E-Book, Deutsch, Band 172024, 144 Seiten
Reihe: Julia
Evans Im Land der großen Weite
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7515-2494-0
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 172024, 144 Seiten
Reihe: Julia
ISBN: 978-3-7515-2494-0
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Für Beverly scheint ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht wahr zu werden: Amir Alzadikh, der Kronprinz von Bandhrazar, engagiert sie als Gouvernante für seine Schwester. Während er ihr die schönsten Seiten seines Wüstenreichs zeigt, kommt sie ihm immer näher. Auf zärtliche Küsse folgt eine rauschende Liebesnacht. Doch bald muss sie sich traurig fragen: Kann sie je mehr als Amirs heimliche Geliebte sein? Obwohl er selbst modern denkt, muss er der Tradition gehorchen und eine standesgemäße Braut wählen - keine Bürgerliche wie sie ...
Ally Evans kam erst spät zum Schreiben. Als Fremdsprachenlehrerin und Bibliothekarin arbeitete sie zuvor in Berufen, die immer auch mit Sprache oder Büchern zu tun hatten. Heute geht sie zum Schreiben gern in Cafés, genießt dort eine heiße Schokolade und lässt sich für ihre mitreißenden Romances von ihren Reisen inspirieren, die sie oft in exotische Länder führen.
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1. KAPITEL
Rock und Blazer des Business-Outfits saßen perfekt. Der altrosa Lippenstift gab ihrem Auftreten den letzten Schliff. Nicht zu auffällig, nicht zu dezent, schön weiblich, aber nicht aufreizend; beherzt, aber nicht zu forsch; gepflegt, aber nicht überkandidelt.
Die perfekte Kandidatin für den neuen Auftrag.
Zufrieden drehte sich Beverly Dawson vor dem großen Spiegel, der im Foyer der Personal-Service-Agentur hing. Der Spiegel hatte einen Goldrahmen. Genau genommen war es nur ein Überzug aus Blattgold, aber er vermittelte der Kundschaft, die hier Kurzzeitpersonal für die Urlaubsbetreuung ihrer Sprösslinge suchte, jene Mischung aus Reichtum und Gediegenheit, nach der sie verlangte.
Es war eine Klientel, die höchste Ansprüche an das gesuchte Personal stellte: Bildung, Umgangsformen, Sportlichkeit, das Beherrschen von Fremdsprachen, Koch- und Backkenntnisse, Organisations- und Improvisationstalent sowie – ganz wichtig! – absolute Verschwiegenheit.
Was Beverly selbstredend alles zu bieten hatte. Na gut, das mit der Verschwiegenheit hätten sich die Kunden vermutlich noch einmal überlegt, wenn sie gewusst hätten, womit Beverly eigentlich ihren Lebensunterhalt zu bestreiten versuchte. Spannende Geschichten, sorgsam gehütete Geheimnisse, Hinweise jeder Art, das war ihr Metier, das brachte sie auf die Spur.
Was allerdings nicht hieß, dass jeder ihrer journalistischen Beutezüge zu einem Ergebnis geführt hätte. Als investigative Journalistin versuchte man, Skandale aufzudecken, die Lügen hinter den schönen Worten zu entlarven, Wahrheiten herauszufinden. Es waren Sachen, die die Zeitungen besonders gern druckten, weil ihnen das eine umso größere Leserschaft garantierte. Aber nicht immer waren den Magazinen die herausgefundenen Fakten skandalträchtig genug, deshalb nahmen sie Bev die Artikel manchmal nicht ab – was bedeutete, dass sie in diesem Fall umsonst recherchiert, umsonst Zeit geopfert und vor allem umsonst geschrieben hatte; von den Kosten für die Recherche ganz zu schweigen, auf denen sie in diesen Fällen sitzen blieb. Als Freelancerin arbeitete sie immer auf eigenes Risiko. Es war ein interessanter, aber gleichzeitig auch harter Job.
Deshalb hatte sich Beverly noch einen zweiten Job zugelegt: In der Haupturlaubszeit, wenn das Sommerloch herrschte, oder zu Weihnachten kümmerte sie sich um die Kinder reicher Leute.
Um die Kinder sehr reicher Leute.
Nach Angabe der Agenturchefin suchte der heutige potenzielle Auftraggeber nach einer Betreuung für ein fünfzehnjähriges Mädchen, das laut der Informationen, die ihr vorab zur Verfügung gestellt worden waren, als sensibel, selbstbewusst und – oha! – hochintelligent beschrieben wurde.
Vermutlich also ein verzärtelter, ichbezogener, besserwissender Teenager.
Beverly hatte mit ihren achtundzwanzig Jahren genug Erfahrung mit halbwüchsigen Töchtern aus sogenanntem guten Haus, sie machte sich nichts vor. Der Job, wenn sie ihn bekam, würde anstrengend werden, denn meistens galt: Je reicher die Klientel, desto extravaganter und anspruchsvoller war sie auch. Und fünfzehn war ohnehin ein schwieriges Alter.
Aber der Auftrag, falls sie ihn bekam, würde Geld in ihre Kasse spülen. Geld, das Bev dringend brauchte, um die hohen Fixkosten für das Haus am Rande Londons zu bezahlen, das sie nach dem Tod ihrer Großmutter ganz allein unterhalten musste. Ihre Mutter war schon vor vielen Jahren unter tragischen Umständen verstorben.
Wie immer, wenn Bev daran dachte, zog sich ihr das Herz schmerzhaft zusammen. Schmerzhaft und voller Gewissensbisse.
Sie war nicht die Einzige, die im Moment vor dem Spiegel im Foyer noch einmal den Lippenstift nachzog und die Frisur richtete. Genau das taten die beiden anderen Frauen neben ihr ebenfalls. Wie Bev trugen sie elegante Businesskostüme mit Röcken, die weder zu lang noch zu kurz waren, sondern genau auf Höhe der Knie endeten, sowie Seidenstrumpfhosen und Schuhe, die elegant und strapazierfähig zugleich wirkten – wie gemacht für die Betreuung von Kindern unter den strengen Augen der eigentlichen Erziehungsberechtigten.
Ein letztes Mal musterte sich Bev im Spiegel. Das Kostüm, dessen Farbe genau auf ihre kornblumenblauen Augen abgestimmt war, stand ihr vorzüglich. Es betonte ihr flammendrotes Haar, das zu einer strengen Frisur hochgesteckt war, wobei sie zur Vermeidung eines allzu gouvernantenhaften Eindrucks einigen vorwitzigen Strähnen erlaubt hatte, sich an ihren Wangen hinab auf ihre Schultern zu ringeln. Das pudrige Rosé ihres Nagellacks nahm die Farbe ihres Lippenstifts wieder auf.
Eine Fünfzehnjährige also. Das Mädchen musste mitten in der Pubertät stecken und war wahrscheinlich mehr an Jungen interessiert als am guten Ruf ihrer Betreuerin auf Zeit. Der Job würde ihr einiges abverlangen. In jeder Hinsicht.
In dem Moment öffnete sich die Bürotür und Mrs. Daubeney, die Inhaberin der Agentur, eine schick gekleidete Frau Anfang Fünfzig, mit Pagenfrisur und dezentem Make-up, stand im Rahmen. „Meine Damen, kommen Sie bitte?“
Prinz Amir senkte die Lider, während drei elegante junge Frauen in das Büro traten und auf dem Sofa ihm gegenüber Platz nahmen.
„Bitte schön, Mr. Alvarez. Hier hätten wir dann als Erstes …“, die Personalvermittlerin schaute kurz auf das Datenblatt, das vor ihr lag, „... Miss Kristin Fisher, siebenundzwanzig Jahre alt und sehr erfahren im Umgang mit … ähm … herausfordernden Kindern. Sie hat bereits in mehreren …“
Dass sie ihn mit Mr. Alvarez angesprochen hatte, war beabsichtigt. Amir hatte ihr seinen wahren Namen nicht genannt. Als Geschäftsmann trat er häufiger als Mr. Alvarez auf, wenn er die Lage erst einmal zu sondieren gedachte.
Er räusperte sich. „Miss Fisher. Was würden Sie tun, wenn ein fünfzehnjähriges Mädchen Sie ständig korrigieren würde?“
Die Frau sah ihn an. Eine leichte Röte stieg ihr ins Gesicht.
„Ich … Also ich denke, ich würde es höflich bitten, das zu unterlassen.“
„Aus welchem Grund?“
„Nun ja, es ist unhöflich, nicht wahr? Ich meine, es schickt sich nicht, Erwachsene ständig zu verbessern. Es gibt gewisse Umgangsformen, die man in diesem Alter …“
„Vielen Dank, Miss Fisher.“ Amir lehnte sich zurück. Die Bewegung bedeutete ein Nein, ein klares Aus für die junge Frau, mochte sie noch so hübsch sein und noch so unschuldig dreinschauen mit ihren großen Augen. Ein fünfzehnjähriges Mädchen in seinem Wissensdrang einfach abzuwürgen, erschien ihm keine gute Idee. Zumal er selbst noch ganz andere Ansprüche an die Frau hatte, für die er sich entscheiden würde. Was hatte sich die junge Frau eigentlich von dieser Antwort erhofft?
Vermutlich hatte die Chefin seine Worte aber in eine völlig andere Richtung interpretiert, denn auf ihrem Gesicht erschien ein Ausdruck der Erleichterung. „Dann darf ich Miss Fisher also als eine mögliche Kandidatin für Sie vormerken?“, fragte sie und griff nach ihrem Kugelschreiber.
„Ganz sicher nicht!“
Amir bemerkte das enttäuschte Flackern in den Augen der jungen Frau, die er gerade befragt hatte, den überraschten Ausdruck im Gesicht der zweiten und den herausfordernden Blick der dritten. Hob die jetzt nicht sogar kämpferisch das Kinn?
Amir sah ihr direkt in die kornblumenblauen Augen. Oh ja, darin brannte das Feuer des Widerspruchs und wurde von ihrem flammendrotem Haar sogar noch betont. Gut so! Wer es mit ihm zu tun bekam, der brauchte Kampfgeist, der durfte sich nicht von der erstbesten Frage ins Bockshorn jagen lassen. Sie würde noch genug Fragen zu bestehen haben – und nicht nur die eines fünfzehnjährigen Teenagers.
Eine Welle der Genugtuung lief durch seinen Körper. Als er herausgefunden hatte, dass die Journalistin, die für sein geheimes Projekt perfekt zu sein schien, auch als Nanny arbeitete, hatte er sofort einen Backgroundcheck über sie durchgeführt. Er hatte es sogar eigenhändig getan, statt es wie sonst seinem Sicherheitsdienst zu überlassen. Nächtelang hatte er vor seinem Laptop gesessen. Amir wusste genau, wen er hier vor sich hatte. Und vor allem wusste er, dass er unbedingt sie haben wollte, diese dritte Kandidatin mit den flammendroten Haaren, die eigentlich eine Journalistin war.
Sie war die, die er für seinen Plan brauchte. Was aber niemand wissen durfte, zumindest noch nicht jetzt.
„Nun gut“, sagte die Agenturchefin und deutete auf die zweite junge Frau. „Dann hätten wir hier Miss Karen Johnson, achtundzwanzig Jahre alt. Miss Johnson ist ebenfalls eine sehr erfahrene …“
„Miss Johnson also.“ Seine Stimme klang plötzlich rauer, als er es von sich gewohnt war, und Amir wusste auch, warum. Es war der intensive Blick der dritten, den er auf sich spürte. Sie schaute ihn unverwandt an, das sah er aus dem Augenwinkel. Und es war ein Blick, wie ihn sich die Frauen seines Landes einem Mann gegenüber niemals erlaubt hätten.
„Ja, Mr. Alvarez?“ Die Stimme der zweiten klang angespannt. Amir merkte ihr das Bemühen an, auf keinen Fall einen Fehler machen zu wollen.
„Wie würden Sie mit einem solchen Kind umgehen?“
Die angesprochene Kandidatin holte unmerklich tief Luft. „Nun, auf dem Bogen, den Sie ausgefüllt haben, steht, dass das Mädchen hochbegabt sei.“
„Ja. Und?“
„Dann weiß es vielleicht wirklich besser, was es sagt, und hat recht, wenn es mich korrigieren möchte.“
Amir schaute die junge Frau an. „Sprechen Sie weiter.“
„Also, in dem...




