E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Eschbach Das Marsprojekt (3). Die gläsernen Höhlen
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-401-80151-3
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Abenteuerliche Space Opera
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-401-80151-3
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andreas Eschbach, geboren in Ulm, studierte in Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik und wurde durch den Thriller 'Das Jesus-Video' bekannt. Die Fortsetzung 'Der Jesus-Deal' eroberte 2014 erneut die Bestsellerlisten. Mit 'Eine Billion Dollar', 'Der Nobelpreis', 'Ausgebrannt', 'Ein König für Deutschland', 'Herr aller Dinge', 'Todesengel', 'Teufelsgold', 'NSA', 'Der schlauste Mann der Welt' u.a. gehört Eschbach zu den deutschen Top-Autoren. Seine Romane für junge Leser*innen wie 'Aquamarin', 'Submarin', die 'Black*Out'-Trilogie oder 'Das Marsprojekt' erscheinen im Arena Verlag. Andreas Eschbach lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie in der Bretagne.
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1. Raumschiffe über dem Mars
Zwei gewaltige Raumschiffe näherten sich dem Mars.
Es handelte sich um die beiden Transporter MAHATMA GANDHI und MARTIN LUTHER KING, zwei der größten Raumschiffe, die Menschen jemals gebaut hatten. Sie waren im Weltraum montiert worden und würden niemals die Oberfläche eines Planeten berühren. Für den Flug hierher hatten sie vier Monate gebraucht und die meiste Zeit über hatten die Menschen an Bord nur Leere ringsumher gesehen. Erst in den letzten Tagen war der Planet, den sie ansteuerten, sichtbar geworden. Als kleiner rotgelber Lichtfleck zuerst, aber inzwischen prangte auf dem Hauptbildschirm der Steuerzentrale eine gewaltige rostrote Kugel, deren südliche Hälfte zu einem großen Teil von gelblichen Schlieren überzogen war.
»Sind das Sandstürme?«, fragte der Kommandant der MARTIN LUTHER KING, Mahmoud Al Salahi, seine Navigatorin.
Die nickte. »Ja. Ungewöhnlich für diese Jahreszeit. Auf dem Mars ist gerade Frühling, da sind Stürme dieses Ausmaßes eher selten.«
»Aber sie kommen vor?«
»Ja. Sie kommen vor.«
Der Planet sah aus, als bestünde er aus Eisen und sei im Lauf der Jahrtausende verrostet. Dieser Eindruck war nicht ganz falsch: Die Oberfläche des Mars enthielt einen hohen Anteil an Eisenoxid, was tatsächlich nichts anderes war als Rost.
Eine schmale, von Pol zu Pol laufende Linie, die Hell und Dunkel voneinander trennte, wanderte über den Westrand der Valles Marineris hinweg: die Dämmerungszone. Dort, am Fuß des Tharsis-Massivs, lag die Marssiedlung, wo in diesem Augenblick die Sonne aufging. Eine schwache blasse Sonne in den Augen von Erdenmenschen freilich, da der Mars viel weiter von ihr entfernt war als die Erde.
Die Valles Marineris … Das riesige, weit verzweigte Geflecht tiefer Schluchten sah unglaublich eindrucksvoll aus, selbst aus dem Weltraum. Die Formation ähnelte dem Grand Canyon auf der Erde, war aber viel, viel größer. Sie umspannte fast ein Viertel des Planetenumfangs, und wenn man sie so in ihrer Gesamtheit sah, hatte man unwillkürlich den Eindruck, auf eine uralte, vernarbte, schreckliche Wunde zu schauen.
»Wir sollten diesen Anblick genießen«, meinte der Kommandant versonnen. »Im Grunde bleibt uns nicht viel anderes zu tun.«
Das war das Frustrierendste an ihrer Mission. Sie waren vor etwa vier Monaten aufgebrochen, würden knapp einen Monat auf dem Mars verbringen und der Rückflug würde noch einmal dreieinhalb Monate dauern. Fast ein Dreivierteljahr unterwegs – für nichts! Denn die Aufgabe, deretwegen sie gestartet waren, hatte sich inzwischen erübrigt.
Salahis Blick fiel auf den Mann am Orterpult, der sich, seine Instrumente studierend, am Kopf kratzte. Weiter nichts. Eine ganz normale Geste, zumindest hatte es den Anschein.
Man sagte Kommandant Salahi nach, er besäße einen sechsten Sinn. Manchmal schien er Ereignisse zu erahnen, bevor sie passierten, und es gab Leute, die ihn im Verdacht hatten, Gedanken lesen zu können.
»Jim«, fragte er, »was gibt es?«
Jim Weber, der Orter, fuhr herum, als hätte man ihn bei etwas Verbotenem ertappt. »Ähm … wahrscheinlich nichts, Sir.«
»Wahrscheinlich …?«
Der Mann seufzte. »Da waren bloß ein paar Radarsignale, die seltsam aussahen.«
»Können Sie das vielleicht ein bisschen genauer erklären?«, hakte Salahi nach. »Womöglich in Form einer Meldung? Sie wissen schon, so, wie sie es einem an der Weltraumakademie beibringen.«
Weber wurde rot. »Entschuldigen Sie, Sir.« Er räusperte sich. »Kommandant, melde, dass ich vor etwa einer Stunde Signale aufgefangen habe, die aussehen, als würden sich noch mindestens fünf weitere Raumschiffe dem Mars nähern.«
Alle Augen waren nun auf den Orter gerichtet.
»Interessant. Darf ich mal sehen?«, bat der Kommandant.
Ein paar Schaltungen, dann verschwand das Bild des Roten Planeten vom Hauptbildschirm und eine Aufzeichnung der Radarsignale lief ab.
»Das geht ungefähr zehn Minuten lang so, dann verschwinden die Echos wieder«, erklärte Jim Weber. »Wenn ich das Radar jetzt auf dieselbe Stelle ausrichte, ist nichts mehr zu sehen. Aber da, sehen Sie? Wie eine kleine Flotte.«
Salahi nickte nachdenklich. »Haben Sie Space Control informiert?«
»Ja. Die sagen, ihnen sei nichts bekannt.«
Salahi hatte nichts anderes erwartet. Die zentrale Raumüberwachung hätte es ihn wissen lassen, wenn weitere Schiffe losgeschickt worden wären.
»Meinen Sie, das sind Aliens, Sir?«, fragte der Orter und wischte sich einen Schweißtropfen von der Schläfe.
»Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass es sich um eine technische Fehlfunktion handelt?«
»Ach so.« Weber riss die Augen auf, als hätte er noch nie gehört, dass so etwas vorkam. »Na ja, wenn Sie so fragen … Möglich ist alles.«
»Checken Sie alle Systeme gründlich durch. Wir haben ja Zeit. Und behalten Sie das Phänomen im Auge. Wenn Sie es noch einmal beobachten, informieren Sie mich.«
»Alles klar, Sir.«
Die Leute waren nervös. Das war nur zu verständlich. Die Ereignisse hatten sich förmlich überschlagen. Vor vier Monaten hatte man sie auf die Reise geschickt, mit dem unliebsamen Befehl, die seit dreißig Jahren existierende Marssiedlung aufzulösen und alle Siedler zur Erde zurückzubringen. Doch kaum waren sie gestartet und auf Reisegeschwindigkeit gewesen, hatte eine Sensationsmeldung die nächste gejagt. Auf dem Mars waren zwei blaue Türme entdeckt worden. Es hieß, die auf dem Mars lebenden Kinder hätten etwas damit zu tun gehabt. Es handelte sich eindeutig um künstliche Gebilde, mit anderen Worten, Hinterlassenschaften unbekannter, fremder Intelligenzen. Natürlich war ab diesem Zeitpunkt keine Rede mehr davon gewesen, die Siedlung aufzugeben, im Gegenteil. Nun, da bewiesen war, dass es außer den Menschen noch andere intelligente Wesen im Universum gab, galt es, alle Anstrengungen darauf zu richten, mehr über sie herauszufinden. Die Erde stand kopf seitdem. Man hatte sogar eines der neuen, mit Fusionsantrieb ausgerüsteten Raumschiffe losgeschickt: die BUZZ ALDRIN. Sie hatte ihre Expedition inzwischen überholt und war schon auf dem Mars eingetroffen, an Bord eine Ladung der besten Wissenschaftler der Föderation.
Sie dagegen hätten eigentlich umdrehen und wieder nach Hause fliegen können. Doch so etwas war bei interplanetaren Raumflügen nicht möglich, jedenfalls nicht beim derzeitigen Stand der Technik. Alle Flugmanöver waren präzise vorausberechnet, die Treibstoffvorräte genau eingeteilt. Wenn man einmal auf Kurs war, musste man ihm folgen und hatte nur noch minimale Steuerungsmöglichkeiten.
Deswegen hatten sie bis zum Mars weiterfliegen müssen, obwohl es dort für sie nun nichts mehr zu tun gab. Sie würden so leer zur Erde zurückkehren, wie sie gestartet waren.
Aber niemand an Bord war darüber wirklich traurig.
Nach den aufwühlenden Ereignissen der letzten Tage hatte das Leben in der Marssiedlung wieder Tritt gefasst. Ein ahnungsloser Beobachter hätte den Eindruck bekommen können, alles sei wie gehabt. Und doch schwang der Schock und das Entsetzen über das, was passiert war, immer noch nach. Wer in den tief liegenden Gängen und Hallen der Siedlung unterwegs war, zuckte häufiger als sonst zusammen, wenn er irgendwo ein Geräusch hörte, das sich nicht gleich einordnen ließ. Die Unterhaltungen beim Essen in der Kantine verliefen ruhiger, gedämpfter, ernsthafter. Die Asiatische Station war zerstört worden. Jurij Glenkow, der für die Fusionsreaktoren zuständige Techniker, sowie Urs Pigrato, der erst kurz zuvor von der Erde eingetroffene Sohn des Erdstatthalters, waren nur knapp dem Tod entronnen. Mittlerweile hatten sich beide Gott sei Dank wieder erholt. Der Russe war schon nach zwei Tagen aus dem Krankenbett geflüchtet, in das Dr. De-Jones ihn gesteckt hatte. Urs blieb drei Tage auf der Krankenstation, ehe er so weit wiederhergestellt war, dass er sein normales Leben aufnehmen konnte. Was man eben so als normal bezeichnete auf dem Mars. Es war ein Leben, an das Urs sich noch längst nicht gewöhnt hatte.
»Ich habe nicht geahnt, dass es hier auf dem Mars so gefährlich sein würde«, hatte seine Mutter gesagt, als sie an einem der Abende nachdenklich an seinem Krankenbett saß. Sie war überaus besorgt gewesen, fast so, als gebe sie sich die Schuld an allem, was passiert war. »Ich meine, gut, dass es gewisse Risiken gibt … das ist normal im Weltraum. Aber das, solche Anschläge … diese Gewalt …«
»Halb so wild«, sagte Urs daraufhin, aber seine Mutter schüttelte entschieden den Kopf. In ihren Augenwinkeln glitzerten Tränen oder bildete er sich das nur ein? Nach dem, was er erlebt hatte, konnte er manchmal immer noch nicht mit Sicherheit sagen, was wirklich war und was nicht.
»Nein, nein«, sagte sie leise, fast flüsternd, »wir müssen darüber nachdenken … nicht jetzt, aber ich habe schon mit deinem Vater geredet … wir müssen darüber nachdenken, ob es nicht doch besser ist, wenn wir wieder zur Erde zurückkehren. Vielleicht war es ein Fehler, hierher zu kommen. Ich würde die Familie gerne beisammen haben, aber wenn es zu gefährlich ist …«
Urs sah seine Mutter an, versuchte sich das vorzustellen. »Du kannst doch nicht noch weitere sechs Jahre lang von Dad getrennt leben«, sagte er nach einer Weile. »Das ist ja eine Ewigkeit.«
Sie nickte bedächtig und sie musterte ihn aufmerksam dabei. Sie schien etwas sagen zu wollen, aber nicht recht zu wissen, wie.
»In deiner Schule – auf der Erde, meine ich«, begann sie...




