E-Book, Deutsch, 509 Seiten
Evans Ein halbes Leben zwischen uns
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-045-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 509 Seiten
ISBN: 978-3-98952-045-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Harriet Evans wurde in London geboren. Sie arbeitete viele Jahre als Lektorin in Buchverlagen, bis sie beschloss, lieber selbst Romane zu schreiben. Heute ist Harriet Evans erfolgreiche Autorin zahlreicher Liebesromane, mit denen sie immer wieder u.a. auf der Sunday-Times-Bestsellerliste steht. Die Website der Autorin: harriet-evans.com/ Die Autorin bei Facebook: facebook.com/harrietevansbooks/ Die Autorin auf Instagram: instagram.com/harrietevansauthor/ Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre Liebesromane »Die Sterne über Keeper House«, »Eine Liebe in Langford«, Der Himmel über Chartley Hall« und »Ein halbes Leben zwischen uns«. Außerdem erschienen bei dotbooks ihre Familiengeheimnisromane »Summercove House - Das Buch der verborgenen Wünsche« und »Winterfold Manor - Der Garten der verbotenen Träume«.
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Kapitel 1
New York, 2006
Ihrem Vater ging es nicht gut. Zwar sagte man ihr, sie solle sich nicht zu viele Sorgen machen, aber trotzdem zurück nach London kommen. Er hatte eine Operation hinter sich – eine Notfall-Nierentransplantation, er war direkt nach oben auf die Liste katapultiert worden. Er hatte Glück, dass er eine Niere bekommen hatte, wenn man seinen Lebensstil, sein Alter, einfach alles in Betracht zog. Auch das sagten sie andauernd. Kate war sogar getestet worden, um festzustellen, ob sie als Spenderin in Frage kam. Sie kam nicht in Frage, was ihr das Gefühl gab, eine schlechte Tochter zu sein.
Es war Montagnachmittag, als sie den Anruf erhielt, durch den sie erfuhr, dass es passiert war, dass am Vortag auf wunderbare Weise eine Niere verfügbar gewesen war. Er fühlte sich nun seit einigen Jahren nicht gut, wegen des Diabetes und der Trinkerei; und dann noch der Stress seines neuen Lebens – er hatte mehr zu tun denn je -, aber wie war es so weit gekommen? Offenbar war er zusammengebrochen; am nächsten Tag stand er an der Spitze der Transplantationsliste. An diesem Nachmittag hatte Kates Stiefmutter Lisa angerufen, um es ihr mitzuteilen.
»Ich glaube, er möchte dich sehr gerne sehen.« Lisas ziemlich nasale Stimme wurde von der schlechten Verbindung nicht gerade besser.
»Natürlich«, antwortete Kate. Sie suchte verzweifelt nach etwas, was sie sagen könnte. »O Gott. Wie ... wie geht es ihm jetzt?«
»Er lebt, Kate. Es kam ganz plötzlich. Aber sein Zustand hat sich in den letzten Monaten sehr verschlechtert. Also geht es ihm nicht so gut. Und er möchte dich sehen. Wie ich schon sagte. Er vermisst dich.«
»Ja«, antwortete Kate, deren Kehle trocken war und deren Herz hämmerte. »Ja. Ja, natürlich.«
»Er wird ein paar Tage auf der Intensivstation bleiben müssen. Kannst du nächste Woche kommen? Ich nehme an, du kannst dir im Büro freinehmen.« Lisa gab keinen weiteren Kommentar ab, doch etliche Kommentare, die sie hätte abgeben können, hingen in der Luft, und mit ihnen stürzten Millionen von anderen schuldbewussten Gedanken auf Kate ein, die alle um ihre Aufmerksamkeit buhlten, bis sie nichts mehr sehen konnte. Sie rieb sich mit einer Hand die Augen, während sie das Telefon unter ihr Kinn klemmte. Ihr geliebter Dad, und sie hatte ihn seit drei Jahren nicht mehr gesehen, war seit fast drei Jahren nicht in London gewesen. Wie, zur Hölle ... war dieser Notfall, dieser rapide Verfall, war das etwa ihre Schuld? Nein, natürlich nicht, aber trotzdem konnte Kate dem Gedanken nicht entkommen, dass sie ihn selbst krank gemacht hatte, genauso sicher, als ob sie mit einem Messer auf ihn eingestochen hätte.
Draußen vor dem Fenster sah Manhattan ruhig und still aus, und die grauen monolithischen Gebäude ließen nichts erkennen von dem eiskalten Wetter, dem Lärm, dem Gedränge, dem süßen verrückten Geruch von getoastetem Zucker und Teer, der einen jedes Mal traf, wenn man nach draußen ging. Die Stadt, an die sie sich gewöhnt hatte, in die sie sich verliebt hatte, die Stadt, die vor langer Zeit London in ihrem Herzen ersetzt hatte. Kate sah sich in dem Büro der Literaturagentur um, in der sie arbeitete. Es war eine kleine Agentur mit nur vier Angestellten. Bruce Perry, der Boss, telefonierte in seinem Büro. Kate konnte seinen Kopf auf und ab hüpfen sehen, während er jemandem heftig zustimmte. Doris, die böswillige alte Buchhalterin aus Queens, die Kate ganz offen hasste, tat so, als ob sie tippte, doch in Wahrheit lauschte sie Kates Gespräch und versuchte herauszubekommen, was los war. Megan, die Junioragentin, saß in der hintersten Ecke und klopfte mit einem Stift gegen ihre Tastatur.
»Kate?« Lisa brach in Kates Gedanken ein. »Hör zu, ich kann dich nicht zwingen zurückzukommen, aber ...« Sie räusperte sich, und Kate hörte das Geräusch in der höhlenartigen Kellerküche in dem neuen Haus von ihrem Vater und Lisa in Notting Hill widerhallen.
»Natürlich komme ich«, hörte Kate sich sagen, und sie krümmte sich schamrot und hoffte, dass Doris sie nicht gehört hatte.
»Tatsächlich?«, fragte Lisa, und Kate konnte Ungläubigkeit und etwas anderes, ja – ein Flehen in ihrer Stimme hören, und sie erschrak über sich selbst, darüber, wie kalt sie zu Lisa sein konnte. Ihr Vater war krank, um Himmels willen. Dad.
Es war Zeit, sich zusammenzureißen und nach Hause zu kommen. Und so legte Kate auf und buchte einen Flug für Samstagabend, so dass sie am Sonntagmorgen in London wäre. Dann ging sie in Bruce Perrys Büro, um zwei Wochen Urlaub zu beantragen. Nicht mehr. Sie würde nicht länger dortbleiben, als sie unbedingt musste.
Bruce hatte ein wenig das Gesicht verzogen, war dann aber damit einverstanden gewesen, ihr freizugeben. Perry und Co. war nicht gerade das rasante Unternehmen, das es hätte sein können, weshalb Kate hier überhaupt einen Job als Assistentin bekommen hatte. Tatsächlich musste es von außen wie ein Rätsel scheinen, dass es ihm gelungen war, sich über Wasser zu halten und fünf Leute zu beschäftigen, da doch seit Jahren offenbar keine Bücher an einen größeren Verlag und kein Drehbuch an ein Studio verkauft worden waren.
Doch eines Tages, genau vor siebzehn Jahren, war eine Dame mittleren Alters namens Anne Graves in Bruce’ Büro aufgetaucht mit einer Idee für eine Krimiserie, die in ihrer Heimatstadt in Ohio spielte. Und dieser Tag hatte Bruce glücklich, sehr glücklich gemacht. Anne Graves war es, die sie über Wasser hielt, Anne Graves, die ihre Gehälter sowie für die Mittagessen zahlte und für das Büro mitten in der Stadt, ein, zwei Blocks entfernt vom Rockefeller Plaza. Anne Graves und ihre Erfindung Jimmy Potomac und sein Hund Thomas. Jimmy und Thomas lebten in Ravenna, Ohio, und klärten zusammen Verbrechen auf. Der Sheriff des Ortes verliert sein Geschenk zur Goldenen Hochzeit. Ein paar Jugendliche stiften Unruhe. Solche Sachen eben. Von den Büchern waren hundert Millionen Exemplare verkauft worden, und die NBC-Serie, die nun in der dritten Staffel lief, zog jede Woche sechzehn Millionen vor den Fernseher. Als der Hund, der den Thomas spielte, starb, hatte das Studio fünfhundert Beileidsschreiben erhalten.
Kate war nun seit mehr als zwei Jahren Assistentin bei Perry und Co. Sie hatte immer noch keinen einzigen Menschen getroffen, der einen Jimmy-Potomac-Roman gelesen hatte.
»Wo wirst du wohnen?«, fragte Bruce. »Wirst du zu deinem Dad ziehen?«
»Nein«, gab Kate entschlossen zurück. »Ich – ich habe eigentlich eine Wohnung dort.« Bruce hob die Augenbrauen, und Kate konnte sehen, wie Doris höchst interessiert ihr Hauptbuch ablegte.
»Deine eigene Wohnung?«
»In ... gewisser Weise«, teilte Kate ihm mit. Sie räusperte sich. »Sie gehört mir zum Teil. Ich hatte sie vermietet, doch die Mieter sind gerade ausgezogen. Letzten Monat.«
»Gutes Timing«, bemerkte Bruce erfreut. »Das ist ja toll!«
»Ja«, stimmte Kate zu. Sie war sich nicht sicher, ob es so ein gutes Timing war, dass das Ende von Gemmas Mietvertrag mit der Nierentransplantation ihres Vaters zusammenfiel. Doch trotzdem, such immer nach dem Silberstreifen, sagte ihre Mutter stets zu ihr. Sie schüttelte den Kopf, während sie immer noch versuchte, damit fertigzuwerden. »Wow«, sagte sie laut. »Ich fliege zurück nach London. Wow.« Sie biss sich in den Daumen. »Ich versuche mal, ob ich Dad erreichen kann. Lisa hat gesagt, dass er bald aufwachen würde ...«
»Nun, was werden wir nur ohne dich machen«, fragte Bruce, eher aus Effekthascherei und nicht, weil er es wirklich so meinte. Er stand gemächlich auf. »Jetzt aber zurück an die Arbeit!«
»Das werde ich«, sagte Kate, obwohl sie sich irgendwie sicher war, dass sie nicht einfach wieder auftauchen konnte und dass sie nach ein paar Wochen einfach eine Zeitarbeitskraft einstellen mussten, die die Fanbriefe an Anne Graves aussortierte. »Es tut mir leid, dich so im Stich zu lassen ...«
»O Liebes«, sagte Doris, während sie aufstand und herüberkam. Sie tätschelte Kates Arm. Kate fuhr entsetzt zurück, da Doris normalerweise einen Ausdruck mörderischen Hasses im Gesicht hatte, wenn sie in Kates Nähe kam. »Mach dir doch darüber keine Gedanken. Meine Nichte Lorraine kann dich ersetzen. Sie wird das auch wirklich sehr gut machen, Bruce.«
»Super Idee!«, antwortete Bruce glücklich.
Kate nickte. Das war sinnvoll. Lorraine hatte schon früher ausgeholfen, als Kate und ihre Freundin Betty im letzten Sommer quer durch die Staaten gefahren waren. Sie hatte alle Ordner an außergewöhnliche Plätze geräumt, keine von Kates Nachrichten war abgehört, keine ihrer E-Mails gelesen worden, doch sie hatte es während der Übergabe, die sie miteinander gemacht hatten, geschafft, hinter Bruce zu gehen und »Oh, Entschuldigung, Mr. Perry«, zu hauchen, während ihre riesigen Brüste seinen Rücken streiften. Das und nicht ihre Stenografiekenntnisse war der Grund, weshalb sie jederzeit wieder bei Perry und Co. willkommen wäre. Das und dass sie außerdem die Art von Mädchen war, die gerne herzlich war, die Leute ausfragte und strahlend lächelte, selbst wenn sie mit ihnen telefonierte.
»Ist das in Ordnung für dich?«, fragte Bruce, als ob es von Kate abhinge und er sofort bei einer Zeitarbeitsfirma anrufen würde, sollte sie etwas gegen Lorraine sagen. Er rieb sich die Hände.
»Oh, sicher, sicher«, sagte Kate. »Das ist cool, und weißt du, ich werde ...«
»Ich rufe sie gleich an«, sagte Doris, während sie zu ihrem Schreibtisch zurückschlurfte und befriedigt ihre monströsen Nägel anlächelte. »Übrigens, Bruce! Lorraine hat letzte Woche sowieso gesagt, ich solle dich von ihr grüßen. Sie wird begeistert sein!«
»Ich bin auch begeistert,...




