E-Book, Deutsch, Band 18, 832 Seiten
Reihe: Das Spiel der Götter
Erikson Das Spiel der Götter 18
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-641-20274-3
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die gläserne Wüste
E-Book, Deutsch, Band 18, 832 Seiten
Reihe: Das Spiel der Götter
ISBN: 978-3-641-20274-3
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Forkruul Assail sind ein altes Volk. Lange Zeit galten sie als beinahe ausgestorben. Niemand hat mit ihnen gerechnet, niemand weiß, was ihre Ziele sind. Doch nun melden sie sich mit Macht zurück. Götter wandeln in der Welt der Sterblichen, Drachen erwachen aus jahrhundertelangem Schlaf. Die Forkruul Assail bekämpfen sie alle – und sind doch kurz davor, das Spiel der Götter für sich zu entscheiden …
Mit dieser komplexen epischen Fantasy-Saga wurde Steven Erikson zu einem der bedeutendsten Vertreter der modernen Fantasy.
Steven Erikson, in Kanada geboren, lebt heute in Cornwall. Der Anthropologe und Archäologe feierte 1999 mit dem ersten Band seines Zyklus Das Spiel der Götter nach einer sechsjährigen akribischen Vorbereitungsphase seinen weltweit beachteten Einstieg in die Liga der großen Fantasy-Autoren.
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Kapitel eins
Lerntest du niemals kennen
die Welten in meinem Geist,
dann wäre dein Verlust
ein kleines Erbarmen,
wir werden es unterwegs vergessen.
Nimm, was du gegeben,
und wende ab das verzerrte Gesicht.
Ich verdiene es nicht,
wie eng das Ufer auch sein mag
deiner eigenen Gestade.
Gibst du dein Bestes,
dann erwidere ich deinen Blick.
Den Pfeilen in klammernder Hand,
traue ich nicht,
die sich zum Lächeln neigen, das mir gilt.
Wir begegnen uns nicht in Trauer
oder einem anderen Schließen
von Wunden.
Wir tanzten nicht auf demselben
dünnen Eis,
und mein Mitleid mit deinen Mühen
ist frei von jedem Gedanken
an Gegenseitigkeit und Ausgleich.
Es schickt sich, weiter nichts.
Auch wenn es vielen
fremd ist.
Doch werden Geheimnisse sein,
die du nie kanntest,
und ich würde nicht anders entscheiden.
All meine Pfeile sind begraben, und
der Sand dehnt sich weit,
und das Geheime
kühlt ab am Altar, an dem es hängt.
Selbst das Tropfen hat aufgehört,
dieses Kind der Wünsche
mit einem Kopf voller Welten
und seinen geröteten Tränen.
Ich hasse die Tage, an denen ich mich sterblich fühle.
Die Tage in meinen Welten,
hier lebe ich für immer,
und sollte jemals der Morgen grauen,
werde ich in seinem Licht erwachen
als Neugeborener.
Dichternacht III, IV
Das malazanische Buch der Gefallenen
Fisher kel Tath
Cotillion zog zwei Dolche. Sein Blick fiel auf ihre Klingen. Die schwarzen Eisenflächen schienen in Wirbeln zu verschwimmen, als würden zwei Zinnflüsse über die Kerben und Rillen triefen. Wo die Klingen von Rüstungen und Knochen abgefangen worden waren, hatten sie Scharten. Noch einen weiteren Moment beobachtete er, wie sich der kränkliche Himmel grell darauf spiegelte. Dann sagte er: »Ich habe nicht vor, irgendetwas zu erklären.« Er sah auf und seinem Gegenüber in die Augen. »Hörst du mich?«
Die Gestalt ihm gegenüber war zu keiner mimischen Reaktion fähig. Regungslos hingen Fetzen verrotteter Sehnen und Hautstreifen an Stirn-, Wangen- und Kieferknochen. Sein Blick war leer, vollkommen leer.
Besser, dachte Cotillion, als blasierte Skepsis. Oh, davon hatte er wahrlich genug. »Sag mir«, sprach er weiter, »was meinst du, was du da vor dir hast? Verzweiflung? Kopflose Angst? Mangelnde Entschlossenheit, einen unausweichlichen Verfall, der zu Unfähigkeit führt? Glaubst du an Versagen, Randgänger?«
Die Erscheinung schwieg eine Weile, ehe sie ihre brechende, krächzende Stimme hören ließ. »Du kannst nicht so … dreist sein.«
»Ich habe dich gefragt, ob du an Versagen glaubst. Denn ich tu es nicht.«
»Selbst wenn du Erfolg haben solltest, Cotillion. Über jede Erwartung hinaus, sogar über jeden Wunsch hinaus. Sie werden trotzdem nur über dein Versagen reden.«
Er steckte seine Dolche weg. »Und weißt du, was die mich mal können?«
Der Kopf legte sich schräg, sodass Haarsträhnen zur Seite herabhingen und im Wind wehten. »Hochmut?«
»Können«, fuhr ihn Cotillion an. »Wage nicht, meine Worte anzuzweifeln.«
»Sie werden dir nicht glauben.«
»Das ist mir egal, Randgänger. Es ist, wie es ist.«
Er setzte sich in Bewegung, und es überraschte ihn nicht, dass der untote Wächter ihm folgte. Das haben wir schon einmal gemacht. Bei jedem Schritt wurden Staub und Asche aufgewirbelt, und der Wind stöhnte, als wäre er in einer Grabkammer eingeschlossen. »Es ist bald so weit, Randgänger.«
»Ich weiß. Du kannst nicht gewinnen.«
Cotillion blieb stehen und drehte sich halb um. Er verzog das Gesicht zu einem wüsten Lächeln. »Das heißt noch lange nicht, dass ich verlieren muss, oder?«
Hinter ihr stieg Staub auf und tanzte. Von ihren Schultern hingen Dutzende grausiger Ketten, die sie hinter sich herzog: Knochen, die zu ungleichen Kettengliedern verbogen waren, alte Knochen in tausend Schattierungen von Weiß zu dunklem Braun. Jede Kette bestand aus hunderten Individuen, aus missgebildeten Schädeln mit verfilzten Haaren, aus verschmolzenen Wirbelsäulen, langen Knochen, die klapperten und rasselten. Sie fächerten sich hinter ihr auf wie das Vermächtnis eines Tyrannen und ließen ein Band aus Furchen in der verdorrten Erde zurück, das sich über Meilen erstreckte.
Sie verlangsamte ihre Schritte nicht, sondern bewegte sich so beständig voran wie die Sonne, die vor ihr auf den Horizont zukroch, so unerbittlich wie die Dunkelheit, die sie überholte. Sie hatte keinen Sinn für Ironie und den bitteren Geschmack respektlosen Spotts, der im Gaumen so brennen konnte. In dieser Sache gab es nur Notwendigkeit, die hungrigste aller Göttinnen. Sie hatte Gefangenschaft erlebt. Ihre Erinnerungen daran waren noch lebhaft, doch dachte sie dabei nicht an Kryptawände und unbeleuchtete Grabmäler. An Dunkelheit durchaus, aber auch an Druck. Furchtbaren, unerträglichen Druck.
Wahnsinn war ein Dämon, der in einer Welt der ohnmächtigen Entbehrung und der tausend unerfüllten Wünsche wohnte, einer Welt ohne Erlösung. Wahnsinn, ja, diesen Dämon hatte sie auch erlebt. Sie hatten miteinander gefeilscht um Münzen aus Schmerz, und diese Münzen kamen aus einer Schatzkammer, die sich niemals leerte. Einen solchen Reichtum hatte sie einst erfahren.
Und noch immer verfolgte sie die Dunkelheit.
Sie ging weiter, ein Ding mit haarlosem Haupt, mit Haut in der Farbe von gebleichtem Papyrus, mit überlangen Gliedern, die sie mit unheimlicher Anmut bewegte. Um sie herum war die Landschaft verlassen, zu allen Seiten flach, nur vor ihr erstreckte sich wie eine zittrige Kralle am Horizont eine kraftlose, farblose Hügelkette.
Sie brachte ihre Vorfahren mit, die einen rasselnden chaotischen Chor anstimmten. Nicht einen einzigen hatte sie zurückgelassen. Jedes Grab ihres Stammbaums gähnte leer, ausgehöhlt wie die Schädel, die sie aus ihren Sarkophagen genommen hatte. Stille war stets die Zeugin der Abwesenheit. Stille war der Feind des Lebens, und davon wollte sie nichts wissen. Deshalb unterhielten sich ihre vollkommenen Vorfahren mit Flüstern und Schleifgeräuschen, und es waren die Stimmen ihres ureigenen Lieds, das die Dämonen auf Abstand hielt. Vom Feilschen hatte sie genug.
Vor langer Zeit, das wusste sie, hatte es auf den Welten – auf den blassen Inseln über dem Abgrund – von Geschöpfen nur so gewimmelt. Ihre Gedanken waren plump und einfach gewesen, und jenseits dieser Gedanken hatte es nichts als Dunkelheit gegeben, einen Abgrund der Unwissenheit und der Furcht. Als in dieser Finsternis der Verwirrung die ersten Lichtschimmer aufleuchteten, flackerten sie rasch ins Leben und brannten wie Leuchtfeuer. Doch der Geist wurde sich seiner nicht durch Ruhmesklänge bewusst. Nicht durch Schönheit und nicht einmal durch Liebe. Er regte sich nicht im Gelächter oder im Sieg. All diese Feuer, die da aufloderten, gehörten einer Sache und nur dieser einen Sache.
Das erste Wort des Bewusstseins war Gerechtigkeit. Ein Wort, das Empörung nährte. Ein Wort, das den Willen dazu befähigte, die Welt und all ihre grausamen Verhältnisse zu ändern, ein Wort, um brutaler Infamie mit Rechtschaffenheit zu begegnen. Gerechtigkeit erwachte in der Gleichgültigkeit der Natur zum Leben. Gerechtigkeit, die Familienbande schuf, Städte baute, Erfindungen hervorbrachte und beschützte, Gesetze formte und Verbote, aus dem ungebärdigen Eifer der Götter Religionen schmiedete. All die vorgegebenen Überzeugungen keimten sich windend und sich verzweigend aus dieser einen Wurzel und verloren sich am blendenden Himmel.
Doch sie und ihresgleichen, die sich nahe der Wurzel um den Stamm dieses riesigen Baums gelegt hatten, waren dort geblieben, vergessen, niedergetrampelt. Und dort, unter den Steinen, von Wurzeln in der dunklen Erde gehalten, waren sie Zeugen der Verderbnis der Gerechtigkeit geworden, ihres Bedeutungsverlusts, des Verrats an ihr.
Indem sie Wahrheiten verdrehten, hatten Götter und Sterbliche mit ihren unzähligen Taten das verdorben, was einst rein gewesen war.
Nun, das Ende nahte. Das Ende, ihr Lieben, ist nah. Es würde keine Kinder mehr geben, die sich aus Knochen und Schutt erhoben und wieder aufbauten, was verloren gegangen war. War auch nur eines unter ihnen, das nicht an der Brust der Verderbnis getrunken hatte? Oh, damit hatten sie ihr inneres Feuer genährt, sie hatten das Licht gehortet, die Wärme, als stünde die Gerechtigkeit ihnen alleine zu.
Es widerte sie an. Sie kochte vor Hass. In ihr glühte die Gerechtigkeit, und dieses Feuer loderte von Tag zu Tag heller, während das erbärmliche Herz des Angeketteten endlos blutete, Ströme von Blut. Zwölf Reine waren noch übrig und nährten sich. Zwölf. Vielleicht gab es noch andere, aber von denen wusste sie nichts. Nein, diese zwölf waren die Gesichter des letzten Sturms, und sie, die alle anderen übertraf, würde im Zentrum dieses Sturms stehen.
Zu diesem Zweck hatte sie vor langer, langer Zeit diesen Namen bekommen. Forkrul Assail waren vor allen Dingen geduldig. Doch auch die Geduld zählte inzwischen zu den verschwundenen Tugenden.
Mit klappernder Knochenkette schritt Ruh durch die Ebene, während in ihrem Rücken das Licht des Tages...




