Erhard | Sunrise | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 410 Seiten

Reihe: Sunrise

Erhard Sunrise

In Concert
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-910537-11-8
Verlag: edition sunrise
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

In Concert

E-Book, Deutsch, Band 1, 410 Seiten

Reihe: Sunrise

ISBN: 978-3-910537-11-8
Verlag: edition sunrise
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Zum nächsten Geburtstag gibt es wieder einen praktischen Gutschein, beschließt Susie Thomann, als sie mit ihrer Cousine Monika nach dem Konzert von Mike Hamond die Kölner Lanxess Arena verlässt. Sie ist hundemüde, will nur noch heim und schnellstmöglich ins Bett. Auch Mike Hamond, der mit seinen Bandkollegen am hinteren Bühneneingang der Lanxess Arena steht, ist hundemüde, freut sich auf ein gemütliches Kölsch und sein Hotelbett. Moni ist wiederum hellwach. Ihre Pläne für den Abend ihres Geburtstages sehen ganz anders aus.

Susanne Erhard, 1966 in Paris geboren, arbeitet als freischaffende Autorin und Therapeutin in der Nähe von Memmingen, wo sie mit ihrem Mann, Pferden, Eseln und Katzen auf einem Bauernhof lebt. Bisher hat sie verschiedene Krimis veröffentlicht, mehrere Liebesromane, sowie vier historische Romane, die alle im Allgäu spielen, außer dem siebenbändigen "Sunrise"-Zyklus.
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1

Die Halle tobte!

Um mich herum brauste ein unglaublicher Sturm der Begeisterung, mitreißend und verstörend berauschend. Tausende Menschen jubelten. Standing Ovation, viele tanzten zwischen den Klappsitzen. Der Boden der Tribüne bebte. Meine Arme wogten in perfektem Einklang mit all den anderen. Überall in der Halle zischten Wunderkerzen, Handylampen zogen funkelnde Lichterbahnen. Ich schrie, klatschte frenetisch, schwelgte selig in Klang gewordenen Emotionen!

Fassungslos ertappte ich mich selbst, erstarrte in der Bewegung, meine Hände brannten vom Klatschen. Schnaufend presste ich sie an meine Oberschenkel. Tatsächlich war ich vollkommen verschwitzt. Ultimativ peinlich.

Wie war es möglich, dass ich mich wegen ein bisschen Musik, ein wenig herumhampeln auf der Bühne, nur so gehen lassen konnte? Normalerweise nicht mein Stil. Unauffällig blickte ich mich um. Glücklicherweise war mein Verhalten nicht wirklich aufgefallen, denn jeder trampelte, tanzte, applaudierte wild, pfiff. Frauen jeden Alters kreischten halb hysterisch den Namen des Bandleaders. Unfassbar leidenschaftliche, wundervolle Melodien. Es war wie ein Rausch.

Der Mann auf der Bühne schien in der Brandung der Begeisterung über sich selbst hinauszuwachsen. Selbst auf die Entfernung sah ich seine Finger über den Gitarrenhals rasen. Er spielte unbeschreiblich gefühlvoll, ungestüm, verwirrend anmutig, außerordentlich virtuos. Dazu wummerte mir der Bass in den Ohren, die Drums dröhnten.

Der Schlagzeuger zog das Tempo immer weiter an, ein hypnotisch treibender Rhythmus, der mich schier high machte. Der Typ am Keyboard hämmerte die Tasten fast zu Bruch und die beiden Sänger hätten es besser aufgegeben, mit dem Tempo weiter Schritt halten zu wollen. Und doch animierten sie das Publikum mitzusingen.

Neben mir johlte Moni aus vollem Hals den Refrain, hatte überraschenderweise Freudentränen in den Augen, während ich nicht einmal das Lied kannte und einen Eid darauf geschworen hätte, dass ich sicher niemals wegen eines Mannes mit einer Gitarre eine Träne vergießen würde. Egal. Es war absolut fantastisch!

Und solange die Lichter nicht angingen, hatte Moni mir erklärt, solange bestand die Chance auf eine weitere Zugabe. Ich war fast heiser, doch mit hochgereckten Händen deklamierte ich.

„Zugabe! Encore! Zugabe! Encore! Zugabe!“

Doch irgendwann schob ich mich mit vielen Menschen über die breiten Gänge der Kölner Lanxess Arena und fühlte mich merkwürdig high, leer und taub, obwohl noch immer laute Musik aus den Lautsprechern schepperte, laute Stimmen um mich herum, die mehr oder weniger betrunken grölten und erstaunlich beseelt das Konzert priesen.

Neben mir lief meine Cousine, die sich zu jedem der Fan-Stände durchdrängeln musste. Es war der Abend ihres sechzehnten Geburtstags.

Die Konzertkarten und der Abend waren mein Geschenk für sie.

Mike Hamond in concert! Live in Cologne, Lanxess Arena.

Sie überschüttete mich mit immer neuen Superlativen über die Band, das Konzert und ihren endgeilen Gitarristen, obwohl sie anfangs genörgelt hatte, dass wir wie die beiden Alten aus der Muppet Show auf einer Tribüne hocken würden, anstatt unten im Innenraum abzutanzen. Sie ließ den üblichen Spruch über meine Spießigkeit ab.

Genervt stimmte ich jetzt ihren Ergüssen zu, hoffte inständig, dass wir uns schnellstmöglich durch die Menschenmassen und an den FanStänden vorbei drängeln konnten, um endlich den Parkplatz und mein Auto zu erreichen.

Mit einem Mal war ich todmüde und musste doch am nächsten Morgen wieder früh im Geschäft stehen. Gefühlt halb Köln schob sich langsam mit uns in Richtung Ausgänge, immer wieder gebremst von Menschentrauben, die sich vor den Ständen mit Fanartikeln stauten, Moni inklusive.

Vermutlich war ich zu alt, um zu verstehen, wieso man ein schlecht bedrucktes T-Shirt für horrendes Geld kaufen musste oder eine peinliche Strickmütze mit dem Logo der Plattenfirma. Moni hielt mir dauernd vor, dass ich spießig by nature sei. Jedenfalls war dies mit fünfundzwanzig Jahren mein erstes Konzert und selbst wenn es mich wirklich mitgerissen hatte, so lag es mir doch unerreichbar fern, mit Mike Hamond auf der Brust durch die Gegend zu stapfen.

Als Moni wieder abdrehte, schnaufte ich angespannt, platzierte mich etwas abseits, um den Strom der Massen nicht auch noch zu bremsen.

Die Menschenmengen wurden nicht weniger. Im Gegenteil. Suchend spähte ich nach einer neuen Lücke, die uns weiterbrachte. Moni fischte derweil in einem zerwühlten Stapel nach einem Shirt in ihrer Größe, auf dem das Cover der aktuellen CD abgedruckt war.

Direkt neben dem Stand war die Hallenwand in Serie mit einem Poster gepflastert. Mike Hamond in Großformat. Notgedrungen wartend musterte ich das Gesicht, das ich bisher nur aus der Ferne erahnt hatte. Der Mann war unleugbar sehenswert. Wirklich hübsch, stellte ich nüchtern fest. Vor allem diese strahlend blauen Augen hatten etwas, falls er die nicht einer ultimativ übertriebenen Betreuung durch Photoshop verdankte, was ich sehr stark annahm.

„Der ist so arschgeil“, stöhnte Moni neben mir und hielt mir ihr neu erworbenes T-Shirt unter die Nase.

„Mag sein.“ Ich schob sie mit einem letzten Blick in die blauen Augen rigoros in den Strom der Konzertbesucher zurück. Für Männer hatte ich keine Zeit. Böse Zungen behaupteten, dass mein Prinz nicht einmal als Backmischung existierte. Damit konnte ich gut leben. „Und sicher ist er doppelt so alt wie du.“

Moni grinste anzüglich. „Ist das ein Hindernis?“

„Nein, vermutlich nicht, aber glaub mir, ein triftiger Grund, die Finger von ihm zu lassen.“ Ich wusste nur zu genau, wovon ich redete. Mein Leben mit einem älteren Mann war grandios schiefgelaufen.

Endlich drängelten wir uns durch den Haupteingang hinaus auf den Vorplatz. Frische Luft. Ich atmete durch, hörte schon mein Bett rufen, während sich die Menschenströme in Richtung Parkplätze und

Straßenbahn teilten.

Wir hatten mit unserem Parkplatz riesiges Glück gehabt, es war nicht weit und die Chancen standen super, dass wir das Gelände zügig hinter uns brachten. Dann Moni heimfahren und ab nach Hause. Ein solcher Abend sprengte meine extrem knappen Energieresourcen.

Aber es sollte nicht sein. Auf halbem Weg zum Parkplatz blieb Monika abrupt stehen, griff nach dem Ärmel meiner Jacke. „Susie!“

Das war keine Ansprache mit Fragezeichen. Ich ahnte nichts Gutes, blieb aber ergeben stehen. „Was?“

Garantiert hörte sie an meinem Ton, dass ich nicht sonderlich erpicht auf egal, welche Form von Verzögerung war.

„Geburtstagsalarm! Du hast mir versprochen, heute mit mir das zu tun, worauf ich Bock habe?“

Argwöhnisch schielte ich an ihr vorbei in die Richtung, wo mein Auto auf uns wartete. Wenn ich nur einen matten Schimmer gehabt hätte, worauf sie hinaus wollte?

„Sicher, das habe ich“, seufzte ich, „versprochen ist versprochen und, was möchtest du jetzt tun?“

Unwillkürlich ratterten in meinem Kopf diverse Kneipen durch, in die ich mich mit einer sechzehnjährigen um diese Uhrzeit wagen durfte und trauerte meinem Bett hinterher. Der nächste Morgen würde kein bisschen witzig werden. Zum Glück war nur einmal im Jahr Geburtstag und beim nächsten gab es garantiert wieder einen unkomplizierten Gutschein ohne Rundumbetreuung meinerseits. Sie blinzelte mir abenteuerlustig zu, mir war gar nicht wohl zumute.

„Ich habe heute Geburtstag.“ Ich nickte, eine mir durchaus bekannte Tatsache. „Und deshalb gehen wir uns jetzt ein Autogramm von Mike

Hamond holen.“

Der Triumph in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

„Sorry, du spinnst“, antwortete ich, wendete mich gleichzeitig von ihr ab „die Nummer ist rum. Du hättest vorhin die Bühne stürmen müssen und nicht ewig an den Ständen herumtrödeln.“

Für mich war die Sache damit erledigt, aber Monika blieb trotzig stehen. Sie war wohl die Einzige, die mich im Hinblick auf Sturheit toppen konnte. Menschen umrundeten uns murrend. Ich drehte mich also wieder nach ihr um, als sie nicht hinterherkam. Sie grinste mich breit an, mit einem Blick in den Augen, der deutlich machte, dass sie viel, viel mehr wusste als ich ahnte. In mir brodelte ein Anflug von Aggression, ganz nebenbei kam ich mir auch wieder schrecklich alt vor.

„Also? – Klär mich auf. Wo willst du dein Idol überfallen?“

Mit ihrem Zeigefinger winkte sie mich wieder zu sich heran. „Nicht überfallen, aber abfangen. Pass auf.“ Sie zog mich verschwörerisch nah zu sich heran, als ob uns hier draußen irgendjemand belauschen würde.

„Ich habe mich die Woche ein wenig mit einem süßen Typen von der Security angefreundet.“ Sie verdrehte kokett die Augen. „Mikes Roadies sagen nämlich nix. Am dritten Tag hat er mir dann netterweise den Sicherheitsplan vom Konzert gezeigt und mir gesagt, wo Mike die Halle verlässt. Und da gehen wir jetzt hin.“

Fraglos hätte ich meine Hand dafür ins Feuer gelegt, dass es solche Geschichten nur in schlechten Romanen zu lesen gab oder in kitschigen Liebesfilmen. Fan trifft Idol! Nachlässig bewegte ich den Kopf. Nebenbei musste ich mir eingestehen, dass ich weder mit sechzehn noch heute, mit fünfundzwanzig diesen Mut besessen hätte.

„Wie lautet also der Plan?“

Entspannt bleiben, Susie, dachte ich, das Kind erlag gerade seinen pubertären Fantasien. Die führten in der Regel zu nichts. Zumindest dessen war ich...



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