E-Book, Deutsch, 243 Seiten
Reihe: tredition GmbH
Esser Mord im Jugendstil
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-347-69548-1
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 243 Seiten
Reihe: tredition GmbH
ISBN: 978-3-347-69548-1
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Rolf Esser, Jahrgang 1948, ist im Hauptberuf Lehrer und inzwischen pensioniert. Er unterrichtete an einer integrierten Gesamtschule in den Fächern Deutsch, Gesellschaftslehre, Kunst und Musik. Seit etwa 1990 war er für verschiedene Verlage als Autor im Bereich Unterrichtsmaterialien tätig. Darüber hinaus war er immer künstle-risch und musikalisch aktiv. Neben der Mitwirkung an Kunstausstellungen spielte er viele Jahre als Schlagzeuger und Gitarrist in Bands seiner Heimatstadt. So konnte er mit seiner damaligen Band eine vielbeachtetes Projekt für Orchester und Rockband realisieren. Seit einigen Jahren betreibt er nur noch Home-Recording und konnte schon einige CDs aus eigener Produktion veröffentlichen. Rolf Esser hat inzwischen drei Jugendromane, einen Roman für Kinder, einen Kriminalroman und ein Sachbuch für Musiker veröffentlicht. Dies ist sein zweiter Krimi mit einer ordentlichen Portion Lokalkolorit.
Autoren/Hrsg.
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Zweites Kapitel
Schattenwelten
In Duisburg-Marxloh ist das Leben der Menschen nicht einfach. Das Viertel hat 19.000 Einwohner, davon 64 Prozent mit ausländischen Wurzeln. Die Arbeitslosigkeit ist hoch. Verwahrloste Familien und Straßenkriminalität prägen das Bild. Zwei Großclans mit Kontakte zu den Rockern der »Hells Angels« sorgen für Gewaltexzesse. Die Behörden sind überfordert und die Polizei warnt vor rechtsfreien Räumen. Von No-Go-Areas ist die Rede.
Auf dem August-Bebel-Platz ist Markt. Der Begriff »Basar« würde eher zutreffen. Frauen mit Kopftüchern und Gesichtsschleiern beugen sich über die Wühltische. An den Ständen finden sich bodenlange mit Strasssteinen besetzte purpurne marokkanische Abendkleider ebenso wie billige Kunstledersandalen.
Nicht weit davon entfernt – in der Weseler Straße – ist die Pizzeria Tutti Frutti. Das Äußere sieht ziemlich heruntergekommen aus, der Eingang wirkt wenig Vertrauen erweckend.
Im hinteren Teil der Pizzeria sitzen zwei Männer an einem runden Tisch, ein wenig verdeckt durch eine Garderobe. Der eine der Männer ist ein eher südländischer Typ, tiefschwarze Haare, schmaler Schnauzbart, gebräunte Haut, um den Hals eine Goldkette mit Amulett. Trotz der schummrigen Beleuchtung hier trägt er eine Sonnenbrille. Würde man den gängigen Klischees trauen, würde man auf einen Italiener tippen.
Der andere Mann hat hellbraune Haare, helle Haut, ist rasiert und trägt Anzug und Krawatte. Er entspricht eher dem mitteleuropäischen Typ.
Schweigend sitzen sie sich gegenüber. Dann bricht der Mitteleuropäer das Schweigen.
»Musste das sein?«, fragt er.
»Es ging nicht anders. Sie war uns auf der Spur. Die ganze Aktion wäre aufgeflogen. Nach unseren Informationen wollte sie Maßnahmen ergreifen.«
»Aber sie hatte doch von nichts Ahnung, von Kunst schon gar nicht.«
»Das war alles nur Schein. Ich habe völlig andere, sehr verlässliche Informationen. Schließlich habe ich viel Geld an meinen Kontaktmann beim BKA bezahlt. Sie war undercover unterwegs und hätte uns alle ans Messer liefern können. Eine Katastrophe! Sie musste beseitigt werden, unsere Aktion durfte nicht gefährdet werden. Schließlich haben Sie mich doch selbst auf die Dame gebracht.«
»Ja, schon. Aber ich hatte die Vorstellung, dass man sie anders ruhig stellen konnte. Wenn´s beim BKA geht, warum ging es nicht bei ihr? Mit euren radikalen Methoden gefährdet ihr die Aktion genauso. Ihr habt damit in Hagen eine Sensation in die Welt gesetzt, auf die nun alle Augen gerichtet sind. Und ihr könnt sicher sein, dass man alles tun wird, um den Fall aufzuklären.«
»Das wird man sicher versuchen. Wobei sich die Frage ergibt, wer denn den Museumsdirektor auf dem Gewissen hat. Der war ja als erster dran und diese Sensation, wie Sie so schön sagen, haben nicht wir in die Welt gesetzt.«
»Das ist eine ganz andere Sache und da mischen ganz andere Kräfte mit, die ihr euch gar nicht vorstellen könnt und die eure Aktionen nicht billigen. Ich wäre da an eurer Stelle sehr vorsichtig.«
»Was wir unternehmen, müssen diese Kräfte schon uns überlassen. Immerhin haben wir eine Menge Erfahrung in solchen Dingen. Und glauben Sie nicht, dass wir Angst vor Ihren Kräften haben. Aber da wir einmal dabei sind: Wir erwarten endlich von Ihnen beziehungsweise Ihren Hintermännern die Lieferung.«
»Da müsst ihr euch noch ein wenig gedulden. Wir müssen noch einige Maßnahmen zu unserer Sicherheit ergreifen.«
»Warten Sie nicht zu lange. Sie haben ja gesehen, wie es einem ergehen kann.«
»Ist das eine Drohung?«
»Keine Drohung, nur ein fürsorglicher Hinweis.«
Abrupt steht der Mitteleuropäer auf und verlässt ohne ein weiteres Wort die Pizzeria. Er steigt in einen im Halteverbot vor der Pizzeria parkenden Mercedes der C-Klasse. Er holt sein Smartphone aus der Innentasche des Anzugs und telefoniert. Offenbar trifft er eine Verabredung. Dann fährt er in Richtung Duisburger Straße und von da auf die A59.
Weiter geht es über die A42 auf die A45 bis zur Abfahrt Schwerte-Ergste. Über die Ruhrtalstraße, Villigster Straße und Industriestraße gelangt er schließlich zur Bandstahlstraße im nördlichen Hagener Industriegebiet.
An einem schmalen Grundstück hält er. Das Grundstück ist mit einem massiven Gitterzaun und einem ebensolchen Tor versehen. Hinter dem Zaun verstellen hohe Buchsbaum-Hecken den Blick.
Der Mann schließt das Tor auf und fährt hinein. Sorgfältig schließt er hinter sich das Tor wieder ab.
Im Hintergrund des Geländes steht ein großer Container. Davor parkt er seinen Mercedes, bleibt aber im Wagen sitzen. Nach gut einer halben Stunde meldet sich sein Smartphone. Er nimmt den Anruf entgegen und geht dann sofort zurück zum Tor. Davor stehen zwei Männer. Sie haben ihn wohl angerufen. Der eine Mann ist von untersetzter, stämmiger Statur, während der andere groß und hager ist.
Der Mitteleuropäer lässt sie herein und gemeinsam gehen sie zum Container. Dieser ist offenbar eine Spezialanfertigung. Statt der üblichen breiten Klappen am Ende weist er eine Tür mit normalen Maßen auf. Die Tür ist elektronisch gesichert.
Der Mitteleuropäer legt seine Hand auf einen Scanner, der sofort grün aufleuchtet und ein akustisches Signal abgibt. Dann tippt er in eine Tastatur einen Zahlencode ein. Die Tür springt nach innen auf, gleichzeitig verbreiten Neonröhren ihr Licht.
Im Container stehen metallene Industrieregale. In ihnen sind zahlreiche mit Leinwänden bespannte Keilrahmen aufgereiht. Bei näherem Hinschauen erkennt man, dass es sich um Gemälde handelt.
»Ich brauche Bilder von Manet, Renoir, Monet, Cézanne und van Gogh«, sagt der Mitteleuropäer. »Sucht jeweils eins heraus. Das reicht. Die nehme ich mit.«
Die Männer müssen eine Zeitlang suchen. Systematische Ordnung herrscht im Container wohl nicht. Schließlich haben sie fünf der angegebenen Bilder gefunden, die zusammen gewiss einen mehrfachen Millionenwert darstellen, wenn man beachtet, welche Ergebnisse aktuelle Kunstauktionen erzielt haben.
»Was hast du denn mit den Bildern vor?«, fragt der Stämmige. »Ich dachte, die gehen alle nach Italien.«
»Das werden sie auch. Nach entsprechender Bearbeitung. Ich denke nicht, dass ich den unersättlichen Neapolitanern den Reichtum hinterher schmeißen werde.«
Sie schlagen die wertvollen Kunstwerke in dickes Packpapier ein, das in einem Regal bereit liegt und verstauen sie dann in dem Mercedes. Der Mitteleuropäer gibt einen weiteren Zahlencode an der Containertür ein und schon verschließt sich diese automatisch. Er verabschiedet sich von den beiden Männern, die schnell davon gehen. Vermutlich haben sie ihr Fahrzeug an der Straße geparkt. Dann fährt auch er davon, nicht ohne das Tor im Gitterzaun wieder sorgfältig abzuschließen.
Der südländische Typ in der Duisburger Pizzeria ist tatsächlich Italiener, denn er spricht perfekt Italienisch. Nachdem der Mitteleuropäer gegangen ist, bestellt er ein Pastagericht und einen Rotwein und lässt es sich sichtlich munden. Als er fertig ist, ruft er den Wirt herbei.
»Mein Lieber, das Mittagsmahl geht doch sicher aufs Haus, oder?«
»Ja klar, Giuseppe, wie immer«, sagt der Wirt und wirkt seltsam eingeschüchtert.
»Wunderbar! Aber denk´ dran, nächste Woche komme ich wieder und dann will ich Tatsachen sehen.«
Der Wirt windet sich.
»Ich weiß nicht, ob ich das schaffe, Giuseppe. Der Laden geht im Augenblick nicht so gut. Die Menschen haben kein Geld für Restaurants.«
»Das ist nicht mein Problem. Ich denke, du wirst das schaffen, sonst bekommst du ein Problem. Du willst doch bestimmt weiter in Sicherheit leben?«
Der Wirt nickt heftig mit dem Kopf. Verzweiflung kann man in seinen Augen lesen. Es verschlägt ihm die Stimme.
Giuseppe Moretti, so sein vollständiger Name, grüßt kurz und verlässt die Pizzeria.
Sein Auto muss er nicht lange suchen. Zahlreiche Kinder haben sich um es herum versammelt und bestaunen das Protzmobil. Es ist ein Lamborghini Huracán, das neueste Modell aus der italienischen Autoschmiede, das mit seinen 610 PS eher einer Rakete gleicht. Das knallrote Auto wirkt in diesem Viertel wie ein Kreuzfahrtschiff auf einer Alm.
Giuseppe Moretti fährt direkt zum Düsseldorfer Flughafen. Er parkt im Parkhaus P2 und hat nur eine Minute Fußweg zum Terminal. Dort löst er bei der Alitalia ein First-Class-Ticket nach Neapel. An Geld scheint es ihm nicht zu mangeln. Zu seinem Bedauern gibt es keine Direktflüge. Alitalia fliegt mit Zwischenstopp in Rom....




