Esch | Silvia-Gold 198 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 198, 64 Seiten

Reihe: Silvia-Gold

Esch Silvia-Gold 198

Durch schwere Zeiten
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7517-5857-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Durch schwere Zeiten

E-Book, Deutsch, Band 198, 64 Seiten

Reihe: Silvia-Gold

ISBN: 978-3-7517-5857-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Ich muss unbedingt mit dir reden, Kind«, sagte Richard von Raller und sah seiner Tochter zu, wie sie vom Pferd stieg und dem Stallburschen die Zügel zuwarf.
Céline lächelte unbekümmert. »Nun sag's schon! So schlimm kann's doch gar nicht sein.«
»Doch, es ist schlimm. Sehr schlimm sogar.« Richard von Raller machte ein bedrücktes Gesicht. »Es geht um Weißenstein, um unsere Heimat. Wir sind am Ende, Kleines. Es sei denn, du heiratest einen Millionär.'
Céline wurde blass. Wie sollte sie ihrem Vater jetzt eingestehen, dass sie sich Hals über Kopf verliebt hatte? Und wahrlich nicht in einen reichen Mann ...

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Durch schwere Zeiten

Von Célines Entscheidung hängt die Zukunft von Gut Weißensee ab

Von Ursula von Esch

Ich muss unbedingt mit dir reden, Kind«, sagte Richard von Raller und sah seiner Tochter zu, wie sie vom Pferd stieg und dem Stallburschen die Zügel zuwarf.

Céline lächelte unbekümmert. »Nun sag's schon! So schlimm kann's doch gar nicht sein.«

»Doch, es ist schlimm. Sehr schlimm sogar.« Richard von Raller machte ein bedrücktes Gesicht. »Es geht um Weißenstein, um unsere Heimat. Wir sind am Ende, Kleines. Es sei denn, du heiratest einen Millionär.«

Céline wurde blass. Wie sollte sie ihrem Vater jetzt eingestehen, dass sie sich Hals über Kopf verliebt hatte? Und wahrlich nicht in einen reichen Mann ...

Richard von Raller stand am bodentiefen Fenster seines Arbeitszimmers und starrte nachdenklich hinunter ins Tal. Der Ausblick, der sich ihm bot, war bezaubernd. Durch Buschwerk und moosige Gründe schlängelte sich ein kleiner Fluss. Auf der gegenüberliegenden Anhöhe, wo sich ein prachtvoller Laubwald hinaufzog, stand das Schloss der Grafen von Elbenthal, seiner nächsten Nachbarn.

Er lächelte grimmig. Schade, dass seine Urgroßmutter nicht so klug gewesen war wie die Grafen von Elbenthal. Nach dem Tod seines Urgroßvaters hatte sie sich, jung und schön wie sie war, in einen gut aussehenden, aber völlig mittellosen Offizier verliebt, und – das war das Dümmste! – sie hatte ihn auch noch geheiratet.

Und der gute Mann hatte sich auf dem Rallerschen Besitz ausgetobt. Er hatte das Schloss teuer und geschmacklos umgebaut und dafür gutes Ackerland und erstklassigen Wald verkauft. Die Feuchtwiesen, den moosigen Grund, den Fluss, der jedes Jahr über die Ufer trat, und das Buschwerk aus Weiden, Erlen und Pappeln – nur billiges, wertloses Holz –, das hatten die beiden behalten. Wahrscheinlich, weil die Jagd auf Wasservögel so lustig war!

Wenn Richard selbst wenigstens eine reiche Frau geheiratet hätte, aber der nüchterne Geschäftsmann, der er sonst war, hatte eben auch etwas von seiner Urgroßmutter in seinen Genen.

Er hatte sich in die hübsche, fröhliche Helga verliebt, die viel Charme, aber wenig Geld besessen hatte. Und er war mit ihr sehr glücklich gewesen. Bis sie an den Folgen der Geburt ihres zweiten Kindes, eines Sohnes, gestorben war und den Jungen mit ins Grab genommen hatte.

Richard strich sich mit der Hand über die Stirn.

Er hatte ja noch Céline, seine Tochter, die nicht nur das bildschöne Ebenbild ihrer Mutter, sondern auch klug und ehrgeizig war. Sie hing mit der gleichen Liebe an Weißensee wie er selbst. Tüchtig war das Mädel! Mit Bravour hatte sie ihr Studium beendet. Land- und Forstwirtschaft, selbstverständlich, was sonst!

Die Zeiten, in denen die Besitzer von Weißensee nur ihren Vergnügungen nachgegangen waren und die Arbeit ihren tüchtigen Verwaltern überlassen hatten, waren leider längst vorbei.

Tja, das war auch so eine Sache. Der alte Heimann arbeitete ja noch im Betrieb, wenn auch nicht mehr als Verwalter, das machte der Baron längst selbst. Aber Heimann hatte erklärt, dass er lieber Traktor fahren und ausmisten würde, als untätig herumzusitzen. Und ein Zubrot zu seiner ohnehin bescheidenen Rente war es immerhin.

Baron von Raller hatte aufrichtig mit ihm gesprochen, als er ihn vor zehn Jahren vorzeitig in Rente geschickt hatte. Und Heimann hatte es verstanden, auch wenn es ihn bitter getroffen hatte. Bereits sein Großvater war Verwalter auf Schlossgut Weißensee gewesen und nach diesem der Vater und dann er.

Heimann hatte immer gehofft, dass sein Sohn Max einmal in seine Fußstapfen treten würde. Trotz der schlechten Lage der Landwirtschaft, gerade weil der Baron »nur« eine Tochter hatte. Auch wenn die Baroness Céline zweifellos mehr draufhatte als mancher Bursche.

Damals hatte der Baron Heimann das Wohnrecht in dem hübschen alten Verwalterhaus auf Lebenszeit zugesichert und dies auch notariell festgelegt. Er hatte sich sogar bereitgefunden, Max das Studium der Betriebswirtschaft zu finanzieren, doch das hatte nichts an der Tatsache geändert, dass der damals neunzehn Jahre alte Junge bitter enttäuscht gewesen war. Auch wenn er die Richtigkeit des Entschlusses eingesehen hatte.

Nun, Max Heimann war jung, intelligent und ehrgeizig. Er würde seinen Weg schon machen. Und in seinem Alter kam man auch über Enttäuschungen leichter hinweg, als wenn man älter war und keine Möglichkeit für einen Neuanfang mehr hatte.

Wo blieb nur Céline? Ungeduldig runzelte Richard von Raller die Stirn. Er musste mit ihr über ihre Zukunft sprechen. Sie hatte ihr Studium nun abgeschlossen und könnte theoretisch den Betrieb übernehmen. Doch mit seinen vierundfünfzig Jahren, drahtig und gesund wie er Gott sei Dank war, hatte er verständlicherweise noch keine Lust, sich zurückzuziehen.

Vielleicht täte es Céline gut, wenn sie zu ihrer theoretischen Ausbildung ein bisschen mehr praktische Erfahrung sammeln würde. Auf einem nachbarlichen Betrieb, dem des Grafen von Elbenthal zum Beispiel.

Wenn er an den Grafen Joachim dachte, war das bestimmt eine erstklassige Idee. Die beiden Betriebe zusammen ...

»Hallo, Paps, entschuldige. Reineke hat ein Eisen verloren, und wir mussten im Schritt nach Hause.«

Beim Anblick seiner Tochter verflog die Ungeduld des Barons schlagartig. Sie war wirklich bildhübsch. Kein Wunder, dass ihre Verehrer sich die Klinke in die Hand gaben. Céline war mittelgroß, schlank, sehr elegant, mit wunderschönen, fast schwarzen Locken und großen graublauen Augen zwischen dichten, dunklen Wimpern.

Sie hatte gelegentlich als Model gejobbt und hätte auch da Karriere machen können, wenn es sie nicht gelangweilt und Weißensee ihr nicht so am Herzen gelegen hätte. Schade, es hieß, dass man damit Millionen verdienen könnte. Aber wahrscheinlich hörte man auch da immer nur von den hundert Ausnahmen und nicht von den Tausenden, die auf der Strecke blieben.

»Hat Reineke sich verletzt?«, erkundigte sich der Baron nach dem großen Fuchswallach.

»Glücklicherweise nicht. Es ist alles in Ordnung. Heimann hat nachgesehen.«

»Gut.« Raller nickte. »Ich habe mit dir zu reden.«

»Deshalb bin ich hier, Papa.« Die großen Augen blitzten belustigt. »Ist es sehr schlimm, weil dir der Anfang so schwerfällt?«

»Wie man es nimmt.« Er lachte trocken auf. »Es geht um Weißensee.«

Céline nickte ernst. Das hatte sie schon vermutet.

»Aufgrund der großen Hitze in diesem Sommer sind die Erträge noch schlechter als im vergangenen Jahr. Dazu kommen die Schäden, die die Trockenheit im Wald angerichtet hat. Dass die Holzpreise im Argen liegen, weißt du ja selbst. Das kommt noch dazu.«

»Was sagen die Banken?«, fragte Céline.

»Natürlich geben sie uns noch mehr Kredit. Aber wie soll ich ihn tilgen? Und dazu die hohen Zinsen.« Er betrachtete sie liebevoll und bekümmert zugleich. »Könntest du dich nicht in irgendeinen steinreichen Mann verlieben? Ich weiß, Kind, es ist schrecklich, so etwas vorzuschlagen. Aber im Grund ist es die einzige Möglichkeit, Weißensee zu erhalten.«

»Ich weiß, Paps«, erwiderte Céline leise. »Hast du an jemand Bestimmten gedacht?«

Der Baron zögerte. Wenn er direkt sagte, was er dachte und wünschte, dann weckte es womöglich ihren Widerspruchsgeist. Also bemühte er sich, diplomatisch zu sein, obgleich das nicht gerade seine Stärke war.

»Erich von Schumann, zum Beispiel. Er ist sehr an dir interessiert.«

»Er ist nett, aber so ein Stadtmensch«, meinte Céline wenig begeistert.

»Wie findest du Joachim von Elbenthal?«, fragte der Baron nun so beiläufig, dass seine Tochter sofort erriet, wie ernst es ihm war.

»Er ist nett, ich mag ihn, und er hängt auch an seinem Betrieb. Nur steinreich ist er nicht!«

»Das ist richtig. Aber wenn man die zwei Betriebe zusammenlegt und vernünftig wirtschaftet, müsste es gehen.«

»Hast du etwa schon mit ihm gesprochen?«, fragte Céline misstrauisch.

»Du liebe Zeit! Nein! Das brauche ich auch gar nicht. Ich kenne den elbenthalschen Betrieb fast so gut wie unseren. Dein Nennonkel Eberhard und ich besprechen vieles zusammen, und ich weiß, dass Eberhard begeistert wäre.«

Céline lächelte ein wenig schief.

»Okay. Onkel Eberhard! Aber was ist mit Joachim? Der ist schließlich in diesem Fall wichtiger.«

»Ich dachte, er gehört zu deinen bevorzugten Verehrern.«

»Ich weiß nicht recht«, sagte Céline. »Ich mag ihn. Und ich bin ziemlich sicher, dass er mich gleichfalls mag. Wir sind in vielen Dingen einer Meinung, und, wie du schon sagtest, hängen wir beide an unserem Zuhause. Ich würde es aber mehr als Freundschaft bezeichnen, was wir füreinander empfinden.«

»War er nicht kürzlich sehr eifersüchtig, als dir Ferdinand von Geierstein so auf den Pelz rückte?«

»Ach...



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