Esser | Tante Tandelei und der grüne Schimmel | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch

Reihe: tredition GmbH

Esser Tante Tandelei und der grüne Schimmel

Roman für Kinder
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-347-70667-5
Verlag: tredition GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Roman für Kinder

E-Book, Deutsch

Reihe: tredition GmbH

ISBN: 978-3-347-70667-5
Verlag: tredition GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Drei Kinder verleben Ende der 1950er Jahre, Anfang der 1960er Jahre ihre Ferien bei ihrer Tante, die einen merkwürdigen Namen hat. Die Tante wohnt in einem Haus inmitten von Bahndämmen, Bombentrümmern und einem verlassenen Dachdeckerlager. Ein großer, geheimnisvoller Garten gehört auch zum Haus. In diesem Garten lebt ein Schimmel, den die Tante einmal von einem Bauern gekauft hat. Der Schimmel erweist sich als Wundertier, das Menschen in besondere Situationen versetzen kann. Er nimmt in dem Augenblick, in dem das Wunder geschieht, eine grüne Farbe an. Die Kinder vergnügen sich auf dem Grundstück und besonders auch auf dem Dachboden und im Keller des Hauses. Dank des Wunderpferdes geschieht es dann aber bald, dass sie in abenteuerliche Geschichten verstrickt werden. So werden denn die Ferien für die Kinder zu einer Serie von unvermuteten Abenteuern, die ihnen viel Mut und Einfühlungsvermögen abverlangen.

Rolf Esser, Jahrgang 1948, ist im Hauptberuf Lehrer und inzwischen pensioniert. Er unterrichtete an einer integrierten Gesamtschule in den Fächern Deutsch, Gesellschaftslehre, Kunst und Musik. Seit etwa 1990 war er für verschiedene Verlage als Autor im Bereich Unterrichtsmaterialien tätig. Darüber hinaus war er immer künstle-risch und musikalisch aktiv. Neben der Mitwirkung an Kunstausstellungen spielte er viele Jahre als Schlagzeuger und Gitarrist in Bands seiner Heimatstadt. So konnte er mit seiner damaligen Band eine vielbeachtetes Projekt für Orchester und Rockband realisieren. Seit einigen Jahren betreibt er nur noch Home-Recording und konnte schon einige CDs aus eigener Produktion veröffentlichen. Rolf Esser hat inzwischen drei Jugendromane, einen Roman für Kinder, einen Kriminalroman und ein Sachbuch für Musiker veröffentlicht. Dies ist sein zweiter Krimi mit einer ordentlichen Portion Lokalkolorit.
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Kapitel 2

Das Wunderpferd

Die Herbstferien standen mal wieder bevor und das bedeutet: Lila, Bennie und ich würden den Mittelpunkt unseres Lebens wie immer in den Ferien ins Haus der Tante verlagern. Sobald die Schule zu Ende war, warf ich meinen Ranzen in die Ecke, packte meine sieben Sachen in eine Tasche, verabschiedete mich daheim und machte mich auf den Weg. Wir wohnten am äußersten Rand der Stadt und bis zur Tante schien es mir immer wie eine kleine Weltreise zu sein. Mit der Linie 7 der Straßenbahn musste ich zunächst bis zum Hauptbahnhof fahren und dort umsteigen. Dann konnte ich die Linien 1, 2 oder 3 nehmen. Auf halber Strecke stieg ich aus und ging die Hördenstraße hoch bis zum Bahnübergang.

Vorbei kam ich an dem Milchgeschäft, der Kneipe an der Ecke der rechts abzweigenden Bebelstraße und dem Kaufladen an der gegenüber liegenden Ecke, wo man von Zitronen bis zum Nähgarn so ziemlich alles bekommen konnte, was man zum täglichen Leben brauchte. In das Milchgeschäft und den Kaufladen gingen wir Kinder oft, um für die Tante einzuholen. Im Milchgeschäft gab es auch Butter, Käse und Sahne. Die Tante gab uns immer drei Groschen zusätzlich, wenn wir dort einkaufen gingen. Dafür kauften wir uns leckere Sahnehörnchen. Es war schon allein ein Genuss zuzusehen, wie die Frau im Laden die Sahne aus dem Sahneapparat in die Hörnchen spratzeln ließ.

Vorbei musste ich auch an der Kohlenhandlung und war immer froh, wenn das Gittertor geschlossen war und der kläffende, zähnefletschende Hund dahinter blieb. War das Tor offen, so kam er oft herausgeschossen bis auf die Straße, wo er einem auf furchterregende Weise den Weg versperrte. Das erlebten wir Kinder oft genug, wenn wir einkaufen waren. Wir warteten dann immer, bis ein Erwachsener kam und den Hund verscheuchte. Vor Erwachsenen hatte er wohl Respekt. Manchmal eilte auch der Kohlenhändler aus seinem Verschlag und zerrte das Tier äußerst brutal am Halsband zurück auf den Hof. Später fanden wir zufällig heraus, dass dieser Hund alles andere als gefährlich war.

Endlich war ich am Bahnübergang und ging den Weg dahinter zum Haus hinauf. Ob Lila und Bennie schon da waren? Die Beiden wohnten in ähnlicher Entfernung von der Tante wie ich. Ihre Eltern brachten sie immer. Sie besaßen sogar ein Auto, eine Seltenheit in diesen Zeiten. Es war ein ziemlich klappriger Opel Olympia, aber immerhin. Oft genug stand der Wagen auch nur herum, wie Bennie und Lila erzählten, weil kein Geld für ein Ersatzteil da war.

Im Grunde ging es fast allen Familien in der Nachkriegszeit ähnlich. Das Geld war knapp, viele waren arbeitslos und das Arbeitsleben entwickelte sich erst langsam wieder im Zuge des Wiederaufbaus. In weiten Teilen der Stadt sah es nicht anders aus als hinter Tante Tandeleis Haus. Überall, wo man hinschaute, Trümmergrundstücke, überall Zerstörung. Man konnte es sich als Kind kaum vorstellen, wie das gewesen sein musste, als die Flieger kamen und die Bomben vom Himmel fielen. Unsere Eltern redeten kaum davon und die Tante erzählte nur sehr zögerlich von jenen schlimmen Tagen.

Nun waren wir wieder bei der Tante vereint und freuten uns auf eine schöne Zeit. Der Herbst war schon fortgeschritten und zeigte sein buntes Kleid, wobei die Buntheit durch den pudernden Überzug des Thomasmehls hier zwischen den Bahndämmen etwas blass wirkte. Das Wetter war wunderbar, Altweibersommer nannte das die Tante. Es war nicht zu warm und nicht zu kalt und wir konnten uns den ganzen Tag draußen am Spiel zwischen den Teerfässern ergötzen.

Es wurde schon früh dunkel und am Abend saßen wir nach dem Essen meist in der Küche am Tisch und spielten all die Spiele der Reihe nach durch, die die Tante für uns bereit hielt. Die Tante selbst spielte eigentlich nie. Nur wenn wir »Mensch ärger´ dich nicht« spielten, dann war sie dabei und hatte einen Heidenspaß.

Wieder einmal saßen wir da und spielten, was das Zeug hielt. Es war schon spät, aber wir waren vertieft in unser Scrabble-Spiel. Das sei ein Spiel, meinte die Tante, das hierzulande noch kaum Verbreitung gefunden habe. Das habe mal ein Amerikaner erfunden und sie habe es einem Engländer abgekauft. Beim Scrabble müssen die Spieler aus zufällig gezogenen Buchstaben Wörter legen und können dabei verschiedene Bonusfelder auf dem Spielbrett nutzen.

Langsam wurden wir müde vom Wörterlegen und Lila schaute ziemlich unkonzentriert zum Fenster hinaus in die Dunkelheit. Allerdings – so dunkel war es gar nicht, denn wir hatten Vollmond. Die kleine Wiese hinter dem Lattenzaun des Gartens wurde vom direkt darüber stehenden Mond fast taghell erleuchtet.

Plötzlich zuckte Lila zusammen und schrie auf: »Der Schimmel – der Schimmel – er ist grün!« Das ging nun gar nicht. Ein Schimmel ist immer weiß, wie sollte er grün sein? Von einem »grünen Schimmel« zu reden ist so ähnlich wie »alter Knabe« zu sagen. Ein Widerspruch in sich.

So stürzten wir zum Fenster, um zu sehen, was Lila so erschreckt hatte. Nur die Tante schien sich dafür nicht zu interessieren. Tatsächlich, im Mondlicht sah der weiße Schimmel reichlich grün aus. Er stand mitten auf der Wiese und sah den Mond über ihm an. Und dann geschah etwas, was uns völlig aus der Fassung brachte. Langsam, ganz langsam hob der grüne Schimmel vom Boden ab und schwebte nun in einer Höhe von etwa 50 Zentimetern über der Wiese.

In diesem Augenblick passierte auch etwas mit mir. Ich konnte plötzlich Gedanken lesen. Die Gedanken der Tante, zum Beispiel. Sie dachte gerade: »Ich muss es den Kindern sagen.« Lila dachte:«Ist das ein fliegendes Pferd?« Und Bennie konnte nicht glauben, was er da sah. »Ich denke, dass ich das jetzt träume«, dachte er.

Plötzlich verschwand der Mond hinter einer Wolke. Wir konnten nichts mehr sehen. Der grüne Schimmel war in der Dunkelheit verschwunden. Und ich konnte nur noch meine eigenen Gedanken lesen. Was war das gerade gewesen? In den Gesichtern meiner Freunde sah ich eine ähnliche Ratlosigkeit.

»Tante«, fragte Lila entgeistert, »ist der Schimmel nun wirklich grün und kann er schweben?« Die Tante seufzte. Es wäre ihr wohl lieber gewesen, sie hätte sich dazu nicht äußern müssen.

»Setzt euch mal wieder her«, sagte sie, »ich glaube, ich muss euch das genauer erklären.« Und dann erzählte sie uns etwas, das klang, als habe sie Grimms Märchen auswendig gelernt.

»Was ich euch jetzt erzähle, Kinder, das dürft ihr niemals jemandem verraten. Man würde mich vermutlich in ein Irrenhaus einweisen. Versprecht mir das!«

Natürlich versprachen wir es ihr. Wenn es um Geheimhaltung ging, dann waren wir drei verschlossen wie ein Banktresor.

Die Tante begann nun mit ihrem unglaublichen Bericht: »Der Schimmel in meinem Garten ist schon sehr alt. Ich habe ihn einmal einem Bauern abgekauft, der ihn gerade zum Pferdeschlächter bringen wollte. Bei mir sollte er sein Gnadenbrot bekommen. Mein Schimmel ist, wie alle anderen Schimmel auch, weiß. Meist steht er auf der Wiese und grast. Im Winter, bei Schnee und Eis, ist er im Stall und frisst Heu, das ich ihm bringe.

Von Anfang an schien es mir aber so, als habe dieser Schimmel etwas Besonderes, als sei ein Geheimnis mit ihm verbunden. Denn manchmal stand er lange regungslos da und schaute in den Himmel. Manchmal bäumte sich auch ohne Anlass ganz plötzlich auf und drehte sich im Kreise. Und wenn ich zu ihm in den Garten ging, dann legte er unvermittelt seinen Kopf auf meine Schulter und es war mir, als flüsterte er mir etwas ins Ohr.

Eines späten Abends jedoch ging ich noch einmal hinaus, um nach dem Pferd zu sehen. Es war Vollmond. Als ich am Gartenzaun ankam, sah ich genau das, was ihr gerade auch gesehen habt. Mein weißer Schimmel war plötzlich grasgrün und schwebte ein wenig über dem Boden. Ich war völlig verwirrt und traute meinen Sinnen nicht, denn es war ja unglaublich – ein grüner schwebender Schimmel. Ich kniff mir in den Arm, aber was ich sah, das sah ich.

Im gleichen Augenblick hatte ich das Gefühl, dass auch mit mir etwas Unerklärliches vorging. Ich war von all dem so fassungslos, dass ich mir wünschte, ich stünde an meinem Herd und würde einen Kochtopf sehen anstelle eines schwebenden Pferdes. Ehe ich mich versah, stand ich tatsächlich am Herd, von einer Sekunde zur anderen. Ich lief sofort hinaus, wo der Schimmel immer noch im Mondlicht schwebte und wünschte mir dasselbe noch einmal. Schon stand ich wieder in der Küche am Herd.«

»Aber Tante Tandelei«, warf Lila ein, »dann ist der Schimmel ja ein Wunderpferd.«

»Ich konnte sogar«, sagte ich, »eure Gedanken lesen, als ich den Schimmel draußen sah, auch deine Gedanken, Tante.«

»Mir war auch irgendwie komisch«, meinte...



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