Ernst | Schwabenmord | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 370 Seiten

Reihe: Ein Inge-Vill-Krimi

Ernst Schwabenmord

Kriminalroman
16001. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95819-054-2
Verlag: Ullstein Midnight
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, Band 2, 370 Seiten

Reihe: Ein Inge-Vill-Krimi

ISBN: 978-3-95819-054-2
Verlag: Ullstein Midnight
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nachdem die Kriminalkommissarin Inge Vill schwer traumatisiert eine Auszeit nehmen musste, kehrt sie nun zurück ins Kommissariat der schwäbischen Kleinstadt Feigenbach. Dort wird in einem brutalen Mordfall ermittelt: Ein Heilpraktiker wurde in einem Fass mit Rapsöl ertränkt. Der Mann hatte sich zeitlebens einige Feinde gemacht - durch windige Geschäfte ebenso wie durch fragwürdige Behandlungsmethoden, die ein Kind beinahe das Leben gekostet hätten. Der Vater des Mädchens ist nun der Hauptverdächtige, doch Inge Vill glaubt nicht an diese einfache Lösung. Gleichzeitig sprengt ein Verrückter Radarfallen in die Luft. Als bei einer Explosion ein Beamter ums Leben kommt, ist Inge Vill die Einzige, die einen Zusammenhang sieht.

Matthias Ernst wurde 1980 in Ulm/Donau geboren. Bereits in seiner Jugend begeisterte er sich für Literatur und verfasste Romane und Kurzgeschichten. Nach dem Studium der Psychologie arbeitete er in mehreren psychiatrischen und psychotherapeutischen Kliniken in Süddeutschland. In seinen Kriminalromanen über die Kommissarin Inge Vill verbindet er seine beiden größten Leidenschaften miteinander, das Schreiben und die Psychotherapie. Matthias Ernst lebt und arbeitet in Oberschwaben. Er ist Mitglied beim SYNDIKAT.
Ernst Schwabenmord jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


08.00 Uhr

Ich nahm die Abzweigung von der Bundesstraße möglicherweise ein wenig zu rasant, sodass ich mit quietschenden Reifen in den Hof der Dienststelle einbog. Ein Kollege von der Schutzpolizei beäugte mich misstrauisch, doch als er mich hinter dem Steuer meines Alfas erkannte, hob er die Hand zu einem freundlichen Gruß. Ich nickte ihm lächelnd zu und stellte mein Auto auf einem freien Parkplatz ab.

Dann stieg ich aus und ging mit pochendem Herzen auf das Hauptgebäude der Feigenbacher Polizeidienststelle zu. Im Glaskasten saß der ewig notgeile Toni. Bei dem Gedanken daran, wie er sich bei der Weihnachtsfeier vor zwei Jahren sturzbetrunken an alles herangemacht hatte, was nicht schnell genug den Raum hatte verlassen können, musste ich unwillkürlich grinsen. Und das löste mit einem Mal einen kleinen Teil der ungeheuren Anspannung, die schon seit Tagen von mir Besitz ergriffen hatte.

Ich nickte Toni zu und wollte flugs an ihm vorübereilen, doch seine erstaunlich hohe Stimme hielt mich zurück.

»Sie sollet glei zum Chef komme, Frau Vill.«

Die Erwähnung von Rudi Heckenberger trieb meinen Puls sofort wieder in die Höhe.

»Ruhig Blut, Inge«, versuchte ich mich innerlich wieder runterzubringen, so wie ich es von Frau Schwiers, meiner Therapeutin während der psychosomatischen Reha, gelernt hatte. »Rudi wird mit dir nur die Formalitäten klären. Wie die Eingliederung abläuft und so weiter. Sei doch froh, dass er dich zuerst zu sich ruft. Schau, er wirft dich nicht gleich ins kalte Wasser, er kümmert sich um dich.«

Mein inneres Wiegenlied zeigte Wirkung. Ich atmete tief durch und schlug den Weg zu Heckenbergers Büro ein. Als ich vor der Türe zu seinem Vorzimmer stand, wiederholte ich kurz mein »Inge, das schafft du«-Mantra, dann klopfte ich und trat ein.

Eleonore Wiesenbräu, Rudis Sekretärin, musterte mich ausgiebig. Ihre eigentlich recht kleinen grünen Äuglein wurden durch die riesigen Gläser ihrer Siebzigerjahrebrille grotesk vergrößert, und ich fühlte mich kurz in einen uralten Science-Fiction-Film versetzt, in dem ein unfreiwillig komisch aussehendes Monster vom Mars eine Gruppe gefangener Erdlinge mit seinem Röntgenblick nach versteckten Waffen abscannt.

»Guten Morgen, Frau Wiesenbräu«, rief ich fröhlich.

»Guten Morgen Frau Vill«, erwiderte sie mit gewohnt sauertöpfischer Miene. »Sieht man Sie auch mal wieder.«

Ich lächelte sie freundlich an, während mir einige sehr, sehr unfreundliche Gedanken durch den Kopf gingen.

»Schön, dass Sie sich trotz meiner langen Abwesenheit noch an mich erinnern können«, war die einzige kleine Spitze, die ich mir zugestand. »Mir wurde gesagt, dass ich mich bei Herrn Heckenberger melden sollte?«

»Gehen Sie rein, er erwartet Sie«, brummte Eleonore die Schreckliche.

Ich ließ die alte Giftkröte an ihrem Sumpf, den sie Schreibtisch nannte, zurück und ging auf die ledergepolsterte Tür von Rudis Büro zu. Als ich gerade zu einem Klopfen ansetzen wollte, wurde die Tür plötzlich schwungvoll aufgerissen. Erschrocken blickte ich in das zorngerötete Gesicht meines Chefs.

Auch er war offensichtlich überrascht, dass jemand auf seiner Türschwelle stand. Meine Anwesenheit schien ihn zudem aus dem Konzept gebracht zu haben, denn er starrte mich einige Augenblicke lang verwirrt an, ehe er seinen Charakterkopf einmal kräftig schüttelte, mir die Hand hinstreckte und »Guten Morgen, Frau Vill, schön, Sie zu sehen, gehen Sie doch schon mal in mein Büro« sagte.

Ich gab ihm die Hand und trat ein. Rudi ging ins Vorzimmer und schloss die Tür hinter sich. Trotz der Dämpfung durch das Leder hörte ich, wie er mit einem Mal laut wurde. Ich konnte die Worte zwar nicht verstehen, doch es klang so, als ob er gerade dabei wäre, seine Chefsekretärin zusammenzustauchen. Eine kurze Woge der Genugtuung durchflutete mich, wurde jedoch rasch von einem leisen Gefühl des Mitleids abgelöst. Von Rudi in Senkel gestellt zu werden war etwas, das ich nur meinen allerschlimmsten Feinden gegönnt hätte.

Heckenberger kehrte mit hochrotem Kopf zurück. Er deutete auf den vor seinem Schreibtisch stehenden Besucherstuhl, und ich nahm Platz, während Rudi sich in seinen Chefsessel fallen ließ.

Er betrachtete mich einen Moment lang schweigend, während seine angespannte Miene zunehmend weicher und seine Gesichtsfarbe zunehmend heller wurde. Schließlich sagte er:

»Schön, dass Sie wieder da sind, Frau Vill!«

Ich nickte und erwiderte:

»Das wurde jetzt auch langsam Zeit.«

Er öffnete eine Schublade seines Schreibtischs und holte zwei Gegenstände heraus, die er vor mir auf der Arbeitsfläche ablegte. Es handelte sich um meinen Dienstausweis und um meine Pistole. Ich griff zunächst nach dem Ausweis und steckte ihn in die Innentasche meiner Jacke. Dann nahm ich die Waffe in die Hand. Es fühlte sich ungewohnt und auch etwas unwirklich an, wieder eine Pistole in der Hand zu halten. Nach einigen Sekunden schob ich die Waffe in das Halfter unter meiner linken Achselhöhle.

Rudi lächelte mir freundlich zu.

»Fühlen Sie sich fit für den Dienst?«, fragte er.

»Ja«, entgegnete ich, ohne zu zögern, und fügte, auf den Mord an dem Heilpraktiker anspielend, hinzu: »Es gibt ja wohl auch einiges zu tun.«

Auf Rudis Stirn zeichneten sich die Umrisse der Querfalten ab, deren Tiefe neben der Röte der Gesichtsfarbe meines Chefs der beste Indikator für den Grad seiner Anspannung war. Irgendetwas schien ihm Kopfzerbrechen zu bereiten.

»Ja«, sagte er schließlich. »Darüber müssen wir sprechen. Über Ihre Tätigkeiten während der Wiedereingliederung, meine ich.«

Ich schluckte. Welche »Tätigkeiten« er wohl meinte?

»Nun«, erwiderte ich, »so wie ich das verstehe, ist die Wiedereingliederungsphase mit einer verkürzten Arbeitszeit verbunden. Das bedeutet, dass ich wahrscheinlich erst einmal schwerpunktmäßig in der Dienststelle arbeiten werde.«

Rudi nickte.

»Wir ermitteln aktuell in zwei Fällen. Von dem Mord an Jürgen Schwärzler, dem Heilpraktiker, der in seinem eigenen Rapsöl ertränkt wurde, werden Sie schon gehört haben.«

Ohne meine Antwort abzuwarten, fuhr er fort:

»Und dann ist da noch die Sache von gestern Abend.«

»Die Radarfalle«, murmelte ich.

Er blickte mich erstaunt an.

»Kam heute Morgen in den Lokalnachrichten im Radio«, erklärte ich.

Rudi seufzte.

»Dass Ihr Dezernat sich mit so einem Mist überhaupt befassen muss! Haben sie die genauen Umstände auch im Radio gebracht?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Gut«, erwiderte Rudi. »Dann lassen Sie sich bitte von Herrn Hübner diesbezüglich briefen.«

Eine eiskalte Hand legte sich um meine Kehle.

»Wie? Ich verstehe nicht«, stammelte ich.

»Nun, ich möchte, dass Sie zusammen mit Herrn Hübner dieser Sachbeschädigung mit Körperverletzung nachgehen.«

Ich schluckte schwer.

»Und was ist mit dem Mord?«, fragte ich, ohne die Enttäuschung darüber zu verbergen, dass mir eine Ermittlung zugeteilt wurde, die selbst Rudi als »Mist« bezeichnete.

»Sie werden natürlich bei den Lagebesprechungen anwesend sein. Aber die Ermittlung wird Herr Steinle leiten. Und Frau Schmittgal und Herr Kleinert sind ebenfalls schon gut in den Fall eingearbeitet.«

Ich kämpfte mit den Tränen. Ein widerliches Gefühl stieg in mir hoch, ein Gefühl, das ein Kind empfinden musste, wenn es im Sportunterricht bei der Mannschaftswahl übrig bleibt und vom Lehrer notgedrungen dem schwächeren Team zugeordnet wird.

Rudi schien meine Enttäuschung zu spüren, denn seine Stimme nahm mit einem Mal einen besänftigenden Ton an:

»Frau Vill, ich schätze Ihre Fachkompetenz sehr, und deshalb möchte ich Sie auch an den Ermittlungen beteiligen. Aber offiziell sind Sie immer noch im Krankenstand, vergessen Sie das bitte nicht. Verantwortung dürfen Sie erst wieder tragen, wenn Sie die Wiedereingliederung beendet haben.«

»Und das bedeutet …«, sagte ich zaghaft, doch Rudi war noch so sehr in Fahrt, dass er meinen Satz beendete:

»… dass Herr Hübner die Ermittlungen bei dieser Radarfallengeschichte leitet. Seien Sie bitte vernünftig, Frau Vill. Sie werden sehen, dass die Zeit rasch vorübergehen wird. Und ich möchte Ihnen auch die Gelegenheit geben, sich langsam wieder bei uns einzugewöhnen.«

Er blickte mich treuherzig an, und ich schaffte es, meine Enttäuschung so weit niederzukämpfen, dass ich wenigstens ein Nicken zustande brachte.

»Gut«, erwiderte Rudi. »Dann müssen wir nur noch die Sache mit den Büros besprechen.«

Mir schwante Übles.

»Wir konnten Ihr Büro leider nicht ein Jahr lang ungenutzt lassen. Das Dezernat III hat Zuwachs bekommen, und wir mussten einen neuen Kollegen dort einquartieren. POM Mayer vom Dezernat IV wird allerdings Ende des Monats pensioniert, dann bekommen Sie sein Büro.«

»Und wo werde ich …?«, setzte ich an, doch Rudi fuhr einfach fort:

»Sie werden sich das Büro mit Herrn Hübner teilen. Das ist auch für die Zusammenarbeit im Radarfallenfall am praktischsten.«

Die Faust um meine Kehle, die ihren eisigen Griff zwischenzeitlich ein wenig gelockert hatte, drückte nun wieder fester zu. Ich wollte etwas erwidern, doch schaffte ich es nicht. Ich nickte nur. Rudi steckte mir seine Hand entgegen, die ich geistesabwesend schüttelte. Danach musste ich wohl das Büro verlassen und Eleonore die Schreckliche passiert...


Ernst, Matthias
Matthias Ernst wurde 1980 in Ulm/Donau geboren. Bereits in seiner Jugend begeisterte er sich für Literatur und verfasste Romane und Kurzgeschichten. Nach dem Studium der Psychologie arbeitete er in mehreren psychiatrischen und psychotherapeutischen Kliniken in Süddeutschland. In seinen Kriminalromanen über die Kommissarin Inge Vill verbindet er seine beiden größten Leidenschaften miteinander, das Schreiben und die Psychotherapie.
Matthias Ernst lebt und arbeitet in Oberschwaben. Er ist Mitglied beim SYNDIKAT.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.