E-Book, Deutsch, Band 3, 524 Seiten
Esser Anselm und Neslin in kosmischer Zukunft
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-347-70106-9
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 3, 524 Seiten
Reihe: Anselm und Neslin in kosmischer Zukunft
ISBN: 978-3-347-70106-9
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rolf Esser, Jahrgang 1948, ist im Hauptberuf Lehrer und inzwischen pensioniert. Er unterrichtete an einer integrierten Gesamtschule in den Fächern Deutsch, Gesellschaftslehre, Kunst und Musik. Seit etwa 1990 war er für verschiedene Verlage als Autor im Bereich Unterrichtsmaterialien tätig. Darüber hinaus war er immer künstle-risch und musikalisch aktiv. Neben der Mitwirkung an Kunstausstellungen spielte er viele Jahre als Schlagzeuger und Gitarrist in Bands seiner Heimatstadt. So konnte er mit seiner damaligen Band eine vielbeachtetes Projekt für Orchester und Rockband realisieren. Seit einigen Jahren betreibt er nur noch Home-Recording und konnte schon einige CDs aus eigener Produktion veröffentlichen. Rolf Esser hat inzwischen drei Jugendromane, einen Roman für Kinder, einen Kriminalroman und ein Sachbuch für Musiker veröffentlicht. Dies ist sein zweiter Krimi mit einer ordentlichen Portion Lokalkolorit.
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Kapitel 1
Der Umzug
Anselm und Neslin sind wieder in ihre mittelalterliche Welt eingetaucht. Als nach der Hochzeitsfeier von Agnes und Helfrich plötzlich Jack und Nelly wie aus dem Nichts auftauchten, waren sie sehr überrascht. Damit hatten sie nicht gerechnet, freuten sich aber umso mehr, denn diese beiden lieben sie so sehr, wie sie einander lieben. Das ist nicht verwunderlich, denn Anselm ist Jack und Neslin ist Nelly. Sie haben nur unterschiedliche Namen und leben in von einander weit entfernten Welten.
Jack und Nelly blieben gut eine Woche bei ihnen. Länger konnten sie nicht verweilen, denn auch sie müssen zurück an ihren Arbeitsplatz auf Golgon und ihren Unterhalt verdienen. Sie wurden mit Kleidung ausgestattet, die den örtlichen Gebräuchen entsprechen, sonst wären sie womöglich aufgefallen und es hätte gefährlich werden können. Die Gäste aus Freedom City sahen sich das mittelalterliche Treiben genau an und waren oft genug höchst verwundert über die Art und Weise, wie die Menschen hier ihr Leben gestalteten. Allerdings – in dieser kurzen Zeit lernten sie nur die Oberfläche der mittelalterlichen Welt und ihrer Denkweise kennen. Würden sie hier einen tieferen Einblick nehmen, es würde sie gewiss eher entsetzen.
Anselm und Neslin kennen diese Welt, denn hier sind sie aufgewachsen. Aber durch ihren langen Aufenthalt auf Golgon haben sie auch eine Welt des grenzenlosen Fortschritts kennengelernt. Und sie haben gesehen, dass Menschen ganz anders zusammenleben können als sie es in ihrem Dorf und hier in Bremen erlebt haben.
Viel Zeit ist seither ins Land vergangen. Man schreibt das Jahr 1358. Neslin und ihr Mann sind inzwischen 22 Jahre alt. Zweimal haben sie seit ihrer Rückkehr ihre Eltern im Dorf besucht. Wie immer schien es ihnen, als sei die Zeit dort stehen geblieben. Keinerlei Veränderung, keinerlei Fortschritt. Die Geschwister sind inzwischen größer geworden, die Eltern aber doch ein wenig gebrechlich. Alle jedoch müssen weiterhin hart arbeiten für ihren bescheidenen Lebensunterhalt. Der einst eigentlich recht umgängliche Ritter schien unnachgiebiger geworden zu sein. Wohl aus Verbitterung über seine missratene Tochter, vermutete Anselms Vater. Und der Pfarrer hatte zu seiner alten kinderquälenden Form zurück gefunden. Man konnte es kaum aushalten auf dem Dorf. Anselm und Neslin haben sich dann auch immer schnell wieder davon gemacht, nicht ohne den Eltern eine ordentliche Unterstützung da zu lassen. Davon konnten sie einige Zeit ein wenig besser leben.
Sie sind wieder voll in die geschäftlichen Aktivitäten der Goldschmiede eingespannt. Die Arbeit macht ihnen nach wie vor große Freude. Die Arbeitsteilung mit Eberold, Helfrich und Jakob funktioniert wunderbar. Während Eberold und Helfrich sich oft aufmachen, um frisches Gold oder Edelsteine aufzutreiben, kümmert sich Jakob um den Verkauf, Neslin entwirft neuen Schmuck und Anselm leitet die Angestellten an und besorgt das Rechnungswesen. Dazu gehört auch, dass er komplizierte Vorhaben berechnet, etwa, wie viel Gold man für einen Bischofsstab braucht oder wie man unterschiedliche Materialien am besten miteinander verbindet.
Das Erstaunlichste an ihrer Situation ist aber, dass Anselm und Neslin weiterhin guten direkten Kontakt zu ihren Freunden auf Golgon haben. Denn sie tragen immer noch den Chip hinter dem Ohr, den man ihnen im Gesundheitszentrum von Freedom City vor ihrer Reise zu den Neandertalern eingepflanzt hatte. Wenn sie »sprechen« sagen, können sie eine Nachricht übermitteln. Sie könnten auch »beamen« sagen und wären im nächsten Augenblick wieder auf Golgon. Das haben sie bisher allerdings vermieden. Oft genug erreicht sie auch eine Nachricht von den Freunden, die diese ja direkt in ihr Ohr übertragen können. Aber sie müssen sehr vorsichtig sein mit dieser Art von »Gegensprechanlage«. Hier bei ihnen würde man ihnen unterstellen, sie seien mit dem Teufel im Bunde.
So sind sie immer gut unterrichtet über das, was auf Golgon vorgeht. Sie freuen sich mit Jelly und Adam, denn Jelly hat vor drei Jahren einen gesunden Jungen geboren. Jack und Nelly überlegen, ob sie es Neslin und Anselm gleich tun und auch heiraten sollen. Aber sie können sich nicht entscheiden, obwohl sie aus Bremen ständig Ermunterungen bekommen. Von Harold hören sie, dass die golgonischen Wissenschaftler immer noch nicht weiter gekommen sind bei der Suche nach der Vierten Dimension. Da könne er ihnen leider auch nicht helfen, hat Anselm zurückgefunkt und sich anschließend darüber köstlich amüsiert.
Hin und wieder wird ihnen auch eine Geschenk »frisch auf den Tisch« gebeamt. So hat Nelly ihnen zuletzt einen großen Stapel Papier und einige gebunden Leerkladden geschickt. Papier gibt es zwar, sie haben ja selbst die Herstellung schon beobachtet. Allerdings ist es noch äußerst selten in der Verbreitung und extrem teuer. Das Papier können sie gut in der Goldschmiede gebrauchen, etwa für gezeichnete Entwürfe, die Neslin für Schmuckobjekte anfertigt. In die Kladden schreibt Anselm die Geschäftsberichte.
Eine der Kladden hat Neslin an sich genommen. Sie will künftig ein Tagebuch schreiben. Sie hat das Gefühl, dass sie all die Gedanken festhalten muss, die in ihrem Kopf herumschwirren. Insgesamt führen sie und Anselm ein angenehmes Leben, aber Neslin bemerkt bei sich, dass eine unerklärliche Last ihr eigentlich positives Lebensgefühl immer mehr beiseite drängt.
Vielleicht sind es die äußeren Umstände in Bremen. 1350 wütete in der Stadt die Pest – wie fast überall in Europa – und raffte 7.000 der 15.000 Einwohner dahin. Durch die Erzbischofsfehde kam es ab 1351 zu Krieg und Unruhen, die immer noch anhalten und als die Hoyaer Fehde bezeichnet werden, eine Fehde, die zwischen der Hansestadt Bremen und dem Grafen von Hoya, aber auch zwischen dem Erzbischof des Bistums Bremen Gottfried von Arnsberg und Graf Moritz von Oldenburg ausgetragen wird. Die Berichte von den ständigen Gemetzeln sind unerträglich.
Gerade verlor Bremen ein Gefecht an der Aller. 150 Bürger, darunter acht von zwölf Ratsherren, gerieten in Gefangenschaft. Hohe Auslösesummen soll die Stadt an den Grafen zahlen. Aber Bremen ist pleite. Hohe Vermögenssteuern werden nun erhoben. Das belas tet auch die Goldschmiede. Überhaupt merken die Freunde, dass die Geschäfte in diesen unruhigen Zeiten nicht mehr gut laufen.
Zu allem Überfluss führt die Hanse, der kaufmännische Städtebund, einen Boykott gegen Flandern durch. Bremen ist nicht mehr Mitglied der Hanse. Bremer Kaufleute witterten daher gute Geschäfte mit Flandern und durchbrachen den Boykott. Die Hanse protestierte, verlangte eine Rechtfertigung und drohte mit Sanktionen4 gegen Bremen. Die Bremer Kaufleute forderten nun vom Bremer Rat ein Einlenken. Nun sind zwei Vertreter der Kaufmannschaft unterwegs, um in Lübeck im Namen der finanziell angeschlagenen Stadt sehr demütig um die Wiederaufnahme in die Hanse zu bitten und zu versprechen, den Flandern-Boykott und Hamburg bei der Bekämpfung der Seeräuber in der Elbe zu unterstützen.
All das, denkt Neslin, wird auf den Rücken der kleinen und armen Leute ausgetragen. Die da oben bestimmen ihre Geschicke. Wer aufbegehrt, wird schnell zur Rechenschaft gezogen, verurteilt und oft genug hingerichtet. Eine kleine Oberschicht von etwa 30 Familien beherrscht die wirtschaftlichen und rechtlichen Grundlagen der Stadt. Sie stellen ein Drittel des Rats. Das Ratsherrenamt behalten sie lebenslänglich. Auch die anderen beiden Ratsdrittel, die Wittheit und die Meenheit sind reiche Bürger. Gegen diese Reichen sind sogar Goldschmiede arme Schlucker.
***
Aus Neslins Tagebuch
Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Anselm und ich haben es gut. Wir leiden keine Not, obwohl die Geschäfte der Goldschmiede in diesen kriegerischen Zeiten schlecht gehen. Zwar haben wir erhebliche Einbußen im Vergleich zu früher, aber es reicht immer noch für ein auskömmliches Leben.
Es ist, als liege ein Schatten auf meiner Seele. Ich fühle mich schon seit längerer Zeit sehr bedrückt. Anselm habe ich davon bisher nichts gesagt. Ich sollte mit ihm reden.
Ich habe immer geglaubt, hier in Bremen sei unser Zuhause, es sei unsere Bestimmung hier zu leben und unser Glück zu finden. Anselm und ich haben ein gemütlich Haus und bessere Freunde als wir sie haben kann man kaum finden.
Unser langer Aufenthalt auf Golgon liegt nun schon ein paar Jahre zurück. Je länger ich aber auf diese mich umgebende mittelalterliche Welt blicke, umso fremder wird sie mir. Überall Feindseligkeit, Unterdrückung, Ungerechtigkeit. Die Armen müssen das ausbaden, was die Reichen anzetteln.
Wie anders leben doch die Menschen auf Golgon zusammen. Gemeinsam haben sie sich erfolgreich gegen die üblen Warlords gewehrt und sich danach einen Lebensraum geschaffen, in dem jeder Einzelne seinen Platz hat, in dem niemand benachteiligt wird, in dem alle die...




