Esser | Anselm und Neslin in Raum und Zeit | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 577 Seiten

Esser Anselm und Neslin in Raum und Zeit


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-347-70049-9
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 577 Seiten

ISBN: 978-3-347-70049-9
Verlag: tredition
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'Anselm und Neslin in Raum und Zeit' ist der Nachfolgeband des Romans 'Anselm und Neslin', in dem zwei Kinder aufgrund widriger Umstände eine Reise durch die mittelalterliche Welt bis hin nach Ägypten überstehen müssen. In Oberägypten hat Anselm in einem traumatischen Zustand die Vision befremdlicher Erlebnisse auf einem anderen Planeten in einem anderen Universum. Zurück im mittelalterlichen Bremen überkommt Anselm in 'Anselm und Neslin in Raum und Zeit' die Erkenntnis, dass seine Vision real war. Er war auf einem fremden Planeten, da ist er sicher, weil ihm so viele Einzelheiten einfallen, die ein Mensch des Mittelalters gar nicht kennen kann. Zusammen mit ihrem Freund Adam reisen Anselm und Neslin wieder nach Ägypten an den Ort des damaligen Geschehens und werden von dort tatsächlich auf den fernen Planeten Golgon gebeamt. Dieser Planet befindet sich in einem Abbild der Milchstraße unseres Universums. Auch unser Sonnensystem und die Erde gibt es dort. Und es gibt in Gestalt von Jack und Nelly genaue Ebenbilder von Anselm und Neslin. Auf Golgon leben die Menschen im Jahre 2290 in einer weit fortgeschrittenen Zivilisation. Sie haben die Möglichkeit, sich von einem Ort zu einem anderen zu beamen und können so in die Vergangenheit reisen. Diesen Umstand machen sich Anselm und Neslin zu nutze und unternehmen Zeitreisen in die Vergangenheit ihrer Erde. Dabei lernen sie viel und machen überraschende Entdeckungen. Zuweilen wird es auch richtig gefährlich. Mitunter greifen sie auch ein wenig in die Vergangenheit ein und verändern so den Lauf der Dinge. Am Ende aber zieht es sie doch zurück ins Mittelalter, nach Bremen, wo sie Teilhaber einer Goldschmiede sind.

Rolf Esser, Jahrgang 1948, ist im Hauptberuf Lehrer und inzwischen pensioniert. Er unterrichtete an einer integrierten Gesamtschule in den Fächern Deutsch, Gesellschaftslehre, Kunst und Musik. Seit etwa 1990 war er für verschiedene Verlage als Autor im Bereich Unterrichtsmaterialien tätig. Darüber hinaus war er immer künstle-risch und musikalisch aktiv. Neben der Mitwirkung an Kunstausstellungen spielte er viele Jahre als Schlagzeuger und Gitarrist in Bands seiner Heimatstadt. So konnte er mit seiner damaligen Band eine vielbeachtetes Projekt für Orchester und Rockband realisieren. Seit einigen Jahren betreibt er nur noch Home-Recording und konnte schon einige CDs aus eigener Produktion veröffentlichen. Rolf Esser hat inzwischen drei Jugendromane, einen Roman für Kinder, einen Kriminalroman und ein Sachbuch für Musiker veröffentlicht. Dies ist sein zweiter Krimi mit einer ordentlichen Portion Lokalkolorit.
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Kapitel 1

Von den Folgen einer plötzlichen Erinnerung

Vier Jahre sind vergangen, seit Anselm und Neslin mit den Kaufleuten nach Bremen kamen. Vier Jahre, die wie im Fluge vergingen. Sie sind jetzt neunzehn Jahre alt und haben viel gelernt seither. Ihre kaufmännische Ausbildung haben sie abgeschlossen. Sie sind nun Kaufleute und ausgebildete Goldschmiede. Helfrich war ein hervorragender Lehrmeister und er ist sehr zufrieden mit dem, was er erreicht hat.

Neslin hat ganz nebenbei ihre außergewöhnliche Sprachbegabung genutzt und sich in die italienische und die englische Sprache eingearbeitet. Italienisch fiel ihr nicht sonderlich schwer, weil sie doch viele Ähnlichkeiten mit dem Lateinischen entdecken konnte. Und beim Englischen fielen ihr viele Wörter auf, die sehr große Verwandtschaft mit dem norddeutschen Sprachschatz aufwiesen. Auch die arabischen Wörter hat sie nicht vergessen. So beherrscht Neslin nun außer ihrer eigenen vier weitere Sprachen recht gut.

Anselm hingegen hat sich als ausgesprochen mathematisch und technisch begabter Mensch erwiesen. Nichts, was er nicht berechnen könnte, nichts, wofür er keine Lösung finden würde. Besonders als Goldschmied kann er diese Eigenschaften gut gebrauchen. Oft müssen Maße oder Gewichte bestimmt oder umgerechnet werden, oft müssen für die Herstellung von exklusivem Schmuck oder für die Verbindung unterschiedlicher Werkstoffe außergewöhnliche Wege gefunden werden.

Helfrich hat nun zwei äußerst begabte Mitarbeiter in seiner Goldschmiede. Allerdings – Mitarbeiter ist nicht der richtige Ausdruck. Vielmehr haben die vier Freunde bestimmt, dass Neslin und Anselm nach dem Abschluss ihrer Ausbildung nunmehr Teilhaber am gemeinsamen Geschäft sein sollen. Als Eberold den jungen Leuten diesen Beschluss mitteilte, waren sie zunächst völlig sprachlos. Damit hatten sie nun gar nicht gerechnet. Welch eine Ehre! Aber Eberold machte ihnen klar, mit Ehre habe das nichts zu tun, sie seien seit der gemeinsamen Reise die besten Freunde und daher berechtigt an all ihren Entscheidungen und Unternehmungen teilzuhaben. So besteht die kaufmännische Gesellschaft jetzt aus sechs überaus einsatzfähigen Menschen, während in ihren Gedanken Hartmud als Siebter immer noch im Bunde ist.

In der Goldschmiede führen Anselm und Neslin oft selbständig die Geschäfte, wenn Helfrich allein oder mit den anderen Freunden kurze Reisen unternimmt, um neue Materialien einzukaufen. Besonders Neslins Sprachkünste sind gerade dann hilfreich, wenn ausländische Kunden sich in der Goldschmiede nach Schmuck umsehen. Kürzlich war sogar ein englischer Adliger da, der ganz erstaunt war, hier in seiner Sprache begrüßt zu werden. Dies schlug sich am Ende deutlich nieder in der Menge der wertvollen Stücke, die er erwarb.

Die edlen Steine aus Ägypten wurden im Laufe der Jahre alle zu wertvollem Schmuck verarbeitet und fanden begeisterte Abnehmer. Besonderes Aufsehen erregten aber die Skarabäen. So etwas hatte man in Bremen noch nie gesehen. Sie wurden den Goldschmieden regelrecht aus den Händen gerissen. Kurz: Das Geschäft, das Helfrich und die Freunde aufgebaut haben, ist in voller Blüte und bringt erstaunliche Erträge.

Hin und wieder machen sich Anselm und Neslin auf, um zuhause im heimatlichen Dorf nach dem Rechten zu sehen. Immer scheint es ihnen, als sei dort die Zeit stehen geblieben. Alles ist wie immer. Die Bauern arbeiten sich die Rücken krumm und stöhnen unter ihren Abgaben, die Frauen verharren im Kinderkriegen und in der Hausarbeit. Die Reiter des Ritters benehmen sich unverschämt wie eh und je. Und der zunächst so sanftmütig gewordene Pfarrer hat sich offenbar auf seine alten Untugenden besonnen. Immerhin sind Neslin und Anselm dank ihres beruflichen Erfolgs nun in der glücklichen Lage, ihren Eltern und Geschwistern die ein oder andere Wohltat zukommen zu lassen. So hat Anselm dafür gesorgt, dass das Dach des elterlichen Hauses endlich einmal vernünftig gedeckt wurde und der Regen nun nicht mehr bis in den Innenraum vordringen kann. Und Neslin ließ den sich immer weiter ausbreitenden Misthaufen im Hof ihres Elternhauses neu anlegen und befestigten. Zudem wurde eigens für die Notdurft eine separate Hütte mit einer ordentlichen Grube errichtet. Darüber hinaus stecken die beiden den Eltern bei jedem Besuch noch manchen Gulden zu, damit diese für sich und die Geschwister dringend benötigte Dinge kaufen können.

Die Jahre in Bremen haben auch die Beziehung zwischen Anselm und Neslin verändert. Sie sind ein Paar. Aber eigentlich waren sie das immer schon. Als Kinder im Dorf verbrachten sie jede freie Minute miteinander und teilten all ihre Sorgen und Nöte. Die lange Reise nach Ägypten schweißte sie regelrecht zusammen. Aus den eng verbundenen Kindern wurden gestandene Erwachsene, die sich noch enger als jemals zuvor verbunden fühlten. In Eberolds Haus lagen ihre Zimmer direkt nebeneinander, sodass sie ständig Kontakt halten konnten. So blieb es nicht aus, dass sie sich ihrer Körperlichkeit immer mehr bewusst wurden. Wie magisch zog es sie zueinander hin und sie entdeckten gemeinsam die Freuden der Liebe, der Sinnlichkeit und der Lust. Zwei Zimmer waren jetzt kaum noch nötig, meist fand man sie in einem vereint.

Fast genau mit dem Abschluss ihrer Ausbildung vor einem Jahr haben Anselm und Neslin geheiratet. Das ist in diesen Zeiten und in dieser Stadt nicht selbstverständlich. Denn es bedarf der Erlaubnis des Magistrats, der Gilden oder der Zünfte. Eine Ehe darf nur eingehen und eine Familie gründen, wer in der Lage zu ihrem Unterhalt ist. Weite Teile der Bevölkerung werden so von einer Familiengründung ausgeschlossen.

Zudem sind Ehen aus Liebe eher die Ausnahme. Wirtschaftliche und politische Interessen bestimmen, wer wen heiratet. Hochzeiten ermöglichen so manch einem, gesellschaftlich deutlich aufzusteigen. Kaufleute, die es zu etwas gebracht haben, heiraten gewöhnlich im Rahmen ihrer Gilde, in die sie sich mit ihrem erarbeiteten Vermögen eingekauft haben. Es ergeben sich für sie dadurch gut bezahlte Aufträge und Gelegenheiten zu wertvollen Kontakten mit Aussicht auf eine „lohnenswerte“ Heirat.

In den unteren Schichten der Bevölkerung bestimmen Lehnsherren, Dorfpfarrer oder Eltern den Ehepartner. Das hat oft für die Frau böse Folgen, besonders, wenn der Mann viele Jahre älter ist. In höheren Adelskreisen bedeutet eine Ehe Macherhalt beziehungsweise Ausbau der Macht. Verlobt werden können die Kinder nach dem Kirchenrecht schon mit sieben Jahren. Seit dem 12. Jh. durfte aber das Eheversprechen von Mädchen, die jünger als 12 Jahre waren, und von Jungen, die jünger als 14 Jahre waren, widerrufen werden. Tatsächlich hielt man sich in den Adelshäusern nicht im Geringsten an diese Altersangaben. Der kleine Prinz Heinrich, der ältere Bruder von Richard Löwenherz, wurde als Fünfjähriger mit der zweijährigen Margarete, einer Tochter des französischen Königs Ludwig VII., vermählt. Kaiser Heinrich IV., bekannt durch seinen Gang nach Canossa, wurde als Vierjähriger mit Berta von Turin verlobt.

Bei einer Hochzeit wird zwischen den Familien des Paares verhandelt, wobei die Verlobung und das Aufsetzen eines offiziellen Heiratsvertrages vorausgehen. Dabei ist meist ein Vertreter der Kirche zugegen. Festgelegt werden Besitzfragen, die besonders im Fall des vorzeitigen Todes des Gatten für die Frau von großer Bedeutung sind. Besonders lange wird um die Höhe der Mitgift gefeilscht.

Wer auf sich hält, muss bei der Hochzeit möglichst viele Gäste einladen und ein festliches Mahl mit erlesenen Getränken auftischen. Ein solches Fest dauert viele Tage, an Fürstenhöfen manchmal sogar mehrere Wochen. Der Brautvater muss die Kosten tragen und die eingeladenen Gäste und Spielleute werden mit kostbaren Geschenken bedacht. Je reicher der Brautvater ist, desto pompöser fällt das Fest aus.

Das alles trifft auf die Hochzeit von Anselm und Neslin nicht zu. Sie haben aus Liebe geheiratet. Die Heiratserlaubnis erhielten sie vom Magistrat als inzwischen gestandene Kaufleute ohne Probleme. Ansonsten war niemand da, der Einspruch hätte erheben können oder wollen. Die Eltern? Die waren ohne Frage froh, dass die beiden sich gefunden hatten. Über eine Mitgift gab es ohnehin nichts zu verhandeln, so arm, wie die Familien waren. Und die Freunde bestärkten sie in dem Entschluss zu heiraten bei all der Einvernehmlichkeit, die sie über die Jahre bei Anselm und Neslin beobachten konnten.

So fand dann eine schöne Feier statt im Familien- und Freundeskreis, die nichts Ausuferndes oder Protziges an sich hatte. Das wollte niemand. Eberold hatte es sich nicht nehmen lassen, die Eltern und Geschwister des Brautpaares ohne dessen Wissen mit zwei Kutschen aus ihrem Dorf herbei schaffen zu lassen, natürlich mit Genehmigung des Ritters. Da war die Rührung wirklich groß, als alle so plötzlich und unverhofft vereint waren.

An einer Hochzeit im katholischen Ritus kommt man nicht vorbei. Alles andere würde als gotteslästerlich und frevelhaft...



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