Engler | Botanik des Wahnsinns | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 208 Seiten, DG (E-Content)

Engler Botanik des Wahnsinns

Roman | »Unwiderstehlich. Leichtfüßig und ernst, zärtlich und brutal, ironisch und ehrlich.« Siri Hustvedt
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7558-1129-9
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman | »Unwiderstehlich. Leichtfüßig und ernst, zärtlich und brutal, ironisch und ehrlich.« Siri Hustvedt

E-Book, Deutsch, 208 Seiten, DG (E-Content)

ISBN: 978-3-7558-1129-9
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als bei der Zwangsräumung der Wohnung seiner Mutter durch eine Verwechslung alles von Wert in die Müllverbrennungsanlage wandert, bleibt dem Erzähler wortwörtlich nur der Abfall der eigenen Familiengeschichte. Wie hat es so weit kommen können? Der Erzähler blickt auf die Biografie seiner Familie: ein Stammbaum des Wahnsinns. Die Großmutter bipolar, zwölf Suizidversuche, der Großvater Stammkunde in Steinhof, die Mutter Alkoholikerin, der Vater depressiv. Und er blickt auf seinen eigenen Weg: Eine Kindheit im Münchner Arbeiterviertel. Die frühe Angst, verrückt zu werden. Die Flucht vor der Familie ins entfernte New York. Jahre in Wien mit Freud im Kaffeehaus. Und wie er schließlich doch in der Anstalt landet - als Psychologe. Bei der Arbeit mit den Patienten lernt er, dass ein Mensch immer mehr ist als seine Krankheit, dass Zuhören wichtiger ist als Diagnostizieren. Vor allem aber muss er sich bald die Frage stellen, was das sein soll: ein normaler Mensch. Eine aus dem Ruder gelaufene Familienanamnese? Ein Schelmenroman? Ein Lehrstück in Empathie? Leon Englers Debüt ist all das und mehr, ein zärtlicher Befreiungsschlag, die Geschichte einer Versöhnung. »Ein fantastisches Buch - abgrundtief und doch tröstend. Hab's verschlungen.« DORIS DÖRRIE »Unwiderstehlich. Leichtfüßig und ernst, zärtlich und brutal, ironisch und ehrlich.« SIRI HUSTVEDT

LEON ENGLER wuchs in München auf und studierte Theater-, Film-, Medien-, Kulturwissenschaft und Psychologie in Wien, Paris und Berlin. Er veröffentlichte zahlreiche Theaterstücke, Hörspiele und Kurzgeschichten und wurde 2022 mit dem 3sat-Preis beim Bachmann-Wettbewerb ausgezeichnet. Er ist tätig als Autor, Psychologe und Dozent für Psychologie und Literarisches Schreiben. >Botanik des Wahnsinns< ist sein Debütroman.
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Die goldene Stunde

Die frühe weiße Sonne schien durch die schiefen Fensterläden und ließ ihr kaltes Morgenlicht über den abgewetzten Teppich kriechen, um ihn zu wecken.

Bucky lag auf dem Rücken, und seine Hüften schmerzten. Schmerzten wie die Hölle. Mittlerweile brannten seine Gelenkpfannen eigentlich ständig, wild lodernd, besonders die rechte. Es war schrecklich, qualvoll, schlimm in der Nacht und noch schlimmer am Morgen.

Der Schmerz wurde nur größer, wenn er sich auf seine bessere Seite rollte, also blieb er regungslos liegen. Das Brüllen in seinen Gelenken war barbarisch, und er nahm es persönlich. Wenn allein der Gedanke, aus dem Bett zu kommen, schon monumental schien, war die Vorstellung, um die halbe Welt zu reisen, eine Abstraktion, mit der er sich nicht befassen konnte, bevor er nicht wenigstens gefrühstückt, seinen ersten Kaffee getrunken, lange und ausgiebig geduscht, seine Tabletten genommen und einen zweiten Kaffee in sich hineingeschüttet hatte. Dann, erst dann, mochte er in Betracht ziehen, seinen Korpus aus den vier Wänden des kleinen, müden Hauses hinauszubewegen, das er seit vierzig Jahren sein Zuhause nannte.

Er stand auf der Warteliste. Sie nannten es das Prozedere, und offenbar war es Teil dieses Prozedere, dir dein Bein abzusägen und es dann wieder anzubringen. Manchmal auch beide.

Verflucht.

Allein beim Gedanken daran wurde einem schwindelig.

Wenigstens lenkten ihn die Hüftschmerzen von der Pein und Plage mit dem rechten Knie, dem Pochen seiner deformierten Knöchel und den Problemen mit seinem unteren Rücken ab, der sich mit frustrierender Regelmäßigkeit verklemmte. War das Feuer in seinen Hüftgelenken besonders übel, degradierte es all die anderen langjährigen Gebrechen zu elenden, aber unbedeutenden, aushaltbaren Beschwerden, die ihn jede für sich an eine harte Zeit in seinem Leben erinnerten. Was immer er tat, irgendein Schmerz füllte jede wache Minute.

Großbritannien war weit weg, lag in fast unbegreiflicher Ferne. Ein uraltes, von Nebelschwaden durchzogenes Königreich. So kam es ihm vor. Er dachte an holde Maiden und Ritter auf Pferden. Ein tiefer, uralter Ozean trennte ihn davon.

Und dann war da noch die Geschichte mit der Krankenversicherung. Wobei die Geschichte war, dass er keine hatte. Konnte er sich nicht leisten. Er konnte sich auch keine Reiseversicherung leisten, und es hieß, die wären da drüben medizinisch ganz anders aufgestellt. In England, so hatte er gelesen, durften alle, ob reich oder arm, in die gleichen Krankenhäuser. Umsonst. Umsonst. Sozialismus sagten sie hier dazu, eine derartige Menschlichkeit und Fairness wurde hier als das Böse gebrandmarkt, ihre Vertreter zu Vaterlandsverrätern und unpatriotischen Staatsfeinden erklärt. Wer hier nicht für sich selbst sorgen konnte, galt als mehr oder weniger wertlos, aber das Gute war, dass es jeder nach oben schaffen konnte, wenn er sich nur richtig reinkniete und einen Haufen Kohle machte. Das war der hausgemachte Mythos, den sie den amerikanischen Traum nannten. Bucky nannte das Bullshit.

Er für seinen Teil musste ein Rezept einlösen.

Süße Erleichterung von seinem Schmerz war ihm immer nur in dem kurzen Zeitfenster vergönnt, wenn die letzte Tablette an Wirkung verlor und die nächste ihre Kraft entfaltete, doch dieser Zustand währte nicht lange, es war nur ein kurzes Aussetzen des fortdauernden Loderns tief in seinen Knochen. Er nannte dieses Zeitfenster die goldene Stunde.

In dieser goldenen Stunde war alles so, wie es einmal zu sein pflegte, als er jung und stark gewesen war, als die Hoffnung noch nicht komplett erodiert war und er nichts weiter brauchte als die Liebe einer anständigen Frau, um auch schwere Zeiten zu überstehen. Lange schon hatte er begriffen, dass das mehr bedeutete als Essen, Geld, Ansehen, Musik und Besitz, und mit Maybellene hatte er die Richtige gefunden. Es war eine Auszeichnung, sie zu kennen und mit ihr zusammen zu sein, bis zum Ende, bis die Räder nicht mehr weiterwollten, genau wie in dem Song. Seine Hüftschmerzen waren nichts verglichen mit dem Verlust seiner Frau und dem völligen Fehlen von Liebe in seinem Leben, das ihn in den Monaten nach ihrem Tod in einen schwarzen Strudel gerissen hatte. Dass Maybellene, die ihn verstanden und akzeptiert hatte, nicht mehr war, hatte auch Bucky weniger werden lassen, als wäre er ohne ihre Augen, die ihn betrachteten, ohne ihr tadelndes Lachen irgendwie weniger sichtbar. Geschrumpft war er und gealtert. An manchen Tagen fühlte es sich an, als verbliche er.

Auch fast ein Jahr nach ihrem Tod wurde es nicht leichter. Wenn überhaupt, schien die Last noch schwerer zu werden, jetzt, wo es wieder Herbst wurde, was ihn an jene finsteren letzten Tage erinnerte. Der Kalender war eine einzige verfluchte Erinnerung an Maybellenes rapiden Verfall.

»Verflucht«, sagte er zur Decke.

*

In der Apotheke hatte sich eine Schlange gebildet, und er fühlte das schmerzhafte Ziehen der Schwerkraft an seinem Körper. Manchmal kriegt es dich einfach, dachte er, ganz gleich, wie hart du dagegen ankämpfst. Manchmal zieht es dich einfach runter. Alt zu werden war eindeutig eine einzige große Scheiße. Ein Trauerspiel, und an manchen Tagen konnte ein Mann schon ins Grübeln kommen, was denn überhaupt noch der Sinn des Ganzen war. Es war so schwer, positiv zu denken, wenn es sich anfühlte, als wäre die Sonne ein für alle Mal verloschen.

Auf der Ladentheke stand ein altmodisches Glas mit Lakritzstangen. Raymond hatte heute Dienst, und Bucky nahm sich eine. Raymond war der Sohn einer Frau, mit der er in die Schule gegangen war. In jüngeren Jahren war Ray ein guter Footballspieler gewesen, mit fünfzehn schon gebaut wie ein Kleiderschrank, aber dann doch nicht so gut, dass es gereicht hätte. In jeder Stadt gab es ein paar gescheiterte Quarterbacks auf College-Niveau. Raymond hatte jedoch die richtigen Eltern und genug Grips, um sich von seinem Misserfolg nicht aufs falsche Gleis Richtung Verbitterung und Bedauern führen zu lassen – sich der Hätte-wäre-sollte-Fraktion anzuschließen, die er, Earlon »Bucky« Bronco, nur allzu gut kannte. Bucky steckte sich eine Lakritzstange in den Mund und lutschte daran. Nein, Ray hatte studiert und sich den Pillen verschrieben. Er hatte es richtiggemacht. Kluger Junge, Ray. Hatte einen klaren Kopf. Einen Plan. Und einen Abschluss.

Raymond war Apotheker bei Walgreens, seit Bucky hierhergehumpelt kam, weil seine Knochen ihn im Stich ließen. Das mussten jetzt etwa sieben Jahre sein. Höflich war er auch. Hatte sich immer nach Maybell erkundigt, wenn Bucky ihre Medikamente abholte. »Miss« hatte er sie immer genannt. Respektvoll.

»Und wie geht’s Miss Maybell?«

»Gut, mein Junge. Es geht ihr gut.«

»Sagen Sie ihr, dass ich nach ihr gefragt habe.«

Bucky arbeitete etwas Speichel in seine Lakritzstange. In letzter Zeit hatte sich der Ton bei Walgreens verändert. Die Schlangen waren länger, die Leute verstohlener. Auch jünger. Meist herrschte jetzt eine andere Energie vor. Einige von den Kids, die er sah, klapperten förmlich beim Gehen.

Verflucht.

Er sah sie da draußen, wie sie nervös hin und her hasteten und wuselten, immer auf was aus, auf der Suche nach neuen Tabletten mit neuen Namen. Ein paar von ihnen schienen ständig Flachbildschirmfernseher oder Koffer voller alter CDs mit sich herumzuschleppen oder ein winziges rosa Kinderfahrrad vor sich her zu schieben. Das, was die meisten Leute nicht kapierten, war, dass high zu werden und zu bleiben ein Fulltime-Job war. Die Arbeit eines Junkies.

Bucky rollte die Lakritzstange von einer Seite des Mundes in die andere. Er konnte diese Kids nicht verurteilen, ein, zwei von ihnen waren schon mal seine Rettung gewesen, als er ein paar Schlaglöcher mitgenommen hatte und selbst knapp dran gewesen war. Alle hier trugen ihre unausgesprochenen Traumata wie kleine Rucksäcke voller Steine auf dem Rücken. So war es nun mal. Es war Teil des Überlebens auf diesem endlosen Trip, den sie Amerika nannten, und es schien, als wären alle von irgendwas abhängig. Dass einiges davon legal und anderes nicht legal war, tat kaum was zur Sache.

In mancher Hinsicht war es heute wahrscheinlich härter als zu der Zeit, da er selbst so ein junges Greenhorn gewesen war. Das Leben war heute schneller, der Einsatz höher. Die Gefängnisse standen kurz vor dem Platzen. Vor ein paar Tagen hatte er in den Nachrichten gehört, ein großer Prozentsatz seiner Landsleute glaube, dass es in den nächsten ein, zwei Jahrzehnten wieder zu einem Bürgerkrieg kommen könnte. Bucky wusste nichts dagegen zu sagen.

Früher war das Straßenleben unauffälliger, man flog tiefer unterm Radar. Ein paar Drinks hier, was Nettes zu rauchen da und tanzen. Tanzen war alles gewesen. Hartes Zeug gab es kaum. Wer da drauf war, tanzte nicht. Ein paar Pillen, okay, die passten in die Soul-Szene, die brachten dich dahin, wo du sein musstest. Und Koks, damals, als er jung war? Vergiss es. Koks war was für die da oben, für die Stars. Außer Reichweite. Da hätte man gleich Kaviar schnupfen können. Später in den Siebzigern, klar. Aber nicht davor, nicht in den Sechzigern. Keine Pülverchen. Die Sache war, dass diese Dinge damals in seinen unschuldigen Jugendjahren selten ein Leben derart bestimmt hatten. So was machte man mal am Wochenende. Kein Grund, deswegen der Mutter die Perlenkette zu klauen.

Wenigstens dienten seine Tabletten heute einem Zweck. Sie brachten ihn auf die Beine und hielten ihn in Bewegung. Ja, Sir. Mobil, ja. Es funktionierte. Sie schenkten ihm ein oder zwei goldene Stunden. Eine schimmernde Oase in der endlosen Wüste des Schmerzes. Ein wenig von etwas war nun mal besser als ein...


Engler, Leon
LEON ENGLER wuchs in München auf und studierte Theater-, Film-, Medien-, Kulturwissenschaft und Psychologie in Wien, Paris und Berlin. Er veröffentlichte zahlreiche Theaterstücke, Hörspiele und Kurzgeschichten und wurde 2022 mit dem 3sat-Preis beim Bachmann-Wettbewerb ausgezeichnet. Er ist tätig als Autor, Psychologe und Dozent für Psychologie und Literarisches Schreiben. ›Botanik des Wahnsinns‹ ist sein Debütroman, mit dem er auf der Shortlist für den aspekte-Literaturpreis stand.



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