E-Book, Deutsch, Band 1, 256 Seiten
Reihe: Animox Origins
Carter Animox Origins 1. Der verlorene Schatz der Delfine
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-96052-477-9
Verlag: Verlag Friedrich Oetinger GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 256 Seiten
Reihe: Animox Origins
ISBN: 978-3-96052-477-9
Verlag: Verlag Friedrich Oetinger GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Aimée Carter schreibt leidenschaftlich gern Bücher für Kinder und Jugendliche. Animox war ihre erste Reihe für Kinder, an die Die Erben der Animox nahtlos anknüpft.
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Kapitel eins
Am Schildkrötenstrand
Als der elfjährige Jam Fluke zum Schildkrötenstrand kam, sein Lieblingsbuch unter dem Arm und voller Vorfreude auf einen ungestörten Nachmittag, ahnte er nicht, dass er kurz davor war, eine Kette von Ereignissen in Gang zu setzen, die das Unterwasserreich an die Schwelle eines Krieges bringen konnten.
Natürlich war das überhaupt nicht seine Absicht. Aber Jam hatte ein Händchen dafür, ungewollt Ärger anzulocken. Wie etwa wie bei den Gelegenheiten, als er versehentlich eine Stachelrochenplage an einem Strand voller Touristen ausgelöst hatte oder als er durch eine unbedachte Bemerkung eine ganze Kompanie von Seelöwen dazu gebracht hatte, ihre Posten auf der Insel Santa Catalina aufzugeben. Sogar am Tag seiner Geburt war er der Grund gewesen, warum sein Vater zu spät zur großen Schlacht gegen das Vogelreich gekommen war, und er war sich ziemlich sicher, dass der General ihm das ewig vorhalten würde, obwohl er die Schlacht gewonnen hatte.
So wie Jam es sah, war das ein Fluch, den er nicht abschütteln konnte, ganz gleich, wie vorbildlich er sich benahm oder wie sehr er sich zurückzog – so wie er es auch an diesem Nachmittag vorhatte. Er wollte nichts anderes, als der Insel für ein paar Stunden auf dem einzig möglichen Weg zu entkommen, den er kannte: durch die Seiten eines Buchs. Doch das Universum hatte wie üblich andere Pläne.
Noch bevor er sich ein schattiges Plätzchen unter den Palmen suchen konnte, drang Gelächter an sein Ohr, und er verzog das Gesicht. Normalerweise war in Santa Catalina nichts los in dieser ersten seltsamen Januarwoche nach dem Trubel der Feiertage, bevor die Schule wieder anfing. Es war Jams Lieblingszeit im Jahr, weil ihn niemand mit militärischen Übungen und endlosen Tests belästigte und zur Abwechslung einmal nicht das erdrückende Gewicht der Erwartungen seiner Familie auf ihm lastete, denen er nie gerecht werden konnte. Auch die Einheimischen blieben in dieser Zeit eher für sich, und Jam hatte darauf gezählt, dass nun, da die frischgeschlüpften Schildkrötenbabys losgeschwommen waren, niemand am Strand sein würde. Tja, er hätte es besser wissen müssen.
Das Lachen wurde lauter, und Jam ging hinter dem nächsten Baum in Deckung, obwohl der eigentlich zu schmal war, um ihn zu verbergen. Er kannte dieses Lachen. Er hörte es, wann immer er bei den morgendlichen Übungen einen Fehler machte oder in der Schule eine falsche Antwort gab, und sein Herz begann zu rasen, als er um den Stamm herumspähte.
Eine Gruppe von sechs Kindern – fünf aus Jams Schulklasse vom Festland und ein Junge, den er nicht kannte – tauchte hinter der Uferbiegung auf und rannte am Wasser entlang. Trotz der warmen Januarsonne mussten die Wellen, die ihre Füße umspülten, eiskalt sein, und sie machten sich einen Spaß daraus, einander unter Geschrei Richtung Wasser zu schubsen.
»Ist das Meer hier immer so kalt?«, fragte der Fremde – ein großer Junge mit schwarzen Haaren, der mit seinem nackten Fuß ein Mädchen namens Goldie nassspritzte. Die quietschte und entwischte nach oben in den warmen Sand.
»Im Winter schon«, erwiderte der rothaarige Nelson Clipper. Seine Mutter arbeitete eng mit Jams Vater zusammen, was jedoch nicht zur Folge gehabt hatte, dass auch die beiden Jungen sich anfreundeten. Es war schwierig, mit irgendjemandem befreundet zu sein, wenn der eigene Vater die Angewohnheit hatte, überall, wo er hinkam, Befehle zu bellen und Kritik zu üben. »Wenn man zu lange in menschlicher Gestalt schwimmt, kann es gefährlich werden.«
Der Junge schnaubte verächtlich. »Warum sollte ich als Mensch schwimmen, wenn ich mir wachsen lassen kann?«
Jam wurde schlagartig klar, wer der Junge war. Zu Beginn des Jahres füllte sich die Insel mit neuen Salzwasserrekruten aus ganz Nordamerika – Hawaii, Alaska, der Karibik, der gesamten Küstenlinie Kanadas, dem Golf von Mexiko und sogar Grönland –, rechtzeitig zu Beginn des neuen Semesters an der Pazifischen Unterwasser-Militär-Akademie. Der Junge musste schon früher angereist sein.
Jam schauderte. Die Pazifische Unterwasser-Militär-Akademie war die für ihre Strenge berüchtigte Schule, die Jams Schwestern besuchten und an der auch er selbst bald anfangen sollte, obwohl er beim Gedanken daran am liebsten die nächste Fähre nach Los Angeles bestiegen und sich auf Nimmerwiedersehen davongemacht hätte. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, sich sein Leben lang sagen zu lassen, was er zu tun hatte, und beinahe – – hatte er Mitleid mit dem schwarzhaarigen Fremden.
Bis der Junge stehen blieb, sich zum Wasser beugte und eine kleine grüne Meeresschildkröte herausfischte.
»Hey, wen haben wir denn da?«, rief er laut genug, dass die halbe Insel ihn hören konnte. »Ist das etwa ein , hier im Gebiet des Generals?«
Die anderen Kinder hielten in ihrem Spiel inne, und Jam verfolgte angespannt, wie die winzige Schildkröte in der Hand des Jungen zappelte. »Lass mich los!«, schrie sie sehr viel mutiger, als Jam erwartet hätte. Schildkröten waren nicht gerade für ihre Tapferkeit bekannt. »Gleich kommen meine Brüder und Schwestern!«
»Hast du nicht gesagt, an diesem Strand wären seit Wochen keine Schildkröten mehr gewesen?«, fragte der Schwarzhaarige Nelson, der plötzlich nervös wirkte.
»Die Brutsaison ist schon seit einer Weile vorbei«, gab Nelson zu und strich sich die roten Haare aus den Augen. »Ich weiß nicht, warum das Kerlchen immer noch hier ist, aber …«
»Aber es hier und es ist allein.« Die Lippen des Jungen verzogen sich zu einem bösartigen Grinsen. »Weißt du, was mit Reptilien passiert, die sich auf unserer Insel herumtreiben?«
Jam knirschte mit den Zähnen. Diesem Typen gehörte die Insel ganz bestimmt nicht. Soweit Jam wusste, war er nie zuvor hier gewesen. Seine Füße bewegten sich wie von selbst, so wie meistens, kurz bevor er sich in einem gewaltigen Schlamassel wiederfand, aber wenn sie sich einmal in Bewegung gesetzt hatten, ließen sie sich nicht mehr stoppen.
»Bei uns in Florida werfen wir Spione in den Sumpf«, erklärte der Junge großspurig. »Was glaubt ihr, was der General macht, wenn wir ihm sagen, dass ich auf seiner Insel einen Spitzel gefunden habe?«
»Hast du doch gar nicht.«
Jams zitternde Stimme durchbrach das Kichern der anderen Kinder, und alle drehten sich zu ihm um. Er spürte, dass seine Wangen heiß wurden, was nichts mit dem leichten Sonnenbrand zu tun hatte, unter dem er immerzu litt, ganz gleich, wie viel Sonnencreme er sich ins Gesicht schmierte.
» hast du gesagt?«, fragte der Junge und verengte die Augen.
»Ich …« Jam schluckte. Er war kein Feigling, aber der Junge war ein ganzes Stück größer als er, deutlich kräftiger und er sah ihn nicht gerade freundlich an.
Doch sogar aus der Entfernung konnte Jam die Angst in den Augen der kleinen Schildkröte sehen. Er wusste nur zu gut, wie Angst sich anfühlte, und hielt es nicht aus, sie im Gesicht eines anderen zu sehen, nicht einmal in dem eines Reptils. Deshalb versuchte er, nicht daran zu denken, welche Strafe ihn erwarten würde, wenn der General erfuhr, dass er sich mit einem neuen Schüler angelegt hatte, oder mit wie vielen Alligatoren dieser Junge in seiner Heimat Florida schon gerungen hatte, und holte tief Luft.
»Dieser Strand heißt Schildkrötenstrand, weil Meeresschildkröten die offizielle Erlaubnis haben, hier zu nisten«, sagte er fest und wagte sich noch einen Schritt weiter. »Solange sie an diesem Strand sind, stehen sie unter dem Schutz des Generals. Wenn du dem Kerlchen etwas tust, hast du ein gewaltiges Problem – es könnte sogar sein, dass du von der Akademie fliegst.«
Nelson, der auf der Insel aufgewachsen war und wusste, dass Jam die Wahrheit sagte, stieß den schwarzhaarigen Jungen mit dem Ellbogen an. »Ben«, zischte er. »Er hat recht. Wenn der General davon erfährt …«
Ben ignorierte ihn und hielt den Blick weiter auf Jam gerichtet. »Okay. Wenn die Schildkröte an Land unter Schutz steht, müssen wir sie eben ins Wasser bringen.«
Bevor Jam die Bedeutung seiner Worte erfassen konnte, schwang Ben den Arm zurück und schleuderte das kleine Wesen in hohem Bogen über die Wellen. Für einen Augenblick war Jam erleichtert – bis Ben laut johlend Anlauf nahm und ins Wasser hechtete, wobei sein Körper noch in der Luft die Gestalt änderte.
Seine Haut wurde grau und dehnte sich, bis sie glänzend und gestreift war, sein Hals verschwand, sodass Kopf und Rumpf zu einem flachen, breiten Schädel verschmolzen. Seine Beine formten einen Schwanz, aus dem mehrere Flossen sprossen, und in dem Sekundenbruchteil, bevor der sich verwandelnde Junge im Ozean verschwand, begriff Jam, warum er an der Pazifischen Unterwasser-Militär-Akademie im Herzen des Unterwasserreichs aufgenommen worden war.
Ben war ein Tigerhai, eines der tödlichsten Tiere der Meere – und der größte Feind von Meeresschildkröten.
Jam zögerte keine Sekunde. Er ließ sein Buch fallen, streifte seine Taucherbrille mit Sehstärke über, ohne die seine Mutter ihn nirgendwohin ließ, und rannte mit hämmerndem Herzen ins Wasser. Er hörte die anderen rufen, er solle anhalten, aber er ignorierte sie. Er konzentrierte sich nur auf die Stelle, wo die kleine Schildkröte vor wenigen Augenblicken untergegangen war.
Von allen Dingen, die er in diesem Moment hätte tun können – eine beträchtliche Zahl an Möglichkeiten, die mit großer Wahrscheinlichkeit zu dem schwersten Konflikt geführt hätte, den das...




