Estes Die Seideninsel
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-18249-6
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 480 Seiten
ISBN: 978-3-641-18249-6
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kelli Estes hat in den Steppengebieten Washingtons und Arizonas gelebt, bis sie in die Gegend um Seattle gezogen ist, wo sie auch heute noch mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen lebt. Sie hat Betriebswirtschaft studiert und für einen großen Flugzeughersteller gearbeitet. Ihr Beruf war mit vielen interessanten Dienstreisen, u.a. nach Neuseeland und Europa verbunden. Kellis Liebe galt aber schon immer der Literatur. Deshalb hat sie ihre Anstellung aufgegeben, um sich ganz dem Schreiben von Romanen widmen zu können.
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1
Sonntag, 27. Mai – heute
San Juan Islands, Washington
Inara Erickson stand zusammen mit ihrer Schwester an der Reling und sah zu, wie das Kielwasser der Fähre im Vorüberfahren gegen Decatur Island klatschte. Eine kalte Windböe erfasste sie, und eine Duftmischung aus sonnenwarmen Zedern, feuchtem Moos und würzigem Salz stieg ihr in die Nase. Im Nu reisten ihre Gedanken ein Stück voraus zum Anwesen ihrer Familie und zu allem, was sie dort vor vielen Jahren hinter sich zurückgelassen hatte.
Doch sie war noch nicht bereit, sich den Erinnerungen zu stellen, und so schob sie sie fort und wandte sich ihrer älteren Schwester zu, in dem Versuch, das zittrige Gefühl in ihrem Bauch zu ignorieren. »Liv, ist dir warm genug? Wenn du willst, können wir auch reingehen und eine Tasse Kaffee trinken.«
Der Wind zupfte eine lange blonde Haarsträhne aus Olivias Haarknoten. Sie schob sie sich hinters Ohr und hob das Gesicht der für die Jahreszeit ungewöhnlich warmen Sonne entgegen. »Auf gar keinen Fall, das ist doch himmlisch.« Trotz ihrer Worte raffte sie die Jacke enger um sich und zog die Schultern hoch gegen den beißend kalten Wind vom Wasser.
»Danke, dass du mich begleitest. Meinst du, Adam kommt allein mit den Kindern klar?«
Olivia bedachte Inara mit einem Augenaufschlag, der sagte, dass sie sich heute keine Sorgen um ihre Familie machte. »Die kommen schon zurecht. Ich freue mich, dass du mich gefragt hast, ob ich mitfahre. Nicht zu fassen, dass es neun Jahre her ist, seit wir das letzte Mal da waren.«
Inara nickte und richtete den Blick auf einen Schwarm Schweinswale, die mit der Fähre um die Wette schwammen. Ihre schwarzen gebogenen Leiber tauchten rhythmisch aus den sonnenbeschienenen Wellen und wieder hinein. »Ich hätte Tante Dahlia besuchen sollen, als sie noch lebte, aber …« Sie zuckte die Achseln, denn sie wusste nicht recht, was sie sagen sollte. »Keine Ahnung. Es war wohl zu schwer.«
Olivia legte Inara den Arm um die Schultern und drückte sie. »Ging mir doch auch so … Es war leichter wegzugehen und sich etwas Neuem zuzuwenden.«
Inara schluckte und wollte noch etwas sagen, doch da platzte eine lärmende Gruppe Kinder aus einer Seitentür. Ein Junge, ungefähr zehn Jahre alt, zeigte auf einen Schweinswal und rief: »Seht mal! Ein Killerwal!«
Inara grinste ihre Schwester an. Sie hatten als Kinder die Sommer immer auf Orcas Island verbracht und fühlten sich anderen überlegen, weil sie natürlich viel mehr über Flora und Fauna der Inseln wussten. Schon damals hatten sie sich über Touristen wie diese Kinder amüsiert, die glaubten, an der Fährschiffroute könnten Orcas zu sehen sein. Die Einheimischen wussten, dass die Wale sich westlich der San Juan Islands in der Haro-Straße aufhielten.
»Der ist aber mickrig.« Ein Mädchen, kleiner als der Junge, ihm aber sonst wie aus dem Gesicht geschnitten, stemmte die Fäuste in die Seiten. »Bist du dir sicher, dass das ein Killerwal ist?«
Ihr Bruder spottete, wie nur Brüder spotten können. »Ich bin doch nicht blöd.«
In dem Augenblick stupste Olivia Inara mit dem Ellbogen an und zeigte auf eine Kanalmarkierung, auf deren rostigem Eisen ein fetter Seehund hockte.
Inara hatte das Gefühl, als wäre überhaupt keine Zeit vergangen. So wie die Fähre zwischen die Inseln glitt, so glitt sie zurück in das Leben, das sie zurückgelassen hatte und das sich überraschend behaglich anfühlte. Der einzige Unterschied war, dass sie ihre Schwester heute als ihre Freundin betrachtete, während die acht Jahre Altersunterschied ihnen damals unüberbrückbar erschienen waren.
Inaras Handy vibrierte in ihrer Jackentasche, und sie holte es heraus, um den Anruf entgegenzunehmen, dankbar, dass die Kinder nach vorn gingen und es auf dem Seitendeck wieder ruhiger wurde. »Nate«, sagte sie zu Olivia, bevor sie das Handy ans Ohr hob. »Hallo, großer Bruder, rate mal, wo Liv und ich gerade sind.«
»Portland?«
»Nein, näher.« Sie musste die Stimme heben, um den Motorenlärm der Fähre zu übertönen.
»Vancouver?«
»Nein. Wir sind auf der Fähre nach Orcas.«
Schweigen. Dann ein Räuspern. »Geht es dir gut?«
»Ja«, antwortete sie, auch wenn sie sich nicht ganz sicher war, ob es stimmte. Doch Nat verstand auch so, wie schwer es für sie war, zum ersten Mal auf die Insel zurückzukehren. »Olivia lenkt mich ab.«
»Gut. Hey, ich habe eine Frage an euch beide. Ich bin hier bei Dad, und wir würden gern den Termin für die Eröffnung des Duncan Campbell Memorial Parks festnageln. Da der Bürgermeister in der Woche davor nicht in der Stadt ist, denken wir an den 6. Oktober. Ginge das bei euch?«
Duncan Campbell war ihr Urururgroßvater mütterlicherseits und der Mann, der auf eigene Faust den Seehandel in Seattle begründet hatte. Als er Ende des 19. Jahrhunderts aus Schottland eingewandert war, kam er in eine matschige Holzfällerstadt und baute hier praktisch aus dem Nichts eine Schifffahrtsgesellschaft auf. Durch sein Wirken wurde Seattle als bedeutender Handelshafen bekannt. Wäre Duncan Campbell nicht gewesen, hätte der Ort es womöglich niemals auf die Landkarte geschafft, und die Bewohner von Seattle wussten das. Sie hatten nicht nur Gebäude nach ihm benannt, sondern im Museum of History and Industry sogar eine ganze Abteilung. Sein Erfolg ermöglichte es Duncan, auf der Insel das Familienanwesen zu gründen, das er nach seiner Heimatstadt in Schottland »Rothesay« nannte.
»Wird dann Duncans Statue enthüllt?«, fragte sie. Ihr Vater hatte vor einem Jahr eine Bronzeskulptur in Auftrag gegeben, die an prominenter Stelle den neuen öffentlichen Park nahe dem Kreuzfahrtterminal schmücken sollte. Inaras Vater leitete die von Duncan gegründete Firma, Premier Maritime Group – oder PMG –, seit er sie vor mehr als zehn Jahren von seinem Schwiegervater übernommen hatte. Er führte die Firma mit großem Erfolg und betrieb inzwischen auch Kreuzfahrtlinien nach Alaska, Mexiko und in die Karibik.
»Ja. Also, dann am sechsten?«
»Bleib kurz dran.« Sie nahm das Handy vom Ohr, um ihren Kalender aufzurufen und Olivia von den Plänen zu unterrichten. Olivia nickte. »Uns beiden passt es am sechsten«, erklärte Inara ihrem Bruder.
Über die Lautsprecher der Fähre ertönte ein lautes Hupen, gefolgt von der Durchsage, dass die Passagiere, die auf Orcas Island aussteigen wollten, sich zu ihren Fahrzeugen begeben sollten.
»Ich muss«, sagte Inara zu Nate und wandte sich mit Olivia der Tür zu, die nach drinnen führte.
»Warte. Dad will wissen, ob er den Makler anrufen und die Unterlagen vorbereiten lassen soll.«
Inara lächelte in sich hinein. »Sag ihm, ich hab alles im Griff, aber trotzdem danke.« Ihr Vater machte kein Geheimnis daraus, wie erleichtert er war, dass sie das Anwesen verkaufen wollte, für das sich keiner von ihnen interessierte.
»Viel Glück heute. Lass mich wissen, wie es gelaufen ist.«
»Mach ich.« Sie legte auf und ging mit Olivia die grüne Eisentreppe hinunter aufs Parkdeck, wo der alte BMW stand, den sie schon seit dem Highschoolabschluss fuhr. Durch die Windschutzscheibe sahen sie Orcas Island immer näher kommen. Ihr Herz klopfte mit jeder Sekunde schneller, zwischen ihren Brüsten sammelte sich der Schweiß.
Mit hundertachtundvierzig Quadratkilometern war Orcas zwar die größte Insel des San-Juan-Archipels in der nordwestlichen Ecke von Washington State, doch mit nur fünftausend Bewohnern mit festem Wohnsitz nicht gerade dicht besiedelt. Der Fähranleger in Orcas Village befand sich am unteren Ende des linken Arms der hufeisenförmigen Insel, die sich um einen fjordähnlichen Sund bog, den East Sound. Das hieß, dass Inara den einen Arm der Insel hochfahren musste, bis dahin, wo die nach dem Sund benannte Stadt Eastsound lag, und dann am rechten Arm noch einmal ein Viertel der Strecke hinunter nach Rothesay. Auf dieser Fahrt würde sie an der Unfallstelle vorbeikommen.
Es war ein Fehler. Sie hätte jemand anderen herschicken sollen, der sich das Haus anschaute und die persönlichen Besitztümer ihrer mit siebenundneunzig verstorbenen Tante Dahlia zusammenpackte. Ein einziger Anruf hätte gereicht, um einen Makler zu beauftragen, dann könnte sie an diesem Tag zu Hause in Seattle sein, in Frieden. Sie hatte genug am Hals, schließlich würde sie in zwei Wochen eine neue Arbeitsstelle antreten.
Olivia hatte ihre Panik wohl bemerkt. »Es ist alles gut, Inara. Ich bin hier. Wir stehen das zusammen durch. Hab keine Angst.«
Bei ihren Worten fühlte Inara sich wie ein Kind, das auf Olivias Untersuchungsliege gleich eine Impfung bekommen würde, doch sie musste zugeben, dass der tröstliche Tonfall seine Wirkung tat. Sie sah ihre Schwester an. »Hast du denn überhaupt keine Angst? Du warst doch seitdem auch nicht mehr hier.«
»Doch, ein bisschen schon.« Olivia blickte auf die Bremslichter des Wagens vor ihnen, die gerade aufschienen – das Signal, dass sie dran waren, den Motor anzuwerfen und von der Fähre zu fahren. »Erzähl mir von deinem neuen Job. Im März die Uni abgeschlossen und jetzt kurz davor, bei Starbucks Karriere zu machen. Ich wette, du bist ganz schön aufgeregt.«
Inara ließ sich darauf ein, dass ihre Schwester sie abzulenken versuchte, während sie den Wagen vorsichtig von der Fähre lenkte. »Ja, scheint mir auch so. Ich steige im Supply Chain Management ein. Habe ich dir erzählt, dass sie mich in den ersten drei Monaten vielleicht schon nach Italien schicken?«...




