Evers Zehn Geschichten übers Rauchen
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-627-02177-1
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-627-02177-1
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Als ehemaliger Buchhändler und Lektor, schreibt Stuart Evers heute Literaturkritiken für den Guardian, Independent, New Statesman, Time Out und viele andere Publikationen. Seine literarischen Texte sind bisher in renommierten Literaturmagazinen erschienen. Zehn Geschichten über das Rauchen ist seine erste Buchveröffentlichung. Stuart Evers lebt in London.
Autoren/Hrsg.
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Ein großes Projekt
In der Diele des Hauses meiner Großmutter stand ein verglaster Bücherschrank voller schöner Romane. Seit dem Tod meines Großvaters waren sie hinter Glas geblieben, wurden nur dann der Luft ausgesetzt, wenn sie die Regale abstaubte. Die Bücher hatten so phantasievolle Titel, so bunte Einbände, dass ich mich nicht zurückhalten konnte. Sobald meine Großmutter eingeschlafen war, stahl ich mich in den Flur, schob die Glasscheiben zur Seite und erschauderte wegen des staubigen Büchergeruchs dahinter.
Als ich ungefähr vierzehn war, wurde ich auf frischer Tat ertappt, im Schneidersitz, zwei Romane von Leslie Charteris neben mir und Die Mörder von der Teufelsinsel aufgeschlagen im Schoß.
»Die sind nichts für dich«, sagte meine Großmutter und nahm mir das Buch aus den Händen. Sie hielt es mit gestrecktem Arm von sich, so als verpeste es das Haus. »Keins von denen ist geeignet, schon gar nicht dies hier. Bevor dein Großvater von uns ging, sagte er mir, ich könne jedes seiner Bücher lesen, nur das eine nicht.«
Sie beugte sich vor und schloss das Buch hinter Glas ein.
»Und, hast du’s trotzdem getan?«, fragte ich.
»Natürlich«, erwiderte sie entrüstet. »Und ich hätte besser auf ihn gehört. Es ist der letzte Schund.«
***
Kurz bevor mein Vater starb, unterrichtete ich ihn von meiner Absicht, einen Familienstammbaum zu erstellen. Ich nahm an, dass er trotz seines geschwächten Zustands begeistert von dem Vorhaben sein würde. Doch mit Speicheltropfen auf den Lippen teilte er mir in aller Deutlichkeit mit, was er von Ahnenforschung hielt: »Was brauchst du anderes zu wissen, als dass ich dein Vater bin und deine Mutter deine Mutter ist?«, sagte er in seinem Krankenhaushemd, als sei das Thema damit ein für alle Mal beendet. Auf seinem Sterbebett musste ich ihm erneut das Versprechen geben, die Vergangenheit ruhen zu lassen; dasselbe verlangte meine Mutter, als ihre Zeit gekommen war.
Nachdem Mutters Beerdigung organisiert, der Gottesdienst gehalten und die rechtlichen Fragen geklärt waren, fiel ich in ein tiefes Loch. Eine Leere überwältigte mich. Ich dachte an keinen der beiden, weder tot noch lebendig, kümmerte mich aber pflichtschuldig um ihre Gräber. Selbst meine Arbeit, die mich lange aufrecht gehalten hatte, konnte mich nicht aufmuntern. Ich kam zu dem Schluss, dass ich nur dann aus meiner Lethargie herausfinden konnte, wenn ich irgendein sinnvolles Unternehmen beginnen würde, ein großes Projekt.
Ich besuchte einen Abendkurs, um Japanisch zu lernen, stellte aber fest, dass mir die Gesellschaft anderer nicht sonderlich behagte, ebenso wenig wie die unvertrauten Schriftzeichen. Online-Schach beschäftigte mich eine Zeitlang, aber ich besaß nicht die rechte Geduld, mich vollständig auf das Spiel zu konzentrieren. Langlauf war strapaziös und verursachte Schlafprobleme. Wider besseres Wissen traf ich mich mit einigen Internet-Bekanntschaften und schlief mit einer Frau. Als es vorbei war, weinte sie sich an meiner Schulter aus und versprach, mich anzurufen, tat es aber nie. Das alles war nichts für mich.
Dann eines Nachmittages machte ich in der Garage eine Entdeckung: eine in mehreren Schachteln versteckte Sammlung von Fotografien. Manche Bilder lose, andere in Alben geklebt, wieder andere noch in ihren Papiertaschen. Ich schaffte sie ins Wohnzimmer und machte mich in den folgenden Wochen daran, sie zu katalogisieren, zu beschriften und in den Computer einzuscannen, um ihr Überleben selbst für den Fall zu garantieren, dass jemand das Haus abfackeln oder eine Bombe darauf fallen sollte. Es war eine ruhige, ereignisarme Tätigkeit, die mir jedoch eine Fülle angenehmer Aufgaben bot: Zeitleisten mussten gezeichnet, Daten geschätzt und Orte bestimmt werden. Die Verwaltung war erfreulich aufwendig, und das Blättern durch jene verblassten Aufnahmen vom Wohnwagenurlaub in Tenby oder dem Zelten in Frankreich rief in mir Erinnerungen an glücklichere, erfülltere Tage wach.
Nach drei Monaten hatte ich zwölf gleich ausgestattete, chronologisch geordnete Fotoalben beisammen. An den folgenden Abenden arbeitete ich mich durch sämtliche Bände, fügte hier und da ergänzende Kommentare hinzu, konnte jedoch ein wiederkehrendes Gefühl des Fehlens nicht abschütteln.
Als keine Einträge mehr hinzuzufügen waren, begann ich mich nach weiteren Fotos umzusehen. Eines Nachts packte es mich, und ich stellte das ganze Haus auf den Kopf. Um vier Uhr morgens stocherte ich mit einer Taschenlampe auf dem Speicher herum, versessen darauf, etwas zu finden, das ich katalogisieren konnte. Um fünf Uhr wurde ich schließlich fündig: ein schwerer Koffer in der hintersten Ecke eines engen Kriechbodens. Darin lagen, zusammen mit mehreren modrig riechenden Papieren, eine Pornozeitschrift von 1972 und ein dicker Packen Fotos.
***
Da hatte sich einer als Fotograf verwirklicht: die schwarzweißen und die verblichenen farbigen Bilder hoben sich von den laienhaften Schnappschüssen in meinen Alben unten deutlich ab. Sie waren arrangiert, ausgewogen; alle fokussiert auf den jugendlichen Schmollmund meines Vaters. Auf den frühen Fotos ist er allein, später ist eine junge Frau an seiner Seite, fast ein Mädchen noch, in Minikleid und mit Sonnenbrille. Auf einigen Fotos küssen sich die beiden, auf anderen ist er bis zur Taille nackt, einmal legt sie die Hand auf seine Brust. Das Mädchen hat ein wenig Ähnlichkeit mit Jean Shrimpton, nur mit einem leicht schiefen Mund.
Es waren an die fünfzig Bilder: Fotos von dem Paar an einen Ford Corsair gelehnt, eins mit den beiden auf einer Vespa, mein Vater ohne Helm, das Mädchen auf dem Sozius. Dann noch verschiedene Innenaufnahmen: Porträts von ihr und ihm auf einem Messingbett inmitten von Flickenteppichen und Kissen, und dann ein Foto nur von ihr, oben ohne, die Hände auf dem schwangeren Bauch. Auf dem nächsten Bild hat die junge Frau ein Kind im Arm, dann liegt das Kind in den Armen meines Vaters.
***
Ein Geheimnis, das mein Vater fast vier Jahrzehnte mit sich herumgetragen hatte, wurde in nur zwei Tagen vollständig aufgedeckt. Die Leistung eines ganzen Lebens, zerstört von Computern und Datenbanken.
***
Ich sammelte so viele Informationen wie möglich, dann rief ich einen Privatdetektiv an. Zwei Tage später tauchte er bei mir zu Hause auf und nannte mir den Namen Jimmy Tanner sowie die Adresse einer Bar in Benidorm. Der Detektiv sah anders aus, als ich erwartet hatte, weder ein Sam Spade im schnittigen Anzug noch ein Columbo im zerknitterten Trench. Er wirkte völlig normal, war gewöhnlich gekleidet in Jeans und Pullover. Falls irgendetwas an ihm besonders war, so waren es seine überschatteten Augen. Ich fragte mich, was er an einem Tag so alles sah und ob ihn seine Arbeit immer noch faszinierte.
Ich schaute ein zweites Mal auf den Zettel und bot ihm eine Tasse Tee an. Zu meiner Überraschung sagte er Ja. Ich wärmte die Kanne vor, und wir tranken den Tee am runden Tisch in der Küche. Sonst nutzte ich ihn nie, es kam mir sonderbar förmlich vor, als seien wir zwei alte Damen, die den örtlichen Tratsch austauschten.
»War es schwer, ihn zu finden?«, fragte ich und reichte ihm ein Plätzchen. Der Detektiv – Andy – nahm es und schüttelte den Kopf.
»Man gewöhnt sich an so was, Mr Moore. Manche Menschen machen es sich zur Aufgabe, nicht gefunden zu werden. Ihr Bruder gehört nicht dazu. Armee, ehrenhafte Entlassung, dann Spanien. Simpel.«
»Er war in der Armee?«
»Ja, und zwar nicht wenige Jahre. Ich persönlich verstehe ja nicht, wie die Leute das aushalten. Bei der Polizei war es schon schlimm genug.«
»Sie waren bei der Polizei?«
»Die meisten Privatdetektive waren früher Bullen. Sie brauchen danach irgendetwas, das sie davon abhält, den ganzen Tag zu trinken.« Er lachte. »War nur ein Witz.«
Ich lachte ebenfalls und trank einen Schluck Tee. Kurz erlaubte ich mir die Vorstellung, wie es wohl wäre, der Partner dieses Detektivs zu sein, ein zweiter Schnüffler, der bei Beschattungen Donuts aß und den Spuren vermisster Personen nachjagte. Andy und ich wären ein klasse Team, dachte ich.
»Fehlt sie Ihnen?«, fragte ich. »Die Polizei, meine ich.«
»Mir fehlt so manches, Mr Moore, aber die Polizei gehört nicht dazu. Es gibt jetzt keinen Papierkram mehr zu erledigen, keine Sesselfurzer mehr, die mir Anweisungen geben, keine Lamettaträger, die sich einbilden, alles zu wissen. Es gibt nur noch mich, mein Büro, meinen Computer und einen Fotoapparat. Manchmal hat man schlechte Nachrichten zu überbringen, aber meistens sind es eher gute«, sagte er und lächelte. »So wie heute.«
***
Ich buchte ein Reisepaket und flog bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit nach Spanien. Die Frau im Reisebüro wollte mir andere Ziele empfehlen, Orte, die ihrer Meinung nach für einen Alleinreisenden wie mich besser geeignet wären, gab aber nach, als ich ihr sagte, ich würde Verwandte besuchen. »Das ist aber schön«, sagte sie. »Ich wollte nur nicht, dass Sie enttäuscht sind, verstehen Sie.«
Ich machte mir da keine Illusionen. Meine einzigen Erfahrungen mit Spanien hatte ich auf zwei...




