E-Book, Deutsch, 800 Seiten
Carter Amerigo Jones
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-03855-279-6
Verlag: Limmat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 800 Seiten
ISBN: 978-3-03855-279-6
Verlag: Limmat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Vincent O. Carter (1924 bis 1983) wuchs in bescheidenen Verhältnissen in Kansas City auf. 1944 wurde er in die US-Armee eingezogen und war in Frankreich stationiert. Zurück in den USA, studierte er mit Unterbrüchen, arbeitete als Koch und in einer Automobilfabrik. Danach kehrte er nach Europa zurück und liess sich nach Aufenthalten in Paris, Amsterdam und München 1953 in Bern nieder, wo er Radiosendungen schrieb und moderierte, Englisch unterrichtete und malte. Pociao studierte Anglistik und Germanistik, Aufenthalte in London und New York, gründete einen eigenen Verlag. Sie übersetzte u.?a. Paul und Jane Bowles, Gore Vidal, Zelda Fitzgerald, Patti Smith und Evelyn Waugh. 2017 gewann sie den DeLillo-Übersetzungswettbewerb. Roberto de Hollanda wuchs in Südamerika und Europa auf, studierte Politikwissenschaften und Soziologie, schreibt Drehbücher, macht Dokumentarfilme, übersetzte u.?a. Gonzalo Torrente Ballester, Rodrigo Rey Rosa und Kent Haruf.
Weitere Infos & Material
An einem kalten Wintermorgen 1944 kurz vor dem Morgengrauen leuchteten helle Sterne am Himmel, hin und wieder von schweren Wolkenzügen verdeckt.
Der Weltkrieg, der damals die Erde verwüstete, schien zu schlafen. Doch die Soldaten in der eingezäunten Rennbahn am Rand der nordfranzösischen Stadt R. fanden keine Ruhe. Das Lager nahm mehr als zwei Drittel des Geländes ein – lange Reihen von Baracken, miteinander verbunden durch Kieswege. Sie führten von den äußeren Randbereichen bis zu einem großen Feld in der Mitte, das als Exerzierplatz diente.
Jetzt lag alles im Dunkeln. Am Ende des Platzes erhob sich ein gigantischer Betonbau über den Kasernen. Früher hatte er als Paradetribüne gedient, jetzt war er nur noch ein massiger Klotz am Ende der Rennbahn. Bänke und Böden hatte die frierende Zivilbevölkerung zu Feuerholz zerhackt. In dieser leeren Hülle schienen die Todesschreie widerzuhallen, die die Kehlen der französischen, englischen und amerikanischen Soldaten zuschnürten, die während des Weltkriegs 1914 unruhig im selben Lager geschlafen hatten.
Auch jetzt wälzten sich die Soldaten auf ihren Pritschen ruhelos hin und her, und die Wachtposten der neun Aussichtstürme an den Grenzen des Lagers spähten aufmerksam in die Dunkelheit.
Eine Glocke läutete von einem Turm in der Stadt; in der Dunkelheit flackerte ein Lichtstrahl auf. Ein heiseres Kommando erhob sich über das Stimmengewirr in dem leeren Gebäude:
«Okay, Jungs! Ihr-hattet-ein-schönes-Zuhause-aber-das-war-einmal!»
Der diensthabende Sergeant scheuchte die verschlafenen Männer von ihren Pritschen. Sie stolperten aus der Baracke und bewegten sich träge in lockerer Formation vorwärts, die Gewehre achtlos über die Schultern geworfen. Ihre schweren Stiefel knirschten auf dem gefrorenen Kies.
Nachdem sie kurz dem Hauptweg gefolgt waren, bogen sie in das offene, von Reif bedeckte Feld ein. Aus der Ferne sahen sie aus wie Gespenster, die lautlos durch eine Nebelbank stapften.
Verschlafen und zitternd vor Kälte verteilten sie sich, blieben erst bei einem, dann bei einem anderen Wachtposten stehen und murmelten den Kameraden, die sie ablösten, unverständliche Kennworte zu. Diese konnten es kaum erwarten, auf ihre warmen Pritschen zurückzukehren.
Schließlich erreichte auch der letzte Soldat seinen Posten. Er lag fünf oder zehn Meter hinter der ehemaligen Tribüne, etwas abseits vom Rest des Lagers. Dieser Bereich war von dichtem Wald umgeben, und dahinter begann die südliche Stadtgrenze.
«Roy, ich bin’s, Jones!», rief der ankommende Soldat mit jugendlich fester Stimme. Im Innern des Wachhäuschens legte Roy rasch einen Deckel auf den alten Ölkanister, in dem er sich ein Feuer gemacht hatte, und trat hinaus. «Schweinisch kalt!», fügte Jones hinzu, so mannhaft er konnte.
«Das findest du kalt, Mann?», erwiderte der andere.
Verwirrt und fröstelnd schob sich Amerigo Jones an ihm vorbei.
«Hör mal …»
«Ja?»
«… du kannst sie haben, wenn du sie willst.»
«Was?»
«Was?»
Doch da war Earle bereits in der Dunkelheit verschwunden.
Am blauschwarzen Himmel erschien jetzt kaum sichtbar ein malvenfarbener Streifen. Ein wenig irritiert betrat Amerigo das Wachhäuschen und versuchte, das Feuer gleich wieder neu zu entfachen. Er stocherte mit dem Gewehrkolben im Kanister herum und dachte, dass Earle etwas ganz anderes gesagt haben musste als das, was er gehört zu haben glaubte. Aber bei den Worten «Du kannst sie haben, wenn du sie willst» war ihm ein Stein vom Herzen gefallen. Das Wort sie löste sich auf geheimnisvolle Weise aus dem Kontext des Satzes und versetzte ihn in freudige Erregung.
Was hat das zu bedeuten?, fragte er sich und lehnte das Gewehr neben dem Kanister an die Wand. Der große Roy Earle! Er kramte in seinen Taschen nach einem Streichholz und sah, wie Roy – größer, kräftiger und auch attraktiver als er – in eng anliegenden lila Shorts und von einer begeisterten Menge angefeuert, arrogant im Ring der Turnhalle ihrer Highschool herumtänzelte. Er versuchte, sich mit dem Gedanken zu trösten, dass Roy verquollene kleine Augen hatte und eine schiefe Nase, seit man sie ihm gebrochen hatte. Doch dann hörte er wieder, wie seine Mutter sagte, er, Amerigo, müsse die Schönheit in seinem Inneren suchen, weil aus ihm nie ein Filmstar würde. Erinnerungen an sein Zuhause und die Highschool schossen ihm durch den Kopf, bis er nach und nach im warmen Gefühl des Frühlings versank.
Eines besonderen Frühlings, fand er, während die unausweichliche Bedeutung an die Oberfläche seiner Erregung stieg. Eine überschwängliche Freude packte ihn, und er versuchte herauszufinden, woher sie kam. Dann erinnerte er sich vage, dass sie irgendwie aufgekommen war, als er das Wort sie bewusst von dem abstrahiert hatte, was Roy noch gesagt hatte.
Er fand es auch nicht seltsam, dass sich jetzt herbstliche Farben über die Frühlingsgefühle senkten, denn seine Gedanken stolperten so schnell weiter, dass das unbekannte Gesicht, das sich hinter dem sie verbarg, in einem Schwall von Worten aufschien, der sein Bewusstsein überflutete und ihn mit einer süßen, wehmütigen Traurigkeit erfüllte.
Die rosige Glut des Feuers erlosch. Sie.
Das Feuer ist ausgegangen, dachte er und schämte sich, weil er keine Verbindung zwischen dem Wort und dem Feuer sah. Warum hätte es auch eine geben sollen? Sein Blick wanderte zu dem quadratischen kleinen Fenster des Wachhäuschens. Ein schwaches, sehr schwaches blaues Licht fiel durch die schmutzige Scheibe. Sie war mit getrockneten Regentropfen gesprenkelt, und an den Rändern hatten sich Eiskrusten gebildet.
Er zündete ein Streichholz an. Im Schein der gelben Flamme tanzte sein Schatten über die Wand und löste sich da, wo die Decke auf die Wand traf, in drei groteske Teile auf. Der rostige Kanister mit der toten Asche schien sich zu drehen und mit seinem tanzenden Schatten zu verschmelzen. Der Boden war mit Abfällen bedeckt. Ein vertrocknetes Gummi lag verschrumpelt in der heißen Asche, die aus dem unteren Spundloch des Kanisters gerieselt war. Er drückte es mit der Schuhspitze in die Erde und entdeckte hinter dem Kanister ein ölverschmiertes Stück Papier. Er bückte sich danach. Das Streichholz ging aus. Er zündete ein weiteres an und beugte sich erneut vor, aber bevor er unter der Schmutzschicht den Namen der Zeitung entziffern konnte, erlosch die Flamme schon wieder. Er zündete ein neues Streichholz an.
Die Voice! Verdammt! Er rieb sich die Hand, um den stechenden Schmerz an der Daumenspitze zu lindern. Nervös zündete er noch ein Streichholz an, und da sah er, dass er einen Teil der Gesellschaftsseite in der Hand hielt. Sein Blick fiel auf das Gesicht einer jungen Frau in der Mitte der zerrissenen Seite, halb verdeckt von einem schlammigen Stiefelabdruck, sodass kaum mehr als Augen, Nase und ein Mundwinkel zu erkennen waren. Sie schien zu lächeln.
Das ist sie!, flüsterte er aufgeregt. Und die Luft, mit der seine Lungen das Wort sie ausstießen, blies das Licht aus. Fieberhaft zündete er ein weiteres Streichholz an, war aber so fahrig, dass er nur mit Mühe lesen konnte.
Halt! Gerade als er anfangen wollte, wurde er sich des rauschenden Windes bewusst. Er peitschte durch die erstarrten Bäume des umliegenden Waldes und schleuderte unsichtbare Äste zu Boden. Er hallte durch das leere Gebäude, das sich über dem Wachhäuschen erhob, und vermischte sich mit den flüsternden Farben der Morgendämmerung. So unheimlich war es, dass Amerigo beinahe glaubte, eine Horde von Dämonen habe sich in die Worte eingeschlichen, als er las:
«Mr und Mrs Elijah Thornton, wohnhaft in dieser Stadt, geben die Hochzeit ihrer einzigen Tochter, Miss Cosima Thornton, mit …»
Ein dicker Strich verdeckte die Identität des unbekannten Mannes und verwandelte das Rechteck mit seinem Foto in ein Dreieck. Das Streichholz ging aus. Sekunden später spürte er, wie die Kälte durch das quadratische blaue Fenster ins Zimmer kroch. Er zitterte, als könnte er so den Schock abschütteln, der ihn getroffen hatte, als aus dem Schatten des «sie» Cosimas entstelltes und besudeltes Gesicht aufgetaucht war.
Ein Zeichen!, dachte er. Doch dann – das ist doch verrückt! Trotzdem. Irgendwas muss es doch bedeuten! Sie … wir …
Die Kälte kroch an seinem Rückgrat hoch.
Ich muss ein Feuer machen. Mit schlechtem Gewissen dachte er an die Gesellschaftsseite der Voice. Ist doch bloß ein Stück Papier, sagte er sich. Und plötzlich warf eine gewissenlose Hand sie in die heiße Asche, während die andere ein Messer aus der Tasche zog und ein paar Holzspäne von einem der dicken Holzbalken in der Wand des Wachhäuschens schälte. Schuldbewusst...




