E-Book, Deutsch, 261 Seiten
Reihe: tredition GmbH
Esser Der gnadenlose Schlächter
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-347-69223-7
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 261 Seiten
Reihe: tredition GmbH
ISBN: 978-3-347-69223-7
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein neunjähriger Junge muss in einem Konzentrationslager erleben, wie sein Vater auf grausame Weise umgebracht wird. Er wird für den Rest seines Lebens traumatisiert, denn er kann die Namen jener Männer, die an dem Mord beteiligt waren, nie mehr vergessen. Der Junge kommt in die USA, wird dort adoptiert und erlebt eine glückliche Jugend. Er studiert und beginnt nach dem Studium eine Karriere bei einer New Yorker Werbeagentur. Genau zu jener Zeit geschehen überall auf der Welt grauenhafte Morde. Die Kriminalisten sind ratlos. Weder die Motivlage, noch der oder die Täter lassen sich auch nur ansatzweise erkennen. Von Paraguay über Italien bis nach Ägypten wird fieberhaft ermittelt. In New York schließt sich am Ende der Kreis.
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Kapitel 1
Im Konzentrationslager
Es ist fünf Uhr morgens. Es herrscht Ordnung hier. In deutscher Gründlichkeit stehen die Männer in Reih und Glied, eingeteilt in Gruppen, erkenntlich an ihren Abzeichen, den sogenannten Winkeln, die man ihnen an ihre gestreifte Kleidung genäht hat: Politische, Kriminelle, Emigranten, Bibelforscher, Homosexuelle, Asoziale und Juden. Zusätzlich müssen sie eine Nummer tragen. Der Mensch wird zur Nummer. Er hat keinen Namen mehr, er verliert Ansehen und Ehre.
Die Männer stehen zu dieser frühen Stunde stramm auf dem großen Platz vor den Holzbaracken, bereit für den Zählappell. Schon um vier Uhr wurden sie geweckt und mussten die elenden Räume ihrer Unterkünfte reinigen. Es ist noch dunkel, grelle Scheinwerfer erhellen das Geschehen. Der April des Jahres 1945 ist schon weit fortgeschritten, der Morgen ist aber immer noch kühl und die dünnen, ausgemergelten Gestalten frieren. Nicht zu vergleichen mit jener Nacht im Januar des überaus strengen Winters, als sie als Strafe für die Flucht zweier Häftlinge kollektiv bei eisiger Kälte hier stehen und ausharren mussten. Für fünfzehn Männer war es der Tod.
Sie stehen da und haben im Grunde keine Kraft dafür. Sie alle sind Häftlinge. Am Morgen müssen sie die Tortur des Apells aushalten, die sich am Abend wiederholt. Dazwischen werden sie in den ebenso entkräftenden Arbeitseinsatz geschickt: Straßenbau, Bäume fällen, Bauarbeiten, Waffenfabrik – jede Sklavenarbeit ist denkbar, solange ein Gewinn daraus erzielt wird.
Im Lager herrscht eine Typhusepidemie. Die Baracken des Krankenreviers sind überfüllt. Diejenigen Kranken, die noch auf den Beinen stehen können, müssen auch zum Zählapell antreten und werden zur Arbeit geprügelt. Viele von ihnen werden den Abend nicht mehr erleben.
All diese Männer wurden in Schutzhaft genommen und kamen in die Hölle. Mit dem Unterschied, dass es in dieser Hölle nicht nur einen Teufel gibt, Teufel treten hier gleich im Dutzend auf. Neun davon stehen vor ihnen, allesamt Männer der SS-Totenkopfverbände. Das Sagen hat der SS-Obersturmbannführer Fritz Meinert, der 1. Schutzhaftlagerführer. Dem Schutzhaftlagerführer untersteht die Leitung des Häftlingslagers im Konzentrationslager. Sein direkter Vorgesetzter ist der Lagerkommandant Eduard Weiter. Ihn hat man in letzter Zeit nicht mehr gesehen. Das schmutzige Geschäft erledigen nun seine gnadenlosen Untergebenen.
Der Schutzhaftlagerführer Meinert ist gefürchtet für die Durchführung von Strafmaßnahmen und Exekutionen. Noch im letzten September ließ er neunzig russischen Gefangene hinrichten. Er ist unbeherrscht, tritt auf die Gefangenen ein, schlägt sie mit einer Peitsche oder hetzt Hunde auf sie.
Sie stehen da – zu Tausenden in Schach gehalten von neun Männern, die stolz ihre SS-Uniformen tragen und sich als Herrenmenschen fühlen, als Herren über Leben und Tod. Auch an diesem Morgen dringt die gellende Stimme Meinerts tief in ihr Gehirn. Sie werden sie nie mehr vergessen, sollten sie dieses Lager je überleben. „Rücksichtslos werde ich jeden vernichten, der sich nicht mit allem Einsatz der täglichen Arbeit widmet. Ihr seid ein jämmerlicher Haufen von Drückebergern, täuscht Krankheiten vor, um euch der Pflicht zu entziehen. Habt ihr euch je gefragt, warum man euch in Schutzhaft genommen hat? Ich will es euch sagen: weil ihr ohne Ausnahme faules, arbeitsscheues Gesindel seid, das die staatlichen Wohltaten und die Güte des Führers schamlos ausnutzt.“
So hören sie es jeden Morgen. Vor Meinert war es ein anderer Schutzhaftlagerführer. Sie sind alle von derselben Sorte, diese SS-Täter, beseelt von einem Vernichtungsauftrag, den ihnen der Reichsführer SS Heinrich Himmler immer und immer wieder eingebläut und mit Befehlen und Verordnungen untermauert hat.
In seinem neuesten Erlass jedoch befiehlt Himmler, die Arbeitskraft der Häftlinge zu gewährleisten. Die Häftlinge sind die Einzigen, die die Rüstungsproduktion für den noch tobenden und längst verlorenen Krieg in Gang halten können. Sie dürfen daher nicht mehr unnötig bestraft oder gequält werden. Einen wie Meinert erreicht ein solcher Erlass nicht. Nicht umsonst nennen sie ihn im Lager den „Schlächter“.
Allein, wie Meinert Neuankömmlinge begrüßt, wenn sie das Lagertor durchschritten haben, ist entlarvend. Der ganze Sadismus dieses SS-Mannes entfaltet sich in seinem ersten Satz, den er herausschleudert: „Hier hat niemand zu lachen! Der einzige, der hier lacht, ist der Teufel, und der Teufel bin ich!“ Auch vergisst er niemals zu erwähnen, dass es nur einen Weg aus dem Lager gibt, nämlich den durch den Schornstein des Krematoriums.
Das Lager ist umgeben von einem hohen Stacheldrahtzaun, der zudem unter Strom steht. Auf acht Wachtürmen sitzen je zwei SS-Wachen mit Maschinengewehren. In der Postenpflicht ließ Himmler niederschreiben, auf Häftlinge müsse ohne Aufruf und ohne warnenden Schreckschuss sofort geschossen werden. Bei zahlreichen unnatürlichen Todesfällen geben die KZ-Wächter einfach an, man habe Häftlinge bei einem angeblichen Fluchtversuch erschossen. Als Fluchtversuch gilt schon, wenn man nur den breiten Sicherheitsstreifen längs des Zaunes betritt. Ein tatsächlicher Fluchtversuch aber ist fast immer tödlich. Und gelingt er einmal, so erfasst man die Geflohenen fast immer schnell wieder, foltert sie entsetzlich und erschießt sie dann vor aller Augen.
Seit einer halben Stunde müssen sie sich schon die geifernden verbalen Exzesse Meinerts anhören. In der ersten Reihe einer Gruppe steht Hermann Glockenspiel. Zwei gelbe aufeinander gesetzte Winkel in der Form des Davidsterns an seiner Jacke, den die Nazis „Judenstern“ nennen, kennzeichnen ihn als Juden, wie alle hier in dieser Gruppe. In den Augen der SS bilden die jüdischen Häftlinge die niedrigste Stufe der Lagerhierarchie. Selbst in der unter den Häftlingen herrschenden Rangordnung stehen sie ganz unten.
Hermann Glockenspiel ist krank, er hat ebenfalls Typhus. Er konnte sich gerade noch auf den Platz schleppen. Neben ihm steht der neunjährige Erich, sein Sohn. Langsam schwinden Hermann die Sinne, dann wird er ohnmächtig, stürzt nach vorn und schlägt der Länge nach auf dem Boden auf.
Es ist, als habe Fritz Meinert nur auf einen solchen Vorfall gewartet. Sofort baut er sich vor dem Ohnmächtigen auf und schreit: „Du verdammte Judensau, willst dich nur vor der Arbeit drücken! Das werden wir dir austreiben, ein für alle Mal!“ Ein Wink von ihm und zwei SS-Sturmbannführer eilen herbei und greifen sich den armen Hermann Glockenspiel, dessen Nase von dem Sturz blutet. Sie schleifen ihn in die Mitte des Platzes. Dort steht eine Art Galgengerüst, das für alle Arten von schlimmsten Bestrafungen genutzt wird.
Die SS-Männer binden Hermann die Arme auf den Rücken und ziehen ihn mit einem Strick rücklings an dem Galgenpfahl hoch. Pfahlhängen – eine Bestrafung, die von der SS-Führung gar nicht mehr gern gesehen wird. Wegen der Erhaltung der Arbeitskraft. Meinert kümmert das nicht. Bei dieser mittelalterlichen Folter durchleidet der Delinquent unvorstellbare Schmerzen und Qualen.
Hermann ist immer noch ohnmächtig. Nun zerren ihm die SS-Schergen noch die Jacke herunter, sodass sein Oberkörper frei wird. Meinert zieht die Peitsche aus dem Gürtel, die er immer bei sich trägt, und schlägt wie besessen auf Hermann Glockenspiel ein. Ob der verstärkten Schmerzensflut erwacht Hermann aus seiner Ohnmacht und muss nun mit all seinen noch vorhandenen Sinnen schlimmste Qualen erdulden. Er schreit sein ganzen Elend hinaus. Dann wird er wieder ohnmächtig.
Der kleine Erich muss das alles mitansehen. Als der Vater zu schreien beginnt, will er sofort zu ihm eilen. Ein jüdischer Mithäftling, der hinter ihm steht, kann ihn gerade noch zurückhalten und hinter sich ziehen. Erich beginnt jämmerlich zu weinen. Der Mithäftling hält ihm den Mund zu. Nicht auszudenken, was geschieht, würde Meinert das bemerken. Der 1. Schutzhaftlagerführer macht auch vor Kindern nicht Halt.
Dann rücken die Häftlinge aus zum Arbeitseinsatz. Erich muss in die Munitionsfabrik, wo er Patronenhülsen zu sortieren und zu transportieren hat. Er muss sich sehr zusammenreißen, den ganzen Tag denkt er an den Vater.
+++
Nach dem Morgenapell will Fritz Meinert wie immer ein zweites Frühstück einnehmen. Er muss ja auch jeden Morgen in aller Frühe raus. Das hat er diesen Bastarden hier zu verdanken. Er begibt sich hinüber in das streng abgeteilte SS-Gelände, das doppelt so groß ist wie der Häftlingsbereich. Hier sind SS-Übungslager mit Kasernen und Schulungsräumen, Werkstätten, in denen auch Häftlinge arbeiten, Mannschaftsbaracken und Offizierswohnungen, eine Bäckerei sowie das Verwaltungsgebäude.
Meinert...




