E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Reihe: Kampa Salon
Emcke / Strässle Für den Zweifel
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-311-70329-7
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gespräche mit Thomas Strässle
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Reihe: Kampa Salon
ISBN: 978-3-311-70329-7
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Carolin Emcke, geboren 1967, studierte Philosophie in London, Frankfurt/Main und Harvard und wurde 1998 über den Begriff »kollektiver Identitäten« promoviert. Von 1998 bis 2013 bereiste sie weltweit Krisenregionen und berichtete darüber. 2003/2004 war sie Visiting Lecturer für Politische Theorie an der Yale University. Seit 2004 organisiert und moderiert sie die Diskussionsreihe »Streitraum« an der Schaubühne Berlin. Für ihr Schaffen wurde die Philosophin und Publizistin vielfach ausgezeichnet, u.a. 2016 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Zu ihren Veröffentlichungen zählen Von den Kriegen. Briefe an Freunde, Wie wir begehren, Weil es sagbar ist: Über Zeugenschaft und Gerechtigkeit, Gegen den Hass, Ja heißt Ja und ... und zuletzt Journal: Tagebuch in Zeiten der Pandemie.
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Über Herkünfte und Traditionslinien
Zweites Gespräch
Können Sie sich noch an Ihre ersten Leseerlebnisse erinnern?
Meine allererste Lektüre war ein Bilderbuch, das hieß. Es war in Versen. Ich konnte das wohl auswendig, bevor ich lesen konnte, wollte aber meiner Mutter stolz vorführen, wie ich schon ›lesen‹ könne. So wurde es mir zumindest später erzählt. Dann gab es ein Bilderbuch, an das ich mich ziemlich genau erinnere, ursprünglich ein Märchen der Gebrüder Grimm, . Ich habe es noch irgendwo, ich müsste es mal wieder raussuchen. Nachträglich kann man natürlich sagen: Das passt ja. Die Erzählung beginnt nach einem Krieg, und so finden sich auch mehrere versehrte Figuren darin. Es handelt davon, wie sich sechs Personen, die alle jeweils eine sehr ungewöhnliche Fähigkeit haben, ergänzen und gemeinsam die Aufgaben bestehen, die sich ihnen stellen: Der eine kann, wenn er sich ein Nasenloch zuhält, so pusten, dass weit entfernte Windmühlen sich zu drehen beginnen, der andere kann so schnell laufen wie der Wind. Alle diese Kompetenzen werden irgendwann mal abgefragt. Das habe ich geliebt.
Das passt ja, weil man ein erstes Anzeichen von Welthaltigkeit darin sehen könnte?
Im Nachhinein legt man sich das so zurecht. Aber in Wahrheit war ich ein ausgesprochenes Heimwehkind. Nichts in dieser Zeit hätte vermuten lassen, dass ich später mit Fernweh ausgestattet auf Reisen gehen würde.
Gab es Prägungen in dieser Zeit, die nachhaltig waren?
Ich würde sicherlich sagen, dass mich biblische Geschichten durch und durch geprägt haben. Es gab irgendeine Kinderbibel, aus der vorgelesen wurde. Griechische Sagen sind bei mir überhaupt nicht aufgetaucht damals. Die musste ich mir sehr viel später mühsam selber aneignen. Aber die biblischen Geschichten, insbesondere die aus dem Alten Testament, haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen, weil sie ja auch eine unglaubliche Bildkraft haben und die Konflikte, die darin vorkommen, so zeitlos sind. In der Grundschule hatten wir einen Religionsunterricht, der im Wesentlichen darin bestand, dass Geschichten vorgelesen wurden und wir dazu malten, sodass ich bis heute starke Bildassoziationen zu diesen Stoffen habe – wobei ich sagen muss, dass ich miserabel malen und zeichnen konnte. Erst später kam der richtige Text hinzu, die Luther-Bibel mit dem Rhythmus des Erzählens, dem Rhythmus der Psalmen, der Musikalität der Sprache. Darin liegt eine Art Kernreservoir, aus dem sich schöpfen lässt, das aber nicht verknüpft war mit strenger Frömmigkeit. Sondern einfach als Literatur, als Ensemble von Geschichten und Figuren, als Einführung in psychologische Motive und Dynamiken.
Aus Ihren Büchern erfährt man relativ wenig über Ihre Kindheit und Jugend, am ehesten noch aus Ihrem persönlichsten Buch . Das wenige, was man erfährt, hinterlässt den Eindruck: Das war ein Kind, das am liebsten im Wald war.
Ja, das stimmt. Ich habe nicht mit zehn Simone de Beauvoir gelesen. Mit zehn habe ich Baumhäuser gebaut und sehr viel Fußball gespielt … und überhaupt sehr viel Sport gemacht. Aber ich glaube, es hat sich, damals und auch später, nie als Gegensatz aufgetan zwischen dem tiefen Glück des Lesens, des Nachdenkens über politische oder existenzielle Fragen, und der Lust, draußen zu sein, unterwegs zu sein und sich körperlich zu spüren. Mir ist mein Körpergefühl immer Voraussetzung für alles andere gewesen.
Trotzdem haben Sie sich später dazu entschieden, Philosophie, Politik und Geschichte zu studieren. Das ist ja eine Entscheidung, deren Langfristigkeit einem zu dem Zeitpunkt, da man sie trifft, vielleicht noch gar nicht ganz bewusst ist. Was waren die Gründe für diese Entscheidung?
Die Philosophie war das Feld, das mich am meisten meinte und worauf ich richtigen Hunger hatte. Das begann schon am Gymnasium, wo ich einen exzellenten Philosophieunterricht hatte. Ich muss sagen, dass ich wirklich großartige Lehrer:innen hatte, auch einen phantastischen Deutschlehrer. Aber dieser eine Philosophielehrer, Joachim Minnemann, war sensationell. Ich glaube, sobald das Fach auftauchte, war für mich klar, dass es viele Dinge zusammenbrachte, die ich … () nun ja … die ich bin. So würde ich es heute sagen, damals hätte ich das wahrscheinlich nicht so formulieren können. Zu mir passten die Philosophie und ihre Methoden: das logische Denken, das präzise Handwerk des Fragen-auseinandernehmen-Müssens und die Gleichzeitigkeit von eher analytischen und eher literarischen Formen des philosophischen Nachdenkens, die Vielfalt der Genres. Wenn man sich überlegt, was für eine Breite an philosophischen Textgattungen es gibt, auch an subjektiven Formaten wie Meditationen oder autobiographischen Reflexionen. Es wird heutzutage im deutschsprachigen Raum gern so getan, als sei das ein Widerspruch zum analytischen Denken. Dabei ist für mein eigenes Schreiben gerade die offene, hybride Form, das Wechseln oder Verschränken verschiedener Genres zentral. Dieses Spektrum an Sprachen und Formen hat mich schon damals an der Philosophie beeindruckt. Ich denke an eine Figur wie Sartre, den ich sehr früh auf dem Gymnasium gelesen habe und der für mich eine der eindrücklichsten philosophischen Lektüren war: Er hat Theaterstücke geschrieben, psychologische Porträts, erkenntnistheoretische Studien und politische Essays – das ist schon atemberaubend. Und natürlich war attraktiv, dass sich mit der Philosophie auch eine Gegenwart analysieren und kritisieren lässt. Also dass Philosophie immer auch Instrumente der Kritik bereithält, immer auch Instrumente für Aufklärung, immer Instrumente für den Widerstand gegen Gewalt bietet. Wir haben dann sehr früh in der Schulzeit eine Philosophie-AG gehabt, zusammen mit diesem Lehrer, da haben wir uns abends getroffen und Ernst Bloch gelesen, die . Das klingt nachträglich ein wenig irre, aber ich erwähne es, um zu verdeutlichen, dass der Hunger auf Philosophie und Theorie seit dieser Zeit angelegt war. Nach dem Abitur habe ich glücklicherweise ein Jahr in Madrid verbracht. Damit war ich raus aus dem Klassenverband und auch raus aus dem Elternhaus. Das war extrem entscheidend, ich wüsste nicht, was ich sonst studiert hätte. Philosophie war etikettiert als brotloser Luxus. Das wollte ich nicht. Ich habe deswegen damit gehadert und mich befragt: »Darf ich das studieren, was ich wirklich will? Was für ein Ausdruck von Privileg ist das?« Dafür brauchte ich dieses Jahr Unterbrechung, diese Zwischenzeit, in einem anderen Kontext, um mich für das zu entscheiden, was ich wohl schon war. Ich liebe Spanien, das ist seit dieser Zeit tief eingebrannt. Noch heute schießen mir die Tränen in die Augen, wenn ich in Madrid ankomme. Es ist ein Wiederaufrufen dieses Freiheitsgefühls, der Ausgang aus der Enge der Schule und die Freiheit, sein zu dürfen. Nach diesem Jahr in Madrid war die Entscheidung leicht. Die Philosophie war für mich auch ein radikaler Anspruch, sich gegen Zugriffe von außen zu wehren und der eigenen Sehnsucht zu trauen.
Was hat Ihnen denn in Madrid die Bedenken genommen?
Einfach die Distanz. Die Möglichkeit, sich herauslösen zu können aus sozialen Erwartungen. Da helfen Auslandsaufenthalte. Ich würde sie auch Jüngeren immer empfehlen: »Mach ein Jahr irgendetwas, um dann zu entscheiden, was du machen willst.« Damit man nicht aus den Konventionen der Milieus heraus entscheidet, in denen man vorher war. Und in Spanien habe ich mich einfach sehr wohlgefühlt. Madrid ist heute noch ein Zufluchtsort in meinem Kopf. Jedenfalls hat diese Unterbrechung mir erlaubt, der inneren Stimme zu folgen und Philosophie zu studieren.
Und dann haben Sie vor allem in Frankfurt studiert, aus Interesse an politischer Philosophie, nehme ich an.
Nein, es ist ein bisschen verwirrend. Ich war zuerst in Berlin.
Ach so, das liest man nirgends.
Es war eher chaotisch, das hatte keine akademischen Gründe. Ich war ein kurzes Jahr in Berlin, ein kurzes Jahr in Hamburg, dann in London und dann endlich und dauerhaft in Frankfurt. In dem Jahr in Hamburg war eigentlich vor allem Streik. Da habe ich nebenher journalistisch arbeiten wollen. Schon in Madrid hatte ich journalistische Praktika gemacht, in Berlin dann auch. Zu meiner Zeit in Hamburg wurde gerade gegründet. Dort habe ich ein Praktikum gemacht, das sich immer verlängerte und dazu führte, dass ich kleine Beiträge machen konnte. Das war 1988/89. Dann bin ich mit einem Stipendium nach London gegangen an die London School of Economics, kurz vor dem Fall der Mauer, da war ich in London und bin dann fürs Wochenende nach Berlin, weil ich dort sein wollte. Nach Frankfurt bin ich dann 1990 gekommen und geblieben.
Welche Erinnerungen haben Sie an diese Städte?
Die ersten Studienjahre waren etwas verloren und auch einsam. Ich bin da noch sehr geschwommen durch diese unübersichtliche Menge an Stoffen und Techniken des Studierens. Ich war froh, als ich da raus und nach London in ganz andere Strukturen und Anforderungen kam. Allerdings ist London die einzige Stadt, in der ich gelebt habe, mit der ich überhaupt nichts anfangen kann, bis heute nicht. London war und ist eine der wenigen Metropolen, die mir komplett fremd geblieben sind. New York, Paris, Madrid, da blühe ich auf. In London schrumpfe ich. An der...




