E-Book, Deutsch, 512 Seiten
Evans Im Kreis des Wolfs
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8412-0374-8
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 512 Seiten
ISBN: 978-3-8412-0374-8
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Liebeserklärung an das Leben.
An einem Sommerabend läuft ein Wolf auf das friedliche Ranchland des Hope Valley in den Rocky Mountains zu. Von einem Felsvorsprung aus sieht er im Tal ein Haus, auf dessen Veranda ein Säugling in einem Kinderwagen liegt. Es ist hundert Jahre her, seit sich ein Wolf zum letzten Mal in diese Gegend gewagt hat. Sein Erscheinen löst längst vergessene Ängste aus. Buck Calder, der Großvater des Babys und der ungekrönte Herrscher der Gegend, stellt sich an die Spitze der Siedler, die, erfüllt von blindem Hass, die unerbittliche Ausrottung der Wölfe fordern. Doch Calder ahnt nicht, dass sein eigener Sohn Luke den Wolf und das Rudel schon lange beobachtet. Und dass er alles daran setzt, um das Überleben der Tiere zu sichern. Unerwartet erhält er eine Mitstreiterin im Kampf für die Erhaltung der Wölfe: die schöne Tierschützerin Helen ...
Nicholas Evans, geboren 1950, wuchs in Worcestershire, England auf. Er studierte Rechtswissenschaften und arbeitete als Journalist. 1993 traf er einen Schmied, der ihm von einem Pferdeflüsterer erzählte. Evans begann an seinem ersten Roman zu arbeiten, der in 36 Sprachen übersetzt und ein Megabestseller wurde. Auf seinen neuen Roman musste das Publikum über fünf Jahre warten, weil er wegen einer Pilzvergiftung zwei Jahre lang jeden Tag zur Dialyse musste. Evans starb am 9. August 2022.
Im Aufbau Taschenbuch und als E-Book sind seine Romane 'Der Pferdeflüsterer', 'Die wir am meisten lieben' und 'Im Kreis des Wolfs' lieferbar.
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9
Luke Calder lehnte sich in seinem Sessel zurück und wartete, während die Sprachtherapeutin das Videoband zurückspulte. Sie hatte ihn aufgenommen, während er eine ganze Seite aus This Boy’s Life las, und er war dabei nur einmal ins Stottern geraten, ziemlich stark zwar, aber er war dennoch stolz auf sich.
Er schaute aus dem Fenster auf einen Viehtransporter, der ratternd vor einer Ampel hielt, und sah eine Reihe rosiger, feuchter Nasen, die aus den Seitenschlitzen lugten. Es war erst kurz nach neun, aber die Straßen von Helena flimmerten bereits vor Hitze. Auf dem Weg in die Stadt hatte der Wetterbericht Regen angekündigt, doch in diesem Sommer war bisher kaum ein Tropfen gefallen. Die Ampel schaltete auf Grün, und der Viehtransporter ratterte davon.
»Okay, Kleiner, dann wollen wir uns das mal anschauen.«
Joan Wilson therapierte ihn seit fast zwei Jahren. Luke fühlte sich bei ihr wohl. Sie war eine große, freundliche Frau, wahrscheinlich ein paar Jahre älter als seine Mutter, mit rosigen Wangen, in denen die Augen verschwanden, wenn sie lächelte. Außerdem schien sie einen endlosen Vorrat an exotischen Ohrringen zu besitzen, was Luke ziemlich erstaunte, da sie sich ansonsten wie eine Sonntagsschullehrerin kleidete.
Joan arbeitete für eine Kooperative, die einige der entlegeneren Schulen dieser Gegend betreute. Luke hatte sich stets auf ihre wöchentlichen Besuche gefreut. Anfangs wurde er gemeinsam mit Kevin Leidecker unterrichtet, einem kleineren Jungen, worüber Luke keineswegs besonders glücklich war, da der Junge längst nicht so schlimm stotterte wie er selbst.
Er mochte Leidecker ganz gern, bis er ihn einmal im Umkleideraum belauschte, wie er »Cookie« Calder nachahmte, der bei »Sein oder Nichtsein« heftig ins Stottern geriet. Er war ziemlich gut, die anderen Jungs machten sich vor Lachen fast in die Hose. Lukes Spitzname (manche zogen »Cooks« vor, andere wiederum »Cuckoo«) kam von dem grässlichen Stottern, das ihn oft überfiel, wenn er seinen Namen sagen musste.
Vor einem Jahr waren die Leideckers nach Idaho gezogen, und seither hatte Luke seine Joan für sich allein. Während der Schulferien kam sie nicht zu ihm, sondern er fuhr jeden Mittwochmorgen zu ihr in diese Privatklinik.
Sie hatten bereits einige Male mit Videoaufnahmen gearbeitet, meist, um eine neue Methode einzuüben oder ihm zu zeigen, wie sein Körper sich verhielt, wenn er ins Stottern geriet. Heute hatte sie ihn aufgenommen, weil er bemerkt hatte, dass sich in letzter Zeit nicht nur sein Mund verspannte, sondern dass er darüber hinaus zu blinzeln und den Kopf nach links zu verdrehen begann. Joan sagte, das sei völlig normal. Man nenne dies die »sekundären Symptome«. Sie wollten sich anschauen, was da mit ihm passierte und ob sich etwas dagegen unternehmen ließ.
Als sie zum ersten Mal mit Video arbeiteten, fürchtete sie, dass es ihn zu sehr aufregen könnte, sich selbst auf dem Bildschirm zu sehen. Aber das war nicht der Fall gewesen. Er fand einfach nur, dass er ein bisschen blöd aussah, und es kam ihm fast so vor, als würde er einem Fremden zuschauen. Seine Stimme klang seltsam, vor allem, wenn er in die Nähe eines gefährlichen Worts geriet und dieses dümmliche Lächeln aufsetzte. Joan sagte immer, er sehe unglaublich attraktiv aus, aber das war natürlich nur Therapeutengeschwafel. In seinen eigenen Augen wirkte er wie ein verschreckter Vogel, der jeden Augenblick die Flügel ausbreiten und davonfliegen würde.
Video-Luke hielt sich gar nicht schlecht. Er glitt über die Worte hinweg, über die er sonst stolperte, M-Worte wie Musik und P-Worte wie Paris. Selbst Hohner Marine Band schaffte er problemlos, aber das auch nur, weil diese Worte leicht waren, verglichen mit dem, was noch kommen sollte.
Er hatte es bereits geahnt, und als es näher kam, wusste er schon, dass er es nicht schaffen würde. Er hörte, wie sich die Stimme von Video-Luke wappnete, bis sie wie der Motor eines Wagens klang, der sich einen Bergpass hinaufmühte. Und dann, als er zum M von Moulin Rouge kam, holte er tief Luft, sein Mund verkrampfte sich, stülpte sich vor, und er begann zu blinzeln. Er war mit Karacho gegen die Ziegelwand geknallt, und fünf, sechs, sieben Sekunden hing er dort fest, das Gesicht an die Steine gepresst.
»Ich sehe wie ein F-F-Fisch aus.«
»Nein, tust du nicht. Na schön, halten wir hier an.«
Joan drückte auf den Pausenknopf, ließ den blinzelnden Video-Luke mit vorgestülptem Mund erstarren und bestätigte so, was Luke gerade gesagt hatte.
»Ein Fisch, wie ich gesagt habe.«
»Du hast das Wort kommen sehen.«
»Ja.«
»Liegt es vielleicht daran, dass es ein französisches Wort ist?«
»Ich weiß nicht. Ich glaube, nicht. Ist eigentlich k-k-kein Problem. Wenn ich doch b-b-bloß nicht so b-b-blinzeln würde.«
Sie spulte das Band zurück, ließ es noch einmal ablaufen und zeigte ihm, ab wann er begann, sich zu verspannen. Man konnte sehen, wie sich die Muskeln in Gesicht und Nacken zusammenzogen. Sie ließ ihn den Satz mehrere Male wiederholen, wobei er aufmerksam darauf achten sollte, was genau seine Zunge und sein Kiefer taten. Dann musste er den ganzen Abschnitt noch einmal lesen, und obwohl er einige Male stotterte und sich wiederholte, blinzelte er kein einziges Mal und verdrehte auch nicht den Kopf.
»Siehst du?«, sagte Joan. »Du hattest recht. Eigentlich kein Problem.«
Er zuckte die Achseln und lächelte. Sie wussten beide, dass der Erfolg in der Therapie eine Sache und der im normalen Leben eine ganz andere war. Manchmal redete er eine ganze Stunde mit Joan und kam nicht einmal ins Stottern. Doch dann fuhr er nach Hause, sein Vater stellte ihm eine einfache Frage, und er war völlig blockiert, selbst wenn die Antwort nur ja oder nein lautete.
Mit Joan zu reden zählte nicht. Genauso wenig wie es zählte, wenn er mit Tieren sprach. Mit Moon Eye oder mit den Hunden konnte er den ganzen Tag reden, als hätte er nie in seinem Leben gestottert. Aber das zählte auch nicht. Denn das war nicht die wirkliche Welt, in der die Worte eine schreckliche Bedeutung hatten. Außer Joan gab es nur einen Menschen auf der Welt, mit dem er problemlos reden konnte (na ja, zwei Menschen, wenn er Buck junior mitzählte, der noch kein Wort verstand), und das war seine Mutter.
Sie war die Einzige, die nicht den Blick abwandte, wenn er in Schwierigkeiten geriet. Und wenn er ins Stottern kam, wartete sie geduldig. So war es schon immer gewesen.
Er konnte sich erinnern, wie sie ihn am Abendbrottisch packte und in Sicherheit brachte, wenn sein Vater darauf beharrte, dass er mit vernünftigen Worten um etwas bat. Luke saß dann da, lief rot an, während die Mauer vor dem Wort, das er zu sagen versuchte, immer höher wurde, bis er schließlich zu weinen begann, seine Mutter aufsprang und ihn in einen anderen Teil des Hauses brachte, wo sie beide im Dunkeln saßen und auf seinen schimpfenden und fluchenden Vater lauschten, bis er die Tür zuknallte, den Motor seines Wagens anließ und in der Nacht verschwand.
Das war die wirkliche Welt. In ihr konnten kleine Worte wie Milch, Butter oder Brot einen alles verwüstenden Orkan auslösen.
Nach der Arbeit mit dem Videoband brachte ihn Joan dazu, freiwillig zu stottern, es absichtlich zu machen, damit er sich daran gewöhnte, Kontrolle über seine Sprache zu gewinnen. Sie sagte, das würde vielleicht gegen das Blinzeln helfen, und er könnte es auch allein probieren, zusammen mit den anderen Übungen. In der Übung, die er zuletzt ausgeführt hatte, sollte er sinnlose Geräusche von sich geben, sollte seine Stimme wie einen Fluss fließen lassen, aus dem die Worte herausströmten.
Danach probten sie noch ein Rollenspiel, was den beiden mehr Spaß machte als alles andere und gewöhnlich in allgemeinem Gelächter endete. Joan war eine verhinderte Schauspielerin und stets ganz bei der Sache. Letzte Woche hatte sie die schlechtgelaunte Besitzerin eines Süßigkeitenstands bei einem Fußballspiel gemimt, und Luke musste mit ihr über das Spiel schwatzen und Popcorn sowie zweimal Cola bestellen. Mit irgendeiner unerwarteten Bemerkung brachte er sie fast immer aus dem Konzept. So hatte er sie zum Beispiel einmal gefragt, ob sie ihn heiraten wolle. Heute spielte sie eine wütende Verkehrspolizistin, die ihn gerade angehalten hatte, weil er zu schnell gefahren war. Sie sah sich seine Papiere an, gab sie zurück und roch an seinem Atem.
»Haben Sie etwas getrunken?«
»Nein, Ma’am, nicht viel.«
»Nicht viel, aha. Wieviel also?«
»Höchstens fünf oder sechs Bier.«
»Fünf oder sechs Bier?«
»Ja, Ma’am. Und eine Flasche W-W-Whiskey.«
Luke sah, wie ihre Lippen zu zittern begannen.
»Okay, das reicht. Das gibt einen Strafzettel.«
Joan vermied stets den Blickkontakt, wenn sie fürchtete, in Lachen auszubrechen, und so schüttelte sie jetzt den Kopf und tat, als schreibe sie etwas in ihren Notizblock, der auf dem Tisch lag. Dann riss sie den Zettel ab und gab ihn Luke. Er las ihn. Es war ihre Einkaufsliste.
»Das v-v-verstehe ich nicht, Ma’am.«
»Was denn?«
»Warum wollen Sie mich zu N-N-Negerküssen und M-M-Miederhöschen verdonnern?«
Das war’s. Sie schüttelte sich vor Lachen, und als sich beide wieder beruhigt hatten, war es zehn Uhr und die Stunde vorbei. Sie standen auf, und Joan nahm ihn in den Arm.
»Du bist in Ordnung, Kleiner. Weißt du das?«
Luke...




