E-Book, Deutsch, 226 Seiten
Essau Depression bei Kindern und Jugendlichen
3. unv. Aufl
ISBN: 978-3-8463-5965-5
Verlag: UTB GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Psychologisches Grundlagenwissen
E-Book, Deutsch, 226 Seiten
ISBN: 978-3-8463-5965-5
Verlag: UTB GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Professor Dr. Cecilia A. Essau lehrt und forscht an der University of Roehampton, London
Autoren/Hrsg.
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2Erhebungsmethoden und Diagnostik
Will man Depression bei Jugendlichen untersuchen, sind altersangemessene Erhebungsinstrumente mit guten psychometrischen Eigenschaften erforderlich, um Symptome, ihre Dauer, ihren Schweregrad und ihr erstmaliges Auftreten zu erfassen. Gute Erhebungsinstrumente sind ebenfalls wichtig für die Erfassung psychosozialer Probleme, die mit Depression einhergehen, sowie zur Evaluation des Behandlungserfolgs. Eine weitere Funktion der Erhebungsinstrumente ist das „Screening“, mit Hilfe dessen die Population einer Studie schnell, ökonomisch und valide in wahrscheinlich „gesunde“ und wahrscheinlich „kranke“ Gruppen unterteilt werden kann.
Erfassung
Zur Erfassung von Depression bei Jugendlichen wurden im Allgemeinen strukturierte diagnostische Interviews, Selbstbeurteilungs-Fragebögen und Rating-Skalen eingesetzt. Aufgrund der zahlreichen Facetten von Dysfunktionen, die mit Depression bei Jugendlichen zusammenhängen, beinhaltet dieses Kapitel auch verschiedene Instrumente zur Erfassung von Konstrukten, die damit verbunden sind (z. B. kognitive Funktionen, soziale Kompetenz), sowie zur Erfassung von psychosozialer Beeinträchtigung. Die Einbeziehung der psychosozialen Beeinträchtigung ist von Bedeutung, da die Erfassung der Symptome oft einer gewissen Willkür unterliegt. Es fehlt noch immer ein „goldener Standard“, anhand dessen Daten aus verschiedenen Quellen validiert und die Unterschiede zwischen diesen Quellen gehandhabt werden können.
2.1Diagnostische Interviewschemata
Die Entwicklung differenzierterer Taxonomien psychischer Störungen und expliziter diagnostischer Kriterien erforderte und führte folglich auch zu einer eher standardisierten Herangehensweise zur Erfassung psychiatrischer Symptome (Essau et al. 1997b; Tab. 2.1). In diagnostischen Interviews werden spezifische Symptom- und Prüffragen eingesetzt, detaillierte Codierungsregeln und diagnostische Algorithmen. In jeder diagnostischen Kategorie werden Fragen formuliert, um die
Symptome der Störung, ihre Dauer und Ausschlusskriterien zu evaluieren. Alle diagnostischen Interviews beinhalten Listen von Zielverhalten, Symptomen und Richtlinien für die Durchführung von Interviews sowie die Aufzeichnung der Antworten und erlauben eine direkte Ableitung von Diagnosen (Essau et al. 1997b). Jedoch können das zu erfassende Zielverhalten und die Diagnose, der zeitliche Rahmen und der Strukturiertheitsgrad des Interviews bei den einzelnen Interviews sehr unterschiedlich sein. Interviews unterscheiden sich ebenfalls hinsichtlich ihres zugrunde liegenden Systems und der Fachkenntnisse, die zu ihrer Durchführung nötig sind.
hoch- und halbstrukturierte diagnostische Interviews
Es gibt zwei Arten strukturierter Interviews: hochstrukturierte und halbstrukturierte. In hochstrukturierten Interviews sind der exakte Wortlaut und die Abfolge der Fragen vorgegeben, es bestehen genaue Regeln für die Aufzeichnung und das Rating der Antworten. Ihre hochstrukturierte Form verlangt kein klinisches Urteil, daher können solche Interviews von in der Anwendung des Instrumentes intensiv geschulten Laieninterviewern durchgeführt werden. Solche Interviews wurden vorwiegend für die Anwendung in groß angelegten epidemiologischen Studien konzipiert. Halbstrukturierte Interviews enthalten flexiblere Richtlinien zur Durchführung des Interviews, die gewährleisten sollen, dass die Themen konsistent abgefragt und die Information aufgezeichnet wird. Sie wurden in erster Linie für die Anwendung durch geschulte Kliniker konzipiert, die im klinischen Setting tätig sind. Da jedoch das Interview von jedem Kliniker etwas anders durchgeführt wird, ist hierbei sehr auf die Reliabilität zu achten. Einige Beispiele für diagnostische Interviewschemata sind: das „Diagnostic Interview Schedule for Children“ (DISC; Costello et al. 1985), das „Diagnostic Interview for Children and Adolescents“ (DICA; Herjanic/Reich 1982), das „Kiddie-Schedule for Affective Disorders and Schizophrenia“ (KSADS; Puig-Antich/Chambers 1978), das „Interview Schedule for Children“ (ISC; Kovacs 1985), das „Child Assessment Schedule“ (CAS; Hodges 1994) und das „Child and Adolescent Psychiatric Assessment“ (CAPA; Angold et al. 1995).
Bei der Wahl des Interviewschemas ist es wichtig, die Ziele der Studie und die verfügbaren Ressourcen zu spezifizieren. Zusätzlich ist es hilfreich, folgende Aspekte im Auge zu behalten: die Altersspanne der Stichprobe, das für die Durchführung der Interviews verfügbare Personal sowie den zeitlichen Rahmen der Interviews. Diagnostische Interviews sollen umfassend sein und eine Diagnosestellung gewährleisten (Bird/Gould 1995). Sie sollen im Hinblick auf Länge und Schwierigkeit durchführbar sowie kostengünstig und idealerweise mit Algorithmen ausgestattet sein, die eine computergestützte Auswertung ermöglichen.
Tab. 2.1 Diagnostische Interviewschemata für Kinder und Jugendliche (aus Essau et al. 1997b)
Jetzt komme ich zu einem anderen Thema und frage dich über Gefühle, die Kinder manchmal haben. Anfangen möchte ich mit Fragen über Niedergeschlagenheit und Traurigkeit.
Kasten 2.1 Beispiele der Depressionssektion des Strukturierten Klinischen Interviews für Kinder und Jugendliche (Hautzinger et al. 1992), 0 = nein, 1 = manchmal, 2 = ja, 9 = weiß nicht
In strukturierten Interviews wird versucht, die Unterschiedlichkeit der Informationen durch Spezifizierung von Items zu reduzieren. Es werden Items definiert und Anweisungen für das Rating hinsichtlich Vorliegen und Schweregrad der Items gegeben. Jedoch können strukturierte Interviews zeitaufwändig sein. Wie Piacentini et al. (1993) zeigen, dauert die Durchführung des DISC im Durchschnitt 90 Minuten. Angesichts der Aufmerksamkeitsspanne von Kindern und Jugendlichen muss die Frage gestellt werden, in welchem Maße die Kinder sich auf die Fragen konzentrieren können und wie reliabel ihre Antworten sind. Des Weiteren ist fraglich, inwieweit die Jugendlichen sich an den Zeitpunkt erinnern können, zu dem ein Symptom erstmalig aufgetreten ist. In der Studie von Angold et al. (1996) waren die Jugendlichen nicht in der Lage, verlässlich Angaben über den Beginn einer Symptomatik zu machen, wenn dieser mehr als drei Monate zurücklag. Ungefähr 31 % der Probanden berichteten in einem Interview, ihre depressive Stimmung habe länger als ein Jahr angehalten, in einem weiteren Interview gaben sie an, sie habe weniger als ein Jahr gedauert. Die übrigen Teilnehmer (69 %) gaben in beiden Interviews denselben Zeitraum an. Eine derart geringe Reliabilität könnte zur Folge haben, dass die depressive Stimmung in einem Interview der Major Depression zugerechnet wird, im zweiten hingegen nicht. Ein Problem der meisten strukturierten Interviews sind die Eingangsfragen (z. B. K-SADS und DICA-R), die zu Informationsverlust führen. Das heißt, wenn die Frage nach den Hauptsymptomen mit „Nein“ beantwortet wird, wird nach keinem Nebensymptom mehr gefragt, sondern sofort zur nächsten diagnostischen Kategorie gesprungen.
Informationsquelle
Um sich ein umfassendes und genaues Bild der psychosozialen Probleme des Jugendlichen zu verschaffen, ist es vorteilhaft, Daten aus verschiedenen Quellen heranzuziehen. Unglücklicherweise ist die Übereinstimmung der Informanten hinsichtlich der Häufigkeit und des Schweregrades von Depression bei Kindern und Jugendlichen gering (Angold et al. 1987). In der OADP beispielsweise stimmten Eltern und Jugendliche im Hinblick auf Major Depression und Dysthymie nur wenig überein (Cantwell et al. 1997). Die von den Eltern berichtete Rate für die Dysthyme Störung (4.6 %) lag höher als die von den Jugendlichen berichtete (3.6 %). Im Gegensatz dazu berichteten Jugendliche (19.2 %) signifikant höhere Raten von Major Depression als ihre Eltern (9.3 %). Das Ausmaß an Übereinstimmung zwischen Eltern und Jugendlichen war unabhängig von Geschlecht, dem Alter des Jugendlichen, dem Alter bei Störungsbeginn, der Ausbildung der Eltern und dem Schweregrad der Störung (Cantwell et al. 1997). Die Gründe für diese geringe Übereinstimmung sind unklar, es ist jedoch möglich, einige Hypothesen zu formulieren. Zuerst einmal haben die Jugendlichen zwar die kognitive Reife und Einsicht, um die Fragen hinsichtlich ihrer Gedanken und Gefühle zu beantworten, jedoch geben sie möglicherweise keine Auskunft über suizidale Gedanken und Impulse. Die Sorge um die Darstellung der eigenen Person und die Beurteilung durch andere gehören zu den häufigsten Ängsten des Jugendalters, daher ist es wichtig, sich den anderen auf sozial erwünschte Weise darzustellen. Zweitens haben Eltern und Jugendliche möglicherweise unterschiedliche Vorstellungen davon, was ein „problematisches“ Verhalten ist. Drittens könnte es sein, dass die Eltern nicht alle Probleme und Situationen kennen, in denen diese Probleme auftreten, insbesondere wenn es sich um internalisierende Probleme handelt.
Eine weitere Herausforderung besteht darin, zu entscheiden, welche Informationen erfragt werden sollen und wie sie zu kombinieren sind. Verschiedene Autoren...




