E-Book, Deutsch, 552 Seiten
Evans Winterfold Manor: Der Garten der verbotenen Träume
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-051-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman - Eine zerrüttete Familie und ein Geheimnis, das alles verändern wird
E-Book, Deutsch, 552 Seiten
ISBN: 978-3-98952-051-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Harriet Evans wurde in London geboren. Sie arbeitete viele Jahre als Lektorin in Buchverlagen, bis sie beschloss, lieber selbst Romane zu schreiben. Heute ist Harriet Evans erfolgreiche Autorin zahlreicher Liebesromane, mit denen sie immer wieder u.a. auf der Sunday-Times-Bestsellerliste steht. Die Website der Autorin: harriet-evans.com/ Die Autorin bei Facebook: facebook.com/harrietevansbooks/ Die Autorin auf Instagram: instagram.com/harrietevansauthor/ Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre Liebesromane »Die Sterne über Keeper House«, »Eine Liebe in Langford«, Der Himmel über Chartley Hall« und »Ein halbes Leben zwischen uns«. Außerdem erschienen bei dotbooks ihre Familiengeheimnisromane »Summercove House - Das Buch der verborgenen Wünsche« und »Winterfold Manor - Der Garten der verbotenen Träume«.
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Kapitel 1 – MARTHA
August 2012
Der Tag, an dem Martha Winter beschloss, ihre Familie zu zerstören, begann wie jeder andere.
Sie erwachte früh. Das tat sie immer, doch in letzter Zeit konnte sie dann nicht mehr einschlafen. In diesem Sommer war sie manchmal schon um fünf Uhr auf und angezogen gewesen – zu viel, worüber sie nachdenken musste. Es hatte keinen Sinn, im Bett zu liegen und sich aufzuregen.
An diesem Morgen war sie um halb fünf wach. Als sie die Augen aufschlug und die Erinnerung ihren Körper überschwemmte, wusste Martha, dass ihr Unterbewusstsein wohl begriff, wie ungeheuerlich das war, was sie vorhatte. Sie setzte sich auf und streckte sich, spürte die schmerzenden Knochen, den stechenden Schmerz im Knie und griff nach ihrem alten Pfauenfedermorgenmantel aus Seide. Dann durchquerte sie leise das Schlafzimmer, mied wie stets das eine knarzende Bodenbrett und schloss wie stets die Tür lautlos hinter sich.
Doch David war nicht da. Sie konnte an den Fingern beider Hände die Nächte abzählen, die sie getrennt verbracht hatten, und diese hier gehörte dazu. Er war nach London gefahren, um sich um die Ausstellung zu kümmern, und Martha hatte vor, ihren Plan heute in die Tat umzusetzen, bevor er zurückkam und versuchte, sie davon abzubringen.
Ende August ging die Sonne noch früh über den Hügeln von Winterfold auf, und die schweren Bäume filterten das orange-rosafarbene Licht. Bald, flüsterten sie, während der Wind nachts durch die Blätter rauschte, bald werden wir vertrocknen und sterben; wir werden alle irgendwann mal sterben. Denn es war Sommerende, und der Pflug stand am westlichen Himmel. Schon konnte sie die Kühle in der Abendluft spüren.
War es, weil der Herbst auf dem Weg war? Oder war es ihr achtzigster Geburtstag? Was hatte diesen Wunsch, die Wahrheit zu sagen, hervorgerufen? Sie glaubte, dass es vielleicht diese Ausstellung im nächsten Jahr war. »David Winters Krieg« sollte sie heißen. Deshalb, sagte er, sei er nach London gefahren, um sich mit dem Galeristen zu treffen und seine alten Skizzen durchzugehen.
Doch Martha wusste, dass das eine Lüge war. Sie kannte David und wusste, dass er log.
Das hatte den Anstoß zu alldem gegeben. Jemand in der Galerie in London hatte beschlossen, dass die Zeit reif sei für so eine Ausstellung, und dabei nicht geahnt, was für einen Schaden er anrichten würde. Zu denken, dass die Vergangenheit tot und begraben war und niemandem schaden konnte! »Hat David Winter nicht ein paar ziemlich gute Sachen über das ausgebombte London gemalt?« – »David Winter? Der Wilbur-Cartoonist?« – »Genau.« – »Himmel, keine Ahnung, alter Junge. Wo kam er noch mal her?« – »Aus dem East End, glaube ich. Könnte interessant sein. Nicht nur Cartoon-Hunde und so.« – »Gute Idee. Ich werde ihm schreiben und fragen.«
Und dann wurden Pläne gemacht und Ereignisse in Bewegung gesetzt und langsam und unausweichlich würde die Wahrheit ans Licht kommen.
Martha kochte sich jeden Morgen eine Kanne Tee und sang dabei vor sich hin. Sie sang gerne. Sie benutzte immer denselben Becher, Töpferei aus Cornwall, mit blauen und cremefarbenen Streifen. Ihre verknöcherten Finger legten sich um das heiße Porzellan. Sie hatte jetzt Zeit zum Teetrinken, literweise und stark, wie sie ihn mochte. »Kräftig« hatte Dorcas das genannt. Das war ein gutes Somerset-Wort. Martha hatte es im Krieg gelernt. Im Alter von sieben Jahren war sie 1939 in Bermondsey evakuiert worden – vier Kinder in einem Zimmer, in dem Leben und Tod scheinbar so willkürlich waren, wie man eine Fliege erschlug oder verfehlte. Man hatte sie einfach in einen Zug geschubst, und am nächsten Morgen war sie in einem fremden Haus aufgewacht, aus dessen Fenster man nichts als Bäume sehen konnte. Sie hätte sich genauso gut auf dem Mond befinden können. Martha war nach unten gegangen und hatte geweint, und da hatte sie Dorcas erblickt, die an so einem Tisch wie diesem hier gesessen hatte. »Eine Tasse Tee, Liebes? Schön und kräftig ist er.«
Lange her. Martha trank ihre erste Tasse leer, dann breitete sie ihre Stifte und das glatte cremefarbene Papier aus. Bereitete sich auf den Augenblick vor, in dem sie sich fähig fühlte zu schreiben.
So viele Jahre nun in diesem schönen, ehrlichen Haus, in dem jeder Zentimeter mit Sorgfalt hergestellt und mit Liebe renoviert worden war. Sie waren jetzt seit fünfundvierzig Jahren hier. Zuerst hatte Martha geglaubt, sie würde niemals in der Lage sein, die Aufgabe anzugehen. Es war ein Chaos gewesen, als sie es das erste Mal gesehen hatten. Grüne Farbe bedeckte die original Arts-and-Crafts-Täfelung, morsche Bodenbretter, der Garten ein großer Komposthaufen aus fauligem braunem Mulch.
»Ich kann das nicht«, hatte sie zu David gesagt. »Wir haben nicht das Geld dafür.«
»Ich werde das Geld verdienen, Em«, hatte er erwidert. »Ich finde eine Möglichkeit. Wir müssen hier leben. Es ist ein Zeichen.«
Die Kinder waren auf und ab gehüpft und hatten sich an den Armen ihrer Eltern festgehalten, die kleine Florence war wie ein Äffchen gewesen und hatte vor Aufregung geschnattert. »Da oben ist eine große tote Ratte, und jemand hat versucht, sie zu fressen! Kommt rauf!«
Sogar Daisys Gesicht hatte aufgeleuchtet, als sie den vielen Platz sah, den Wilbur zum Herumrennen haben würde.
»Aber habt ihr denn das Geld?«, hatte sie besorgt gefragt. Daisy hörte zu viel mit, wie Martha wusste.
Und David hatte seine Tochter in den Arm genommen. »Ich werde das Geld verdienen, meine Kleine. Ich verdiene es. Für so ein Haus, wäre es das nicht wert?«
Martha würde sich immer daran erinnern, was Daisy als Nächstes sagte. Sie hatte darum gekämpft, wieder heruntergelassen zu werden, die Arme verschränkt und gesagt: »Nun, mir gefällt es hier nicht. Es ist zu hübsch. Komm, Wilbur.«
Sie war wieder ins Haus gelaufen, und Martha und David hatten sich lachend angeschaut.
»Wir müssen hier leben«, hatte sie gesagt, während sie den hellen Sonnenschein auf ihrem Gesicht gespürt hatte und die Kinder fröhlich hinter ihr geschrien hatten.
David hatte gelächelt. »Ich kann es kaum glauben. Du? «
»Sollen wir ihnen erzählen, warum?«
Ihr Mann hatte sie geküsst und ihr über die Wange gestrichen. »Nein, ich glaube nicht. Lass es unser Geheimnis sein.«
Heute hatten sie natürlich Geld, aber damals nicht. David war der Schöpfer von Wilbur, dem Hund, und Daisy, dem kleinen Mädchen, das glaubte, es könne ihn verstehen. Jeder Haushalt hatte ein Wilbur-Geschirrhandtuch, einen Stiftkasten, ein Buch mit Zeichnungen. Doch damals lag Wilbur noch in der Zukunft, und die Winters hatten nicht viel außer einander. Nur Martha und David wussten, was sie bis zu dem Moment durchgemacht hatten, als sie an jenem heißen Tag 1967 auf dem Rasen standen und beschlossen, Winterfold zu kaufen.
Sie hatte nichts vergessen, nichts, was vorher oder danach geschehen war. Die Geheimnisse, die sich jede Familie erwirbt, kleine Indiskretionen, winzige Scherze. Manche auch groß, zu groß, als dass sie sie noch ertragen könnte.
Die Morgensonne stand nun über den Bäumen. Martha ging in der Küche umher und wartete darauf, dass das Wasser für den Tee kochte. Sie hatte vor langer Zeit die Kunst der Geduld erlernt; hatte gelernt, dass Babys zu bekommen einen langsamer werden ließ, einem die Träume von der eigenen Karriere nahm und sie ganz langsam anknabberte. Auch sie hatte Künstlerin werden wollen, genau wie ihr Mann. Doch jede Schwangerschaft hatte sie fest an ihr Zuhause gebunden – jede Nacht, in der sie wach auf der Seite lag, die Bewegungen spürte, in denen ihr der Rücken weh tat, ihr Atem kurz wurde und sie nichts zu tun hatte, als auf das Baby zu warten. Und dann wurde man älter, und diese Babys wuchsen heran und verließen einen. Man konnte sie nah bei sich halten, aber eines Tages gingen sie fort, so sicher, wie die Sonne jeden Morgen aufging.
Bill war noch da, sagte sie sich, doch er war anders und nicht der Mann, von dem sie geglaubt hatte, dass er werden würde. Er war fast acht, als sie nach Winterfold zogen. Daisy und Florence verbrachten den ganzen Tag draußen im Garten oder im Baumhaus im Wald, sammelten Freunde, Dreck, Geschichten, die sie erzählen konnten. Bill jedoch blieb meistens drinnen, spielte mit dem Stabilbaukasten oder mit seinen Schlachtschiffen oder las in seinem Buch. Von Zeit zu Zeit kam er in die Küche oder ins Wohnzimmer, und sein süßes, ernstes Gesicht wirkte hoffnungsvoll. »Hallo, Mutter. Geht es dir gut? Kann ich dir helfen?«
Und Martha, die gerade dabei war, eine Dichtung zu reparieren oder ein Mauseloch zu stopfen – denn es gab immer etwas im Haus zu tun -, lächelte dann und wusste, was er wusste. Dass Bill seinen Besuch bei ihr aufgespart, dass er die Minuten gezählt hatte, weil er die ganze Zeit bei ihr sein wollte, ihm jedoch klar war, dass das nicht ging. Es war mädchenhaft, und Daisy neckte ihn schon deswegen, ganz zu schweigen von den Jungen in der Schule. Wenn sie also das Gefühl hatte, dass sie damit davonkam, umarmte sie ihn und gab ihm etwas zu tun – abwaschen, Gemüse putzen. Sie taten beide so, als ob er gar nicht da sein wollte, dass er nur versuchte, ihr zu helfen. Wo war er jetzt, dieser ernsthafte braunäugige Junge, der ihr jeden Tag vor Liebe das Herz gebrochen hatte?
Zumindest war er noch da. Ihre Töchter waren es nicht. Nach Bill kam Daisy, und in dem Moment, als sie sie Martha das erste Mal gegeben hatten, als sie ihr das erste Mal in die grünen Augen geblickt hatte, die so sehr ihren glichen, hatte Martha sie erkannt. Sie konnte ihren wütenden, wechselnden Gesichtsausdruck perfekt übersetzen, ihre Liebe zur Einsamkeit, ihre kleinen Pläne. Daisy...




