E-Book, Deutsch, 245 Seiten
Elvestad Meine Kriminalgeschichten
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8496-2819-2
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 245 Seiten
ISBN: 978-3-8496-2819-2
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mit an die 100 bekannten Romanen gehört Elvestad zu den bekanntesten norwegischen Kriminalautoren. In diesem Band finden sich zwei seiner spannenden Detektivgeschichten: Der kleine Blaue Der Mann im Monde
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Das Korpus delikti
Als der Polizeichef die Sache noch einmal in allen Einzelheiten überdacht hatte, wurde es ihm ganz klar, daß der arretierte Kommissionsagent nicht der Mörder Jaervens sein konnte. Er begab sich zu ihm in die Zelle und erklärte, daß neue Umstände an den Tag gekommen seien, aus denen seine Unschuld hervorzugehen scheine.
Während Asbjörn Krag zuhörte, gab nun der junge Mann eine längere Erklärung, wo er sich am Elften ausgehalten hatte. Er sagte Dinge, die er das vorige Mal in Gegenwart des Onkels weder mitteilen konnte noch wollte.
Als er zu Ende gesprochen hatte, sagte Krag:
»Das stimmt alles.«
»Woher können Sie das wissen?« fragte der Polizeichef.
»Weil ich es schon früher untersucht habe. Ich war eine Zeitlang auch geneigt, den Agenten Bruun zu verdächtigen, aber ich bin wieder davon abgekommen.«
Der Polizeichef hatte nun nichts anderes zu tun, als den Kommissionsagenten freizugeben. Der Konsul wurde davon benachrichtigt.
Als dies erledigt war, sagte der Chef:
»Jetzt stehen wir also auf grundlosem Boden.«
»Kann schon sein.«
»Wie wollen Sie nun den Schuldigen fassen?«
»Vorerst ist etwas anderes wichtiger.«
»Und das wäre?«
»Zu beweisen, daß der Mord am Elften und nicht am Zwölften verübt worden ist. Glauben Sie, irgendeine Jury in Norwegen würde es auf die Indizien hin, die wir jetzt haben, wagen, jemanden zu verurteilen?«
»Da haben Sie recht.«
»Vorläufig ist es von Wichtigkeit, daß niemand ahnt, daß wir uns auf der richtigen Fährte befinden. Der Mörder hat das Ganze so verblüffend klar und raffiniert ausgeklügelt, und es ist ihm so gut gelungen, daß er sich ganz sicher fühlt. Lassen wir ihn in diesem Glauben!«
»Wissen Sie, wer der Mörder ist?«
»Nein, aber ich ahne es.«
»Sie wissen sicherlich mehr, als Sie verraten wollen?«
»So ist es immer bei mir,« sagte Asbjörn Krag liebenswürdig.
»Was wollen Sie jetzt tun?«
Er sah, daß der Detektiv sich bereit machte, das Kontor zu verlassen.
»Ich gehe auf die Suche,« sagte der Detektiv.
»Auf die Suche? Nach wem?«
»Nach einer roten Perücke.«
»Einer roten Perücke?«
»Gewiß, der Ermordete hatte doch rotes Haar.«
»Aha, ich verstehe.«
Damit ging Krag.
Vor dem Bahnhof fand er eine Droschke und fuhr darin in die Stadt.
Vor einem Friseurgeschäft blieb er stehen und trat ein. Der Friseur kannte ihn nicht.
Krag bat ihn, ihm einige Perücken zu zeigen, die er für einen Kostümball benützen konnte, und der Friseur legte einen großen Stoß vor ihn hin.
Aber nichts davon schien dem Geschmack des Detektivs zu entsprechen.
Er erging sich des langen und breiten, wie sie ausschauen sollte. Sie müßte vor allem rot sein usw., von einer ganz bestimmten roten Farbe.
»Ich habe nämlich einen guten Freund,« sagte Krag, »der hat mir erzählt, daß er kürzlich bei Ihnen gewesen ist und sich eine rote Perücke gekauft hat. Gerade eine solche würde ich brauchen. Es handelt sich nämlich um einen kleinen Faschingsscherz. Erinnern Sie sich nicht an den Herrn?«
Der Friseur durchforschte sein Gedächtnis, aber er konnte sich absolut nicht erinnern. Die längste Zeit war niemand dagewesen, der eine rote Perücke gekauft hatte. Es war ja auch ein seltener Artikel.
Krag durchsuchte noch einmal das ganze Perückenlager; aber da er keine fand, die ihn zufriedenstellte, bat er den Friseur um Entschuldigung und ging.
Er fuhr einige Straßen weiter und blieb vor dem nächsten Friseur und Perückenmacher stehen.
Auch hier wurde seine Wißbegierde nicht befriedigt. Das Geschäft hatte seit einem Jahre keine rote Perücke verkauft.
Aber Krag ließ den Mut nicht sinken. Er fuhr durch die ganze Stadt, von einem Friseur zum anderen. Er war nicht umsonst als der ausdauerndste Detektiv von drei Königreichen bekannt.
Mehrere Stunden vergingen damit. Es wurde immer dunkler.
Krag begann schon zu fürchten, daß er seine Tätigkeit für diesen Tag einstellen mußte. Aber plötzlich kommt ihm ein Gedanke. Er bittet den Kutscher, so rasch, als das Pferd nur laufen kann, in den östlichen Stadtteil zu fahren.
Es geht im hurtigen Trab nach Oslo. Hier bleibt der Wagen stehen. Krag steigt aus, bezahlt den Kutscher und trägt ihm auf, zurückzufahren.
Der Detektiv geht die Häuserreihe entlang. Vor einem kleinen zweistöckigen Haus macht er halt. Im Hofe ist ein Tabakladen und daneben eine Barbierstube. Der Detektiv tritt in den Tabakladen, wo es nach alten, schlechten Zigarren stinkt. Eine Oellampe hängt am Plafond und raucht. Ein schmaler Holzsessel steht vor dem Ladentisch.
Der Detektiv wartet ein Weilchen. Endlich öffnet sich eine Tür, die in die Barbierstube führt, und ein alter Mann, in Schürze und einer einstmals weißen Mütze zeigt sich. Das Haar hängt ihm in Strähnen über die Ohren. Er hat keine Manschetten, und der Kragen ist nichts weniger als tadellos. Er muß offenbar sehr schwache Augen haben, denn er trägt Brillen mit starken, dicken Gläsern.
Der Detektiv nimmt ruhig auf dem Sessel Platz.
»Na,« sagt er gemütlich, »wie geht das Geschäft?«
Der Mann, der den Detektiv offenbar nicht erkennt, antwortet:
»Danke, nicht glänzend. Was die Barbierstube betrifft, so hat sie jetzt eine arge Konkurrenz in dem eleganten Salon dort oben an der Ecke. Und Zigarren wollen die Leute nicht mehr rauchen. Ach nein, es geht nicht glänzend.«
»Aber Sie sind doch gewiß noch ebenso geschickt darin, die Leute zu maskieren, alter Johnson!«
Der Mann zuckte zusammen.
»Ach nein,« sagte er, »damit habe ich aufgehört. Das hat sich nicht gelohnt.«
»Aber Ihre berühmten Perücken finden doch noch immer Absatz, nicht wahr?«
»Sehr selten,« erwiderte der Mann ausweichend.
Plötzlich fragte Krag:
»Es war doch kürzlich jemand hier, der eine rote Perücke gekauft hat?«
»Nein,« erwiderte der Alte nach kurzem Nachdenken.
Da beugte sich der Detektiv zu ihm vor:
»Sie erinnern sich wohl nicht genau, mein lieber, alter Johnson?«
Der Barbier sah den Detektiv durch seine Brillengläser starr an.
»Herr Jesus, sind Sie es?« sagte er; »bin ich erschrocken!«
»Na, endlich erkennen Sie mich; ich brauche Sie doch nicht erst an damals zu erinnern, wo ich Ihnen mit diesen amerikanischen Geldscheinen so glänzend geholfen habe? Wo wären Sie heute, Johnson, wenn Asbjörn Krag sich damals nicht ins Mittel gelegt hätte.«
»Pst!«
»Gut. Also, wie lange ist es her, seit Sie die rote Perücke verkauft haben?«
»Ich pflege meine Kunden nicht zu verraten.«
...



