Endres | Die Prinzessinnen: Helden und andere Dämonen | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 496 Seiten

Endres Die Prinzessinnen: Helden und andere Dämonen


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98666-423-7
Verlag: Cross Cult Entertainment
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 496 Seiten

ISBN: 978-3-98666-423-7
Verlag: Cross Cult Entertainment
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Aus der Schlacht ... in die Legenden Narvila, Aiby, Decanra, Cinn und Mef wurden als Königstöchter geboren - heute sind sie eine Truppe knallharter Söldnerinnen. Mit Schwertlanze und Streitaxt stellen sie sich allen Bestien und Bastarden, wobei sie besonders oft Maiden in Nöten retten. Doch nun erhalten die Prinzessinnen den Auftrag, Prytos zu beschützen, den großen Helden des Götterkrieges, dessen Unsterblichkeit allerdings so gut wie aufgebraucht ist. Als Leibwächterinnen der ungebrochen selbstherrlichen und draufgängerischen Legende müssen es Narvila und die anderen mit Dämonen, Zauberern, Drachen, Seeungeheuern und Untoten aufnehmen. Und natürlich mit Prytos selbst ... »Düster, packend und feministisch - wie eine Kreuzung aus einem Quentin Tarantino-Film und den Märchen in ihrer ursprünglichen, blutigen Form.«  - Christian Handel (Autor von »Schattengold«)

Christian Endres lebt als freier Autor in der Nähe von Würzburg. Er schreibt Romane, Kurzgeschichten, Essays, Kritiken und Comic-Editorials. Seine Storys erscheinen regelmäßig in c't - magazin für Computertechnik, Spektrum der Wissenschaft, phantastisch! und anderen. Als Journalist oder Redakteur schreibt er seit Jahren für den Tagesspiegel, Tip Berlin, Geek!, Panini Comics, diezukunft.de und viele mehr. Für seine Arbeiten wurde er bereits mit dem Deutschen Phantastik Preis, dem Kurd Laßwitz Preis und dem Literaturpreis Klimazukünfte 2050 ausgezeichnet.
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NARVILA


In wenigen Augenblicken werden die das Waldstück mit dem Blut, den Gedärmen und der Reue ihrer Gegner fluten.

Aber der Reihe nach.

Noch ist es friedlich auf der Straße, die zwischen zwei flachen, baumbewachsenen Böschungen liegt.

Narvila und die anderen vier sind wie üblich in lederne Hosen und Harnische gekleidet. Die Söldnerinnen haben den Auftrag, König Larnushkis Tochter Tiarlak zum Kloster von Ouduurm zu eskortieren. Dort soll diese vor ihrer anstehenden Hochzeit von den Göttern gesegnet werden, für eine glückliche und, machen wir uns nichts vor, vor allem fruchtbare Ehe, die möglichst bald einen Erben hervorbringt.

Tiarlak reist mit drei Zofen in einer quietschenden großen Kutsche voller Bequemlichkeit, die von sechs Pferden gezogen wird. Der blasse, schnurrbärtige Diener, der das Gefährt lenkt, hätte seinem mürrischen Verhalten nach sicher männliche Söldner als berittenen Geleitschutz bevorzugt.

Ob ihm das schmeckt oder nicht, neben und hinter der Kutsche reiten jetzt nun mal die :

Aiby, an der alles mächtig ist, angefangen bei ihren Muskeln, ihren verfilzten roten Zöpfen, ihrem ärmellosen Harnisch, ihrer riesigen Axt und ihren Tätowierungen nach Hochland-Art am ganzen Körper, die fast kein Weiß mehr durchscheinen lassen.

Decanra, die fingerlose Handschuhe und zu den diversen Rüstungsteilen als Einzige einen Kapuzenumhang trägt, der tiefbraune Haut, eine schwarze Mähne, eine endlose Zahl Wurfmesser und einen geschwungenen Krummsäbel aus den Juwelenstädten jenseits der Wüste verhüllt.

Cinn, bleich, klein und knochig, das kurze, an den Seiten abrasierte Haar weiß wie der Schnee im eisigen Norden, die Augen stechend hellblau, die bandagierten Hände für sich schon Waffen und dennoch stets an den Heften zweier Dolche.

Mef, mit ihrem auf den Rücken geschnallten Schwert, dem wallenden weizenfarbenen Haar und der Bräune von See und Tropensonne, deren lange Gliedmaßen in Handschuhen und Stiefeln mit Stulpen stecken und die bei jedem Grinsen eine Narbe zwischen Mundwinkel und Ohr tanzen lässt.

Und natürlich Narvila, in Sachen Statur und Haut Cinn näher als den anderen, ihre Schwertlanze hinter sich, die braunen Strähnen ungleichmäßig auf Kinnhöhe abgeschnitten – wie seit jenem Tag, an dem sie ihre Heimat Besgios samt ihrer königlichen Familie verlassen hat, um sich den anzuschließen.

Nicht dass etwas davon den schlecht gelaunten Arsch von Kutscher beeindrucken würde.

Wenigstens König Larnushkis Tochter scheint von ihrer Eskorte aufrichtig begeistert zu sein.

»Ich wünschte, ich wäre so mutig wie ihr!«, sagt Tiarlak gerade zu Narvila, die auf ihrem Schimmel neben dem geöffneten Kutschenfenster reitet und mit ihrer Schutzbefohlenen plaudert.

»Wollt Ihr denn eine Söldnerin werden, Hoheit?«, fragt Narvila schmunzelnd.

»Das könnte ich nie!« Prinzessin Tiarlak wirkt, als sei allein der Gedanke an solch einen Lebenswandel, solch einen Wandel ihres Lebens, vollkommen absurd. Tiarlak, nur unwesentlich jünger als Narvila und die anderen , hat ein herzförmiges hellbraunes Gesicht, schmale dunkle Augen, eine Stupsnase und das schwarze Haar zu einem Zopf geflochten. Sie trägt ein modisch geschnittenes rotes Kleid, wie Narvila lange keines mehr angehabt hat – sie vermisst es nicht. »Aber mir macht ja schon der Gedanke an die Priesterinnen im Kloster Angst«, fährt Tiarlak fort. »Von den Göttern ganz zu schweigen. Und ich könnte mir so die Haare schneiden lassen!«

Tiarlak und ihre Zofen kichern angesichts der Vorstellung.

Narvila, die sich die Haare regelmäßig selbst mit einem Dolch absäbelt, nickt.

Sie weiß, was die baldige Braut meint.

Was die Leute sehen, wenn sie die betrachten, oder denken, sobald sie Narvilas Geschichte hören.

Narvila ist noch gar nicht so lange Teil der Truppe aus ehemaligen Thronerbinnen, denen das Schicksal einen anderen, blutigeren Pfad bestimmt hat – die gegen Bezahlung adelige Damen und andere Menschen in Nöten befreien, bewachen oder beschützen und darüber hinaus alle möglichen gefährlichen Aufträge annehmen, sich Mistkerlen und Monstern stellen, Bestien und Bastarden einheizen.

»Was war das Furchteinflößendste, gegen das ihr je kämpfen musstet?«, fragt Prinzessin Tiarlak Narvila da wie aufs Stichwort, und ihre Zofen lauschen schamlos.

Der Diener auf dem Kutschbock grunzt verächtlich.

Narvila ignoriert ihn und denkt an all die Gesetzlosen, Kultisten, Satyrn, Ghule, Drachen, Riesen, Kobolde, Untoten, Schattenkatzen und Oger, denen sie als bis jetzt schon ins Auge geblickt hat.

Und natürlich an die finstere Gottheit, deren Tentakel sich bis in ihre Welt gerankt haben.

Trotz der illustren Auswahl will Narvila eigentlich erwidern, dass ihre anerzogenen Hemmungen und erlernten Selbstzweifel die schlimmsten Übel gewesen sind, die sie teils noch heute immer wieder aufs Neue bekämpfen muss.

Diese Erwiderung würde Tiarlak und ihren Zofen mehr als spektakulär-schaurige Monstermärchen bieten.

Doch just als Narvila zu ihrer Antwort ansetzt, tut sich vor den Zugpferden und der Kutsche die Erde auf.

Aus einer bis eben noch von Zweigen und Laub verdeckten Grube mitten auf der Straße springt eine Handvoll schreiender Männer mit Schwertern, Dolchen, Messern und Beilen.

Die angeschirrten Pferde wiehern erschrocken, der maulfaule Diener zerrt plötzlich beredt fluchend an den Zügeln, Tiarlak und ihre Dienerinnen kreischen, und das von den bewachte Gefährt kommt schlingernd zum Stehen.

Eine Wurfaxt trifft den Kutscher im Gesicht und bleibt darin stecken. Der Mann kippt seitlich vom Bock.

Auch aus dem Wald links und rechts der Straße stürmen nun waffenschwingende Banditen, jeweils ein halbes Dutzend.

Narvila holt in einer Bewegung, die ihr in Fleisch und Blut übergegangen ist, ihre Schwertlanze vom Rücken. Ihr Herz klopft wild, aber das tut es vor jedem Angriff, jedem Kampf und jeder Auseinandersetzung, daran hat sie sich mittlerweile gewöhnt.

Das gehört dazu.

Ohne würde ihr sogar etwas fehlen.

Es bringt sie in die richtige Stimmung.

»Ich wusste, dass wir beobachtet werden«, sagt Cinn auf der anderen Seite der Kutsche seelenruhig und zügelt ihren Rappen. Ihr rauer Akzent schleift die Kanten aller Buchstaben.

»Und wieso hast du nichts gesagt?«, fragt Aiby schnaubend, während sie neben Cinn ihren stattlichen Braunen in Position bringt, um den Angreifern zu begegnen. »Macht die Fenster zu und verriegelt die Läden, Hoheit«, weist die Anführerin der Tiarlak außerdem an.

Cinn zückt ihre Dolche. »Was hätt’s geändert? Wir erwarten doch immer Ärger.«

»Aye …«, pflichtet Aiby ihr gedehnt bei und nimmt ihre schwere Axt in beide Hände, die ebenfalls bis zu den abgebrochenen, dreckigen Fingernägeln tätowiert sind.

Mef kommt unterdessen auf ihrem Falben nach vorn zu Narvila geritten. »Ich frag mich, wie lang die da unten in ihren eigenen Fürzen gehockt haben«, sagt sie und zieht ihr Schwert.

Hinter ihnen klettert Decanra leichtfüßig von ihrem Grauen aufs Dach der Kutsche und schleudert mehrere Wurfmesser auf die heranstürmenden Wegelagerer aus der Grube. Ihre Klingen bohren sich in Wangen, Augen, Nasen und Hälse. Vier der fünf Männer stürzen schreiend und blutend zu Boden. Decanra hüpft indes wehenden Umhangs auf die Straße, um den letzten Kerl aus der Drehung heraus mit dem Säbel niederzumachen.

»Wär’n sie mal besser da unten geblieben«, sagt sie anschließend.

Da prallen die ersten Banditen von links auf Narvila und Mef.

Stahl trifft klirrend auf Stahl.

Mef treibt ihre Waffe von oben durch Schädel und Hals eines Kerls bis tief in dessen Brust. Blut schwappt aus dem weit aufgerissenen Mund des Mannes. Ein zweiter Angreifer bekommt Mefs Stiefelspitze zu fressen und roten Stahl hinterher.

Auch Narvila lässt ihre Schwertlanze herabsausen, eine breite Klinge am Ende eines langen Metallschafts. Einer der Wegelagerer greift sich gurgelnd an die Kehle und die geöffnete Halsschlagader, ein anderer kreischt und starrt nur noch ausdruckslos auf die Stümpfe, wo eben noch seine Hände gewesen sind und nun zwei Blutfontänen...


Christian Endres lebt als freier Autor in der Nähe von Würzburg. Er schreibt Romane, Kurzgeschichten, Essays, Kritiken und Comic-Editorials. Seine Storys erscheinen regelmäßig in c't – magazin für Computertechnik, Spektrum der Wissenschaft, phantastisch! und anderen. Als Journalist oder Redakteur schreibt er seit Jahren für den Tagesspiegel, Tip Berlin, Geek!, Panini Comics, diezukunft.de und viele mehr. Für seine Arbeiten wurde er bereits mit dem Deutschen Phantastik Preis, dem Kurd Laßwitz Preis und dem Literaturpreis Klimazukünfte 2050 ausgezeichnet.



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