E-Book, Deutsch, 497 Seiten
Evans Die Sterne über Keeper House
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98690-974-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 497 Seiten
ISBN: 978-3-98690-974-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Harriet Evans wurde in London geboren. Sie arbeitete viele Jahre als Lektorin in Buchverlagen, bis sie beschloss, lieber selbst Romane zu schreiben. Heute ist Harriet Evans erfolgreiche Autorin zahlreicher Liebesromane, mit denen sie immer wieder u.a. auf der Sunday-Times-Bestsellerliste steht. Die Website der Autorin: harriet-evans.com/ Die Autorin bei Facebook: facebook.com/harrietevansbooks/ Die Autorin auf Instagram: instagram.com/harrietevansauthor/ Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre Liebesromane »Die Sterne über Keeper House«, »Eine Liebe in Langford«, Der Himmel über Chartley Hall« und »Ein halbes Leben zwischen uns«. Außerdem erschienen bei dotbooks ihre Familiengeheimnisromane »Summercove House - Das Buch der verborgenen Wünsche« und »Winterfold Manor - Der Garten der verbotenen Träume«.
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Kapitel 1
Der Bus bahnte sich langsam seinen Weg durch die Edgware Road, und ich klammerte mich wie eine verrückte alte Pennerin an die Last-Minute-Weihnachtsverkäufe zwischen meinen Beinen und auf meinem Schoß, während ich wütende Blicke auf all jene warf, die versuchten sich in meine Nähe zu setzen. Es war Weihnachtsabend, und ich hatte es gerade erst geschafft, meine Geschenke zu kaufen. Mit der deprimierenden Vorhersehbarkeit von Unruhen am Maifeiertag, Regen in Wimbledon und im August Geschichten über Hamster, die Flöte spielen können, schwöre ich mir jedes Jahr wieder, dass ich alle meine Geschenke am 15. Dezember gekauft und eingepackt haben werde, und jedes Jahr wieder ende ich eine Stunde vor Ladenschluss bei Boots und kaufe meinem Vater einen kleinen Zahnstocherhalter aus Buntglas, meiner Mutter einen flauschigen Wärmflaschenbezug und meiner Schwester Jess ein goldumrandetes Briefpapierset mit »Fröhliche Weihnachten« darauf.
Ich sprang an der Ampel hinaus, schloss die Augen und lief über die Straße; dabei betete ich, dass ich nicht auf diese Weise umkommen möge. Ich hatte noch eine halbe Stunde, bevor Tom, mein Cousin, und Jess kämen, um mich abzuholen. Wir fuhren heim, wirklich heim, in einem der tausenden von Autos, die sich von London aus aufmachten, nachdem ihre Insassen einen halben Tag gearbeitet und hastig Taschen gepackt hatten und nun ins Dämmerlicht fuhren. Es war erst drei Uhr nachmittags, doch die Dämmerung schien sich schon über der Stadt niederzulassen.
Meine Wohnung liegt gleich hinter der Edgware Road, hinter einer Reihe von heruntergekommenen Läden, die für mich eine ständige Quelle des Entzückens darstellen. Da gibt es die üblichen niedrigpreisigen Spirituosengeschäfte (»Bacardi für 75p!«) und winzigen Zeitungsläden, die beide keine Twiglets vorrätig haben, aber versprechen, dass sie beim nächsten Mal, wenn ich komme, welche haben würden. Da gibt es außerdem noch einen Bestattungsunternehmer, einen Computershop, der alte Amstrads verkauft, einen Scherzartikelladen namens Cheap Laffs – praktisch, wenn man dringend ein Paar falsche Brüste braucht – und Arthurs Schnäppchen, der unpassenderweise Klaviere und Tastaturen anbietet. Ich persönlich würde niemals mein schwer verdientes Geld für ein Musikinstrument aus einem Laden namens Arthurs Schnäppchen ausgeben, doch chacun à son goût, wie die Franzosen sagen. In einer winzigen Gasse, die so unscheinbar ist, dass ich oft schon bemerkt habe, dass Leute sie nicht bemerkt haben, weg vom Dröhnen der Autos und Lastwagen, die die Edgware Road hinauf- und hinunterdonnern, liegt eine kleine Straße mit Kopfsteinpflaster und hohen schmalen Häusern, von denen eines meines ist. Na ja, eine der schuhschachtelgroßen Wohnungen im oberen Stock ist meine.
Der Verkehrslärm verebbte, als ich in meine Straße einbog. Ich konnte sogar das schwache Rumpeln der U-Bahn unter mir hören, voller Passagiere, die der Arbeit entflohen, um den üblichen Anfall von Verdauungsstörungen, saisonaler Kampfeslust und enttäuschender Ausstrahlungen von Warten aufs Christkind mit ihren Familien zu genießen. Die Blumen, die ich für Mum gekauft hatte, knallrote und orangefarbene Ranunkeln, knisterten in ihrem braunen Einwickelpapier, während ich mich mit dem launischen Schloss an der Haustür abmühte. Ich hievte mich die Treppe hoch, kämpfte dann mit meiner Wohnungstür, stieß sie mit dem Hintern auf und stellte meine Taschen auf dem Boden ab.
Ich stürzte in mein winziges Schlafzimmer, das ich trotz seiner Größe, seines schrägen Dachs und mangelnden Lichts liebe. Der Ausblick ist nicht eintönig malerisch, außer man mag Wermutbüsche malerisch nennen. Doch es ist meine Wohnung, mein Ausblick. Wenn also andere Leute aus dem Fenster schauen und sagen: »O mein Gott, ist das eine Leiche dort in deiner Straße?«, antworte ich: »Von hier aus kann man Little Venice sehen, wenn man sich auf diesen Stuhl da stellt und ein Fernglas benutzt.«
Das Einpacken, dessentwegen ich um ein Uhr morgens noch so selbstgefällig gewesen war, war nicht in dem fortgeschrittenen Stadium, das ich mir eingebildet hatte, als ich verkatert und zerzaust ein paar Stunden später zur Tür hinausgelaufen war. Ich hatte alle meine Socken eingepackt, aber keine Schuhe, sieben Hosen und keine Jacken, und war offenbar in nostalgischer Stimmung gewesen, weil Lizzy, die Betrunkene, es angebracht gefunden hatte, drei Teddys mitzunehmen (Bären, keine Wäsche), eine Sammlung von Just-William-Geschichten und nur eine Unterhose.
Ich erwartete, Toms Hupe jede Minute ertönen zu hören, und rannte deshalb in der Wohnung herum, riss Sellotape und Unterhosen aus meinen Schubladen, Kontaktlinsenlösung und Feuchtigkeitscreme aus dem Schrank im Bad, goss Pflanzen, während ich Zeitungen und Zeitschriften aufhob, die am Boden herumlagen, und ließ sie neben dem Sofa fallen. Die Wohnung war staubig und sah vernachlässigt aus. Weihnachtskarten waren runtergefallen und nicht wieder aufgehoben worden, Videos und CDs lagen ohne Hüllen herum, genauso wie eine Ansammlung von ungeöffneten Rechnungen von meiner Bank und meinem Handy-Anbieter. Ich liebte meine Wohnung. Ich hatte sie vor zwei Jahren von der alten Dame gekauft, von der ich sie vorher gemietet hatte. Sie war von mir gestrichen worden, und das Loch im Gips neben der Haustür war durch mich entstanden, als ich auf die Wand eingeschlagen hatte, weil ich sauer war. Es war mein Heim. Doch bei solchen Gelegenheiten wie heute, wenn ich herumrannte und darauf brannte, wegzukommen, wusste ich, dass es eigentlich kein Heim war, nicht so, wie Keeper House es immer gewesen war, lange bevor ich noch geboren worden war.
Während ich ein paar alte Zeitungen in den Papierkorb stopfte, hörte ich eine Hupe und beugte mich zum Wohnzimmerfenster hinaus.
»Ich habe Zigis! «, rief Tom.
»Und ich hab Zeitschriften!«, echote Jess.
»Ich komme!«, brüllte ich hinunter, hob Koffer und Taschen auf und blieb an der Tür stehen, als ich entdeckte, dass das Licht am Anrufbeantworter aufleuchtete. Wie eine Mischung zwischen einem Tai-Chi-Lehrer und einem russischen Gewichtheber beugte ich langsam die Knie und drückte mit dem Ellbogen auf den Abspielknopf.
»Sie haben zwei Nachrichten«, sagte der Apparat, während Tom sich auf die Hupe legte.
»Los dann«, sagte ich frustriert zum Gerät.
»Nachricht eins. Hi, Lizzy, hier ist Ash. Ich rufe nur an, um zu sagen, dass du deinen CD-Walkman im Büro vergessen hast. Egal, fröhliche Weihnachten und schöne Zeit zu Hause, und ich rede mit dir, wenn du zurück bist. Oh, und ich habe vergessen, dir heute Folgendes zu sagen, und es wird dich wirklich ärgern, aber du kennst doch Sally? Sally aus der Presseabteilung? Nun, sie hat Jaden am Sonntag gesehen, und er hat ihr erzählt, du habest ihm immer noch nicht gesagt, ob du mit ihm ausgehst oder nicht, und dass er glaubt, du magst ihn nicht mehr. Er glaubt auch, dass du noch nicht über deinen Ex hinweg bist und dass du dich am Negativen in deinem Leben festhältst, und dass Frauen alle diesen Makel haben und im Grunde Männer hassen, weshalb ihr Zyklus immer zusammenfällt, wenn sie im selben Haus wohnen, um Männer aus ihrem Frauenleben auszuschließen. Aber er hat auch gesagt, er würde immer noch gerne mit dir schlafen und dass du tolle Titten hast. Da stimme ich ihm zu. Tschüss.«
»O Gott«, sagte ich.
»Zweite Nachricht. Lizzy, hier ist Tom. Ich habe die Heat von dieser Woche, kauf sie also nicht. Kannst du ein paar CDs mitnehmen? Ich habe eine neue Anlage im Auto, und man kann ungefähr vierzehn oder so gleichzeitig abspielen. Ich habe auch gerade mit Jess gesprochen, und sie hat mit deiner Mum und deinem Dad telefoniert, und sie hätten zuletzt gehört, dass Mike gesagt habe, er komme nicht. Er war nicht in der Stadt und muss ein paar Tage arbeiten.«
Ich biss die Zähne zusammen über die erste Nachricht und stöhnte über die zweite. Jaden, o Jaden. Er war Drehbuchautor, und ich habe ihn bei der Arbeit kennen gelernt. Er wohnte in L. A. und war verdammt süß, aber völlig verrückt. Rief mich um sieben Uhr am Sonntagmorgen an, um mir zu sagen, dass das Müsli, das ich aß, an meinen unteren Gedärmen festklebe und meine Eingeweide vergifte, weshalb meine Leber nass sei und ich mich die ganze Zeit so ausgelaugt fühle. Als ich ihm später erklärte, dass ich mich ausgelaugt fühlte, weil ich ständig ausging und mich aus Versehen betrank, dann mitten in der Nacht aufwachte und voll angezogen auf dem Sofa lag, schüttelte er nur den Kopf. Ich würde mir die Entscheidung darüber, ob ich ihn wiedersehen wollte, aufheben, bis die Hölle von Silvester vorbei war. Und was das anging, dass ich noch nicht über meinen Ex hinweg sei, nun ja ... ha.
Und das mit Mike war scheußlich. Obwohl wir alle gewusst hatten, dass er es wahrscheinlich nicht schaffen würde, sich freizunehmen, würde Weihnachten ohne ihn nicht dasselbe sein. Mike gehört zu jenen Menschen, die alles zum Glänzen bringen, sobald sie einen Raum betreten.
Die Hupe quäkte lange und laut, und ich brüllte: »Ich komm schon, verdammt noch mal!«, winkte meiner armen vernachlässigten Wohnung zum Abschied zu und schloss die Tür hinter meinem Londoner Leben. Meine Absätze klapperten auf dem Pflaster, als ich meine Sachen in den Kofferraum warf, Tom und Jess küsste und mich dann selbst auf den Rücksitz warf.
Nach einer heißen Diskussion, welchen Sender wir hören sollten, und nachdem wir uns für den Hauptstadtsender entschieden hatten, stritten wir darüber, wann wir wohl nach Hause kämen und ob wir zu spät dran wären oder nicht. Als wir erst einmal auf der Autobahn waren, stritten wir dann über Jess’ Bitte, aufs Klo zu gehen. Ich sagte, dass sie, obwohl sie immer...




