E-Book, Deutsch, Band 3, 368 Seiten
Reihe: Die Chaos-Götter
Evans Die Chaos-Götter 3: Götter an Bord
19001. Auflage 2019
ISBN: 978-3-646-92511-1
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 3, 368 Seiten
Reihe: Die Chaos-Götter
ISBN: 978-3-646-92511-1
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Maz Evans begann ihre Karriere als Journalistin, schrieb Filmkritiken und fürs Feuilleton. Als Dozentin für Kreatives Schreiben entwickelte sie das Projekt Story Stew, das Kindern auf ungewöhnliche Weise die Freude am Schreiben vermittelt. Vor allem in Grundschulen und auf Literaturfestivals stößt Story Stew auf große Begeisterung. Maz lebt mit ihren Kindern in Bournemouth.
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»… und keiner schäumt hier die Cappuccinos mit einem Donnerkeil auf oder verwandelt andere Leute in Warzenschweine oder furzt die Nationalhymne. Ist das klar?« Elliot warf den griechischen Unsterblichen, die gerade seine Küche putzten, einen strengen Blick zu. Noch vor wenigen Wochen wäre ihm das alles völlig absurd vorgekommen, aber inzwischen waren solche Szenen der ganz normale Alltags-Wahnsinn für Elliot Hooper.
»Alles roger … Botschaft laut und deutlich rübergekommen, alter Junge«, sagte Zeus, der Göttervater, und kratzte mit der Spitze eines goldenen Donnerkeils das Fett vom Herd. »Bestes Benehmen. Kannst dich auf uns verlassen.«
»Wofür hältst du uns, Elly? Es würde uns im Traum nicht einfallen, dir das Leben noch schwerer zu machen, als es sowieso schon ist«, versicherte Aphrodite, die Göttin der Liebe, und versprühte ihr Spezial-Raumspray mit der Duftnote »ofenwarmes Brot« in der Küche. »Wir wissen doch, wie wichtig das hier für dich ist. Heute darf nichts schiefgehen. Wir werden so still sein wie Athenes Fanklub, versprochen.«
»Auf jeden Fall«, sagte Athene, die Göttin der Weisheit. Sie warf ihrer Schwester einen vernichtenden Blick zu, dann widmete sie sich wieder dem Spitzendeckchen, das sie aus übrig gebliebenen Spaghetti häkelte. »Wir lassen dich nicht im Stich.«
Elliot lächelte erleichtert. Er hatte sich vor diesem Tag gefürchtet, seit er den letzten »Zitterbrief der Extraklasse« erhalten hatte. Oder eigentlich schon viel länger …
»Also ich habe mir ein paar Notizen gemacht«, verkündete Virgo stolz und suchte in einem Stapel Karteikarten herum. »Erstens: Wenn du – ich zitiere – ›Riesenarschgesicht‹ zu mir sagst, ist das dann so eine Art Stichwort für mich, dass ich meine brillanten Kommentare zum Besten geben soll?«
»Nein«, sagte Elliot.
»Was dann? Soll ich vielleicht die Atmosphäre mit ein paar Kostproben meines berühmten Humors auflockern?«
»Bloß nicht.«
»Oder irgendwelche Erfrischungen vorbereiten?«
»Vergiss es – die Teppiche haben sich immer noch nicht von deiner letzten Catering-Aktion erholt.«
»Aber mein kalter Hund war doch höchst optimal!«, schnaubte Virgo entrüstet.
»Ja, nur war es leider ein echter Hund!«, schrie Elliot. »Und das auch noch tiefgekühlt! Also: Nein, okay?«
»Vielleicht sollte ich für ein bisschen Unterhaltung sorgen? Ich könnte zum Beispiel was singen …«
»Um Himmels willen – nein!«
Virgo runzelte die Stirn.
»Ich versteh dich nicht«, sagte sie. »Das hört sich ja fast so an, als ob ich heute überhaupt nichts sagen oder machen soll.«
»Nein, Virgo, das hast du komplett missverstanden«, sagte Elliot und verdrehte die Augen. »Kein ›fast‹, verstehst du? Du sagst und machst heute einfach gar nichts. Punkt. Sei bitte KEIN Riesenarschgesicht!«
»Aber ich …«
Zeus legte Virgo sanft eine Hand auf die Schulter und das Ex-Sternbild verstummte. Das funktionierte immer. Noch nie war Elliot über diese spezielle Gabe des Göttervaters so froh gewesen.
Er schloss die Augen und versuchte nicht daran zu denken, was alles schiefgehen konnte. Nein, er brauchte keine Angst zu haben. Alles war gut. Kein Problem. Er musste sie nur irgendwie überzeugen. Elliot seufzte. Aber dazu hätte er erst mal selber dran glauben müssen …
Er hakte ein paar Punkte auf seiner Liste ab und steckte den Stift in seine Hosentasche, wo er prompt durch das große Loch fiel.
»Wann lässt du mich endlich deine Hose flicken?«, fragte Athene ihn zum x-ten Mal in den letzten Wochen.
»Wenn ich sie in die Wäsche gebe«, antwortete Elliot wie immer.
»Morgen, mein Junge.« Elliots Vater kam verschlafen die Treppe herunter. Er gähnte ausgiebig.
Elliot lächelte ihn an und der ganze Druck fiel ein Stück weit von ihm ab. Überhaupt war alles besser, seit Dave Hooper vor zwei Monaten auf die Home Farm zurückgekehrt war. Er hatte Elliot jede Menge coole Geschichten aus der Zeit im Gefängnis erzählt, hatte ihm gezeigt, wie man Schlösser knackt, und ihm ein paar geniale Verstecke für Süßigkeiten verraten, die Elliot eigentlich nicht essen sollte. Aber vor allem hatte er jede einzelne Nacht auf Josie aufgepasst.
»Im Gefängnis schläft man nicht viel, verstehst du? Und außerdem war ich schon immer eine Nachteule. Du dagegen brauchst deinen Schlaf, Elliot. So viel du nur kriegen kannst«, hatte er augenzwinkernd zu ihm gesagt.
Elliot konnte sich kaum noch vorstellen, wie er das alles geschafft hatte, bevor sein Dad zurückgekommen war. Seit er wieder ungestört schlafen konnte, war alles viel einfacher geworden. Er war nicht mehr so niedergeschlagen und mutlos, er schrieb bessere Noten in der Schule und seine Mum …
Elliot kämpfte gegen den Angstknoten an, der ihm die Kehle zuschnürte. Schwer zu sagen, wie es seiner Mum jetzt ging. Josie hatte sich so weit von ihrem alten Ich entfernt, dass er sie kaum wiedererkannte. Die meiste Zeit saß sie nur da und starrte ins Leere. Sprechen wollte sie kaum noch. Und eigentlich auch sonst nichts.
Der Einzige, der es noch schaffte, Josie aus ihrem Wachschlaf aufzurütteln, war Dave.
Denn im Gegensatz zu Elliot, der sichtlich aufblühte, seit sein Vater wieder bei ihnen lebte, war Josie alles andere als begeistert von Dave.
»Du bist nicht mein Mann!«, schrie sie ihn an, sobald er in ihre Nähe kam. »Du bist ein Hochstapler! Verschwinde aus meinem Haus!«
Es war so traurig. Aber Elliot wusste ja, dass Josie nichts dafür konnte. Ihr Geist war jetzt meistens sehr verwirrt und sie hatte ihren Mann vor gut zehn Jahren zum letzten Mal gesehen. In der langen Zeit, die Dave im Gefängnis gesessen hatte, war ihr Zustand immer schlechter geworden. Aber irgendwann würde sie ihren Mann wiedererkennen und sich beruhigen, daran glaubte Elliot ganz fest. Was blieb ihm auch anderes übrig?
»Wie geht’s Mum?«, fragte er hoffnungsvoll.
»Schläft«, sagte Dave. »Ist besser so. Hör mal, Elliot, ich mach mich dann heute mal rar. Du weißt schon – so wie wir es abgesprochen haben …«
Elliot nickte. Sein Dad musste es schließlich wissen. Er hatte ihm erklärt, was für ein Schock es für ihn gewesen sei, nach so langer Zeit hinter Gittern wieder in Freiheit zu sein, und dass er sich an dieses neue Leben erst gewöhnen müsse. Das war auch der Grund, warum er den Dorfbewohnern von Little Motbury aus dem Weg ging – sie würden einen Ex-Häftling, der einen bewaffneten Raubüberfall begangen hatte, sicher nicht mit offenen Armen aufnehmen. Elliot fand es okay, dass Dave sich vorläufig im Hintergrund hielt. Er selbst hatte ja auch kein Wort darüber verloren, dass sein Vater zurückgekommen war.
»Dann viel Glück heute, mein Junge«, sagte Dave und legte Elliot eine Hand auf die Schulter. »Du schaffst das schon.«
»Danke.« Elliot schnitt eine Grimasse. Er würde viel mehr brauchen als nur Glück. Und er hätte Dad so gern an seiner Seite gehabt. Aber Dave hatte recht: Es war keine gute Idee, ausgerechnet heute der Welt zu verkünden, dass sein Vater, der Ex-Knacki, wieder da war und bei ihnen zu Hause lebte.
Denn heute war der Tag, an dem zwei Sozialarbeiter vom Jugendamt auf die Home Farm kommen würden, um Elliots »häusliche Umgebung« in Augenschein zu nehmen.
Dem Brief nach war es ein »inoffizieller Besuch«, also nichts, weshalb Elliot sich »Sorgen machen« musste. Die beiden Sozialarbeiter wollten sich nur davon überzeugen, dass es ihm gut ging und dass er alles hatte, was ein Junge in seinem Alter brauchte, um sich »glücklich und geborgen« zu fühlen. Aber Dave hatte ihm gesagt, wenn das Jugendamt Wind davon bekäme, dass ein entlassener Strafgefangener auf der Home Farm lebte, würde der Besuch im Nullkommanichts »hochoffiziell« werden und dann hätten sie allen Grund, sich Sorgen zu machen. Und wenn Elliot in ein Heim oder eine Pflegefamilie kommen würde, könne von »glücklich und geborgen« erst recht keine Rede mehr sein. Deshalb wollte sein Dad irgendwo auf den Feldern hinter der Home Farm warten, bis der Besuch wieder fort war.
»Bis später, Leute«, rief Dave in die Runde und die Götter winkten ihm höflich zu.
Dave hatte die Nachricht von Elliots neuem Leben überraschend gut aufgenommen. Obwohl es ihm natürlich im ersten Moment die Sprache verschlug, als er hörte, dass sein Haus zum Zufluchtsort einer kleinen Schar von heimatlosen griechischen Göttern geworden war. Und dass Thanatos, der böse Todesdämon, die Erde auslöschen würde, wenn Elliot nicht die restlichen Chaossteine an sich brachte, die über die vier Elemente herrschten. Aber nachdem Dave den ersten Schock überwunden hatte, fügte er sich nahtlos in das Leben auf der Home Farm ein, und das in einem unglaublichen Tempo.
Elliot sah, wie den Göttern das Lächeln im Gesicht gefror, sobald die Tür hinter seinem Vater zufiel. Er wusste nicht genau, woran es lag, aber Zeus und seine Truppe schienen längst nicht so gut mit der neuen Situation zurechtzukommen wie Dave.
Seufzend nahm Elliot sich wieder seine Liste vor.
»Habt ihr alle Haushaltsgeräte gecheckt?«
»So gut wie«, knurrte es aus dem unteren Klo, aus dem zwei Füße herausragten. Elliot warf einen Blick hinein: Hephaistos, der Gott der Schmiede, hantierte mit einem Schraubenzieher an der Kloschüssel herum. »Geschirrspüler, Kühlschrank, Küchenschrank und Herd – alles...




