E-Book, Deutsch, 591 Seiten
Evans Der Himmel über Chartley Hall
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98690-972-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman | Sie glaubt nicht mehr an die große Liebe - bis sie ihm begegnet
E-Book, Deutsch, 591 Seiten
ISBN: 978-3-98690-972-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Harriet Evans wurde in London geboren. Sie arbeitete viele Jahre als Lektorin in Buchverlagen, bis sie beschloss, lieber selbst Romane zu schreiben. Heute ist Harriet Evans erfolgreiche Autorin zahlreicher Liebesromane, mit denen sie immer wieder u.a. auf der Sunday-Times-Bestsellerliste steht. Die Website der Autorin: harriet-evans.com/ Die Autorin bei Facebook: facebook.com/harrietevansbooks/ Die Autorin auf Instagram: instagram.com/harrietevansauthor/ Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre Liebesromane »Die Sterne über Keeper House«, »Eine Liebe in Langford«, Der Himmel über Chartley Hall« und »Ein halbes Leben zwischen uns«. Außerdem erschienen bei dotbooks ihre Familiengeheimnisromane »Summercove House - Das Buch der verborgenen Wünsche« und »Winterfold Manor - Der Garten der verbotenen Träume«.
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Kapitel 1
Laura Foster war hoffnungslos romantisch. Ihre beste Freundin meinte, das sei ihr größter Fehler und gleichzeitig der liebenswerteste Zug an ihr, denn er war es, der sie am häufigsten in Schwierigkeiten brachte, und dennoch war das Sichverlieben wie eine Droge für sie. Verknallt zu sein, von jemandem tagzuträumen, zu spüren, wie ihr Herz schneller schlug, wenn sie einen bestimmten Mann auf sich zukommen sah – dadurch erblühte sie und war katastrophal, hilflos und hoffnungslos unfähig, zu sehen, wenn etwas nicht stimmte. Jeder Mensch hat einen blinden Fleck. Bei Laura war es so, als hätte sie ein blindes Herz.
Jemand mit einem weniger romantischen Hintergrund wäre schwer aufzutreiben. Sie war keine entflohene Nonne oder die Tochter eines italienischen Grafen oder eine geheimnisvolle Waise. Sie war die Tochter von George und Angela Foster aus Harrow, einem Vorort von London. Sie hatte einen jüngeren Bruder, Simon, der völlig normal war, kein heimlicher Herzog, kein Spion und auch kein Soldat. George war Software-Ingenieur, und Angela arbeitete Teilzeit als Übersetzerin. Wie Jo einmal, ein Jahr nachdem sie sich auf der Universität kennengelernt hatten, sagte: »Laura, warum rennst du rum und tust so, als wärst du Julie Andrews, wenn du in Wahrheit Hyacinth Bucket bist?«
Doch Laura ließ sich in ihren Fantasien nie von der Wirklichkeit beirren. Als sie achtzehn war, hatte sie sich bereits mehrmals verliebt – in einen rotznasigen Grundschullehrer mit dicken Brillengläsern namens Kevin (in ihrem Kopf Indiana Jones mit Brille), in ihren Oboelehrer Mr. Wallace, ein dünner, pickliger Jugendlicher, für den sie rasende Besessenheit entwickelte und Blasen an ihren die Oboe spielenden Fingern bekam, da sie so viel übte (sie stand immer vor seiner Wohnung in Camden, in der Hoffnung, ihn zu sehen, und trug ein Medaillon mit einer Busfahrkarte, das er um ihren Hals gelegt hatte), und in ungefähr fünfzehn verschiedene Jungen aus der Jungenschule um die Ecke in Harrow.
Als sie auf die Uni kam, war die Auswahl noch größer und das Potenzial für Liebesgeschichten grenzenlos. Sie war nicht an einer zufälligen Eroberung in einem Club interessiert, nein, Laura wollte jemanden, der unter ihrem Fenster stand und ihr Gedichte vorlas. Sie wurde fast immer enttäuscht. Da war Gideon, der hoffnungsvolle Theaterregisseur, der sich noch nicht ganz zu seinem Schwulsein bekannt hatte. Juan, der kolumbianische Student, der kein Englisch sprach. Oder der Kapitän des Ruderteams, der viel besessener vom Laufband im Fitnessstudio war als von ihr. Ihr Zahnarzt, der ihr eine viel zu hohe Rechnung stellte und sie beim Abendessen zahlen ließ. Und der Dozent in ihrem Literaturseminar, mit dem sie niemals sprach und der ihren Namen nicht kannte und auf den sie zwei Semester verschwendete, indem sie ihn glühend anstarrte.
Bei all diesen Männern befolgte Laura dasselbe Muster. Sie aß nicht mehr, sie schwärmte, sie war sich immer äußerst bewusst, wo jeweils sie sich in jedem Raum befanden, dachte, sie sähe sie an jeder Ecke – war das sein lockiger Hinterkopf, der da gerade im Zeitungsladen verschwand? Sie wurde eine Idiotin, wenn einer von ihnen mit ihr sprach, weshalb sie ziemlich oft weggingen, verwirrt, weil dieses nette Mädchen mit dem dunkelblonden Haar, dem lieben Lächeln und dem dreckigen Lachen, das sie zu mögen schien, sich plötzlich wie eine Nonne in einem Einkaufszentrum verhielt – die Augen niedergeschlagen und stumm. Oder sie wollten mit ihr ausgehen – und dann stürzte Laura meistens mit einem Krachen hinab auf die Erde, wenn ihr klar wurde, dass sie nicht perfekt, dass sie nicht die Halbgötter waren, zu denen sie sie in ihrem Kopf gemacht hatte. Nicht, dass sie besonders wählerisch war – ihre Wahl war ganz einfach nur schlecht.
Sie glaubte an den einen. Und jeder Mann, den sie kennenlernte, hatte in den ersten fünf Minuten, zwei Wochen, vier Monaten in ihren Augen das Potenzial, der eine zu sein – bis ihr widerstrebend klar wurde, dass er schwul war (Gideon aus der Theatergruppe) oder psychopathisch (Adam, mehrere Monate lang ihr Freund, der schließlich seinen Magister über die Dichter der Romantik hinschmiss und zur SAS ging, um zur Tötungsmaschine zu werden). Auch bei ihrem letzten Freund, Josh, den sie bei einem Leseseminar kennengelernt hatte, beschloss sie nach fünf Minuten, dass er der eine sei, und ging mit ihm über ein Jahr lang aus, bevor sie bemerkte, dass sie eigentlich nur die Liebe zu den Leseförderungskampagnen des Gemeinderats gemeinsam hatten.
Es ist gut, wenn Mädchen in ihrer Pubertät an etwas wie den einen glauben, doch allgemein herrschte die Auffassung – als Laura von der Universität abging, als sie Mitte zwanzig wurde, als ihre Freundinnen allmählich sesshaft wurden -, dass es ihn nicht wirklich gab. Na ja, es gab ihn, aber mit Abstrichen. Nicht für Laura – sie würde warten, bis sie ihn fand. Auf die Klagen ihres anderen besten Freundes Paddy, dass er es satt habe, die Wohnung die ganze Zeit mit einem liebeskranken Teenager zu teilen, erwiderte sie entschlossen, dass er gemein sei und zu schnell urteile. James Patrick – für seine Freunde Paddy – war, was Dates anging, eine Katastrophe. Was wusste er also schon? Zu Jos pragmatischen Vorschlägen, sie solle sich doch an eine Partnervermittlung wenden oder einfach den Typen dort drüben fragen, sagte Laura nein, man könne es nicht erzwingen. Und dabei blieb es, bis fünf Minuten später ein Kellner in einem Restaurant sie anlächelte und Laura glücklich zu ihm aufsah und sich vorstellte, wie er und sie nach Italien zogen, ein kleines Café auf einem Marktplatz eröffneten und jede Menge schöner Babys namens Francesca und Giovanni hatten. Jo konnte darüber nur den Kopf schütteln, während Laura, der klar war, wie hoffnungslos sie im Vergleich zu ihrer vernünftigen, realistischen besten Freundin war, mit ihr lachte.
Bis eines Abends vor ungefähr achtzehn Monaten Jo zum Essen zu Paddy und Laura kam. Sie war sehr still. Laura machte sich oft Sorgen, dass Jo zu viel arbeitete. Während Laura versuchte, einen Bissen Kichererbsen zu verdauen, die Paddy zu wenig gekocht hatte, und sich bemühte, nicht an ihnen zu ersticken, wischte sich Jo den Mund mit einer Papierserviette ab und sah auf.
»Ähm ...«
Laura sah sie argwöhnisch an.
Jos Augen blitzten, ihr herzförmiges kleines Gesicht war gerötet, und sie beugte sich über den Tisch und sagte: »Ich habe jemanden kennengelernt.«
»Wo?«, hatte Paddy blöde gefragt.
Doch Laura verstand, was diese Feststellung bedeutete, natürlich tat sie das, und sie sagte: »Wer ist es?«
»Er heißt Chris«, antwortete Jo und lächelte ziemlich mädchenhaft, was für sie noch ungewöhnlicher war. »Ich habe ihn in der Arbeit kennengelernt.« Jo war Notarin. »Er hat sich ein Haus gekauft. Er hat mich angeschrien.«
Und dann – und da erkannte Laura, dass es ernst war – wickelte sich Jo eine Haarsträhne um den Finger und steckte sie sich in den Mund. Da dies ein Bruch der gesellschaftlichen Sitten war – in Jos Augen gleichbedeutend damit, nach einem Abendessen keine Dankeskarte zu schicken -, streckte Laura die Hand über den Tisch aus und sagte: »Wow! Wie aufregend.«
»Ich weiß«, erwiderte Jo, die immer nur lächeln musste. »Ich weiß!«
Laura wusste es, als sie Jo anschaute, sie wusste es einfach und wusste nicht, warum. Hier war jemand, der verliebt war, der den einen gefunden hatte, und mehr gab es nicht zu sagen.
Chris und Jo zogen nach sechs Monaten in das Haus, das zu kaufen sie ihm geholfen hatte, vier Monate danach machte er ihr einen Antrag. Sie begannen eine Dezemberhochzeit zu planen, ein paar Wochen vor Weihnachten in einem Londoner Hotel. Jo verwarf erwachsene Brautjungfern, fand sie zutiefst albern, sehr zu Lauras Enttäuschung – sie freute sich eigentlich darauf, ein hübsches Kleid anzuziehen und mit ihrer besten Freundin den schönsten Tag ihres Lebens zu teilen. Stattdessen sollte sie Trauzeugin und Paddy der Zeremonienmeister sein.
Es schien, als ob Jo und Chris schon immer zusammen gewesen wären, und Laura konnte sich kaum daran erinnern, wann er nicht im Bild gewesen war. Er passte einfach hinein mit seiner Art wie aus einem Nordlondoner Pub, seiner Persönlichkeit, die so lässig und freundlich war, verglichen mit Jos manchmal beherrschter Sicht auf das Leben. Er hatte Freunde, die in der Nähe wohnten – nette Freunde. Sie waren jetzt eine Clique, er und Jo, seine Freunde, Paddy und Laura und manchmal Lauras Bruder Simon, wenn er nicht gerade an einem schicken Ort war und den Mädchen weiche Knie bereitete (während Laura sich ständig verliebte, fiel Simon immer mit einer völlig Fremden ins Bett, meistens, indem er sie mit einem falschen Gefühl der Sicherheit einlullte und ihr erzählte, er arbeite für eine Wohltätigkeitsorganisation). Und da waren noch Hilary, die sie auch von der Uni kannten und die sie Schreckliche Hilary getauft hatten – weil sie es war -, und ihr Bruder Hamish, ihre anderen Freunde aus der Arbeit oder von der Uni oder so. Und so ging Lauras leichtes, unkompliziertes Leben weiter. Sie hatte eine kurze, intensive Affäre mit einem Bühnenautor, von dem sie dachte, er könne sehr wohl der neue John Osborne werden, bis Paddy erklärte, dass er nur ein Blödmann sei, der gerne viel rumschreie. Paddy ließ sich im Herbst einen Schnurrbart wachsen. Laura bekam eine Gehaltserhöhung. Sie kauften eine Playstation zur Feier des Tages – Spiele für ihn, Karaoke für sie. Ja, alles war in Ordnung in seinem üblichen Rahmen, nur dass Laura, wenn sie sich die verliebten Jo und Chris und wenn sie sich die Landschaft ihres eigenen langweiligen Lebens ansah, mehr und mehr das Gefühl...




