Erler | Das falsche Opfer | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Erler Das falsche Opfer

Ein Fall für Carla Winter
Die Auflage entspricht der aktuellen Auflage der Print-Ausgabe zum Zeitpunkt des E-Book-Kaufes.
ISBN: 978-3-608-12185-8
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Fall für Carla Winter

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-608-12185-8
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Zwischen Intrigen und falschen Wahrheiten: ein neuer Fall für Carla Winter Ein Geständnis, das keines ist. Ein Fall, der sich als Lüge entpuppt. Und eine Spur, die bis in den Tschetschenien-Krieg zurückreicht. In diesem Kriminalroman ist nichts, wie es scheint: Lukas Erler ist zurück mit einem weiteren brisanten Fall für die toughe Frankfurter Rechtsanwältin Carla Winter. An einem lauen Sommerabend findet Carla Winter auf den Stufen vor ihrem Haus eine Frau. Mit einem blutbeschmierten Küchenmesser in der Hand. Tief verstört gesteht sie, dass sie ihren gewalttätigen Freund umgebracht hat. Im Krankenhaus scheint sich die Geschichte von Natascha Berling zu bestätigen. Carla übernimmt die Verteidigung. Doch sie ist nicht die Einzige, die sich für den Fall interessiert. Auch die rechtskonservative Presse stürzt sich darauf, denn bei dem Toten handelt es sich um einen muslimischen Mann arabischer Herkunft, der schon früher durch Gewaltdelikte aktenkundig geworden ist. Während die rassistische Hetze in den sozialen Medien hochkocht, versucht Carla einen kühlen Kopf zu bewahren. Dann taucht plötzlich ein anonymer Hinweis in der Kanzlei auf: »Die Schlampe lügt wie gedruckt.« Carla setzt ihren neuen Mitarbeiter Ritchie Lambert auf die Sache an. Und tatsächlich: Natascha Berling ist nicht die, die sie zu sein vorgibt.

Lukas Erler, geboren 1953, studierte Soziologie, Philosophie und Sozialgeschichte und absolvierte eine Ausbildung zum Logopäden. Er arbeitete als Soziologe in der Stadtentwicklungsplanung und als Logopäde drei Jahrzehnte in der neurologischen Rehabilitation. Mit seinen Thrillern wurde er mehrmals für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert. Erler lebt mit seiner Familie in Nordhessen.
Erler Das falsche Opfer jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Sieben


Als Carla die Tür zu dem Büroraum öffnet, in dem für gewöhnlich die Besprechungen zwischen Untersuchungshäftlingen und ihren Anwälten stattfinden, ist Natascha Berling schon da. Sie sieht blass und übernächtigt aus. Carla nickt ihr zu und setzt sich neben sie. Wenige Augenblicke später betreten Kriminalhauptkommissar Rossmüller und Haftrichterin Iris Brüggemann den Raum.

Frau Dr. Brüggemann steht kurz vor der Pensionierung, aber nicht in dem Ruf, altersmilde geworden zu sein. Graue Locken, grauer Hosenanzug, kühle graue Augen hinter dicken Brillengläsern. Sie lässt sich schwungvoll auf einen Stuhl fallen und knallt ihre Aktentasche auf den Tisch.

»Guten Morgen! Ich habe fünfundvierzig Minuten. Danach entscheide ich, wie es weitergeht. Diese Vernehmung wird wie immer aufgezeichnet. Herr Rossmüller, legen Sie los. Zunächst die Fakten!«

Rossmüller nickt, spricht Ort und Zeitpunkt der Vernehmung aufs Band, nennt die anwesenden Personen, blättert in einem dünnen Schnellhefter und wendet sich dann Carlas Mandantin zu. »Sie sind Natascha Berling, geboren 1978 als Tochter deutschstämmiger Eltern in Syrjanowsk, Kasachstan. Die Stadt heißt heute Altai. Ist das richtig?«

Die Frau an Carlas Seite nickt. »Auch meine Großeltern waren deutsch.«

»Das spielt hier keine Rolle«, sagt Rossmüller unfreundlich. »Wann sind Sie nach Deutschland gekommen?«

»Wie wäre es mit einem anderen Tonfall?«, mischt sich Carla ein.

Der Polizist ruckt den Kopf herum und schaut zur Richterin.

Die lächelt maliziös. »Ja, Herr Kriminalhauptkommissar, wie wäre es damit? Etwas Höflichkeit vielleicht? Oder Empathie?«

»Klar doch«, sagt Rossmüller. »Wenn’s der Wahrheitsfindung dient …« Er strahlt Natascha Berling direkt an. »Also, wenn Sie uns bitte mitteilen könnten, wann Sie in dieses schöne Land …?«

»Im Herbst 2003.«

»Seitdem wohnen Sie in Frankfurt?«

»Ja. Ich habe eine Ausbildung als Steuerfachgehilfin gemacht und arbeite als freiberufliche Buchhalterin.«

»Familienstand?«

»Ledig. Keine Kinder.«

Rossmüller nickt. »Sie haben gestern angegeben, den Mann in Ihrer Wohnung getötet zu haben. In welcher Beziehung standen Sie zu ihm?«

»Ich habe ihn geliebt.«

»Bitte schildern Sie, was passiert ist.«

Berling schließt für ein paar Sekunden die Augen, und als sie sie wieder öffnet, laufen ihr Tränen die Wangen hinunter, die sie mit einer fahrigen Bewegung wegwischt. »Wir haben uns vor vier Monaten kennengelernt. Im Grüneburgpark. Ich saß mit meinem Buch auf einer Bank und genoss die Märzsonne. Er kam vorbei, sah, was ich las, und sprach mich darauf an. Wie sich herausstellte, war es eines seiner Lieblingsbücher.«

»Welches Buch war das?«, will Carla wissen.

Rossmüller wirft ihr einen giftigen Blick zu, lässt die Einmischung aber durchgehen. »Ein sehr komischer Science-Fiction-Roman von Douglas Adams: Macht’s gut und danke für den Fisch. Der vierte Teil der Serie Per Anhalter durch die Galaxis. Ahmad kannte alle Bände in- und auswendig. Er war ein echter Fan. Wir haben uns stundenlang unterhalten und zum Schluss für den nächsten Tag zum Essen verabredet. So fing alles an.«

»Wie verlief die Beziehung?«

»Sehr romantisch. Am Anfang jedenfalls. Wie in einem kitschigen Film. Er war Muslim und fast zehn Jahre älter als ich, aber das spielte keine Rolle. Ich hatte schon lange keine Beziehung zu einem Mann mehr gehabt und beinahe vergessen, wie sehr ich mich danach sehnte.«

»Wann fing es denn an, weniger romantisch zu werden?«, fragt Rossmüller.

»Irgendwann nach ein paar Wochen. Weil er immer … dominanter wurde.«

»Wie äußerte sich das?«

Berling schnieft in ein Taschentuch und lässt sich Zeit mit der Antwort. »Zum Beispiel sind wir oft ausgegangen, dauernd lud er mich in gute Restaurants oder ins Kino ein. Wir besuchten Konzerte und Sportveranstaltungen. Es hat Spaß gemacht. Am Anfang ist mir gar nicht so aufgefallen, dass immer er entschied, was wir unternahmen, und als ich es merkte, hat es mich auch nicht weiter gestört. Schließlich bezahlte er ja auch. Aber nach und nach ist mir klargeworden, was für ein Kontrollfreak er war. Immer häufiger wollte er wissen, was ich den ganzen Tag über gemacht hatte, wen ich traf und mit wem ich telefonierte. Er fing an, mir nachzuspionieren, wurde immer eifersüchtiger und warf mir vor, ihn heimlich zu betrügen.«

»Warum haben Sie den Blödsinn mitgemacht?«, unterbricht Dr. Brüggemann. »Sie waren nicht verheiratet und finanziell unabhängig. Sie hätten ihn einfach verlassen können.«

Natascha Berling starrt die Richterin an und beginnt wieder zu weinen. Carla holt ein Päckchen Papiertaschentücher heraus und reicht ihr eines. Ihre Mandantin wischt die Tränen ab und schnieft ausgiebig.

»Das habe ich versucht. Vier mal. Jedes Mal hat er eingelenkt, hat gebettelt und mich angefleht, bei ihm zu bleiben. Dass er ohne mich nicht leben kann, hat er gesagt, und dass er mich braucht. Ich glaube, das hat den Ausschlag gegeben. Wenn ich gebraucht wurde, konnte ich noch nie Nein sagen. Am nächsten Tag hat dann wieder das Kommandieren und Beschimpfen angefangen. Und beim letzten Streit hat er mich geschlagen.« Berling zeigt mit dem Finger auf das große Hämatom unter ihrem linken Auge.

»Worum ging es bei dem Streit?«

»Eine Bagatelle. Lächerlicher Mist. Er hatte vor meiner Wohnung auf mich gewartet, und ich bin ein bisschen zu spät gekommen. Das hat ihn so aufgeregt, dass ich ihn erst gar nicht mit hochnehmen wollte …« Berling schweigt einen verbitterten Augenblick. »Aber dann habe ich doch wieder nachgegeben.«

»Womit hat er Sie geschlagen?«, will Rossmüller wissen.

»Mit einer Flasche Jack Daniel’s.«

»Er hat Alkohol getrunken? Als Muslim?«

Natascha Berling nickt. »Nicht oft, aber wenn, dann immer zu viel. Das Trinken hat ihn launisch und noch unberechenbarer gemacht. Aggressiv, eifersüchtig, sentimental – manchmal auch liebesbedürftig und lustig. Es war schwer, damit umzugehen.«

»War die Flasche leer?«

»Fast.«

Rossmüller kramt ein Tablet aus seiner Aktentasche, ruft offenbar die Fotogalerie auf und hält das Display in Richtung Dr. Brüggemann. Dann wendet er sich wieder Carlas Mandantin zu und zeigt ihr das Bild.

»Ich habe hier die Tatortfotos, die unsere Kollegen gemacht haben. Im Mülleimer Ihrer Küche war diese Whiskeyflasche. Ist das die, mit der Sie geschlagen wurden?«

»Ja, ich habe sie nach dem Streit weggeworfen.«

»Es waren Ihre Fingerabdrücke darauf. Und die des Toten. Wie genau hat er Sie geschlagen?«

»Was meinen …?«

»Wie hat er die Flasche gehalten? Am Hals – und dann wie mit einer Keule zugeschlagen?«

Berling schüttelt den Kopf. »Nein. Sie sehen ja, die Flasche ist nicht rund, sondern rechteckig. Er hat sie wie ein Holzscheit in der Hand gehalten und mir die Breitseite … ins Gesicht … es war mehr wie ein harter Stoß. Hat sehr wehgetan. Ich hab’s nicht kommen sehen.«

»Wie ging es dann weiter?«

»Wir saßen am Tisch, als das mit der Whiskeyflasche … ich habe mir den Kopf gehalten und konnte nicht glauben, was da passiert ist, ich war ganz benommen, da kam er schon, hat mich hochgezerrt und mir in die Rippen geboxt. Hier links.«

Carla erinnert sich, dass die Unfallchirurgin von einem Bluterguss an dieser Stelle gesprochen hat.

»Wie lange ist das jetzt her?«, fragt Rossmüller weiter.

»Zehn Tage.«

»Was haben Sie nach dem Angriff gemacht?«

»Irgendwie habe ich den Schock überwunden und ihn angebrüllt. Hab geschrien, dass jetzt Schluss ist und ich ihn nicht mehr wiedersehen will. Dann bin ich aus der Wohnung gerannt. Er hat versucht, mich festzuhalten, aber ich konnte mich losreißen und abhauen. Als ich mich nach zwei Stunden getraut habe, in die Wohnung zurückzukehren, war er verschwunden.«

»Wie hat er Sie festgehalten?«

»An den Handgelenken.«

»Sind Sie zur Polizei oder zu einem Arzt gegangen?«

Natascha Berling schweigt eine Weile und schüttelt dann den Kopf. »Ich habe mich geschämt.«

»Warum das?«, will Dr. Brüggemann wissen. »Zu diesem Zeitpunkt waren Sie nur Opfer.«

Carla weiß, dass die Haftrichterin erfahren genug ist, um die Antwort auf diese rhetorische Frage zu kennen, und Carla kennt sie auch.

Natascha Berling ist noch blasser geworden und schluckt mit Mühe ihren Speichel hinunter. Trotzdem...


Erler, Lukas
Lukas Erler, geboren 1953, studierte Soziologie, Philosophie und Sozialgeschichte und absolvierte eine Ausbildung zum Logopäden. Er arbeitete als Soziologe in der Stadtentwicklungsplanung und als Logopäde drei Jahrzehnte in der neurologischen Rehabilitation. Mit seinen Thrillern wurde er mehrmals für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert. Erler lebt mit seiner Familie in Nordhessen.

Lukas Erler, geboren 1953, studierte Soziologie, Philosophie und Sozialgeschichte und absolvierte eine Ausbildung zum Logopäden. Er arbeitete als Soziologe in der Stadtentwicklungsplanung und als Logopäde drei Jahrzehnte in der neurologischen Rehabilitation. Mit seinen Thrillern wurde er mehrmals für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert. Erler lebt mit seiner Familie in Nordhessen.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.