E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Carter Der Fluch des Phönix
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96052-175-4
Verlag: Verlag Friedrich Oetinger GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Spannendes Kinderbuch ab 10 Jahren von der Autorin der Bestseller-Reihe Animox
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-96052-175-4
Verlag: Verlag Friedrich Oetinger GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Aimée Carter schreibt leidenschaftlich gern Bücher für Kinder und Jugendliche. Animox war ihre erste Reihe für Kinder, an die Die Erben der Animox nahtlos anknüpft.
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Zweites Kapitel
Lu
Lu Hadley balancierte waghalsig über einen Ast und hatte den Blick fest auf den einäugigen, gescheckten Kater gerichtet, der mehrere Meter über ihr hockte. Der Kater starrte mit seinem einen Auge zurück, ein stilles Kräftemessen, das in Lu die Sehnsucht nach früheren Zeiten weckte, als der Kater noch nicht gelernt hatte, auf Bäume zu klettern.
»Du brauchst deine Medizin, Rufus, das weißt du doch«, murmelte sie beschwörend und krallte sich an die raue Rinde. »Mach doch nicht jeden Tag das gleiche Theater!«
Rufus wandte sich ab und putzte sich die Pfoten. Die Beine fest um den Ast geschlungen, packte Lu ihn am Nackenfell, zog ihn zu sich herunter und wickelte ihn in ihr Sweatshirt, bevor er auch nur auf die Idee kommen konnte, sie zu kratzen. »Hab dich!«
»Ich verstehe nicht, warum du dir die Mühe machst«, sagte Lus beste Freundin Sophia Lopez viereinhalb Meter unter ihr auf dem Boden. Sie war damit beschäftigt, eine Klette aus dem Fell einer Langhaarkatze zu lösen, während der Rest der heimatlosen Katzenkolonie sich um einen Haufen Trockenfutter scharte. »Die Infektion ist doch bestimmt schon weg.«
Mit Rufus im Sweatshirt unterm Arm kletterte Lu abwärts und sprang das letzte Stück aufs Gras. » reicht aber nicht, wenn man nur noch ein Auge hat.« Sie zog ein Fläschchen aus der Hosentasche, setzte sich neben Sophia und legte Rufus auf den Rücken. Nur mit gewaltiger Anstrengung gelang es ihr, den Kater am Boden zu halten, sein verbliebenes Auge zu öffnen und einen Tropfen Medizin hineinzuträufeln. Kaum hatte sie ihn losgelassen, schoss er wieder den Baum hinauf.
Lu streckte sich im sonnenbeschienenen Gras aus und entspannte sich zum ersten Mal seit dem Frühstück. Endlich war der letzte Schultag vorbei, was eine große Erleichterung war – wenn auch nicht aus den üblichen Gründen. Die Lehrer betrachteten sie jetzt mit Mitleid statt mit stiller Verzweiflung, und das war nicht unbedingt ein Gewinn. Ihre Mitschüler gingen ihr aus dem Weg, als hätte sie eine ansteckende Krankheit. Nur Sophia hielt zu ihr. Die Aussicht, den ganzen Sommer ohne Puffer zwischen sich und ihrem Zwillingsbruder zu verbringen, gefiel Lu zwar nicht besonders, aber wenigstens würde eine Zeit lang niemand mehr fragen, wie es ihr ging.
»Ich muss los«, sagte Sophia, als sie die Klette entfernt hatte. Die Katze sprang von ihrem Schoß und gesellte sich zu den anderen. »Mom bringt mich um, wenn ich wieder zu spät zum Training komme.«
Zögernd erhob sich auch Lu und schüttelte sich das Gras aus den dunklen, schulterlangen Haaren. »Es bleibt dabei, dass ich morgen zu euch komme, ja?«
Sophia lachte. »Mom hat gesagt, dass du den ganzen Sommer bleiben kannst, wenn du willst.«
»Wirklich?« Lu warf sich ihren Rucksack über die Schulter. Er roch immer noch nach dem Trockenfutter, das sie erst zur Schule und dann hierher geschleppt hatte. »Meinst du nicht, dass ich dir irgendwann auf die Nerven gehen würde?«
»Blödsinn. Du bist meine beste Freundin.« Sophia drückte sie fest. »Bis morgen, okay?«
Lu blickte ihr nach, und in ihr machte sich das entmutigende Gefühl breit, dass sie allein war. Aber es brachte nichts, sich runterziehen zu lassen. Sie straffte die Schultern und marschierte in die andere Richtung davon. Vielleicht würde der Sommer ja auch gar nicht so übel, wenn sie viel bei Sophia herumhängen konnte. Ihr Vater hätte bestimmt nichts dagegen, und ihr Bruder würde es kaum merken, schließlich hockte er sowieso nur noch auf seinem Zimmer. Doch sosehr sie sich selbst zu überzeugen versuchte, sie wusste, egal, wie viel Abstand sie zwischen sich und ihre Familie brachte, es würde nichts daran ändern, was vor einem Monat geschehen war.
Lu war so in Gedanken versunken, dass sie beinahe das grau-weiße Fellbündel am Waldrand übersehen hätte. Als ihr Blick darauf fiel, japste sie leise und ging vorsichtig näher. Halb versteckt zwischen Gräsern und Wildblumen lag ein junger Waschbär mit tiefen Kratzwunden in der Flanke.
Ganz langsam kniete sie sich hin, um das arme Ding nicht zu erschrecken. Seine Brust hob und senkte sich schwerfällig, und obwohl er sie aus trüben Augen anstarrte, zuckte er nicht zurück. Lu biss sich auf die Lippe und schaute sich um. Sophia war längst hinter der Ecke verschwunden, und sonst war niemand in der ruhigen Vorstadtstraße zu sehen. Was sollte sie tun?
Es gab nur eine Antwort. Entschlossen wickelte sie den Waschbären vorsichtig in ihr Sweatshirt. Anders als Rufus war er kraftlos und wehrte sich nicht. Sie nahm das verletzte Tier sanft auf den Arm und lief so schnell, wie sie konnte, ohne es zu sehr zu schütteln. Doch je schneller sie lief, desto weiter schlossen sich seine Augen. Panik stieg in ihr auf.
Obwohl ihr Haus nur wenige Hundert Meter entfernt war, kam ihr der Weg endlos vor. Als sie es endlich erreichte, stieß sie die Tür auf und eilte hinein, den Waschbären verzweifelt an die Brust gepresst. »Hilfe!«, schrie sie, so laut sie konnte. »Dad – Hilfe!«
Schritte näherten sich vom hinteren Teil des Hauses. Gerade als sie das Sweatshirt zurückschlug, um zu sehen, wie viel Blut der Waschbär verloren hatte, kam ihr Bruder – nicht ihr Vater – auf sie zugestürzt.
»Was ist los?«, fragte Zac keuchend, die zerzausten dunklen Haare halb vor den Augen. Als er den Waschbären sah, wankte er einen Schritt zurück. »Lu, ist das …?«
Jeder Muskel in ihrem Körper spannte sich an, und sie drehte sich instinktiv um, um ihren Bruder abzuschirmen. »Was machst du denn hier unten?«, fragte sie mit wachsender Panik. »Sonst bist du doch nie hier. Ich dachte, du bist oben!«
Aber es war zu spät. Sie war von Kopf bis Fuß voller Katzenhaare, und zweifellos hatten auch Waschbären Allergene. Zac war ihr nahe gekommen – zu nahe –, und sie sah bereits, dass er nur noch mühsam atmen konnte.
»Was ist passiert?«, fragte ihr Dad, der endlich um die Ecke bog. Er sah aus, als hätte er geweint, und einen Moment lang starrte Lu ihn an und wusste nicht, was sie denken sollte. Sie hatte ihn seit der Beerdigung nicht mehr weinen sehen.
»Ich –«, begann sie, doch Zac röchelte mittlerweile, das Rasseln wurde mit jedem Atemzug lauter. »Ich habe einen Waschbären gefunden –«
»Du hast einen Waschbären ins Haus geschleppt?« Augenblicklich drehte ihr Vater sich zu Zac um, kniete sich neben ihn und griff nach seinen Schultern. »Zac, alles okay? Sieh mich an, Großer.«
»Es tut mir leid«, heulte Lu. »Aber er stirbt! Ich wusste nicht, was ich tun sollte.«
»Du weißt ganz genau, was du hättest tun sollen«, zischte ihr Vater, und sein Kopf wurde rot. »Zac, hey – Zac, schau mich an. Es ist alles in Ordnung. Wo ist dein Asthmaspray? Wo hast du es zuletzt benutzt? Ist es oben?«
Zac schüttelte den Kopf, er konnte nicht mehr sprechen. Mit rasendem Herzen machte Lu ein paar hastige Schritte Richtung Küche, doch ihr Vater ließ den Arm vorschnellen und hielt sie auf.
»Keinen Schritt weiter ins Haus mit diesem Viech!«, bellte er. Lu wollte protestieren, doch mittlerweile zitterte Zac am ganzen Körper. Sie schlüpfte durch die Tür, legte den eingewickelten Waschbären sanft auf die Veranda und eilte wieder ins Haus. Sie war wütend – aber ob sie auf sich selbst wütend war, weil sie nicht überprüft hatte, ob Zac oben war, oder auf ihren Bruder, weil er zum ersten Mal seit einem Monat sein Zimmer verlassen hatte, hätte sie selbst nicht sagen können.
Sie machte zwei Schritte um ihren Vater herum, flitzte in die Küche und riss die Tür des alten Küchenschranks auf. Dort, nach dem System ihrer Mutter geordnet, befand sich ein Haufen Medikamente für Zacharias Hadley. Ohne einen Blick auf die Etiketten werfen zu müssen, schnappte Lu sich das gelbe Asthmaspray, eine Pillendose und einen EpiPen und rannte zurück in den Flur.
»Hier.« Sie öffnete das Asthmaspray und drückte es Zac in die steifen Hände. Er hob es an den Mund, pumpte und atmete das Medikament ein. Lu beobachtete ihn mit grimmiger Miene. Als sie sicher war, dass er den EpiPen nicht brauchen würde, öffnete sie die Pillendose.
»Was ist das?«, fragte ihr Dad, und seine Stimme überschlug sich vor Sorge. »Was gibst du ihm da?«
»Das ist nur eine Benadryl, Dad«, murmelte sie, ohne ihren Bruder aus den Augen zu lassen. Endlich konnte er wieder ruhig genug atmen, um eine Tablette zu schlucken, dann ließ er sich an der Wand zu Boden sinken, keuchend, aber lebendig. »Du musst mit ihm in die Notaufnahme fahren. Da bekommt er zwar wahrscheinlich nur Sauerstoff und ein paar Steroide, aber du musst ihn trotzdem hinbringen, zur Sicherheit. Mom hat es immer gemacht.«
Ihr Dad half Zac auf die Beine. »Ich will, dass dieses Viech hier verschwindet«, sagte er scharf. »Und alle Katzenhaare. Du hättest ihn umbringen können, Lu. Du hättest …«
Seine Stimme versagte, und er rieb sich die Augen. Sein Gesicht war rot. Lu schluckte mühsam. »Ich wollte ihm nur helfen«, murmelte sie. »Es tut mir leid.«
»Das reicht nicht«, erwiderte ihr Vater barsch. »Nicht, wenn das Leben deines Bruders auf dem Spiel steht.« Er schüttelte den Kopf, und für einen Augenblick sah er so verzweifelt und verloren aus, wie Lu sich fühlte.
»Ich schaffe das nicht mehr. Ich weiß nicht, wie eure Mutter … Ich schaffe es einfach nicht.«
»Was soll das heißen? Was schaffst du nicht?«, flüsterte Lu. Ihre Angst vor der Antwort war fast zu groß, um die Frage überhaupt zu stellen.
Ihr Dad stand einen Moment wie versteinert da, eine Hand auf Zacs Schulter. »Ich werde Merles Angebot annehmen«, sagte er...




