E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Engelhardt Heiliger Krieg - heiliger Profit
2. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86284-334-3
Verlag: Ch. Links Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Afrika als neues Schlachtfeld des internationalen Terrorismus
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-86284-334-3
Verlag: Ch. Links Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Woher kommen diese Terroristen, warum sind sie so erfolgreich - und wie finanzieren sie sich? Marc Engelhardt weist nach, dass Ideologie und Religion oft zweitrangig geworden sind. Söldnertum gehört ebenso zu den Geschäften der Terroristen wie Piraterie, Drogen- und Menschenhandel oder Kidnapping. Eine neue Form der organisierten Kriminalität ist entstanden.
Der langjährige Afrika-Korrespondent verbindet eigene Recherchen mit Experteninterviews und Analysen. Sein Überblick reicht vom westafrikanischen Narkostaat Guinea-Bissau über die Boko-Haram-Bewegung in Nigeria bis zur millionenschweren Schmuggelindustrie von al-Shabaab in Somalia. Ein fundiertes und packend geschriebenes Grundlagenwerk zum neuen Terror in Afrika.
Jahrgang 1971, lebt in Genf und berichtet seit 2011 als freier Korrespondent für Hörfunk, Print und Fernsehen über die Vereinten Nationen. Davor war der studierte Geograf, Meeresbiologe, Jurist und Philosoph zwischen 2004 und 2010 von Nairobi aus als Afrika-Korrespondent tätig. Langjähriger Vorsitzender des Netzwerks Weltreporter, Verfasser und Herausgeber zahlreicher Bücher. Im Ch. Links Verlag ist u.a. 'Heiliger Krieg - heiliger Profit. Afrika als neues Schlachtfeld des internationalen Terrorismus' (3. Auflage 2016) erschienen. Seine Homepage: marcengelhardt.blog.
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Vorwort
Am 20. November 2015, einem Freitag, beginnt der Gärtner vor dem Radisson Blu-Hotel in Malis Hauptstadt Bamako wie jeden Morgen bei Sonnenaufgang mit seiner Arbeit. Das Radisson gilt als eine der bei Ausländern beliebtesten Unterkünfte. Es hat einen Fitnessraum, einen Pool und auch sonst alle Annehmlichkeiten einer Luxusherberge. Um sieben Uhr, eine Stunde nach Tagesbeginn, füllen sich die Straßen in Bamakos Regierungsviertel nur langsam. Deshalb fällt es dem Gärtner auf, als ein Wagen mit Diplomatenkennzeichen an der Sicherheitsabsperrung vor dem Hotel durchgewunken wird. Er hat kaum Zeit, sich darüber zu wundern. Sekunden später springen maskierte Männer aus dem Fahrzeug, verletzen mit ihren Schusswaffen die zwei Wächter vor dem Hoteleingang und schießen dann in der Lobby um sich. Während der Gärtner und andere Angestellte in Panik fliehen, verschanzen sich die Kämpfer einer islamistischen Terrorgruppe in den oberen Stockwerken. Zeitweise haben sie 170 Geiseln in ihrer Gewalt. Am Ende des Tages stürmen malische Soldaten mit Hilfe von französischen und amerikanischen Elitetruppen das Hotel, mehr als 20 Menschen sterben. Es ist der bislang tödlichste Terrorangriff in Malis Hauptstadt, die früher einmal als eine der sichersten Städte Afrikas galt. Auch weil der Terrorangriff eine Woche nach einer Serie von Attentaten mit 130 Toten in Paris stattfindet, sorgt er weltweit für Aufsehen.
Es ist ein weiteres Mal, dass afrikanische Terroristen Schlagzeilen machen. Ihre Anschläge, Überfälle und Entführungen beschäftigen immer häufiger Politik und Öffentlichkeit. Als die nigerianische Bewegung Boko Haram am 15. April 2014 mehr als 240 Schülerinnen aus dem Norden Nigerias entführte, forderten Hunderttausende weltweit über den Kurznachrichtendienst Twitter »#bring-backourgirls« (bringt unsere Mädchen zurück) – eine Kampagne nigerianischer Mütter, an der sich selbst die US-amerikanische First Lady Michelle Obama beteiligte. Andere Attentate bleiben oft unbemerkt. Fast täglich ereignet sich irgendwo südlich der Sahara ein Anschlag, für den eine von Dutzenden Terrorgruppen verantwortlich zeichnet. Die meisten von ihnen behaupten, für einen mittelalterlich anmutenden Gottesstaat zu kämpfen. Al-Qaida und der sogenannte Islamische Staat (IS) heizen die Gewalt der Gruppen direkt oder indirekt an, dienen als Vorbild oder knüpfen enge Verbindungen. Nicht etwa der IS in Syrien und im Irak, sondern Boko Haram hatte nach Angaben des Global Terrorism Index 2014 die meisten Menschenleben auf dem Gewissen. Mehr als 6600 Tote gingen auf ihr Konto, mehr als drei Viertel der Opfer waren Zivilisten. Die Auswirkungen dieser brutalen Gewalt reichen bis nach Deutschland. In Somalia, in Mali, dem Sudan oder der Zentralafrikanischen Republik waren oder sind deutsche Soldaten direkt am Kampf gegen Terrorgruppen beteiligt. Auch deutsche Islamisten zieht es nicht nur nach Syrien, sondern auch nach Afrika, um sich den dortigen Terroristen anzuschließen.
Seit zehn Jahren berichte ich aus und über Afrika. Doch Afrika gibt es nicht, wie mein Korrespondentenkollege Georg Brunold schon vor vielen Jahren richtig schrieb. Tatsächlich unterscheidet sich der Terror, dessen Folgen ich in Somalia, Mali, Nigeria und anderswo gesehen habe, so sehr wie die Länder und die dort lebenden Menschen. Und doch: Manches gleicht sich auch. Terrorgruppen gewinnen überall auf dem Kontinent an Einfluss. Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQMI), die somalische Shabaab oder Boko Haram in Nigeria versetzen ganze Länder in Angst, um ihre Ziele zu erreichen. Dabei gehören diesen Gruppen oft nur wenige Hundert, maximal ein paar Tausend Menschen an. Die Verbreitung von Furcht ist eine Strategie der Schwäche. Terror ist das Mittel der Wahl für Gruppen, die im offenen Krieg oder gar bei einer demokratischen Wahl unterliegen würden. Ihre Drohung, jederzeit an jedem Ort ohne Rücksicht auf Verluste zuzuschlagen, verschafft ihnen Macht und untergräbt zugleich den Schutzanspruch des Staates.
Die von den Terroristen verbreitete Angst reicht weit über Afrika hinaus. Dass afrikanische Terrorgruppen Europa bedrohen, davor hat außer der EU auch schon die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel gewarnt. Die Furcht ist groß, dass Islamisten quasi in unmittelbarer Nachbarschaft zu Europa sichere Rückzugsräume erobern, um von dort nach Norden vorzustoßen. Die derzeit zu beobachtenden Gefahren sind indes andere, nicht minder dramatische: die zunehmende Militarisierung einer ohnehin vernachlässigten Region und der Zusammenbruch ganzer Staaten; Verarmung, massive Menschenrechtsverletzungen, massenhafte Vertreibung und Flüchtlingstrecks vor allem in die Nachbarländer, aber zunehmend auch nach Europa. Mit der wachsenden Terrorherrschaft droht der Traum vom aus der Armut aufstrebenden afrikanischen Kontinent zu platzen, bevor er richtig begonnen hat.
Deshalb tun europäische Politiker tun gut daran, den Terror in Afrika zu fürchten, obwohl afrikanische Islamisten sich (anders als oft dargestellt) nicht auf dem Marsch nach Europa befinden. Auch sind sie viel seltener ideologisch verblendet, als man glauben mag. Ich habe im Gegenteil erlebt, dass wirklich ideologischer Terrorismus eine Seltenheit ist. Sicher, es gibt sie, die Islamisten, die für ein globales Kalifat kämpfen, oder Extremisten, die für das Primat ihrer Volksgruppe Terror verbreiten. Viele von ihnen sind Mitläufer. Was die Terrorgruppen nach meiner Erfahrung vor allem antreibt, zumal an ihrer Spitze, ist aber etwas ganz anderes: das Geschäft.
Längst sprechen Politologen vom »symbiotischen Terrorismus«, der Verquickung von Terrorismus und organisierter Kriminalität. In manchen Fällen arbeiten terroristische Gruppen mit der organisierten Kriminalität zusammen, etwa im Drogenhandel, wie sich in Westafrika zeigt. Doch oft praktizieren Terroristen die kriminellen Geschäfte gleich selber, ob als Schmuggler, Schleuser, Entführer, Auftragsmörder, Waffenschieber oder Geldwäscher. Von der Privatisierung des Terrorismus ist die Rede, einem Terrorismus, der sich selbst finanziert. Doch wenn man den Terror in Afrika genau beleuchtet, dann stellt sich zwangsläufig die Frage, ob die Kriminalität ein Mittel zur Förderung des Terrors ist – oder nicht doch eher der Terror ein Mittel zur Förderung des kriminellen Geschäfts. Ich bin der Überzeugung, dass Letzteres der Fall ist. Die Front des Terrors erleichtert kriminelle Machenschaften und spiegelt hehre Ziele vor, wo keine sind. Für den islamistischen Kampf lassen sich leichter Mitstreiter gewinnen als für den Kampf um Geld und um Ressourcen, die sich zu Geld machen lassen. Sektenführer können davon ein Lied singen. Ideologie erscheint mir für die terroristischen Gruppen, die ich Ihnen in den folgenden Kapiteln vorstellen will, allenfalls zweitrangig zu sein. Ihr heiliger Krieg ist oftmals scheinheilig.
Auf den folgenden Seiten beschreibe ich auch, wie die Ausbeutung afrikanischer Ressourcen durch europäische Staaten, die USA und China den Terroristen in die Hände spielt. Diktatoren und Autokraten können ungestraft walten, solange ihre Schutzmächte von ihnen profitieren. In manchen Ländern unterscheidet sich der staatliche Terror kaum von dem der Terroristen. Das treibt Terrorgruppen Unterstützer zu, die glauben, schlimmer könne es ohnehin nicht werden. Unterschlupf für Terrorgruppen gibt es in Afrika genug. In vielen Ländern ist der Staat nicht willens oder in der Lage, sein Territorium und die dort lebenden Bürger zu schützen. Diese rechtsfreien Räume werden zunehmend von Terrorgruppen als Basis für ihre illegalen Geschäfte genutzt. Doch sie dienen auch westlichen Staaten als Basen im »Anti-Terror-Krieg«, mit dem sie ihrerseits eigene Ziele verfolgen.
Ich beschäftige mich mit dem Terror in Afrika (vor allem südlich der Sahara), weil ich die Region gut kenne – aber auch, weil die strategische Bedeutung Afrikas ständig wächst. Europa kann kein Interesse daran haben, dass immer mehr afrikanische Staaten zu Unrechtsstaaten werden, in denen kriminelle Terrorgruppen den Ton angeben. Die international vernetzte Kriminalität bedroht zudem tatsächlich auch Europa.
In diesem Buch möchte ich Sie mitnehmen auf eine Reise quer durch Afrika, von Somalia ganz im Osten bis nach Guinea-Bissau im Westen. Dabei möchte ich Ihnen einen Eindruck vom Terror in Afrika, seinen Hintergründen und auch den Umständen geben, in denen er wächst und gedeiht. Doch bitte bedenken Sie: Auch wenn es in einem Buch über Terror und Kriminalität erwartungsgemäß düster zugehen kann, so soll das nicht heißen, dass es keine Lichtblicke gibt. Afrika ist ein Kontinent, auf dem es nicht nur Not, Leid und Gewalt gibt (wie in Europa übrigens auch), sondern auch unermesslich viel Kreativität, Aufbruch und Hoffnung. Ich glaube nicht, dass Afrika sich kampflos dem Terror ergeben wird, ganz im Gegenteil.
Viele der in diesem Buch erzählten Geschichten habe ich selbst erlebt, war vor Ort, habe mit Opfern und Tätern gesprochen, habe gesehen, gerochen und geschmeckt, wie der Terror das Leben in Afrika beeinträchtigt. Anderes habe ich nach bestem Wissen rekonstruiert und mich dabei an das gehalten, was mir Augenzeugen, Berichterstatter und andere Informanten geschildert haben. Es liegt in der Natur des Themas, dass nicht alle Quellen genannt werden möchten oder auch nur erscheinen wollen. Ich bin ihnen dennoch ausnahmslos zu großem Dank verpflichtet. Mein Anspruch ist es, mit diesem Buch den Terror in Afrika möglichst umfassend darzustellen. Dazu gehört auch, dass ich Erkenntnisse und Analysen anderer Autoren aufgenommen und verarbeitet habe. Wo ich...




