und das...


Ellwood, Nuala
Nuala Ellwood zog mit Mitte zwanzig nach London – eigentlich um Karriere als Musikerin zu machen. Stattdessen begann sie, Romane zu schreiben. Ihr erster Thriller, »Was ihr nicht seht«, schaffte es auf Anhieb in die Top Ten der englischen Bestsellerliste.

Link, Elke
Elke Link, geboren 1962 in Erlangen, hat in München und Canterbury studiert. Sie lebt in Berg am Starnberger See, wo sie zeitgenössische und klassische Literatur aus dem Englischen und Amerikanischen übersetzt. Für ihre Übersetzung des Romans „Silas Marner“ von George Eliot erhielt sie gemeinsam mit Sabine Roth 1997 den Bayerischen Kunstförderpreis in der Sparte Literatur.



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