Endler | Am Anfang | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 232 Seiten

Endler Am Anfang


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95765-989-7
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 232 Seiten

ISBN: 978-3-95765-989-7
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Acht bislang unveröffentlichte Kurzgeschichten und ein Kurzroman.Eine Entführung in eine Zukunft, in der sich die Menschheit die Frage stellen muss, ob Glaube, Liebe und Hoffnung das Ende allen Lebens auf Erden aufhalten können. Reisen zu 'Odins Auge', zum Mars und zu 'Magelanta Vier'. Ein Blick auf das Ende der Zeit. Die Auswirkungen eines Superstaus, die seltsamen Blüten, die die kapitalistische Welt treibt, Erfindungen, die nicht immer nur das gewünschte Ergebnis zeigen. Und die Flucht des Privatermittlers John Mayer aus Gefangenschaft. Arno Endler, bekannt durch seine zahlreichen Kurzgeschichten im c't-Magazin, lädt ein, ihn zu begleiten. Das Titelbild stammt von Christian Günther.

Arno Endler wurde 1965 geboren. Er veröffentlicht Kurzgeschichten und Romane verschiedener Genres. Bekannt wurde er vor allem auch durch zahlreiche kurzgeschichten im c't Magazin des Heise Verlags
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Return to Sender


Hieronymus freute sich auf den heutigen Arbeitseinsatz. Fröhlich pfiff er die Melodie aus dem neuesten Webwerbespot der Coco-Holo-Company und genoss den Sonnenschein am frühen Mittag des siebzehnten Holo-Aprils. Nur wenige Menschen waren um diese Uhrzeit unterwegs, selbst der Mobiler-Verkehr schien unterdurchschnittlich. Der junge hoch aufgeschossene, fast schlaksig wirkende Mann mit den kurz geschorenen Haaren hätte selbst Vogelgezwitscher hören können, wenn er es nicht durch sein lautes Pfeifen übertönt hätte. Hieronymus interessierte sich nicht für Vögel oder für die Bäume, in denen sie sich versteckten. Seine Konzentration lag auf dem Arbeitseinsatz Nummer vier. Das Los hatte es gut mit ihm gemeint. Hallo Schicksal! Mein Name ist Hieronymus, und ich bin bereit, meine Kraft für das Wohl der Allgemeinheit und der Company zu geben, dachte er, unterbrach kurz sein Pfeifen, lächelte und setzte wieder an.

Die neuen Schuhe drückten an den Seiten, doch die Web-Hotline hatte Hieronymus versichert, dass es nur ein vorübergehender Effekt sein würde und die Prodoslipper sich bald auf seinen Geh-Rhythmus – your walking habit – eingestellt haben würden.

Selbstverständlich vertraute Hieronymus den Aussagen der Webmitarbeiter und nichts trübte die Vorfreude auf den letzten Arbeitseinsatz des Geschäftsjahres.

Hieronymus pfiff immer noch, als er den Gebäudekomplex der Company erreichte. Unter dem gewaltigen Bogen des umgelegten C hindurch, dessen Oberfläche irisierend die Farbe im Sonnenlicht wechselte, betrat er den Vorplatz und betrachtete vergnügt die gewaltigen Holoschirme zu beiden Seiten der Allee, auf denen die neuesten Werbeclips abgestrahlt wurden.

Pflichtbewusst betrachtete Hieronymus die Verbraucherhinweise zu den neuesten Produkten von C-H. Gelegentlich verlangsamte er sogar seinen Schritt, um seine Begeisterung für den neuesten Männerduft auszudrücken. Die Demographen-Abteilung der Coco-Holo-Company liebte Konsumenten wie ihn.

»Willkommen, Hieronymus 53 d«, ertönte die glockenhelle Stimme der Haussicherheits-KI, welche dem jungen Mann auch gleichzeitig die verglasten Türen in Form eines H öffnete.

»Danke«, entgegnete er und fügte fröhlich hinzu: »Ist es nicht ein wundervoller Tag?«

»Ein weiterer wundervoller Tag gespendet von Coco-Holo-Weather-Services«, posaunte die KI zurück.

Hieronymus lächelte breit, beschleunigte noch seinen Schritt und trat an den Schalter, hinter dem eine hübsche, blonde Frau saß, die in etwa so alt war, wie er selbst.

»Guten Morgen. Ich hoffe, Sie hatten bis hierhin einen angenehmen Tag?«, fragte sie.

Hieronymus, der schier vor Stolz platzte, nickte nur.

»Die Coco-Holo-Company heißt Sie im Namen der gesamten Companyfamilie willkommen und wünscht Ihnen einen erfolgreichen und befriedigenden Arbeitseinsatz. Mein Name lautet Michelle. Wenn Sie noch etwas brauchen, wenden Sie sich bitte an mich.«

Hieronymus nickte erneut.

»Sehr schön. Folgen Sie bitte der violett-grünen Linie. Diese führt Sie auf dem optimalen Weg bis zu Ihrem heutigen Arbeitsplatz.«

»Michelle?«

»Ja, Hieronymus?«

»Arbeiten ist toll, nicht wahr?«

Sie lächelte ihn an, beugte sich vor und Hieronymus’ Beine schlackerten, als wenn sich die Muskeln in Pudding verwandelt hätten. Mühselig hielt er sich auf den Beinen.

»Ich liebe die Arbeitseinsätze«, flüsterte Michelle, strich sich eine Strähne ihres goldfarbenen Haares aus der Stirn.

Hieronymus spürte vielfältige Veränderungen seines Körperhaushaltes, die vom Medikamentenmix, den er am Morgen zu sich genommen hatte, nicht verhindert wurde. Er nahm allen Mut zusammen, suchte nach den letzten Resten von Speichel in seinem Mund und krächzte schließlich: »Können wir uns … Ich meine … Würdest du nach … dem Arbeitseinsatz – mit mir …« Er brach vollkommen erschöpft ab.

Michelle verlor ihr Lächeln in keiner Sekunde und vielleicht blitzte es sogar für einen kurzen Moment in ihrem rechten Auge, glaubte Hieronymus. Doch bevor sie antwortete, lehnte sie sich zurück in ihren Stuhl und sagte letztlich nur leise: »Du kommst zu spät, Hieronymus.«

Die violett-grüne Linie an den OLED-gespickten Wänden marionettierte Hieronymus bis zu einer Tür, die sich für ihn automatisch öffnete.

Die Happy-Pills aus dem Med-Mix gewannen allmählich die Oberhand, womit die Röte langsam wieder aus seinem Gesicht wich. Als er auf dem bequemen Stuhl vor dem Terminal Platz nahm, lächelte er fast schon wieder. Die Bewegungssensoren weckten den Terminal und eine freundliche Stimme aus dem unsichtbaren Lautsprecher neben dem langsam Farben gewinnenden Zweiundvierzig-Zoll-Mega-Holo-Plasma-Screen begrüßte Hieronymus freundlich.

»Hallo«, erwiderte der Arbeitswillige.

»Hieronymus?«

»Ja?«

»Heute hast du eine besonders wichtige Aufgabe«, erklärte die KI mit der sensorisch abgestimmten androgynen Stimme.

»Fein.«

»Eine kriegswichtige Aufgabe.«

»Krieg?«

»Nun ja. Nicht alle Menschen lieben die Coco-Holo-Company.«

»Was? Nein!« Hieronymus spürte, wie sein Herz schneller schlug. Er sprang auf und schüttelte seinen Kopf in spastischen Verrenkungen. »Kannichtsein, kannnichtsein.«

Wie ein Mantra flüsterte er es immer wieder.

»Setz dich bitte wieder hin, Hieronymus«, befahl die KI. Gleichzeitig spürte der junge Mann, wie sich eine beruhigende Wärme über seinen Körper legte. Seine Arme und Beine wurden schwerer und er sank zurück in den Stuhl.

»Ich habe vorübergehend dein Chipimplantat angewiesen deinen Körperhaushalt zu regulieren, Hieronymus. Du musst dich konzentrieren, sonst muss ich deinen Arbeitseinsatz vorzeitig abbrechen.«

Durch einen rosa Nebel hörte Hieronymus die Worte der KI, und trotz der hemmenden Mittel in seinem Blutkreislauf wollte er aufbegehren. Den Arbeitseinsatz abbrechen? Niemals! Er war Hieronymus 53 d und ausersehen für diesen Einsatz.

»Ich bin schon gansch ruhig«, nuschelte er. Aber die KI verstand ihn und senkte die Dosis.

»Nun höre mir gut zu. Du bist unser Notfallpilot. Ein menschlicher Zufallsfaktor, den wir vielleicht benötigen werden.«

Hieronymus nickte, obwohl er nicht recht begriff, was die KI von ihm wollte. Auf dem Flatscreen wurde ein Bild deutlicher und brannte sich schon bald in vollendeter Mega-3-D-HD-Qualität in seine Augen.

Hieronymus blinzelte, versuchte zu erkennen, was er sah. Doch irgendwie verarbeitete sein Gehirn die Daten nur rudimentär.

»Wasser?«, murmelte er.

»Vollkommen korrekt, Hieronymus«, lobte die KI. »Die Aufnahmen stammen aus der Cockpit-Perspektive von Radar-Wolf-Eins-Sieben-Drei-Zwo, einer fliegenden Festung unserer Dependance in Coco-Holo-India. Zur Zeit in Warteposition auf dem Flugdeck des Water-Shark-Flugzeugträgers Holo-Flight-Island-12. Bereit zum Start! Wir warten nur noch auf dich.«

»Bin bereit«, log Hieronymus. In diesem Moment wurde ihm bereits schwindelig. Die 3-D-Darstellung sog ihn förmlich in den Screen hinein, als das Flugzeug, Hieronymus verbesserte sich selbst, die fliegende Festung, startete, an Geschwindigkeit zulegte und in einem abrupten Manöver vom Flugdeck abhob. Kurzzeitig sah Hieronymus, der sich wie ein blinder Passagier fühlte, nur den Himmel, an dem wenige Wolken prangten.

»Was …? Wo …«, konnte der arme Einsatzarbeiter noch stammeln, dann übergab er sich neben das Pult, als er seine Augen endlich von der Darstellung lösen konnte.

»Aber Hieronymus«, tadelte die KI.

In der Wand öffnete sich eine Katzen-Klappe und ein Reinigungsbot, ähnlich den zwei Bots, die Hieronymus zu Hause verwendete, sauste über den Boden und entfernte die Sauerei. Nach einigen schnellen Runden über den Boden, versprühte der sehr flache Auto-Clean-Bot ein wenig Raum-Parfum – Marke Citrus-Summer – und verschwand dann wieder hinter der Klappe, die sich nahtlos schloss.

Hieronymus war wieder alleine. Er wagte, seinen Blick wieder auf den Screen zu richten.

Die heftigsten Flugmanöver schienen vorbei. Unter ihm erstreckte sich ein leicht gewelltes Meer und vor sich sah er nur wenige Wolken bis zum Horizont.

Hieronymus schämte sich. »Tschulligung«, murmelte er in Richtung der KI.

»Ich lösche es bereits aus meinen Speichernetzen. Denn damit müssen wir immer rechnen.«

»Was soll ich jetzt tun?«

»Warte kurz, Hieronymus!«

Im Schaltpult vor dem Arbeitswilligen, senkte sich das Tastenfeld, welches nur vier Tasten enthalten hatte, in das Innere des Tisches und eine Art Joystick kam statt dessen zum Vorschein.

Es klickte kurz, als der Tauschvorgang abgeschlossen war.

Hieronymus starrte den Joystick an.

»Dies ist die manuelle Steuerung der fliegenden Festung, Kapitän 35 d!«, posaunte die KI, und Hieronymus glaubte, eine...



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