E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Everett Dr. No
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-446-28518-7
Verlag: Hanser, Carl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-446-28518-7
Verlag: Hanser, Carl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Percival Everett, geboren 1956 in Fort Gordon/Georgia, ist Schriftsteller und Professor für Englisch an der University of Southern California. Er hat zahlreiche Romane, Erzählungen und Lyrikbände veröffentlicht. Bei Hanser erschienen zuletzt die Romane 'Erschütterung' (2022), 'Die Bäume' (2023) sowie 'James' (2024), für den er den National Book Award und den Pulitzer-Preis erhalten hat.
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1
Ich entsinne mich, äußerst vergesslich zu sein. Jedenfalls glaube ich das. Ich denke, ich weiß, dass ich vergesslich bin. Ich erinnere mich zwar, vergessen zu haben, aber ich kann mich nicht entsinnen, was ich vergessen habe oder wie sich das Vergessen anfühlt. Als ich ein Kind war, versuchte meine Mutter, mich von meiner Vergesslichkeit zu überzeugen, indem sie fragte: »Weißt du noch, wie du deinen eigenen Geburtstag vergessen hast?« Ich glaube, ich erwiderte: »Wie könnte ich?« Aber es war eine Fangfrage. Ja zu sagen wäre ein Eingeständnis meiner Vergesslichkeit, nein, ein Beispiel dafür gewesen. »Das Gehirn tut, was es kann«, sagte ich zu ihr. Würden wir uns an alles erinnern, hätten wir keine Sprache für das Erinnern und Vergessen. Außerdem wäre nichts wichtig. Tatsächlich ist nichts wichtig. Die Wichtigkeit von nichts besteht darin, dass es der Maßstab dessen ist, was nicht nichts ist. Ist nichts dasselbe wie das Nichts? Studenten lieben es, über dergleichen zu tüfteln. Tatsächlich gibt es kein Nichts. Das vereinfachende Argument für diese Behauptung lautet, dass die Beobachtung von nichts einen Beobachter erfordert, und das Vorhandensein eines Betrachters wiederum negiert, was reines Nichtvorhandensein, ja in der Tat nichts hätte sein können. Wenn nichts in einem Wald vorfällt und es ist niemand da, der es beobachtet, handelt sich dann um ein Nullum? Das bessere Argument — eines, das das simple und jedes andere in sich schließt — lautet, dass man nichts buchstabieren kann. Parmenides mag sich schäbig gekleidet haben, aber er hatte nicht ganz unrecht. Was die Existenz Gottes angeht, ist das ontologische Argument vielleicht nicht stichhaltig gewesen, aber was die Existenz von nichts angeht, ist es unwiderlegbar. Ei mitään, rien, nada, nichts, nic, dim byd, ikke noget, ingenting, waxba, tidak ada, boten. Apa-apa, kitn, nihil und nenio. So was wie ein ontologisches Argument für die Existenz von nichts.
Ich heiße Wala Kitu. Wala ist Tagalog für nichts, allerdings bin ich kein Filipino. Kitu ist Swahili für nichts, allerdings stammen meine Eltern nicht aus Tansania. Meine Eltern, beide Mathematiker, wussten, dass minus mal minus plus ergibt, deshalb trage ich diesen Namen. Ich bin Wala Kitu. Das ist alles Quatsch mit Soße. Ich heiße Ralph Townsend. Meine Mutter war Künstlerin, mein Vater ein Anglist, ein Professor, der als Taxifahrer endete. Tatsächlich bin ich so etwas wie ein Mathematiker. Aber ich benutze den Namen Wala Kitu. Ich studiere nichts.
Ich nehme mein Forschungsgebiet ernst. Ich bin ordentlicher Professor für Mathematik an der Brown University, obwohl ich mich seit Jahrzehnten nicht mehr mit Arithmetik, Analysis, Matrices, Theoremen, Hausdorff-Räumen, Darstellungen endlicher Gitter oder sonst etwas beschäftige, was mit Werten, Zahlen, Darstellungen von Werten oder Zahlen oder sonst irgendeinem Etwas zu tun hat, ob es nun Substanz hat oder nicht. Ich habe meine Karriere in meinem kleinen Büro in der George Street in Providence damit zugebracht, über nichts nachzudenken und danach zu suchen. Ich habe es nicht gefunden. Es ist traurig für mich, dass schon die Thematisierung meines Interessengebiets meine Forschung zwangsläufig zunichtemacht. Ich arbeite sehr hart und wünschte, ich könnte sagen, dass ich nichts dafür vorzuweisen habe.
Meine Expertise in nichts — nicht absolut nichts, sondern eindeutig nichts — führte dazu, dass ich mit einem oder vielmehr für einen gewissen John Milton Bradley Sill arbeitete, einen Selfmade-Milliardär mit einem einzigen Ziel, einem Ziel, das manchen faszinierend, den meisten verwirrend und schräg und allen idiotisch erscheinen mochte, sich aber zumindest leicht in Worte fassen ließ. John Milton Bradley Sill strebte danach, ein Bond-Schurke zu werden, und zwar ungeachtet der Fiktionalität von James Bond. Er formulierte es folgendermaßen: »Ich möchte ein Bond-Schurke sein.« Ganz einfach.
Wir saßen in einem Café in der Thayer Street. Es war acht Uhr an einem Montagmorgen im November, und das Semester neigte sich dem Ende zu, sodass die Studenten, die sich hier hereinschleppten, geradezu schlafwandelten. Mir ging es ganz ähnlich wie ihnen. Ich hatte erst kürzlich herausgefunden, dass ich volle zwölf Stunden Schlaf brauchte, um richtig zu funktionieren, war jedoch vergangene Nacht lange aufgeblieben und hatte über das Treffen mit Sill nachgedacht. Ich konnte mich kaum je an meine Träume erinnern, was mir nur recht und billig erschien, da ich mich im Schlaf ja auch selten meines Wachlebens entsann.
»Was meinen Sie mit Bond-Schurke?«
Sill hielt einen Löffel wie eine Zigarette. »Sie wissen schon, die Art von Übeltäter, die den Premierminister veranlassen könnte, einen Doppelnull-Spion loszuschicken, um mir das Handwerk zu legen. Sie wissen schon, Böses um des Bösen willen.«
»Eine Art modernistischer Schurke«, sagte ich.
»Genau.«
Ich starrte ihn an und rührte in meinem Tee. Ich wollte ihn nicht ansehen, aber ich tat es, und während ich ihn in den Blick nahm, wurde mir klar, dass er durchgeknallt war. Aber fröhlich. Er war ein angenehm aussehender Mensch, ethnisch nicht recht einzuordnen, mit einem Pferdegesicht und krausem Haar. Er war schmächtig. »Für einen Schurken wirken Sie viel zu nett«, sagte ich.
»Danke schön«, sagte er. »Aber der Schein trügt.«
»Haben Sie denn schon einmal eine Übeltat begangen?«
»Was denn, zum Beispiel?«
»Haben Sie schon einmal jemanden umgebracht?«, fragte ich. »Bond-Schurken bringen wahllos Leute um.« Ich redete ins Blaue hinein. Ich hatte keinen blassen Schimmer von Bond-Schurken.
»Manche ja, manche nein.« Sill stocherte mit seinem Löffel in der Luft. »Haben Sie mal gesehen?«
»Ich glaube schon. Sagen wir, nein.«
»Goldfinger raubt Fort Knox aus.«
»Wo sie das Gold aufbewahren«, sagte ich.
»Wo sie das Gold aufbewahren.« John Sill blickte sich um, musterte jeden im Raum. »Wissen Sie, was in Wirklichkeit im Tresorraum von Fort Knox ist?«
»Nein.«
Er beugte sich vor, stützte wirklich und wahrhaftig das Kinn auf den Handteller wie ein Liebhaber oder zumindest wie jemand, der mich schon länger als eine Viertelstunde kannte, und sagte: »Nichts.«
»Sie meinen, da ist kein Gold.«
»Ich meine, da ist nichts.«
»Nichts«, sagte ich.
»Genau das. Ich sage Ihnen nicht, dass da kein Gold ist. Ich sage Ihnen, dass da nichts ist. Wonach Sie schon so lange suchen.«
Die Haare in meinem Nacken stellten sich auf. Trotzdem war ich überzeugt, dass er meinte, der Tresorraum sei leer.
»Ich sage Ihnen, dass der Tresorraum nicht leer ist.« Als könnte er meine Gedanken lesen.
»Und?«
»Sie, mein Freund, werden mir dabei helfen, es zu stehlen. Ich habe gründlich recherchiert. Sie wissen mehr über nichts als irgendwer sonst. Wie viel Macht muss jemand besitzen, der nichts in seinen Besitz bringen kann.«
»Hören Sie, ich fühle mich geschmeichelt«, sagte ich, »aber —«
Er brachte mich zum Schweigen, indem er die Hand von meiner nahm und sie auf ominöse Weise zwischen uns in der Luft hielt. »Sie müssen nicht das Geringste tun. Alles, was ich von Ihnen will, ist ständige Beratung. Antworten auf ein paar Fragen. Zum Beispiel: Wenn ich den Tresorraum öffne, und das werde ich, woher weiß ich dann, dass nichts da ist? Der Tresorraum ist groß. Wenn er voller nichts ist, wie bewege ich es dann von der Stelle? Wie transportiert man so etwas? Muss es bei minus 273 Grad Fahrenheit gekühlt werden?«
»Sie meinen es ernst«, sagte ich. »Was gar nicht so viel anders ist als ›Sie sind verrückt‹.«
»Ganz recht«, sagte John Sill. Ein weiterer Blick in die Runde, und er schob mir einen gelben Zettel zu.
Es war ein Scheck. Ein Scheck mit vielen Nullen vor dem bedeutungslosen Dezimalpunkt. Es war ein Bankscheck, ausgestellt von der Bank of...




