Essigmann | Sagen und Märchen Altindiens, Band 2 | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 180 Seiten

Essigmann Sagen und Märchen Altindiens, Band 2


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-0351-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 180 Seiten

ISBN: 978-3-8496-0351-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Erleben Sie die Märchen und Sagen aus aller Welt in dieser Serie 'Märchen der Welt'. Von den Ländern Europas über die Kontinente bis zu vergangenen Kulturen und noch heute existierenden Völkern: 'Märchen der Welt' bietet Ihnen stundenlange Abwechslung. Ein Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis dieses Buches: Vorwort Sakuntala Sawitri König Haristschandra Pururavas und Urwasi Tilottama Froschkönigs Tochter Rischjaschringa Vipaschit, der Gute Held Rama - Das Buch der Jugend Das Opfer zu Ajodhia Wischwamitra wappnet Rama Sita Die Verbannung Dascharathas Tod Die Brüder - Rama und Ravana Im Walde Der Raub der Sita Die Affen Hanumat Der Kampf Ravanas Tod - Die Apotheose Rama-Wischnu Das Lied vom Helden Rama und sein Ausgang

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König Haristschandra


In uralter Zeit herrschte der gute König Haristschandra über das weite Reich der Kosaler. Seine Untertanen segneten den Gerechten und die Götter freuten sich seines unsträflichen Wandels. Zucht und Sitte waren in Kosala daheim, und Fröhlichkeit paarte sich der Frömmigkeit, denn wie ein Herrscher ist, so ist sein Volk.

Einst zog Haristschandra mit seinem Hofstaat durch das Land um zu jagen.

Als der stattliche Zug durch einen finsteren Wald kam, tönte Lärm und Geschrei aus dem Dickicht, und eine weibliche Stimme rief gar kläglich um Hilfe. Rasch sprang Haristschandra vom Wagen und bahnte sich mit dem Schwert einen Weg durch den Wald.

»Mut!« schrie er dabei. »Ich komme! – Wer wagt zu freveln, wenn der König naht? der Rächer jeder Ruchlosigkeit! der Schützer der Schwachen! – Weiche, elender Tor, denn eher birgst du Glut im Kleide, als dich vor des Gerechten Schwert! – Frevler, Sünder! Du sollst von meiner Hand sterben!«

Da hatte er das Dickicht durchbrochen und sah erstaunt den frommen Kauschika, schweigend, mit andächtig erhobenen Händen stehen. Und durch die Wipfel flog kreischend und hilfeheischend eine Schar von Dämonen vor des Heiligen brennenden Blicken. »Halt, Wahnsinniger!« rief dieser dem König zu. »Du schmähst mich, drohst mir Tod und störst mein frommes Werk! Soll mein Fluch dich zerschmettern?«

Haristschandra sank vor dem mächtigen Büßer in die Knie.

»Verzeih!« stammelte er. »Ich dachte nur an meine Pflicht: schützen und schenken ist Herrscherpflicht!«

»Schütze die Guten, und schenke den Frommen!« erwiderte Kauschika. »Aber du willst Frevler beschirmen und vom Frommen den Frieden nehmen! – Ich heische Opfergabe, um dich zu entsühnen!«

»Du sollst sie haben, du Fürst unter den Heiligen!« rief Haristschandra freudigen Herzens, »und mich, mein Reich, mein Weib, mein Kind und alles was ich habe dazu!«

»Dein Wort soll gelten, König!« sprach der Büßer. »Dein weites Reich ist mein und deine ganze Habe! nur Leib und Weib und Kind, das mag dir bleiben, doch gibtst du mir die Opferspende wie verheißen!«

»Herr, alles ist ja dein! – Ich hab' kein Eigen mehr, um für das Opfer dir zu spenden!« sprach ruhig Haristschandra.

»Du mußt! – Du hast versprochen, die Opferspende und dein All zu schenken! – Willst du am Worte mäkeln, dein Versprechen brechen?«

»O Heiligster, das will ich nicht!« sprach der arme König. »Laß mir nur Zeit, bis sich zum andernmal der Mond erfüllt! dann will ich dich bezahlen!«

»So geh! ich will solange warten!« sprach Kauschika streng.

Ehrfürchtig neigte sich Haristschandra vor dem Heiligen, dann wandte er sich und schritt zu den harrenden Wagen.

Er rief Weib und Kind an seine Seite, alle drei legten die Bastkleider der Bettlerzunft an und verließen die königliche Pracht ohne zu murren.

Nach der Hauptstadt wanderten die Armen müden Fußes und erbettelten unterwegs milde Gaben, um ihren Hunger zu stillen.

Zu Ajodhia erkannten die Bürger sie und scharten sich um die Bettler.

»Heil König Haristschandra!« klang es rings im Kreis. »Wohin mit dem Bettelsack? – Warum bist du von deinem Thron gestiegen? – Und die arme Königin Saiwi mit ihrem schönen Söhnlein! – Seht, wie sie wankt auf blutenden Füßen! sie, die in goldenen Wagen fuhr, er, der den stolzesten Bergelefanten ritt, und der den mit Edelsteinen bedecken konnte, bis an den Scheitel! – Seht nun die Armen als Bettler! – O gebt! – helft ihnen! – Was ist geschehen, König?«

»Mich bindet ein Gelöbnis, wackre Bürger! – Gebt mir! – Ich muß zu frommen Zwecken milde Gaben heischen! – Gebt uns Armen! – Gebt!«

Schon griffen viele nach ihren Beuteln, um dem guten König zu helfen, da trat plötzlich der Heilige Kauschika unter die Menge und rief in gebietendem Tone: »Halt! – Geht heim, ihr Bürger!«

Und die Kosaler gehorchten den Worten des frommen Brahmanen.

Der wandte sich nun zu König Haristschandra und sprach:

»Pfui! hältst du so dein Wort? – Hast du mir nicht dein Reich geschenkt samt allem Gut? – Nun willst du's pfennigweise zurückerbetteln? wohl auch die Bürger reizen gegen mich, den neuen Herrscher?«

»Ach nein, du Fürst der Büßer!« sprach traurig Haristschandra. »Ich bat um Gaben, daß ich dir meine Schuld bezahlen könnte!«

»Geh außer Landes betteln, und vergiß den Tag des Vollmonds nicht!« sprach der Heilige streng und wandte sich hinweg.

Haristschandra aber nahm Weib und Kind an der Hand und wanderte aus dem Lande, das er und seine Väter beherrscht halten.

Der Mond war voll, und der bettelnde König hatte nur sieben Kupfermünzen in seiner Bastkutte.

Willig und reichlich hatten die Bewohner des durchwanderten Landstriches den Bettlern Nahrung geboten, aber das Geld war zu selten, um es an Fremde zu verschwenden.

Da brach der Morgen des Zahltages an, und der Heilige Kauschika stand vor dem Blätterlager seines Schuldners.

»Auf, Haristschandra!« rief er, »zahle, zahle! wer Schulden hat, den schreit die Sorge aus dem tiefsten Schlaf!«

»O Herr!« rief Haristschandra aufspringend, »gedulde dich, bis der Abend herabsinkt, ich hab' noch nichts, das ich dir bieten könnte!«

»So eile, säum'ger Schuldner!« sprach Kauschika zornig. »Es ist die letzte Frist! verrinnt sie ungenutzt, so trifft mein Fluch dich und die deinen!«

Haristschandra trat mit Weib und Kind den Bettelgang an.

»O ich Unglücklicher!« jammerte er. »Ich kann mein Wort nicht halten, und des Heiligen Fluch wird uns alle in die Hölle stürzen! – Ach ich muß mein Königshaupt nun unter das Sklavenjoch beugen. Meines Leibes Knechtschaft wird unsere Seelen befreien!«

»Nein, mein Geliebter!« sprach da die getreue Saïwi, »du sollst nicht dienen, denn du bist mein Herr! – Verkaufe mich! – Ich habe dir einen Sohn geschenkt und so meine Pflicht als Weib erfüllt! – du aber mußt als Mann dein Wort noch lösen von jenem Priester! denn Treue ist des Mannes letztes Gut! – Verkaufe mich, und sei du frei!«

Da fiel Harislschandra seiner Gattin zu Füßen, und im Schmerz um des edlen Weibes Opfer schwanden ihm die Sinne.

Als er erwachte, rief Saïwi:

»Nun führe mich zu Markt, Geliebter! Ich bleibe die Deine auch in der schwersten Sklaverei! Doch gehst du in Knechtschaft, so sind wir alle ehr- und eigenlos!«

Mühsam erhob sich der König und ging schweigend mit der Gattin nach dem Marktplatz. Ihr Söhnlein sprang zwischen ihnen dahin und plapperte von seinem goldenen Bettlein daheim und dem hölzernen Schwert, das ihm einst ein Diener geschnitzt hatte.

Haristschandra murmelte vor sich hin: »Weh mir! – Ich bin der Schlechteste der Schlechten! – Mein Weib will ich verkaufen, wie ein trunkener Würfelspieler! – oh! alles Elend über mich Elenden!«

Als sie auf den Markt kamen, trat ein alter Brahmane an Haristschandra heran und fragte ihn: »Was willst du hier?«

Der König sah den Ehrwürdigen an und dachte, daß er wohl seinem Weibe ein guter Herr sein würde. Zitternd stammelte er:

»O Herr! ich bin ein Unwürdiger – ein Elender – ein Unmensch! – Ich will – ich muß – um harte Schuld zu tilgen – mein Weib verkaufen!«

»Ich suche eine Sklavin!« sprach der Priester. »Meine junge, schöne Gattin will sich nicht schicken in des Hauses Müh' und Plage! – Nimm diese siebzig Goldstücke und laß mir dein Weib!«

Schweigend nahm Haristschandra das Geld und wandte voll Scham sein Antlitz hinweg.

Kaum aber war Saïwi des Priesters Eigentum geworden, so riß dieser sie an den Haaren nieder und zog sie über den Marktplatz hin.

Haristschandra wandte bei Saïwis Schmerzensschrei das Haupt, und als der Unglückliche die Schmach der Gattin sah, fiel er wie vom Blitz erschlagen zu Boden.

Das Söhnlein erschrak vor des Vaters Reglosigkeit und lief der schreienden Mutter nach.

»O mein Herr, mein neuer Gebieter!« flehte Saïwi den grausamen Brahmanen an, »Kauf auch mein Söhnlein, denn er wird sterben ohne die Liebe seiner Mutter, und auch ich könnt' nur wenig dir leisten, wenn ich vor Gram um mein Kind verkümmerte!«

Da ging der Alte noch einmal zu Haristschandra, weckte ihn aus seiner Ohnmacht und zählte dem vor Schauder schier Sinnlosen dreißig Goldstücke in die Hand. Dann nahm er den Knaben und seine Mutter und verschwand mit ihnen um die nächste...



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