E-Book, Deutsch, Band 6, 400 Seiten
Reihe: Elemental Assassin
Estep Spinnenfeuer
16001. Auflage 2016
ISBN: 978-3-492-97309-0
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Elemental Assassin 6
E-Book, Deutsch, Band 6, 400 Seiten
Reihe: Elemental Assassin
ISBN: 978-3-492-97309-0
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jennifer Estep ist SPIEGEL- und internationale Bestsellerautorin und immer auf der Suche nach ihrer nächsten Fantasy-Romanidee. In ihrer Freizeit trifft sie sich gerne mit Freunden und Familie, macht Yoga und liest Fantasy- und Liebesromane. Außerdem sieht sie viel zu viel fern und liebt alles, was mit Superhelden zu tun hat. Sie hat bereits mehr als vierzig Bücher sowie zahlreiche Novellen und Kurzgeschichten veröffentlicht. Bei Piper erscheinen ihre Young-Adult-Serien um die »Mythos Academy«, »Mythos Academy Colorado«, »Black Blade«, »Die Splitterkrone« und »Gargoyle Queen« sowie die Urban-Fantasy-Reihen »Elemental Assassin«, »Bigtime« und »Section 47«.
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1
»Du brauchst mal Urlaub.«
Ich sah von der Tomate auf, die ich gerade schnitt, und starrte über den Tresen zu Finnegan Lane, meinem Ziehbruder und Partner in unzähligen mörderischen Unternehmungen.
»Urlaub? Ich mache nie Urlaub«, erklärte ich. »Ich habe ein Barbecue-Restaurant zu führen, nur für den Fall, dass du es vergessen hast.«
Ich deutete mit dem Messer durch das Pork Pit. Die meisten Leute fanden das Restaurant mit seinen blauen und pinkfarbenen Sitznischen und den dazu passenden langsam verblassenden Schweineklauenspuren auf dem Boden, die zu den Herren- und Damentoiletten führten, wahrscheinlich nicht besonders beeindruckend. Der lange Tresen, der sich an der hinteren Wand entlangzog, war älter als ich, dasselbe galt für die meisten Gläser, Teller, Besteckstücke und Küchengeräte. Aber alles war sauber, ordentlich und auf Hochglanz poliert, von den Tischen und Stühlen bis zu der gerahmten, blutbefleckten Ausgabe von »Eigentlich hätte es ein herrlicher Sommertag werden können« von Wilson Rawls, die in einem Bilderrahmen direkt hinter der angeschlagenen, altmodischen Registrierkasse an der Wand hing. Das Pork Pit mochte kein schickes oder hochpreisiges Lokal sein, aber es war mein Laden, mein Zuhause, und ich war verdammt stolz darauf. War ich schon immer gewesen und würde es auch immer sein.
»Urlaub«, wiederholte Finn, als hätte ich kein Wort gesagt. Er konnte ziemlich hartnäckig sein. »An einem warmen Ort mit goldfarbenem Sand, wo dich niemand kennt, weder als Gin Blanco und noch weniger als die Spinne.«
Er redete nicht laut, doch als er die letzten zwei Worte aussprach, hallten sie wie ein Schuss durch das Restaurant. Die Leute an den Tischen hinter Finn erstarrten sofort, ihre dicken, saftigen Barbecue-Sandwiches auf halbem Weg zum Mund. Die Gespräche versiegten wie ein Rinnsal in der Wüste. Alle Blicke schossen zu mir, erfüllt von der Frage, wie ich wohl auf den Klang dieses Namens reagieren würde.
Meines Namens als Auftragskillerin, den ich die letzten siebzehn Jahre getragen hatte, wenn ich nachts unterwegs gewesen war, um Leute für Geld zu töten – später aus anderen, zum Teil nobleren Gründen.
Ich legte meine Finger noch fester um das lange Tomatenmesser mit der gezackten Klinge. Nicht zum ersten Mal wünschte ich mir, ich könnte es verwenden, um meinem Bruder die Zunge herauszuschneiden – oder ihn damit zumindest dazu zu bringen, dass er mal nachdachte, bevor er den Mund aufmachte.
Eine ältere Frau, die zwei Plätze neben Finn saß, bemerkte meinen Griff um das Messer. Sie wurde bleich und ihre Hand wanderte zum Kragen ihrer weißen Seidenbluse, als stände sie kurz davor, einen Herzinfarkt zu erleiden.
Seufzend zwang ich mich dazu, den Griff um das Messer zu lockern, und legte es auf den Tresen. Verdammt. Ich hasste es, berüchtigt zu sein.
Hatte ich früher ein Leben als Phantom geführt, war ich nun die bekannteste Person von Ashland. Vor mehreren Wochen hatte ich das Unvorstellbare getan: Ich hatte Mab Monroe getötet, die Feuermagierin, die jahrelang die Unterwelt der Stadt regiert hatte. Mab hatte meine Mutter und ältere Schwester umgebracht, als ich dreizehn Jahre alt gewesen war, und meiner Meinung nach hatte sie den Tod absolut verdient gehabt. Ich kannte auch niemanden, der wegen der Feuermagierin eine echte Träne vergossen hatte.
Aber jetzt wollte die Stadt Blut sehen – mein Blut.
Mabs Tod hatte ein Vakuum im Machtgefüge von Ashlands Geschäftswelt hinterlassen – sowohl der legalen als auch der nicht so legalen – und alle kämpften darum, ihre jeweiligen Reviere abzustecken und sich als neuer Boss der Stadt zu behaupten. Und einige von ihnen waren der Meinung, der beste Weg, das zu erreichen, wäre, mich zu töten.
Ein Idiot nach dem anderen war in den letzten Wochen ins Pork Pit gekommen. Es war immer dasselbe. Sie waren entweder allein oder in kleinen Gruppen unterwegs, alle mit nur einem Gedanken im Kopf: die Spinne erledigen. Die meisten Elementare stürzten sich direkt auf mich, forderten mich zu Duellen heraus und wollten ihre Magie gegen meine Eis- und Steinmacht testen. Alle anderen … nun, sie waren zufrieden damit, mir heimlich aufzulauern, wenn ich das Restaurant entweder aufschloss oder für die Nacht zusperrte.
Wie auch immer ihre jeweilige Methode aussah, es endete immer auf dieselbe Weise – die Herausforderer waren tot und ich musste Sophia Deveraux bitten, die Leichen zu entsorgen. Ich hatte im letzten Monat mehr Leute umgebracht als in einem Jahr als Auftragsmörderin. Ich selbst war die ständigen und eigentlich nicht überraschenden Überraschungsangriffe sowie die Blutflecken auf meinen Händen, meiner Kleidung und meinen Schuhen langsam leid, aber der Strom der lebensmüden Gangster schien nicht versiegen zu wollen.
Die alte Dame neben Finn schnappte nach Luft. Ich senkte den Blick und musste feststellen, dass ich gedankenverloren wieder nach dem Tomatenmesser gegriffen hatte und mein Daumen nun langsam über den glatten, polierten Griff glitt. Die Waffe war nicht so stark oder scharf wie die fünf Steinsilber-Messer, die ich an meinem Körper versteckt hielt, aber die gezackte Klinge konnte großen Schaden anrichten. Das galt für die meisten Gegenstände, wenn man nur genügend Kraft aufwandte – und ein energischer Angriff war nur eine der Disziplinen, in denen ich gut war.
»Was starren Sie denn so?«, blaffte ich die Frau an.
Die alte Dame riss die Augen auf. Mit zitternden Fingern griff sie in ihre Tasche, warf einen Zwanzig-Dollar-Schein auf den Tresen, glitt von ihrem Stuhl und rannte so schnell aus dem Lokal, wie ihre hohen Schuhe es ihr erlaubten.
»Und da geht der nächste Stammkunde«, murmelte Finn belustigt und seine grünen Augen funkelten. Er sah es gern, wenn ich die Fassung verlor, ganz besonders wenn er dafür verantwortlich war.
Ich runzelte die Stirn und fuchtelte mit dem Messer vor ihm in der Luft herum. Aber Finn ignorierte meinen eisigen Blick und die Androhung von Gewalt einfach. Stattdessen hob er die Kaffeetasse und hielt sie der Zwergin neben mir hin, die lange Selleriestangen schnitt, um sie in den Makkaroni-Salat zu mischen, den sie gerade anrührte.
»Sophia?«, fragte er. »Bitte, bitte?«
Sophia Deveraux hob den Kopf, um Finn anzustarren. Sie war die Köchin des Pork Pit – hauptsächlich. Nebenberuflich ließ sie die Leichen verschwinden, die hin und wieder meinen Weg pflasterten. Ich hatte die Zwergin als Dienstleisterin und Servicekraft geerbt, als ich das Auftragskiller-Geschäft von Finns Vater, Fletcher Lane, übernommen hatte. Der alte Mann hatte unter dem Decknamen »Der Zinnsoldat« gemordet und mir beigebracht, wie man Leuten dabei half, das Atmen einzustellen.
Sophia grunzte und schnappte sich die Kanne mit Malzkaffee, die sie immer für Finn bereithielt. Für gewöhnlich schaute er täglich im Restaurant vorbei. Nun füllte sie seine Tasse auf und der warme Malzduft stieg mir in die Nase und verdrängte für einen Moment die Gerüche von Kreuzkümmel, rotem Pfeffer und anderen Gewürzen, die die Luft erfüllten. Der Duft erinnerte mich immer an Fletcher, der denselben Malzkaffee getrunken hatte. Ich atmete tief ein und hoffte, dass mich das entspannen würde. Doch das geschah nicht – nicht heute Abend. Genau genommen schon seit Wochen nicht.
Mein Blick fiel wieder auf Sophia. Auch wenn es im Pork Pit im Allgemeinen nicht viel zu sehen gab, die Leute konnten einfach nicht anders, als Sophia anzustarren, wenn sie auf sie aufmerksam wurden. Nicht weil sie eine Zwergin war, sondern aufgrund der Tatsache, dass sie sich wie ein richtiger Grufti kleidete. Sophia trug schwere schwarze Stiefel und dazu passende Jeans, zusammen mit einem weißen T-Shirt, auf dem eine Sense abgedruckt war. Haare und Augen waren ebenfalls schwarz, sodass ihre Haut umso bleicher wirkte, trotz des leuchtend fuchsiafarbenen Lippenstifts, den sie trug. Der Lippenstift passte farblich zu dem stachelbesetzten Steinsilber-Halsband, das um ihren Hals lag.
Das Gute daran, neben Sophia zu stehen, war die Tatsache, dass mich alle ziemlich schnell vergaßen, weil sie so damit beschäftigt waren, die Zwergin anzuglotzen. Ein paar Sekunden später konzentrierten sich die Gäste dann sowieso wieder auf ihre Sandwiches, zusammen mit den gebackenen Bohnen, frittierten Zwiebelringen und anderen herzhaften Beilagen.
»Also, zurück zu meiner Urlaubsidee.« Finn grinste und zeigte dabei perfekte weiße Zähne. »Denk einfach mal darüber nach. Du, Owen, Bria und ich, alle glücklich in einem schicken Hotel an einem schönen Strand. Bria in einem Bikini. Du und Owen zieht euer Ding durch, Bria in einem Bikini. Habe ich schon Bria in einem Bikini erwähnt?«
Ich verdrehte die Augen. »Himmel! Ein bisschen Respekt, bitte. Du redest von meiner kleinen Schwester.«
Finns Grinsen wurde nur noch breiter. »Ich weiß.«
Während ich meinen finalen Kampf gegen Mab geführt hatte, war Finn endlich mit meiner jüngeren Schwester Bria zusammengekommen. Ich war mir nicht ganz sicher, wie ernst diese Beziehung war, aber die Sache zwischen ihnen lief schon seit Wochen und keiner von beiden machte Anstalten, sich zurückzuziehen. Ich freute mich für sie – wirklich –, aber ich hätte gut ohne Finns ausführliche Berichte über ihr Sexleben auskommen können. Verdammt, ich sprach über solche Dinge nicht mal mit Bria selbst und sie war meine Schwester. Aber das war Teil des verkommenen Charmes von Finnegan Lane. Er liebte es mindestens genauso sehr, über Frauen zu reden, wie er es liebte, mit ihnen zu schlafen.
Finn öffnete den Mund, um weiter auf mich einzureden, aber ich hatte genug – genug vom Starren, genug vom Flüstern, genug davon, dass sich alle fragten, ob ich sie wohl...




