E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Erler Brennendes Wasser
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-401-80397-5
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Jugendbuch-Thriller ab 14 Jahren, rund um Fracking, Umweltschutz, die Macht großer Energiekonzerne und Freundschaft
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-401-80397-5
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lukas Erler, geboren 1953 in Bielefeld, wurde mit seinen Romanen »Ölspur« und 'Mörderische Fracht' für den Friedrich Glauser-Preis nominiert. Für »Brennendes Wasser« erhielt er 2015 die »Segeberger Feder«. Auch Erlers zweiter Jugendroman »Side Effect« ist im Arena Verlag erschienen. Er lebt mit seiner Familie in Nordhessen.
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Als sie am See ankamen, war Speedy schon da. Er sah ungefähr so aus, wie Josh es sich vorgestellt hatte. Braun gebrannt, hohläugig und übernächtigt. Die Insel hatte ihre Spuren hinterlassen.
Doch da war noch etwas anderes.
»Wo ist das ganze Metall hin?«, staunte Caro.
Als sie Speedy das letzte Mal gesehen hatten, waren Lippen, Nasenflügel, Augenbrauen und Ohren gepierct gewesen. Das Gesicht hatte ausgesehen, als sei es mal in die Auslage eines Geschäfts für Anglerbedarf gedrückt worden, wie Caro angemerkt hatte. Bis auf einen dezenten Ring im Ohr waren jetzt alle Piercings verschwunden.
»Ich musste mich entscheiden«, brummte Speedy, »der Schmuck oder die Lehrstelle.«
»Gute Wahl«, sagte Caro und Speedy warf ihr einen mürrischen Blick zu. Nils »Speedy« Wegener war groß, mager und dunkelhaarig. Er war schon achtzehn und der coolste Typ, den Josh und Caro jemals kennengelernt hatten. Sein Spitzname verdankte sich der Tatsache, dass er seinen Führerschein einen Monat nach Erhalt wegen eines illegalen Autorennens gleich wieder hatte abgeben müssen. Ein Thema, auf dem Caro nach Belieben herumritt, wenn ihr danach war.
Sie schwammen eine Weile im Niedermoosbacher See, lagen anschließend faul in der Sonne und beschlossen, als es kühler wurde, noch ein wenig herumzufahren. Nebeneinander radelten sie auf den befestigten Wanderwegen, welche die Dörsamer Heide labyrinthartig durchzogen, nach Norden und genossen das Nachlassen der Tageshitze.
»Wie weit wollt ihr fahren?« Caro, die nach einer halben Stunde ein wenig außer Atem schien, zog die Kopfhörerstöpsel ihres MP3-Players aus den Ohren und sah Josh fragend an.
»Keine Ahnung.«
»Lass uns checken, ob der alte Matthis noch lebt«, schlug Speedy vor.
»Wie kommst du jetzt auf den?«, wollte Josh wissen.
Speedy grinste. »Immer wenn ich durch die Heide fahre, muss ich an ihn denken. Er hat mir mal einen Geburtstag versaut.«
Caro verzog das Gesicht. »Den Geburtstag hast du dir selbst versaut. Aber, echt jetzt…das sind mindestens noch sechs Kilometer. Warum willst du dahin? Denkst du, er hat sich inzwischen zu Tode gemüllt?«
Sie kannten Matthis seit ihrer Kindheit. Er war ein mittlerweile etwa siebzigjähriger, verwahrloster Messie, der in einem alten Haus am Rande der Dörsamer Heide ein unvorstellbares Sammelsurium von Dingen um sich herum aufgetürmt hatte. In der Grundschule hatten sie ihn gefürchtet, waren Hals über Kopf abgehauen, wenn er hinter ihnen herfluchte. Später spionierten sie ihn aus und beobachteten ihn stundenlang. Es faszinierte sie zu sehen, wie er immer sonderbarer wurde und sich von aller menschlichen Gesellschaft zurückzog. Und dabei dauernd irgendwelche Sachen anschleppte. An seinem zwölften Geburtstag hatte Speedy Matthis’ Haus mit seinem neuen Luftgewehr beschossen, worauf der Alte wutentbrannt herausgestürzt kam und ihn um ein Haar erwischt hatte. Danach war das Interesse an Ole Matthis erloschen.
Josh überlegte, wann er ihn das letzte Mal gesehen hatte. Vor zwei oder eher drei Jahren? Egal, er war damals schon völlig verrückt gewesen. Josh erinnerte sich an eine Bemerkung seines Vaters, der behauptet hatte, der alte Matthis sei nur deshalb noch nicht in der Klapsmühle gelandet, weil er da draußen in der Einöde niemandem in die Quere kam. Solange das so bliebe, könne er weiter vor sich hin spinnen.
Die Leute erzählten sich komische Geschichten über Ole Matthis und gingen ihm aus dem Weg, aber im Grunde galt er als harmlos. Trotzdem hatte Caro erkennbar keine Lust, zu dem Haus zu fahren. Sie schüttelte den Kopf und blickte missmutig zu Josh hinüber, doch der überlegte noch einen Augenblick und nickte dann energisch.
»Okay«, sagte er, »schauen wir nach, ob der Alte noch lebt.«
Er trat kräftig in die Pedale und Caro folgte ihm widerwillig. Speedy schien die Verstimmung zwischen den beiden zu spüren und ließ sich zurückfallen. Sie durchquerten ein kleines Wäldchen und fuhren dann über eine Reihe von Anhöhen, die wie Dünenkämme aussahen. Die Sonne stand schon tief und tauchte die blühende Heide in ein warmes Licht.
»Nach dem nächsten Hügel kommt das Haus«, sagte Josh und sah sich nach Caro um, die dicht hinter ihm fuhr. Auf ihrer Stirn hatte sich ein feiner Schweißfilm gebildet und sie schien jetzt stocksauer zu sein. Wieso hatte er das gemacht? Warum hatte er darauf bestanden, gegen ihren Willen hierher zu fahren, obwohl ihm im Grunde gar nicht viel daran lag? Josh versuchte vergeblich, sich diese Frage zu beantworten. Er wusste nur, dass er es einen Augenblick lang sattgehabt hatte, sich nach Caro zu richten.
Von der Anhöhe aus sahen sie es. Das alte Haus schmiegte sich unauffällig in die vor ihnen liegende Bodensenke und schien irgendwie mit der Umgebung zu verschmelzen. Die Wände und das Dach waren schwarz und teilweise von Efeu und anderen Pflanzen überwuchert, die staubigen Fenster schimmerten matt wie erblindete Augen. Das ganze Anwesen machte einen verwahrlosten und verlassenen Eindruck.
»Was hast du jetzt vor?«, fragte Caro spitz. »Da runtergehen und anklopfen? He, Matthis, alles klar bei Ihnen? Da unten ist kein Mensch, das sieht man doch!«
»Ja-ha, ist ja gut«, sagte Josh. »Lass uns durch die Scheiben sehen, und wenn niemand da ist, hauen wir wieder ab.«
Speedy nickte. Caro starrte ihn genervt an, widersprach aber nicht. Sie ließen die Fahrräder hinter den Büschen auf der Anhöhe zurück, kletterten hinunter und näherten sich in einem Halbkreis der linken Seite des Hauses. Josh hatte den Eindruck, dass es um sie herum stiller geworden war. War das möglich? Die Sonne war noch nicht vollständig untergegangen und dennoch schienen alle Singvögel verstummt zu sein. Auch der Wind hatte sich gelegt. Als sie an die linke Hausseite huschten, sah er Caros Gesicht von der Seite. Es wirkte angespannt und beunruhigt. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um durch eines der Fenster zu sehen. Josh trat hinter sie, hob ihre Haarmähne an und küsste sie in den Nacken. Caro fuhr blitzschnell herum und hätte ihm beinahe ihren Ellenbogen in den Magen gerammt.
»Bist du völlig verblödet?!«, zischte sie.
Josh grinste.
»Jetzt kühl dich mal runter. Das hier ist nicht Scary Movie Teil 18, okay? – das ist das Haus vom alten Matthis!«
»Oh, verdammt, da drinnen brennt’s«, sagte Speedy.
Caro drehte sich wieder zum Fenster und Josh war mit einem Sprung neben ihr. Beide pressten ihre Nasen an die Scheiben. Einen Augenblick lang konnten sie gar nichts erkennen, dann wurden die Konturen schärfer.
»Ach, du Scheiße«, flüsterte Caro.
Das Innere des einstöckigen Hauses bestand im Grunde nur aus einem einzigen großen Raum, von dem die Küchenzeile durch etwas, das einmal eine spanische Wand gewesen sein mochte, abgetrennt war. Inmitten eines unfassbaren Durcheinanders von Gerümpel, Möbelresten, Autoreifen, Gartengeräten und Lebensmitteln erhob sich eine dichte gelbgraue Qualmwolke in die Luft und begann, den Raum zu füllen. Ausgangspunkt der Wolke war ein Mann, der im Schneidersitz auf dem Boden saß. Er war alt und unbekleidet und Josh hatte keinen Zweifel, um wen es sich handelte.
»Nein«, sagte er, »es brennt nicht. Der Hausherr raucht.«
Der Alte hatte eine große Tabakspfeife in seinen rechten Mundwinkel geklemmt, aus der im Fünf-Sekunden-Takt gelbgraue Schwaden aufstiegen. In beiden Händen hielt er einen runden Gegenstand von etwa zwanzig Zentimetern Durchmesser, den er offensichtlich unruhig und erwartungsvoll anstarrte. Dann wieder glitt sein Blick zur gegenüberliegenden Wand, verharrte kurz dort und wechselte wieder zu dem Ding in seinen Händen.
»Was hat er da?«, flüsterte Caro.
»Sieht aus wie eine große Uhr.« Speedys Stimme war nur ein heiseres Krächzen.
»Könnt ihr erkennen, was da an der …?«
In diesem Moment sprang der Alte auf und gleichzeitig hörten sie das unverwechselbare Geräusch einer … Kuckucksuhr? Es kam von der Wand. Matthis warf noch einen kontrollierenden Blick auf die Uhr in seiner Hand und lief dann zu einem alten Plattenspieler, der auf einem Stuhl stand. Er legte den Tonarm auf eine staubige Langspielplatte, raste zurück in die Mitte des Raumes und stellte sich in Positur.
»Showtime«, sagte Caro, »voll krass!«
Exakt mit dem siebten Ruf des Kuckucks setzte die Musik ein. Fidel, Akkordeon, Banjo, eine ebenso ungewöhnliche wie eingängige Melodie und ein mitreißender Rhythmus.
»Was ist das für Musik?«, flüsterte Josh.
» Irish Folk«, erwiderte Speedy völlig perplex, »das ist ein irischer Volkstanz.«
Matthis hatte jetzt begonnen, sich im Takt der Musik zu wiegen, und wurde langsam schneller. Das glaubt uns kein Mensch, dachte Josh und tastete vergeblich nach seinem Handy. Sie sahen tatsächlich einen schmutzstarrenden, abgemagerten, nackten alten Mann, der einen irischen Tanz aufführte. Und dabei rauchte wie verrückt. Sein faltiges braunes Gesicht mit dem langen grauen Bart verschwand immer wieder...




