E-Book, Deutsch, Band 7, 144 Seiten, Format (B × H): 170 mm x 240 mm
Erlinger Geborgenheit finden
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7025-8070-4
Verlag: Verlag Anton Pustet Salzburg
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, Band 7, 144 Seiten, Format (B × H): 170 mm x 240 mm
Reihe: Internationale Pädagogische Werktagung
ISBN: 978-3-7025-8070-4
Verlag: Verlag Anton Pustet Salzburg
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Mag., geboren 1991 in Braunau/Inn, hat Geschichte und Slawistik an der Universität Salzburg studiert. Pädagogische Mitarbeiterin im Katholischen Bildungswerk Salzburg, Planung und Organisation der Internationalen Pädagogischen Werktagung.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Catherine Walter-Laager, Susanne Kammerhofer, Mailina Petritsch, Claudia Geißler, Eva Pölzl-Stefanec
Die elementarpädagogische Sicht auf Beziehung, Interaktion und Geborgenheit
Zusammenfassung
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1. Einleitung
Sucht man nach wissenschaftlichen Artikeln mit dem Schlagwort »Geborgenheit« im Kontext »Kindheit, Krippe oder Kindergarten«, findet man wenige Einträge. Eine Recherche über unterschiedliche Datenbanken (ERIC, FIS und Google Scholar), in pädagogischen und psychologischen Handwörterbüchern oder auch in den Sachregistern von Überblickswerken, blieb ergebnisarm. Dagegen findet sich thematische pädagogische Ratgeberliteratur – interessanterweise wird darin allerdings mehrheitlich das Konzept der »Bindung« beschrieben – teilweise mit biologischen Hintergründen. Geborgenheit ist aber mehr als eine Bindungsbeziehung, sie hat eine eigene Qualität. Und wenn wir darüber nachdenken, haben wir alle ein Gefühl dafür, was Geborgenheit bedeutet, wie es sich anfühlt und in welchen Situationen beziehungsweise unter welchen Umständen wir uns geborgen fühlen.
2. Geborgenheit aus pädagogischer Sicht
Unergiebig gestaltete sich auch die Suche nach einer konsensfähigen, wissenschaftlichen Definition von »Geborgenheit«. Daher wurden an dieser Stelle fachlich eher ungewöhnliche Wege eingeschlagen, die aber das Bedeutungsspektrum aufspannen:
Auf Wikipedia wird Geborgenheit als »Zustand des Sicherheits- und Wohlgefühls« beschrieben, das »Nähe, Wärme, Ruhe und Frieden« symbolisiert (Wikipedia 2018). Mogel erweitert dies durch den Hinweis, dass der Begriff zudem Vertrauen und Akzeptanz durch andere beinhaltet (vgl. Wikipedia 2018). Wolf definiert im online verfügbaren Psychologie-Lexikon Geborgenheit als »einen Zustand, in dem wir uns sicher, unbeschwert und friedlich – sozusagen zufrieden mit uns und der Welt fühlen« (Wolf 2012–2018). Wenn wir uns geborgen fühlen, verspüren wir weder Angst und Wut noch Traurigkeit und Einsamkeit. Die Erfahrung dieses Zustandes machen wir bereits im Bauch der Mutter, und sehnen uns lebenslang nach diesem Gefühl (vgl. Wolf 2012–2018).
Geborgenheit kann überall sein: »zu Hause, in der Natur, beim Kuscheln oder Träumen und bei den besten Freunden. Ein Kind, das sich geborgen fühlt, ist eins mit der Welt« (Dibbern 2014, S. 7).
2.1. Kinderaussagen zu Geborgenheit
Julia Dibbern (2014) hat eine kleine Befragung bei Kindern durchgeführt. Kleinkinder fassen Geborgenheit noch nicht in Worte. Kinder ab dem Kindergartenalter beschreiben, was ihnen hilft, sich geborgen zu fühlen (zum Beispiel: Kuscheln mit Mama und Papa) und was zu Unsicherheit führt (zum Beispiel: gruselige Filme). Im Originalton sagt Leonard, 7 Jahre: »Geborgenheit ist, wenn Mami oder Papi mich ganz nah im Arm halten und umarmen. Jemandem ganz nahe sein ist Geborgenheit.« Jake, 7 Jahre, meint: »Geborgenheit ist ein Kuss auf die Wange. Geborgenheit ist Liebe und Umarmen. Und Massage. Das ist Geborgenheit.« (vgl. Dibbern 2014, S. 45ff.).
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sich Geborgenheit aus zwei Komponenten zusammensetzt:
a) Wohlbefinden (Zufriedenheit mit sich und der Welt, Nähe zu geliebten Menschen)
b) Sicherheit und Vertrauen (in verlässliche Beziehungen sozial eingebunden sein, physisch nicht gefährdet sein).
Grafik 1: Geborgenheit (Walter-Laager)
2.2. Elternwünsche
Im Rahmen des EU-Projektes »Europäisches Gütesiegel« wurden Eltern zur Wichtigkeit unterschiedlicher Qualitätskriterien befragt (vgl. Schneider/Tietze 2018). Im Vorhinein konnten sie völlig frei fünf Merkmale formulieren, welche ihnen in einer Bildungs- und Betreuungseinrichtung für junge Kinder besonders wichtig sind. Das Ergebnis war eindrücklich: Rund 80 Prozent der genannten Punkte beschrieben, dass sich Eltern eine hohe Prozess- und Interaktionsqualität für ihre Kinder wünschen, und davon bezogen sich mehr als ein Drittel der Aussagen explizit auf das Wohlbefinden der Kinder sowie auf die tragfähigen Beziehungen zwischen den Fachkräften und den Kindern (vgl. Eichen/Geißler/Walter-Laager 2019). In anderen Worten: Eltern wünschen sich für ihre Kinder vordringlich eine Einrichtung, in welcher sie sich geborgen fühlen können.
3. Theoretische Grundlagen und didaktische Ansatzpunkte
Um Geborgenheit für Kinder im Alltag von Betreuungseinrichtungen erlebbar zu machen, werden im Folgenden die wichtigsten Komponenten näher analysiert und mit Beispielen aus der Praxis untermauert.
3.1. Sicherheit und Vertrauen
Als Voraussetzung, damit das Gefühl der Geborgenheit überhaupt entstehen kann, braucht es sichere Beziehungen. In diesem Zusammenhang ist der Begriff der »Bindung« für die ersten Lebensjahre entscheidend. »Bindung« beschreibt die Tendenz eines Kindes, die Nähe zu bestimmten Personen zu suchen und sich in ihrer Gegenwart sicher zu fühlen (vgl. Atkinson et al. 2001, S. 91). Dabei hat Bindung die Funktion, das Überleben zu gewährleisten, oder noch genauer, die Grundbedürfnisse Ernährung, Pflege, Schutz und Fortbewegung zu sichern. Findet ein Kleinkind bei seinen Bezugspersonen Sicherheit, bildet dies eine optimale Ausgangslage für Exploration (vgl. Bischof-Köhler 1998, S. 331ff.). Kinder suchen Nähe zu bestimmten Personen, wenn sie sich unsicher fühlen. Die Nähe wirkt entspannend und sobald das Kind sich wieder wohlfühlt, kann es wieder selbstständig losziehen und die Umgebung erkunden. Die beschriebene und von den Kindern gewünschte Nähe löst bei Menschen aufgrund von Hormonausschüttungen positive Emotionen aus und macht, dass sie sich wohl und geborgen fühlen und liebevoll miteinander verbunden sind. Es lindert Schmerzen, lässt Wunden schneller heilen, verringert den Blutdruck und reduziert Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin. Die Komponenten, die beim Stillen Wohlgefühl auslösen, führen auch später im Leben zu Oxytocin-Ausschüttungen: Nahrung, Wärme, Körperkontakt. Die Evolution hat also dafür gesorgt, dass sich »Nähe« lohnt (vgl. Uvnäs-Moberg 1998a, S. 25; Uvnäs-Moberg/Petersson 2005, S. 9ff.).
Die Bereitschaft, sich an andere Personen zu binden, ist schon bei den Neugeborenen vorhanden und bleibt über das Erwachsenenalter bis ins hohe Alter bestehen. Bindungen zu den Eltern oder anderen Betreuungspersonen bestehen folglich bereits während der Kindheit. In dieser Zeit sucht das Kind Hilfe, Schutz oder Trost. Diese Bindungen wandeln sich im positiven Fall in gute, tragfähige Beziehungen und überdauern bei gesunder Entwicklung die Adoleszenz und reichen bis ins Erwachsenenalter. Die bestehenden Beziehungen werden durch neue ergänzt. Das Ausmaß der Nähe oder der Zugänglichkeit, in welchem diese Beziehung verläuft, hängt von den jeweiligen Umständen und dem Alter ab (vgl. Bowlby 2002, S. 20f.; Largo 2017, S. 78f.).
Grafik 2: Bindungsstärke und Alter (Largo 2017, S. 79)
Aber nicht alle sozialen Beziehungen, die wir haben, sind zugleich Bindungsbeziehungen. In Kindergarten- oder Kinderkrippengruppen bestehen vielerlei Beziehungen: teilweise sind sie eng, teilweise relativ lose und hoffentlich immer positiv. Nach Weber (1972) definiert sich eine soziale Beziehung als ein gegenseitig eingestelltes und dadurch aufeinander bezogenes, orientiertes Verhalten zwischen mehreren Personen. Dies besteht nicht nur zwischen Bezugspersonen und Kindern, sondern auch zwischen den Kindern. Peer-Beziehungen wurden lange Zeit etwas vernachlässigt (Brandes/Schneider-Andrich 2019, S. 63ff.), erleben aber in den letzten Jahren mehr Aufmerksamkeit auch von Seiten der Wissenschaft. Sie bieten im Idealfall bereits in der frühen Kindheit viele Anregungen auf Augenhöhe und endlos viele Lerngelegenheiten. Kinder lernen voneinander und erproben soziale Umgangsformen in einer erstaunlichen Vielfalt und Differenziertheit. Häufige soziale Interaktionsformen (vgl. Viernickel 2004, S. 48ff.):
• Sanktion nach inadäquatem Verhalten der...




