Eschbach | Submarin (2) | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 456 Seiten

Reihe: Aquamarin-Trilogie

Eschbach Submarin (2)


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-401-80701-0
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 2, 456 Seiten

Reihe: Aquamarin-Trilogie

ISBN: 978-3-401-80701-0
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Noch immer kann es Saha kaum glauben: Sie ist ein Submarine, halb Mensch, halb Meermädchen. Gemeinsam mit ihrem Schwarm erkundet sie den Ozean. Als Saha auf den mysteriösen Prinzen des Graureiter-Schwarms trifft und mit ihm auf seinem Wal reitet, ist sie wie verzaubert. Sie ist entschlossen, von nun an selbst über ihr Schicksal zu bestimmen. Doch der König der Graureiter hegt finstere Pläne für die Submarines, in denen ausgerechnet Saha als Mittlerin zwischen den Welten eine wichtige Rolle spielt. Saha gerät in große Gefahr und muss eine folgenschwere Entscheidung treffen ... 

Andreas Eschbach, geboren in Ulm, studierte in Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik und wurde durch den Thriller 'Das Jesus-Video' bekannt. Die Fortsetzung 'Der Jesus-Deal' eroberte 2014 erneut die Bestsellerlisten. Mit 'Eine Billion Dollar', 'Der Nobelpreis', 'Ausgebrannt', 'Ein König für Deutschland', 'Herr aller Dinge', 'Todesengel', 'Teufelsgold', 'NSA', 'Der schlauste Mann der Welt' u.a. gehört Eschbach zu den deutschen Top-Autoren. Seine Romane für junge Leser*innen wie 'Aquamarin', 'Submarin', die 'Black*Out'-Trilogie oder 'Das Marsprojekt' erscheinen im Arena Verlag. Andreas Eschbach lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie in der Bretagne.
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1

Irgendwann weiß ich nicht mehr, wo ich bin, wo ich herkomme, wo ich hinwill. Meine Schwimmbewegungen erlahmen. Ich schwebe in einer konturlosen azurblauen Unendlichkeit, die über mir heller wird und unter mir dunkler, aber ich sehe den Meeresgrund nicht mehr und auch keine Fische, nicht einen einzigen.

Ich höre auf, mich zu bewegen. Entsetzen erfüllt mich. Ich habe so etwas schon einmal erlebt. Damals, bei einem meiner ersten Tauchgänge. Kurz bevor der Hai aufgetaucht ist und mich angegriffen hat. Damals war der Ozean um mich herum genauso gestaltlos und leer.

Damals? Es kommt mir vor, als sei das Jahre her, dabei sind seit jenem Tag erst vier Wochen vergangen. Aber mir kommt es auch vor, als sei es Jahre her, dass ich von der Kaimauer von Seahaven ins Meer gesprungen bin. War das wirklich heute? Bin ich wirklich erst vor ein paar Stunden aufgebrochen, um mich auf die Suche nach meinem Vater zu machen? Meinem Vater, der irgendwo in den Ozeanen lebt – möglicherweise! – und von dem ich nichts weiß außer seinem Namen: Geht-hinauf.

Jetzt gerade kommt mir das vor wie die dümmste Idee aller Zeiten.

Ich verharre, drehe mich mit unmerklichen Schwimmbewegungen um mich selbst, halte Ausschau. Kein Hai. Bis jetzt jedenfalls.

Dann schreie ich.

Schall trägt unter Wasser weit und er bewegt sich darin mehr als dreimal so schnell wie in Luft. Zum Glück, denn so hat mein Schrei eine Chance, denjenigen zu erreichen, für den er gedacht ist: Schwimmt-schnell, der versprochen hat, mir bei der Suche nach meinem Vater zu helfen. Außerdem hat er versprochen, mich zu beschützen – aber er scheint ständig zu vergessen, dass ich nicht so schnell schwimme wie er. Meine Mutter hat mir die Schwimmhäute zwischen meinen Fingern am Tag nach meiner Geburt entfernen lassen, aber selbst wenn sie das nicht getan hätte, wäre es mir unmöglich, mit diesem Mann mitzuhalten, der durchs Wasser schießen kann wie eine Rakete.

Ich warte. Nach ein paar Augenblicken mache ich einen dunklen Fleck in der blauen Unendlichkeit vor mir aus, dann eine Bewegung, die sich zu meiner Erleichterung nicht in einen Hai, sondern in Schwimmt-schnell verwandelt. Er lacht mich frech an, obwohl er genau weiß, dass das heute schon zum dritten Mal passiert ist.

Tut mir leid, behaupten seine Hände, aber sein Grinsen erzählt eine ganz andere Geschichte.

Kein bisschen tut es dir leid, widerspreche ich ihm mit ärgerlichen Gebärden. Ich bin sicher, dass meine Augen reinen Zorn versprühen. Was, wenn ein Hai gekommen wäre? Du hättest nicht einmal gemerkt, wie er mich frisst!

Er gibt sich unbekümmert. Hier sind keine Haie, behauptet er.

Das kannst du nicht wissen.

Doch.

Nein. Das sagst du nur so, aber in Wirklichkeit hast du mich einfach wieder vergessen.

Er zuckt mit den Schultern, schaut sich gelassen um. An jenem Tag hat er mich gegen den Hai verteidigt. Wenig später habe umgekehrt ich ihm das Leben gerettet; damals hat er erheblich mehr Respekt gezeigt!

Was immer er in der Gefangenschaft durchgemacht hat, es scheint keine Spuren hinterlassen zu haben. Er ist immer noch groß und muskulös, hat lange, wallende Haare und natürlich bleiche Haut wie vermutlich alle Submarines. Er trägt nur eine Art Lendenschurz und die Kiemen in seinem Brustkorb flattern sanft im Rhythmus seines Atems. Wir haben, als alles vorüber war, seinen Knochenspeer wiedergefunden und auch den Gürtel mit den Beuteln, in denen er allerlei rätselhafte Dinge bei sich trägt, sodass er jetzt wieder genau so aussieht wie an dem Tag, an dem ich ihm zum ersten Mal begegnet bin.

Ich hebe meine Hände, um ihm in Erinnerung zu rufen, wie sie aussehen, und erkläre ihm dann: Ich bin Schwimmt-langsam! Denk bitte daran!

Er lacht wieder. Nein, nein. Du bist die Mittlerin zwischen den Welten, die uns prophezeit worden ist, sagen seine Gesten. Während er seinen Händen beim Reden zusieht, scheint er ein wenig ernster zu werden. Er wiederholt das Zeichen des Bedauerns und erklärt dann: Es dauert nicht mehr lange, dann sind wir da.

Das hast du heute schon oft behauptet, gebe ich zurück, aber nur, um den Moment noch ein wenig hinauszuzögern, in dem ich weiterschwimmen muss. Ich bin noch nie so lange am Stück geschwommen. Ich war auch noch nie so lange am Stück im Wasser, geschweige denn unter Wasser.

Tatsächlich ist es überhaupt erst einige Wochen her, dass ich mich zum ersten Mal in meinem Leben ins Meer gewagt habe.

Schwimmt-schnell neigt den Kopf und grinst. Heute früh habe ich auch noch nicht gewusst, wie langsam du schwimmst!

Diesmal bemüht er sich wirklich, mir nicht davonzuziehen. Er schwimmt ein Stück voraus, mit ruhigen, eleganten Bewegungen, und ich habe das Gefühl, ich muss für jeden Schwimmzug, den er macht, zwei machen.

Ich kann meiner Mutter nicht böse sein. Es hat mir zweifellos eine Menge Ärger erspart, nicht auch noch Schwimmhäute zwischen den Fingern zu haben. Die Kiemen an meinem Oberkörper waren schlimm genug, jedenfalls, solange ich geglaubt habe, es seien Wunden, die aus irgendeinem Grund nicht vollständig heilten.

Die azurblaue Unendlichkeit hört wieder auf, so konturlos zu sein. Ein Schwarm silberner, pfeilförmiger Fische taucht auf und schwenkt ab, als er uns bemerkt, was aussieht wie ein schimmernder Vorhang, der durchs Wasser gezogen wird. Ich kann den Meeresboden wieder sehen. Keine Ahnung, in welche Himmelsrichtung wir schwimmen. Es ist mir völlig schleierhaft, wie sich Schwimmt-schnell orientiert, aber er wirkt, als sei er sich seiner Sache sicher. Ich hoffe, der Eindruck täuscht nicht.

Es kommt mir immer noch ganz unglaublich vor, dass erst ein paar Stunden vergangen sein sollen, seit ich Seahaven verlassen habe. Am Anfang ist der Meeresboden flach gewesen und voller Kabel und Rohrleitungen und klobiger Geräte, aber das haben wir alles längst hinter uns gelassen. Wir sind weit draußen, zumindest für meine Begriffe.

Vor zwei Monaten hatte ich noch Angst vor dem Wasser!

Und jetzt bewege ich mich darin, als sei ich hier zu Hause.

Obwohl – wer weiß? Vielleicht bin ich das ja.

Ich verliere mich in Gedanken, während meine Arme und Beine unentwegt die immer gleichen Bewegungen vollziehen. Das Gefühl, mich dadurch vorwärtszubewegen, hat sich wieder eingestellt, allerdings kostet es mich spürbar viel Kraft und Anstrengung. Bei Schwimmt-schnell dagegen sieht alles elegant und mühelos aus.

Er schwimmt schräg unter mir, ich kann das Spiel seiner Muskeln beobachten. Er trägt seinen aus einem großen Knochen geschnitzten Speer auf dem Rücken, an einem dünnen, geflochtenen Gurt befestigt. Ich denke, dass er ihn eigentlich behindern müsste, aber es sieht nicht so aus.

Allerdings ist mein kleiner ParaSynth-Rucksack, in dem ich ein paar Sachen mit auf die Reise genommen habe, von denen ich glaube, nicht darauf verzichten zu können, eigentlich auch nicht hinderlich. Womöglich liegt das tatsächlich an seiner dreieckigen Form, wie die Verkäuferin behauptet hat. Die Gurte sitzen jedenfalls so gut, dass ich ihn überhaupt nicht bemerke.

Ich konzentriere mich auf die Atmung. Das Wasser riecht – oder sollte man besser sagen, schmeckt? – nein, eigentlich gibt es gar kein passendes Wort dafür, wie sich Wasser anfühlt, das man nicht trinkt, sondern atmet –, jedenfalls, es ist frisch und wohltuend. Das war bisher nicht immer der Fall; wir haben einen Streifen durchquert, in dem es nach Abwässern und Schmutz schmeckte, dumpf und stickig und unangenehm, ein andermal mussten wir einen Bereich passieren, in dem es stechend chemisch roch.

Aber jetzt, so weit draußen, schmeckt es so, wie es sollte.

Mein Plan kommt mir dagegen immer noch vor wie der reine Wahnsinn.

Ich glaube, ich habe mich von Schwimmt-schnells Zuversicht anstecken lassen. Als ich ihm erklärt habe, ich würde gerne meinen Vater kennenlernen, hat er gemeint, ja, warum nicht, er werde mir helfen, ihn zu finden. Das sei er mir schuldig. Und so, wie er mich dabei angeschaut hat, klang das alles machbar.

Aber vielleicht ist er einfach nur ein wenig naiv?

Auf jeden Fall war ich naiv. Ich hätte mir eigentlich klarmachen können, wie riesig die Ozeane sind! Und ich meine wirklich RIESIG! Die Ozeane bedecken siebzig Prozent der Erdoberfläche. Das sind mehr als 360 Millionen Quadratkilometer. Australien ist nicht mal acht Millionen Quadratkilometer groß, und von Australien habe ich in meinem ganzen Leben nur ein paar Ecken gesehen. Richtig auskennen tue ich mich nur in Seahaven, das mit Mühe vier Quadratkilometer Fläche bedeckt. Vier!

Aussichtslos. Vielleicht ganz gut, dass ich mir das vorher nicht überlegt habe, sonst wäre ich bestimmt gar nicht erst aufgebrochen.

Denn andererseits: Was hätte ich denn sonst tun sollen? Ich musste es wenigstens probieren, wenn sich schon die Chance dazu geboten hat. Alles andere hätte ich mir mein Leben lang nicht verziehen.

Und dann war da noch Frau Brenshaw. Sie ist Mitglied der Gipiui Chingu, der geheimen Organisation der Freunde der Tiefe, die die Submarines schützen, seit es sie gibt.

»Selbst wenn du deinen Vater nicht finden solltest«, hat sie mir erklärt, »wird alles, was du uns nach deiner Rückkehr über die Submarines erzählen kannst – wie sie leben, wie sie denken, was sie sich wünschen und wovor sie sich fürchten –, einfach alles wird ungeheuer nützlich sein. Wir wissen so wenig über sie. Wir kennen sie nur von kurzen Begegnungen, nur durch das Glas von Tauchermasken hindurch. Du aber wirst mit ihnen leben...



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