E-Book, Deutsch, 325 Seiten
Engel Familie Kuckuck wandert aus
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7427-2938-5
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roadtrip mit zwei Frauen, drei Kindern und einem Stinktier
E-Book, Deutsch, 325 Seiten
ISBN: 978-3-7427-2938-5
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sabine Engel hat selbst vier Jahre lang eine Garden Level Suite in Vancouver bewohnt und einen uralten Straßenkreuzer gefahren, der so breit war, dass ihre Ski quer hineinpassten. Sie hat in den Rocky Mountains gezeltet, wilde Bären gesehen und nichts so sehr vermisst wie Brot mit Kruste. Heute lebt sie mit ihrer Familie und einem zuverlässigen aber weniger coolen Auto bei Berlin. Jeden Tag gibt es deutsches Brot, aber manchmal vermisst sie Kanada doch.
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Sorry, not Australia
„Nix Kanada! Australia! Wir wollen nicht durch den Zoll, wir reisen weiter nach Australien!“
Ich stehe mit meinen drei Kindern fröstelnd vor einem künstlichen Wasserfall und zwei riesenhaften Holzkriegern in der grün getünchten Ankunftshalle des Vancouver International Airports. Sogar der Teppichboden ist grün. Er schluckt die Schritte und die Gespräche der wartenden Menschen, sodass das melodische Plätschern des Wassers jeden Reisenden freundlich willkommen heißt. Idylle pur, bis auf Beas Stimme, die quer durch die Halle schallt. Meine beste Freundin steht in ihrem alten Parker und zerschlissenen Jeans vor mir am Pult des kanadischen Grenzbeamten und redet mit gebrochenem Englisch, dafür aber umso mehr Temperament auf den armen Mann in seiner ebenfalls grünen Uniform ein. Der Gute scheint unter seiner Jacke zu schwitzen, was angesichts der arktischen Temperaturen, die die Klimaanlage durch den Raum pustet, beachtlich ist. Bea jedoch hat wenig Mitleid. Ihr bunter Schal flattert mit jeder Bewegung ihrer Hände dicht vor seiner Nase auf und ab, und ihre nach dem Überseeflug widerspenstig abstehenden Locken zittern bedrohlich. Sie erinnert mich an eine explosive Mischung aus Pippi Langstrumpf und Orlando Bloom.
„Victoria, Aus-tra-li-a!“, wiederholt sie zum dritten Mal und klopft dazu im Takt auf unsere Flugtickets, die neben den Pässen auf dem Pult liegen.
„Mami, ich bin müde“, quengelt Tim an meiner Hand. Mit seiner anderen drückt er den Plastikhai an seine Brust, den er letzte Woche von Björn zu seinem fünften Geburtstag bekommen hat. Die blaue Schirmmütze, ebenfalls ein Geschenk seines Vaters, hängt ihm ein wenig schief über den Augen.
„Wieso müssen wir unsere Pässe zeigen?“, fragt Stina und versucht vergeblich ein paar Haare, die sich in ihrer Brille verfangen haben, zu entknoten. „Ich dachte, wir steigen nur um.“
„Bea hat es verbockt!“, zischt Jana. Mit ihren dreizehn Jahren spricht sie bereits so viel Englisch, dass ich mir jede alternative Erklärung sparen kann.
„Ich will zu Papa!“ Die Panik in Stinas Stimme ist nicht zu überhören. Vielleicht ist es an der Zeit einzuschreiten.
„Stina, nimm deinen Bruder. Es ist bestimmt nur ein Missverständnis.“ Ich schließe Jana kurz in meine Arme und streichle über ihren Kopf. Wie alle meine Kinder, hat sie glänzende honigblonde Haare. Woher, ist mir ein Rätsel. Björn hat dunkle Stoppeln, und meine Haare erinnern eher an Sand, in Farbe und Konsistenz. „Mach dir keine Sorgen, mein Schatz. Heute Abend sitzen wir alle zusammen in Australien am Strand und lachen darüber“, flüstere ich beschwörend, auch um mir selbst Mut zu machen.
Seufzend schiebe ich mich zum Pult des Grenzbeamten vor, dabei würde ich mich am liebsten verkriechen. Ich bin seit über zweiundzwanzig Stunden auf den Beinen. Die Haut in meinem Gesicht spannt wie sprödes Gummi. Mir ist kalt. Ich bin hundemüde. Und ich will endlich in die Sonne. Trotzdem versuche ich ein verbindliches Lächeln: „Wo ist denn das Problem?“
„Ma’am, your tickets are issued to Victoria.“
Ja, das weiß ich. Unsere Tickets sind bis Victoria ausgestellt. Da wollen wir schließlich hin. Ab in die Wärme. In den südlichsten Süden Australiens. Wir müssen nur noch klären, wie wir den Anschlussflug erreichen. Langsam drängt die Zeit.
„Sir, would you help us, please?“, probiere ich es höflich.
„Der versteht uns nicht! Sagt immer nur ‚sorry‘ und ‚not Australia‘“, flüstert Bea hinter meinem Rücken. „Das weiß ich auch, dass hier Kanada ist. Ich bin ja nicht blöd.“
„Vielleicht würde er uns besser verstehen, wenn wir es mal mit Englisch versuchen“, wispere ich zurück und wende mich wieder an den Mann am Pult.
„Kann ich aber nicht!“ Bea ist offensichtlich verstimmt.
„Yes, sir, I understand. Victoria. Könnten Sie uns nur zeigen, wie wir zum Gate kommen“, bitte ich in meinem allerbesten Englisch.
Der gute Mann atmet tief durch, als würde er einem Kleinkind zum fünften Mal erklären, dass es nie, wirklich niemals die ganze Rolle Toilettenpapier in die Kloschüssel werfen darf. Ich kenne das Gefühl, immerhin habe ich schon meine eigenen Kinder durch dieses Alter manövriert, finde aber, dass er hier maßlos übertreibt. Bea kann ziemlich anstrengend sein. Ihr Englisch ist eine Katastrophe. Aber wahrscheinlich ist sie in ihrer Euphorie nur in die falsche Richtung gestürmt, sodass wir statt am Gate vor der Einwanderungskontrolle gelandet sind. Das kann schließlich jedem passieren.
„Ms …“ Der Mann wirft einen Blick in meinen Pass. „Ku…, Kuku…“
„Kuckuck. Jule Kuckuck.“
„Yes, Ms Kuckuck. Sie müssen zuerst hier, in Vancouver, durch die Immigration, dann mit ihrem Gepäck durch den Zoll und weiter zum Terminal für Inlandsflüge“, erklärt er.
Zumindest glaube ich, dass er das sagt, nur macht es keinen Sinn. Meines Wissens ist Australien, abgesehen von einem gemeinsamen Königshaus, unabhängig von Kanada und dem restlichen Commonwealth, weshalb ich unser Gate bei den internationalen Flügen erwarte. Irgendetwas läuft hier schief. Ich versuche es also noch einmal.
„Aber wir möchten nach Australien.“
„Dann hätten Sie besser auch Tickets nach Australien gebucht.“ Täusche ich mich oder huscht gerade ein Grinsen über sein strenges Gesicht? Dieser Staatsdiener muss einen eigenartigen Humor haben. Sicher kanadisch.
„Das habe ich doch!“
Mein Gegenüber schüttelt langsam den Kopf, tippt auf ein paar Buchstaben auf dem Flugticket und sagt mit einem beunruhigenden Glucksen in der Stimme: „YYJ, sehen Sie das?“
Ich nicke verunsichert.
„Das ist der Buchstabencode für Victoria Airport, ein kanadischer Flughafen. Das erkennt man sofort am Y. Ihre Tickets enden in Kanada.“
„Victoria in Kanada?!“
„Yes, Ma’am, Victoria BC, die Hauptstadt der Provinz British Columbia. Und Sie sollten sich beeilen. Ihr Flug geht in 30 Minuten.“ Er grinst tatsächlich.
Verwirrt drehe ich mich zu Bea um, die plötzlich merkwürdig unbeteiligt ihre Hände betrachtet.
„Ich glaube, ich habe mir eben einen Nagel eingerissen“, murmelt sie.
„Mami, was sagt der Mann?“, piepst Tim.
„Das ist jetzt nicht wahr, oder? Mam! Ich habe allen erzählt, dass ich nach Australien ziehe“, kreischt Jana.
„Geht es dir nicht gut, Mami?“, höre ich Stinas Stimme durch das Geschrei ihrer großen Schwester.
„Doch, doch, mein Schatz“, antworte ich tapfer und zwinge meine plötzlich butterweichen Knie zur Ordnung. „Jana, mach dir keine Sorgen. Alles wird gut!“
Der Grenzbeamte ist nun offensichtlich in bester Stimmung. „Mit deutschen Pässen dürfen Sie sich ein halbes Jahr im Land aufhalten“, verkündet er gut gelaunt. Das Grinsen auf seinem Gesicht erreicht fast seine Ohrläppchen. Sogar sein Bauch zuckt verdächtig. „Welcome to Canada, Ma’am!“ Er schnalzt laut, knallt seinen Stempel auf die Papiere und schiebt uns unsere Pässe zurück. Dann winkt er die Nächsten heran.
Ein betagtes amerikanisches Pärchen, beide mit weißen Stirnkappen und Turnschuhen, walzt sich eine Entschuldigung murmelnd an mir und den Kindern vorbei.
„Du, Jule, lass uns mal einen Schritt weitergehen. Ich glaube, wir stehen hier im Weg“, flötet Bea und winkt den Kindern, ihr zu folgen. „Ich muss auch mal dringend wohin.“
Entgeistert trotte ich hinter meiner Freundin her, die bereits voran zum Gepäckband rauscht.
„Wie schön, da sind schon meine Koffer!“, ruft sie begeistert. „Wie schnell die hier sind in Kanada. Da kann man nicht meckern. Jana, kannst du ein Auge auf mein Gepäck werfen? Ich bin gleich wieder da.“ Damit düst sie davon.
Doch mittlerweile habe auch ich mich wieder gefangen. „Jana, Stina, Tim, ihr wartet hier“, rufe ich knapp und stürme Bea hinterher.
Kurz vor den Kabinen der natürlich grün gekachelten Damentoilette hole ich sie ein.
„Ach, Jule, musst du auch?“ Bea schaut mir aus großen blauen Augen entgegen.
„Kanada?“, schreie ich so laut, dass mir sofort die Kehle brennt. Vielleicht liegt das aber auch an der schrecklichen Klimaanlage. „Das ist wohl ein Scherz!“
Eine zierliche Frau in einem blauen Sari lugt erschrocken aus einer der Türen und stürzt dann, ohne sich die Hände zu waschen, ins Freie.
„Was meinst du?“ Bea versucht tatsächlich, ihre Unschuldsnummer durchzuziehen.
„Wieso hast du unsere Flüge umgebucht?“
„Aber das weißt du doch! Damit wir alle zusammen reisen konnten.“
„Nur wollten wir, die Kinder und ich, nach Australien!“
„Du, ich hatte mich auch schon gewundert, warum die Tickets plötzlich nur noch halb so teuer waren. Aber ich habe gedacht, es liegt an der Verbindung.“
„Tut es auch! Weil die Verbindung nach Victoria, Kanada, nämlich nur halb so weit ist wie die nach Victoria, Australien.“
„Ja, das könnte der Grund sein.“ Bea sieht sich im Waschraum um. Offensichtlich sucht sie nach einer guten Rückzugsstrategie. „Dann hast du ja die Antwort. Warum regst du dich also auf? Das macht ganz fürchterliche Falten.“
„Ich rege mich auf, weil ich Pläne habe. Ich will ein Praktikum machen, ich will endlich wieder in meinen Beruf einsteigen.“
„Der hat dir doch schon vor den Kindern nicht gefallen.“
„Darum geht es nicht.“
„Ach“, Bea strahlt mich an. „Dann machst du das Praktikum...




