E-Book, Deutsch, 393 Seiten
Carter Versehentlich verlobt
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96148-791-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 393 Seiten
ISBN: 978-3-96148-791-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die amerikanische Romance-Autorin Mary Carter lebt in Chicago, wo sie entweder gerade an einem neuen, turbulenten Liebesroman schreibt oder ihr Wissen über gute Stories und starke Charaktere in Schreibkursen vermittelt. Die Autorin im Internet: www.marycarterbooks.com Bei dotbooks erschien ihr Roman »Versehentlich verlobt«.
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Kapitel 1
Tägliches Horoskop – Fische: Heute wird Ihre Herzensgüte auf eine harte Probegestellt. Zeigen Sie Rückgrat, Fischefrau. In einer Hängematte findet man Ruhe, in einer Fußmatte nichts als Dreck ...
»Clair, bitte, tu mir den Gefallen. Nur dieses eine Mal. Bitte, bitte, bitte, bitte, bitte.«
Wie zum Schutz zog ich die grüne Perlenhandtasche, in der meine Tarotkarten friedlich in ihrer Schatulle schlummerten, dichter zu mir. Wenn man es genau nahm, befand ich mich seit fünf Minuten im Urlaub.
»Warum machst du es nicht selbst?«, sagte ich, darum bemüht, möglichst gelassen und abgeklärt zu klingen. Dabei hätte ich nicht schlecht Lust, wie eine bockige Vierjährige den Aufstand zu proben und zu brüllen: »Ich will nach Hause, ich will nach Hause, ich will nach Hause.«
»Weil ich die Kundin kenne. Ich ... wir sind mal miteinander ausgegangen. Ich wollte ... sie ist ... das erklär ich dir ein anderes Mal, einverstanden?«, stammelte mein Freund und Kollege Brian und sah sich wie ein gehetztes Kaninchen um. Dann senkte er die Stimme und fügte mit einem rauen Flüstern hinzu: »Sie steht da drüben. Bitte, bitte, bitte, bitte, bitte.«
Ich warf ihm einen Blick zu, als wäre ich eine Eidechse, die nur noch auf den richtigen Augenblick wartete, die lange rote Zunge hervorschnellen zu lassen, um ihre Beute in dem tödlichen Speichel zu ertränken. Das heißt, in gewisser Weise hatte ich Verständnis für ihn, schließlich ist es keine leichte Aufgabe, jemandem die Karten zu legen, den man näher kennt. Wie oft lagen mir Familie und Freunde in den Ohren, ich solle ihnen – natürlich unentgeltlich – die Karten legen, etwas, das ich äußerst ungern tue. Ich habe immer die Befürchtung, mein aktives Wissen über sie könnte das Ergebnis beeinflussen, ohne dass ich es merke.
Wie damals, als ich neun war und mein Bruder sich das Bein bei einem Motorradunfall brach. Die Karten sprachen von einer Phase der Ruhe und der Selbstprüfung, die vor ihm lag. Statt jedoch meine hellseherischen Fähigkeiten zu würdigen, hatte mein Bruder mich angestarrt, als wäre ich ein Happy Meal ohne Pommes und Gimmick. »Klasse, Clair. Mann, bist du talentiert. Gebrochenes Bein, Zeit der Ruhe. Was für eine Erkenntnis. Wenn du dich schon für die geborene Wahrsagerin hältst, warum hast du dann nicht einfach den Unfall vorhergesagt?«, zog er mich auf, während ich ihn sprachlos angaffte. »Wieso hast du dann nicht verhindert, dass ich mir das Scheißbein breche, du durchgeknallte Göre?«
Es ist schon eigenartig, was das Leben alles so für einen bereithält. Als ich ihm mit zwölf voraussagte, er werde bald sein linkes Auge verlieren, was aber nicht eintrat, machte er mich da zur Schnecke, weil ich komplett danebengelegen hatte? Nein, natürlich nicht.
»Komm schon, Clair. Springst du jetzt für mich ein oder nicht?«, riss der winselnde Brian mich aus den Erinnerungen. Im Grunde war uns beiden klar, dass ich früher oder später nachgeben würde. Es war nur noch eine Frage der Zeit. Ich habe eben von Natur aus ein weiches Herz. Eine Eigenschaft, die meine drei Ex-Männer bestimmt bestätigen würden. Gegen den Anblick eines flehenden Mannes bin ich eben machtlos. Okay, Brian hatte gewonnen. Das hieß allerdings noch lange nicht, dass ich ihm diesen Gefallen ohne Gegenleistung tun würde.
»Angenommen, ich mache es – was aber noch lange nicht raus ist –, was bekomme ich dann im Gegenzug von dir?«, fragte ich ihn und sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an.
Mit einem Seufzer verschränkte Brian die Arme vor der Brust und versuchte, meinen Blick zu imitieren, während ich mein verzerrtes Spiegelbild in dem Löffel betrachtete, den er seit anderthalb Jahren um den Hals trug. Obwohl sein Adamsapfel bereits einen Grünstich hatte, weigerte Brian sich standhaft, ihn abzulegen. Es war sein erklärtes Ziel, den Löffel mit der puren Kraft seiner Gedanken so zu verbiegen, dass ein Knoten entstand. »Knöpf ihr einfach das Doppelte ab«, antwortete er und machte eine hektische Kopfbewegung Richtung Zelt. »Sie ist eine wandelnde Gucci-, Prada- und Chanel-Boutique.«
»Nein, das verstößt gegen meinen Ehrenkodex. Das würde ich selbst dann nicht tun, wenn sie mit Goldbarren behängt wäre«, entgegnete ich.
Brian seufzte abermals und fuhr sich mit den Händen durchs Haar. Trotz seiner stattlichen Größe gehörte er nicht zu den Männern, die man klassischerweise als attraktiv bezeichnet. Irgendwie verströmte er etwas Elfenhaftes. Sein gelocktes blondes Haar sah aus, als hätte er in eine Steckdose gefasst, seine Ohren erinnerten an Mr Spock, und seine Nase war stets leicht gerötet. Dem standen seine geheimnisvoll leuchtenden grünen Augen entgegen und seine charismatische Aura, der schon so manche Frau erlegen war. Vielleicht hatte sich jedoch auch nur herumgesprochen, dass die Natur ihn reich beschenkt hatte. Zumindest behauptete das meine Freundin Karen, die sich letztes Jahr in angetrunkenem Zustand nach meiner Geburtstagsfeier mit ihm im Treppenhaus vergnügt hatte.
»Du bist ein Schatz. Ehrlich. Zum Dank arrangier ich ein Date mit meinem Freund Scott für dich.«
»Brian!«, warnte ich ihn. Er wusste genau, dass ich kein gesteigertes Interesse daran hatte, mit Scott, John, Jeff, T-Bone, oder wie auch immer seine Freunde hießen, auszugehen. Als rehabilitierte Liebessüchtige stand ich dem Singlemarkt offiziell nicht mehr zur Verfügung.
»Okay, beruhig dich wieder. Wenn du mir aus der Patsche hilfst, verspreche ich dir, morgen mit dir den Stand zu tauschen.«
Wir befanden uns auf der Chicagoer Parapsychologischen Messe, die in der Turnhalle des Zentrums für Heilkünste stattfand, wo sich alles um Wahrsagerei, Akupunktur, Massage, Heilkräuter, Yoga und Müsli drehte. Ich hatte leider das Glück, den Stand direkt neben einem fanatischen Veganer erwischt zu haben, der sämtliche Wände seines Stands mit Fotos von blutigen Tierkadavern gepflastert hatte, was potenzielle Kunden zielsicher vergraulte.
Brian hatte es deutlich besser getroffen. Er durfte sich gegenüber einem Stand präsentieren, der handgemachtes, zartschmelzendes Nougat verkaufte. Mit anderen Worten: Er konnte sich vor Kundschaft kaum retten.
Ich wusste sein Angebot zu schätzen, dennoch musste ich es ausschlagen. »Morgen bin ich gar nicht mehr hier«, erklärte ich ihm.
»Was soll das heißen, du bist nicht hier?«
»Ich trete meine Pilgerreise an«, sagte ich mit stolzgeschwellter Brust. Seit nunmehr drei Jahren, genau genommen seit meiner letzten Scheidung, setze ich mich einmal im Jahr ins Auto und lasse mich von der Straße und dem Schicksal treiben, um den Kopf freizubekommen. Meine Pilgerfahrt, wie ich sie liebevoll nenne, war mir mit das Wichtigste auf der Welt und meine Vorfreude immer riesig. Vor allem dieses Mal.
»Wer wird dich vertreten?«, wollte Brian wissen, dessen Stimme plötzlich hoch und brüchig klang, so als befände er sich im Stimmbruch. Dann begann er, an seinem Löffel zu nesteln. »Jetzt sag bloß nicht Dame Diaphannie. Du weißt genau, dass ich mit Doppel-D nicht arbeiten kann.«
In dem Wissen, dass mich nun eine von Brians berühmt-berüchtigten Hasstiraden über Dame Diaphannie erwartete, ließ ich die Hand in meine Tasche gleiten und berührte den vergoldeten Umschlag, den ich seit einer geschlagenen Woche wie eine tickende Zeitbombe mit mir herumtrug. Ed, mein dritter Ex – derjenige, der für immer sein sollte –,heiratete wieder, und Alexis, seine fünfundzwanzigjährige Ballerina-Braut, hatte es sich nicht nehmen lassen, mich zur Hochzeit einzuladen. Wenn ich in der Stadt blieb, lief ich Gefahr, dort tatsächlich aufzukreuzen und im Rahmen eines Toasts herauszuposaunen, dass Ed eigentlich mir die ewige Liebe geschworen hatte. Und wie er an einem verregneten Freitagnachmittag in seiner Arbeitskleidung auf unserer Veranda gestanden und mir erklärt hatte, dass er seine Freiheit zurückbrauche. Dass er wirklich alles versucht habe, mich zu lieben, wie ich es verdient hatte, aber dass er nun mal nicht für die Ehe gemacht sei. Und dass er von ganzem Herzen hoffe, ich könne ihm irgendwann verzeihen.
Oh ja, ich brauchte diese Pilgerfahrt. Mehr denn je. Meine geistige Gesundheit stand auf dem Spiel.
»Diese dämliche Kuh mischt sich immer in meine Deutungen ein und korrigiert mich«, schimpfte Brian noch immer wie ein Rohrspatz.
»Ich weiß ...«
»Das letzte Mal hat sie doch tatsächlich über den Vorhang hinweggebrüllt: Glauben Sie ihm kein Wort, Schätzchen. Er treibt es nämlich mit Ihrer Schwester!«
»Sie weiß manchmal eben nicht, was sie tut«, sagte ich, während vor meinem geistigen Auge Bilder von farbenprächtigen Turbanen, selbstklebenden Rubinimitaten und brennenden Sandelholzräucherstäbchen vorbeizogen. Dame Diaphannie war bekannt dafür, dass sie kein Blatt vor den Mund nahm, gerne fluchte, täglich zwei Packungen Zigarillos rauchte und während ihrer Sitzungen die Augen so heftig verdrehte, dass die Kunden Angst hatten, sie könnte jeden Moment einen Schlaganfall erleiden.
Ehe ich wusste, was ich tat, zog ich die Einladung aus der Tasche und wedelte damit vor Brians Gesicht herum. »Habe ich schon erwähnt, dass Ed wieder heiratet?«
»Ungefähr siebzehn Mal«, antwortete er und sah besorgt zu seinem Stand hinüber.
Entsetzt über sein ausbleibendes Mitleid, blies ich im Geiste schwarzen Rauch auf seine Aura – wie ein manisch-depressives Zimmermädchen, das Staub auf den Möbeln verteilt, statt ihn wegzuwischen.
»Leg ihr die Karten, Clair. Ich weiß doch, wie dringend du das Geld gebrauchen kannst.«
Jetzt hatte er mich. Mit einem dumpfen Gefühl in der Magengrube dachte...




