Escoffery | Falls ich dich überlebe | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Escoffery Falls ich dich überlebe

Roman
23001. Auflage 2023
ISBN: 978-3-492-60278-5
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

ISBN: 978-3-492-60278-5
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wenn leben heißt, der Welt zu trotzen Selbst innerhalb seiner Familie ist Trelawny ein Außenseiter. Als Einziger ist er in Miami geboren. Seine Eltern, Topper und Sanya, sowie sein Bruder Delano sind vor der Gewalt auf Jamaica hierher geflohen. Die Vereinigten Staaten sind für sie nie wirklich ein Zuhause geworden. Sie alle kämpfen darum, irgendwie einen Fuß auf den Boden zu bekommen - gegen Ausgrenzung und Armut, gegen Heimatlosigkeit und Rassismus. Und insgeheim weiß Trelawny, wenn überhaupt, hat nur er die Chance auf ein besseres Leben. Auf ein Leben in einer Gesellschaft, die es ihm und seiner Familie unendlich schwer macht. »Dies ist ein fesselnder Wirbelsturm von einem Buch, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einem unentwirrbaren Knoten verwebt. Hier beginnt Jonathan Escofferys Karriere. Seinem Schaffen sind keine Grenzen gesetzt.« Ann Patchett

Jonathan Escoffery wurde als Kind jamaikanischer Eltern in den Vereinigten Staaten geboren. Seine Kurzgeschichten erschienen in allen namhaften amerikanischen Literaturzeitschriften und Magazinen und wurden vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Plimpton Prize for Fiction des The Paris Review. Er arbeitet als Schriftsteller und Dozent für Kreatives Schreiben. »Falls ich dich überlebe« ist sein erstes Buch.
Escoffery Falls ich dich überlebe jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


Unter der Akee


Bist du der einzige Sohn von Eltern aus Kingstons Uptown, hast du die Wahl. Du kannst Daddys Datsun oder Mummys neuen 1968er VW nehmen, um Reyha oder Sanya oder Cherie abzuholen und an Straßenjungs vorbeizubrettern, die an den Ampeln in der Hope Road Tütensäfte und Akee-Früchte verkaufen.

Mit Reyha fährst du am liebsten ins Drive-in-Kino, wo du über ihr Haar streichst, während ihr einen Bond schaut. Reyhas Familie hat die Bäckerei in der Barbican Road, wo sie nachmittags arbeitet, ihr Haar duftet immer nach Coco-Brot und Gewürzkuchen.

Mit Cherie tanzt du am liebsten im Epiphany oder im Dizzy, Clubs in New Kingston. Sie neckt dich, o ja, und ihr tanzt sehr eng, sie zieht dich in die Ecken, schmiegt sich an dich und presst ihr Becken gegen deins, dann stößt sie dich lachend weg.

Mit Sanya quatschst du gern, deswegen fährst du mit ihr zum Hellshire Beach Club. Ihr sitzt am Meer und esst Escovitch-Snapper und quasselt, bis sie euch rauswerfen: »Die Sonne ist weg, seht, dass ihr abhaut, hm?«

Wenn du nicht aufpasst, vertrödelst du die Tage, bis dein Daddy sagt: »Mach endlich ernst, Junge, Schluss mit dem Rumgammeln, werd’ erwachsen. Such dir’n Job. Sei ein Mann.«

Und wenn er das sagt, erklärst du, an einer Kunsthochschule im Ausland Modedesign machen zu wollen, sieht er denn nicht die vielen Entwürfe in deinem Skizzenbuch, sieht er denn nicht, wie stylish du rumläufst?

Aber wenn du das sagst, wird er antworten: »Mode? Soll mein Sohn etwa Hosen und Röcke nähen? Was soll denn diese Kleinmädchenfantasie?«

»Aber Daddy, in Europa gibt’s Männer, die Mode machen«, wirst du sagen.

»Ja, klar«, wird er sagen. »Tunten.«

Du wirst fragen: »Warum so kleinkariert?« Du wirst dich aufplustern und auf der Veranda rumlaufen, würdest ihm am liebsten Möbel an den Kopf schmeißen. Er kann dich nicht mehr vermöbeln, wie er dich vermöbelt hat, als du ein Kind warst.

Das weiß er auch, also sagt er: »Die Schickimicki-Kunstschule kannst du knicken. Wenn du nicht ernst machen willst, arbeitest du für mich. Und wenn das nicht geht, ziehst du aus.«

Und da wird dir klar, dass du kaum eine Wahl hast.

Also beginnst du, auf seinen Baustellen Aufsicht zu führen, obwohl du keine Ahnung von Hausbau hast. Du musst vor allem darauf achten, dass die Leute pünktlich kommen und sich nicht zu früh verpissen. Meistens bist du damit beschäftigt, Arbeiter zu suchen, die nach dem Mittagessen in einer Bar gestrandet sind. Wenn du sie findest, beschimpfen sie dich als verwöhntes Söhnchen, obwohl dein Vater nicht reich ist, so groß ist sein Betrieb nun auch wieder nicht.

Der Job gefällt dir nicht, aber dein Vater meint: »Wer sagt, dass man seine Arbeit mögen muss?«

Er bezahlt dich, und du darfst den Firmenwagen benutzen, und du kannst dir bald eine Wohnung in Mandeville leisten, und danach glaubst du, es zu was gebracht zu haben.

Du flirtest weiter mit Reyha und Sanya und Cherie, aber Sanya kreuzt bei dir auf und macht Zoff, während Cherie durch die Hintertür abhaut. Also gibst du ihr ein Versprechen und fragst sie, ob sie dich heiraten will. Sanya ist es, die du liebst, wie du Bread Pudding und Stew liebst, so sehr hast du noch nie geliebt. Du liebst es, beim Spazierengehen ihre rötlich braune Hand zu halten, dann weißt du nicht mehr, wo deine endet und ihre anfängt. Du hast einen pragmatischen Blick auf Probleme dieser Welt, Sanya dagegen sieht alles, wie es sein sollte; wenn du auf dem Coronation Market einen jungen Bettler siehst, sieht Sanya jemanden mit grenzenlosem Potenzial, und das liebst du.

Vor allem hat dich ihr Lächeln gepackt. Ihre Zähne und Grübchen sind makellos, und du hoffst, eure Kinder werden beides erben, dazu deine hellen Augen, du hast sie von deinem Vater.

Sanya ist groß. Und du bist sowieso sehr groß.

Sie ist schlagfertig, und du hast sechs A-Levels bestanden. Eure Kinder werden also klug sein.

Hoffentlich haben sie ihre Zähne.

Ihr feiert eure Hochzeit im Garten, und du entwirfst deinen Anzug selbst, lässt ihn von einem Schneider nähen. Ihr verschickt Einladungen, und ganz Kingston scheint euch feiern und bewundern zu wollen. Alle neun Panton-Schwestern reihen sich als Brautjungfern auf, zum Glück hast du im Gegenzug viele Schulfreunde zu bieten. Mrs Panton führt Sanya zum Altar, weil ihr Daddy tot und unter der Erde ist. Später, nachdem ihr in Mandeville zusammen geschlafen habt, schenkt sie dir einen Jungen, deine Wünsche scheinen in Erfüllung zu gehen. Du dankst Sanya für den Sohn, obwohl du weißt, der Mann vergibt das Y-Chromosom, du bist ja kein Trottel. Du dankst ihr trotzdem. Und obwohl du noch nicht wissen kannst, ob der Junge ihre Zähne erbt, steht fest, dass er deine Augen hat, tiefblau, fast violett, du bist froh, dass sie da nicht dazwischengefunkt hat. Der Junge soll mit zweitem Vornamen Christopher heißen, nach dir, obwohl man dich bloß als Topper kennt. Sein Rufname lautet Delano.

Wenn Delano quengelt und nicht schlafen kann, kutschierst du ihn den Berg rauf und runter. Du rast nicht mehr wie vorher, als die jamaikanischen Schlaglöcher nur dein eigenes Leben gefährdet haben, du fährst hübsch langsam. Sanya singt für Delano irische Lieder, die sie von ihrer Großmutter kennt. Und wenn euch beiden die Augen zufallen, bittet ihr Jodie, euer Hausmädchen, den Kinderwagen um den Block zu schieben, bis der Kleine einschläft.

Weicht das nächtliche Fauchen der Leguane dem Knattern von Maschinengewehren, verbietest du Jodie, mit Delano rauszugehen.

Dein Vater schiebt es der Unabhängigkeit in die Schuhe, dass alles den Bach runtergeht, aber du wirst sagen: »Nein, Mann, der Premier und sein dummes sozialistisches Gerede sind schuld.«

»Du hast Manley doch gewählt«, entgegnet er, als hättest du ihn persönlich ins Amt gehievt.

Du gibst zu: »Einmal bin ich auf ihn reingefallen. Aber 1976 habe ich nicht für ihn gestimmt.«

Angeblich hat sich Manley mit Castro verbrüdert, aber hat er wirklich geglaubt, die Yankees würden zusehen, wie in ihrem Hinterhof eine zweite Insel kommunistisch wird? Angeblich hat die CIA die von den Parteien finanzierten Sozialsiedlungen mit Kokain überflutet und Schnellfeuerwaffen verteilt, sodass sich die fiesen Jungs der JLP und die bösen Männer der PNP, die immer nur Steine und rostige Klingen hatten, so richtig schön bekriegen können.

Würden sie sich bloß gegenseitig abschlachten, dann würde ihr Butu-Krieg keinen kratzen. Aber die Ballerei rückt näher, in Uptown kommen Frauen bei Schusswechseln um, und die Polizei meint, sie kann die Jungs nicht mehr in die Siedlungen zurückdrängen, sie seien bis an die Zähne bewaffnet. Also ruft man die Armee.

Dein Daddy ruft an, und seine bebende Stimme verrät dir, dass der Krieg auf seiner Türschwelle angekommen ist. Bewaffnete haben die Tür aufgebrochen, deine Mummy und deinen Daddy gefesselt und Geld und Schmuck und alles geklaut. Sie haben Daddy mit einer Pistole geschlagen, und deine Mummy … Gott weiß, wie sie begrapscht wurde, obwohl sie nicht mehr die Jüngste ist. Aber dein Daddy sagt: »Es hätte noch schlimmer kommen können.«

»Noch schlimmer? Wie das?«, willst du wissen. Keinen Monat später vergewaltigt man deine Nachbarin und ermordet ihren Mann vor ihren Augen.

Für dich sind diese Arschlöcher alle gleich, egal ob Seagas oder Manleys Männer. Und dann versucht Uncle Sam auch noch, die Wahlen in Jamaika zu manipulieren.

Also beantragst du Visa für die U. S. A. und bittest den Bruder deines Vaters, der schon lange in den Staaten lebt, um Geld. Und dann geht alles ruckzuck: Du kriegst die Visa, und als du deine Eltern fragst, ob ihr wirklich ausreisen sollt, sagen sie: »Junge, was ist los mit dir? Die ganze Insel ist ein Kriegsgebiet, siehst du das nicht? Das haben wir von der Unabhängigkeit?« Sie sagen: »Bringt euch lieber in Sicherheit.«

Jodie würde gern mitkommen, aber ein Hausmädchen könnt ihr euch jetzt nicht mehr leisten. Du schickst sie zu deinen Eltern, deren Helferin alt ist und bald selbst Hilfe braucht.

Du denkst über New York nach, entscheidest dich aber für Miami, denn als du Onkel Michael im November in...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.