Evers | Vinck. Jean-Marie Vinck | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 816 Seiten

Reihe: tredition GmbH

Evers Vinck. Jean-Marie Vinck


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-347-95552-3
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 816 Seiten

Reihe: tredition GmbH

ISBN: 978-3-347-95552-3
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Es im Leben weit gebracht zu haben, verdankt Vinck seinem einzigen Talent, dem Umgang mit dem Zeichenstift, seiner Widerständigkeit und dem Willen, nicht aufzugeben. Kost und Logis. Mehr hatte der junge Hans Finkelstein, wie der Bub damals noch hieß, von seiner Familie nicht zu erwarten. Schicksalbestimmend wird allerdings, dass ihn die Eltern - quasi als Maturageschenk - zu einem Empfang in der französischen Botschaft mitnehmen. Es kommt zu einer Begegnung mit einer Frau, die um einiges älter ist als er. Eine gemeinsame Nacht und der folgende Tag reichen aus: Es gibt keine Zukunft für ihn ohne sie. Nur, dass Corinne noch am selben Abend nach Paris zurückkehrt. Für sie war Hans ein Abenteuer mit einem zweifellos besonderen Jungen, aber eben doch nur ein Abenteuer. Ihr Mann, lässt sie den jungen Liebhaber beim Abschiedskuss wissen, wird in Orly am Flugsteig auf sie warten. Das hält Hans nicht ab, alsbald den Koffer zu packen, um mit nichts als Furchtlosigkeit und einem väterlichen Taschengeld sein Glück zu versuchen und vielleicht diese einzigartige Frau wiederzufinden. Er setzt darauf, dass sie ihm in Paris zufällig über den Weg laufen wird. Vielleicht hilft ja magisches Denken ... Zunächst findet er hier alle Möglichkeiten, sein Talent mit seiner Obsession zu verbinden, die Welt zu verschönern, um aus dem, was wir als Nicht-Tiere vordringlich brauchen, das wärmende Mäntelchen, mehr zu machen - die radikale Selbsterfindung. Er wird Modeschöpfer. Die Begegnung des Sechzigjährigen mit Tod lässt Zweifel aufkommen. Er beginnt, sich auf die Suche nach dem Eigentlichen, dem Wahren, Authentischen zu machen. Aber gibt's das? Er reift zum jungen Mann, andere Menschen treten in den Vordergrund. Eine Liebelei mit einem Model macht's möglich: Er gelangt an eine Einladung zu einer Modenschau von Cardin. In ihm explodiert es. Modemachen, ja, das ist es. Und da er ein Hans im Glück ist, nebenbei noch begabt und nicht faul, kann er bald am Haus eines berühmten Couturiers in der Schneiderei beginnen. Seine Zeichenmappe landet irgendwann auf den richtigen Tischen. Man wird auf ihn aufmerksam - der junge Mann aus Wien - und schon darf er seine erste Schau machen. Er verliebt sich, heiratet, wird Vater einer Tochter. Das Nächste ist eine eigene Modefirma. Dafür braucht es einen attraktiven Namen. Das Label wird Vinck. Jean-Marie Vinck sein. Eine Möglichkeit, den Finkelstein loszuwerden. Eines Tages steht die Frau vor ihm, deretwegen er einst nach Paris aufgebrochen war. Alles gerät ins Wanken. Der rekonvaleszente Vinck vom Anfang des Romans hat sich kaum in seiner Berliner Villa wieder eingelebt, als er von der Idee heimgesucht wird, den Hebel noch einmal umzulegen. Irgendwo muss das Wahre, das Eigentliche, Authentische in ihm schlummern und nur darauf warten, geweckt zu werden. Es geht auch um 'Tikkun Olam', wie er von seinen jüdischen Wurzeln her weiß. Das bedeutet, die Welt, seine Welt in Ordnung bringen. Ihm fallen der Bruder, die Tochter aus erster Ehe, sein irgendwo in Frankreich in einer Einrichtung für Behinderte untergebrachter Enkel ein, Menschen, die aus seinem Leben gefallen sind. Er will sie aufsuchen, vielleicht mit ihnen leben, will reparieren. Für diese letzte Unternehmung opfert er Familie, Freunde, Firma und Geschäftspartner. Am Ende hat sich nicht viel und niemand geändert. Alle bleiben die, die sie sind. Auch der Protagonist. 'Tikkun Olam' passiert, wenn, dann das ganze Leben über, mal mehr, mal nie. Das ist das, was bleibt. Und Jean-Marie Vincks Vision, dass das Außergewöhnliche das Gewöhnliche sticht, das Individuelle das Allgemeine, Vivienne Westwood C&A. Vita Est Ludus hatte er seine erste Schau nennen wollen. Man bleibt zwar die- oder derselbe, auch in einem Kostüm von Balmain oder in einem Anzug von Armani. Nur fühlt man sich besser.

geboren 1946 in Fulda. In Hannover das humanistische Gymnasium besucht. Wenige Tage nach dem Abitur die Aufnahmeprüfung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater Hannover bestanden. Drei Jahre später mit dem Schauspielerdiplom in der Tasche ins erste Engagement an das Theater am Neumarkt in Zürich. Dort an der Uni auch ein paar Semester Germanistik studiert. In dieser Zeit die ersten Schreibversuche. Weiter ging's an Bühnen in Köln, Bonn, zu den Ruhrfestspielen Recklinghausen, wieder nach Zürich, dann nach Hamburg und schließlich nach Berlin. Erscheinen des ersten Romans mit dem Titel "Ortsfremde". In all diesen Jahren Arbeit an mehreren Rundfunkanstalten. Ist verheiratet und lebt seit nunmehr 26 Jahren in Berlin.
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III

Vinck

Berlin 8.Ma¨rz 2018

Alles was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe. Elias Canetti

Ich hasse Seide. Ich hasse Satin. Widerstandsloses Gewebe. Verlogenes Zeug.

Er verstand nicht. Wer hatte ihm diese idiotischen Sa¨tze ins Hirn montiert? Das war niemals sein Text. Er blinzelte. Ein eiskaltes, weißgetu¨nchtes Zimmer. Ein Bild, ein einziges, ein scheußliches, hing 70x100cm Querformat, fast art, in diagonaler Sichtachse an dieser ku¨hlen Schlachthauswand. Er an dem einen Ende, das Bild, dieser Dreck, am anderen. Zittert vor Angst, weil ich es to¨ten werde. Ein Flatscreen-Fernseher, weiß, auf einem Gelenk- arm knapp unter der Decke ihm vis-a`-vis.

Steif riechender Baumwolldamast. Ha¨nde fuhren u¨ber Baumwolldamast. Auch der war weiß, wie er jetzt sah. Die Augen gingen noch schwer. Sie konnten die Umgebung in einem Winkel von vielleicht 30 ° abtasten, nach unten, oben, nach links, rechts. Das Drumherum, der Kopf, geho¨rte ihm noch nicht.

Farbloses Licht kam von zwei Fenstern, die scho¨n waren in ihrer Einfachheit, lang bis zum Boden und schmal, Metallrahmen, ein Griff, alles weißlackiert. Sie stimmten zum funktionalen Raum. Licht legte sich gleichgu¨ltig auf Ha¨nde. Wohltuend, dachte er. Farbloses Licht? Einfachheit? Funktional? Gleichgu¨ltig? Wer redete hier? So war er nicht gemacht. Erregung war sein Metier. Was war hier los? Sollte ich nicht am Herzen operiert werden?

Die haben mir stattdessen den Kopf ruiniert.

Die Fenster teilten aus seinem Blickwinkel ein Trapez mit ungleichen Schenkeln in zwei Ha¨lften, wie graue Pappe, ist wohl der Himmel und dem Rest aus zwei sich in die Quere kommenden Da¨chern. Beide von einer Unfarbe.

Im linken Handru¨cken steckte eine Kanu¨le, zwischen Zeigefinger und Mittelfinger, sauber und adrett, auf einem Gazepolster, mit Klebeband fixiert. Ein Plastikschla¨uchlein fu¨hrte davon weg.

Kein Verfolgungsblick, das ko¨nnte die HWS u¨belnehmen! Er blieb bei den Ha¨nden. Alte Ha¨nde, rissige Haut, wo sie glatt war, war sie fischig. Silbrige Schuppen mit ein bisschen vertrocknetem Blut an einer Stelle. Er ha¨tte nicht sagen wollen, dass das seine Ha¨nde waren.

Wohltuende Stille. Ein Zimmer. Ein Funktionsbett mit einem Funktionsbetttisch daneben. Und er. Vermutlich gab es noch ein paar Apparaturen, die fu¨r ihn da waren, im Verborgenen, nicht sto¨rten, nur guttaten.

Alles sehr scho¨n. Er genoss, was war. Endlich war nichts. Was passiert hier?

Die Lider fielen langsam wie ein schwerer Vorhang. Er lauschte auf die Baustelle in seinem Innern. Verpackt in einem straff sitzenden Verband, der nur flache Atemzu¨ge gestattete.

„Wir mussten doch den Brustkorb o¨ffnen, tut mir leid, Herr … a¨hm … Herr Vinck“, hallte es wie aus einem fernen Jahrhundert. Doktor Soundso, Pauls oder a¨hnlich. Ein Satz lang hatte dem Mann im weißen Kittel das professionelle Einfu¨hlungsver- mo¨gen im Gesicht gestanden.

Postnarkotischer Schlaf nahm ihn wieder mit und ein Kurzfilm gaukelte ihm vor, dass er, Dr. med. Vinck, offener weißer Kittel, fliegende Scho¨ße, weiße Clogs, Stethoskop im Anschlag, an das Bett des Patienten Vinck eilt und kompetent die Umleitungsstelle auskultiert.

Ha! Umleitung! Schnitt! U¨berblende zu neuem Bild.

Attention! Travaux Routiers! De´viation! Oui, oui, je me rapelle …

De´partement Co^te-d’Or 1982, wegen meines Affentempos donnere ich in die Absperrung, u¨berschlage mich und zerschelle an einer Straßenmaschine… Ruth, ma petite …

Dann wieder schaute der Tra¨umer belustigt zu, wie Dr.med. Vinck das Stethoskop auf die Brust des Patienten Vinck dru¨ckte.

Oh la` la`, was ho¨re ich da? Ein fideler, duftiger Bergquell ist das nicht, eher ho¨rt es sich nach einem u¨bellaunigen, tranigen Fluss voll totem Tier und Schwermetall an, der sich in ein frisch ausgehobenes Bett hinu¨ber bequemen soll.

„Da hilft nichts, da muss ein Bypass her, mindestens einer, Herr … a¨h … Herr … a¨h …“ Der Doktor guckte in die Akte. „Herr Vinck.“

Vincks Kopf war ein Diaprojektor. Nur, dass die Bilder in falscher Reihenfolge kamen. Sein Citroe¨n Pallas. Auf der Hebebu¨hne.

„A` la bonheur“, kommt es schmeichelnd vom Meister unter dem Wagen. „Un carambouillage parfait!“

Comment?

Wie stehe ich eigentlich, ich, Vinck, auf der Schwacke-Liste zu Buche? Ihm war, als ho¨be sich – fast unsichtbar – die weiße Hand leicht zitternd von der Bettdecke, als winkte sie ab und wu¨rde erscho¨pft zuru¨ck auf den weißen Bettbezug sinken.

„Mit einem Bypass, oder zwei, sind Sie wieder im gru¨nen Bereich, Herr… a¨h …“

„Vinck. Jean-Marie Vinck.“

Tu¨r

Die weiße Tu¨r, zu weit rechts, er konnte sie nur erahnen, machte ein Gera¨usch wie wenn sie ga¨hnen wollte und o¨ffnete sich tatsa¨chlich. Schlafbilder und Wirklichkeit waren jetzt zweierlei.

Schwester Katinka oder Gudrun, er konnte sie nicht auseinanderhalten, kam auf seufzenden Korksohlen herein, Fieberthermometer und noch einiges anderes dabei, um sich wichtig zu machen.

Sie hielt ihm eine Sekunde lang das Thermometer vor den Mund, und als er ihn nicht o¨ffnete, begann sie zu schieben. Es war Schwester Gudrun. Die andere, Schwester Katinka, ließ sich mehr Zeit.

„Ich komme gleich wieder und dann machen wir einen kleinen Spaziergang.“

Mit dem Ding zwischen den Za¨hnen konnte er nicht antworten, sonst ha¨tte er ihr gesagt, dass er keinen Schritt mehr zu tun gedenke. Und ganz bestimmt nicht Arm in Arm mit ihr.

37,5 Grad.

„Ist das gut, ist das schlecht?“, fragte er, obwohl es ihn nicht interessierte.

U¨berdies hatte sie es u¨berho¨rt, weil sie u¨bergangslos den weißen Spind aufschloss und Bademantel und Stu¨tzstru¨mpfe herausnahm.

Schwester Gudrun war eine von den Wortlosen. Schamlos schlug sie ohne Voranmeldung die Decke zuru¨ck, nicht wissend, wovon sie unter Umsta¨nden in Anbetracht des kurzen Anstaltshemdchens, das fu¨r einen schnellen Zugriff sorgte, ha¨tte u¨berrascht werden ko¨nnen.

Aber war es nicht auch ein wenig wie in Kindheits- tagen? Ganz passiv in Erwartung von Mamas Ha¨nden, die dem Kleinen Leibchen und Hose,

Stru¨mpfe und Schuhe anzog? Glu¨ckseligkeit! Auch Mama war nicht immer gespra¨chig oder gar liebevoll, za¨rtlich gewesen. Beileibe nicht. Sie war oft hektisch, mit den Gedanken schien sie immer woanders, und unversehens schimpfte sie, aber in einer unversta¨ndlichen Sprache, Hebra¨isch, wie er spa¨ter erfuhr. Aber warum? Mama war in Pala¨stina zur Welt gekommen. Zweifelsfrei eine Scho¨nheit im Vergleich zu Schwester Gudrun. Und sie roch viel besser und hatte eine Stimme wie eine mollige Decke. Schwester Gudrun hatte obendrein einen schrecklichen U¨berbiss. Von ihr ging in jeder Hinsicht Sa¨uerliches aus. Den U¨berbiss, den hatte Schwester Katinka auch. Die verunglu¨ckte Zahnstellung von Schwester Gudrun bekam Vinck zum Glu¨ck selten zu Gesicht, da sie so gut wie nicht sprach. Lachen hatte sie auch noch niemand gesehen.

Schwester Katinka hingegen war ein fro¨hlicher Mensch und hatte keine Scheu, ihre gefa¨hrlichen Za¨hne zu zeigen. Katinka Zahnfrei, Gudrun Zahnverdeckt. So wollte er es sich merken. Zahnverdeckt griff ihm, ehe er sich dagegen wehren konnte, unter die Arme, sodass er mit u¨ber den Bettrand baumelnden Beinen zum Sitzen kam. Eine Hand an den Beinen, angelte sie sich mit der anderen den Plastikschemel, auf dem schon auf- gerollt die weißen Stru¨mpfe lagen. Sie setzte sich auf den Schemel und, den linken Strumpf im Schoß, streifte sie den rechten u¨ber seine weißen, weichen, erstaunlich jung gebliebenen Zehen und rollte ab, das heißt hinauf, das kra¨ftige Gewebe die Waden hinauf. Um alles glatt zu bekommen, hob sie sein rechtes Bein und legte den Fuß auf ihrer weichen, u¨ppigen Brust ab.

„Ach, ja …“, entfuhr es ihm mit leiser Wehmut, als sie sich gegen seinen Fuß stemmte, um den Strumpf bis zum Knie hochziehen zu ko¨nnen. Fu¨r Schwester Gudrun bedeutete es nichts, aber er kam nicht umhin: eine weibliche Brust war fu¨r ihn auch in seinem jetzigen Zustand eine weibliche Brust, und sein Fuß aus Fleisch und Blut. Und jetzt, bitte, noch das linke Bein! Um ein Haar wa¨re er mit der Wortlosen verso¨hnt gewesen. Sie fuhr das Gestell mit der Infusion heran, hing den Beutel mit der geringfu¨gigen Menge seines ro¨tlichgelben Urins auf den dafu¨r vorgesehenen Haken und machte auf einmal: „Hopp!“

Gleichzeitig mit dem Kommando schickte sie sich an, ihn am Ellenbogen in die Ho¨he zu heben. Sie erfuhr nicht nur keine Mithilfe, eher ernst gemein- ten Widerstand von seiner Seite.

Vinck hatte beschlossen, dass er in diesem Leben - und, wie es aussah, schien seine Fortsetzung nicht mehr so ausgeschlossen wie noch vor zehn Tagen, woran ihm heute im Gegensatz zu damals nicht mehr lag -, zu nichts mehr seine Hand reichen werde, das seinen Fortgang nicht auch von allein na¨hme, oder es eben bleiben ließe.

Die saublo¨de Gudi mit ihrem Kuhblick. Er lachte laut. Offensichtlich war sie Dinge gewohnt, wovon sich seine Spitalweisheit nichts tra¨umen ließ. Sie reagierte keinen Deut. Das ließ ihn kurz u¨berlegen, ob und wer von den Frauen in seinem Leben jemals Macht u¨ber ihn gehabt hatte.

Aber Vinck! Darauf kommt es jetzt nicht mehr an! Er stand da, zitternd wie, - ihm fiel ihr Name nicht ein, diese du¨nnen Hunde… Windspiele? Nun, wie diese Hungerku¨nstler auf vier Beinen im Regen. Die Za¨hne...



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