Ewers / Piccol / Kugel | IMMACULATA | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Ewers / Piccol / Kugel IMMACULATA

Unveröffentlichte Texte aus dem Nachlass
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-903358-09-6
Verlag: JOJO Media Verlag e.U.
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Unveröffentlichte Texte aus dem Nachlass

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-903358-09-6
Verlag: JOJO Media Verlag e.U.
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Hanns Heinz Ewers (1871 - 1943) avancierte Anfang des 20. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum vom Kabarettstar zum Filmpionier und Bestsellerautor, der mit Romanen wie ALRAUNE und VAMPIR sowie seinen Sammlungen von "seltsamen" Geschichten (DAS GRAUEN, DIE BESESSENEN) auch weltweite Bekanntheit erlangte. In der Folge führte Ewers ein schillerndes Leben als Globetrotter, Bohemien und egomanischer Bürgerschreck, er experimentierte mit Drogen und hatte zahlreiche Affären. Während des 1. Weltkriegs in den USA interniert, geriet er nach seiner Rückkehr nach Deutschland in den Dunstkreis der Nationalsozialisten und schrieb - angeblich im Auftrag von Adolf Hitler persönlich - den Propagandaroman HORST WESSEL. Aufgrund seiner prosemitischen Haltung und seiner skandalösen Texte landete Ewers aber nach der Machtübernahme der Nazis dennoch schnell auf der Liste unerwünschter Personen, dessen Bücher gemeinsam mit denen seiner ehemaligen politischen Gegner verbrannt wurden. Über Ewers wurde ein Schreibverbot verhängt, und er starb vereinsamt und vergessen 1943 in Berlin. Während Ewers international schon früh als führender deutscher Autor unheimlich-phantastischer Literatur anerkannt wurde, blieb er im Nachkriegs-Deutschland lange Zeit wegen seiner zwischenzeitlichen NS-Nähe verfemt. IMMACULATA (herausgegeben vom Ewers-Biografen Dr. Wilfried Kugel und dem Phantastik-Experten Jo Piccol) versammelt bisher unveröffentlichte Texte aus dem Nachlass von Ewers - drei Erzählungen und das dramatische Singspiel "Das Rosenfest der Rheinischen Nonnen". Die Texte wurden mit einer kenntnisreichen Einführung und Anmerkungen von Dr. Wilfried Kugel versehen, die auch ein neues Licht auf den Autor Ewers werfen, der sich in seinen späten Jahren mit beißenden, gesellschaftskritischen Satiren deutlich von der nationalsozialistischen Ideologie distanzierte.

Hanns Heinz Ewers (1871 - 1943) avancierte Anfang des 20. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum vom Kabarettstar zum Filmpionier und Bestsellerautor, der mit Romanen wie ALRAUNE und VAMPIR sowie seinen Sammlungen von "seltsamen" Geschichten (DAS GRAUEN, DIE BESESSENEN) auch weltweite Bekanntheit erlangte.
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Immaculata


Es ist gewiss, dass viele Menschen glauben, das Kind, welches Lady Charlot Vilma Bianka Baites im September 1921 zur Welt brachte, sei auf höchst natürliche Weise entstanden. Der Arzt, die Hebamme, der Standesbeamte und manche andern zweifelten keinen Augenblick daran, dass das Kind einen rechten Vater hatte, wie alle andern Kinder; wenn dieser unbekannte Vater und Geliebte einer schwülen Nacht auch vermutlich nur ein Reitknecht oder Gärtnerbursch war. Denn dass Lady Charlot trotz ihrer achtundzwanzig Jahre nie einen wirklichen Liebhaber gehabt, vielmehr stets jungfräulich zurückgezogen gelebt hatte, das wussten ja schließlich alle.

Diese allgemeine Meinung des Marktfleckens Morton-Jeffries, Grafschaft Herefordshire1, teilt einer nicht: ihr Bruder, Sir Norman Baites, Oberst und während der Kriegsjahre Provost-Marshal2 und Leiter des englischen Geheimdienstes und der Werbung in den Vereinigten Staaten. Er ist vielmehr überzeugt, dass es sich um eine parthenogenetische Geburt, eine Jungfernzeugung, handle. Dennoch glaubt er, dass niemand anders als er selber der Vater dieses jungfräulich geborenen Kindes sei – obgleich er zu der fraglichen Zeit durch das große Wasser des Atlantiks von seiner Schwester getrennt war.

Das ist nun sehr verwirrend und recht sonderbar; grade darum will ich diese Geschichte ganz einfach und nüchtern erzählen. Man wird sehen, dass es einzelne Gesichtspunkte darin gibt, die der Annahme Sir Norman‘s – so unbegreiflich und dazu in sich widerspruchsvoll sie zunächst scheinen mag – wenn auch durchaus keine Gewissheit, wohl aber manche Wahrscheinlichkeit geben. Ich selbst habe ihn nur sehr oberflächlich gekannt; seine Schwester, Lady Charlot, einmal gesehen – dieses eine Mal freilich so gut, dass ich sie nicht wieder aus dem Gedächtnis verlor.

Ich arbeitete damals, im ersten Kriegsjahr, in Neu York mit Jan Olieslagers zusammen. Wir machten, auf unsere Weise, dasselbe wie Sir Norman. Nur war unsere Weise erbärmlich, klein, vollkommen unzureichend, nur auf ein Dutzend Augen gestellt und fast ohne jede Unterstützung unserer Regierung. Dagegen hatte der Engländer einen Stab, der seine unzähligen Augen überall hatte, der mit unbegrenzten Geldmitteln arbeitete, dem Gesellschaft, Banken und Presse alle Türen öffneten. Ein kleines Winkelgeschäftchen also gegen einen riesigen Welttrust. Es war kein Vergnügen, gegen solche Überlegenheit zu kämpfen. Natürlich wusste Sir Norman so gut von uns, wie wir von ihm wussten; so waren wir Tag und Nacht beobachtet. Um diese Zeit hatte ich einige Papiere, die wichtig genug waren, in meiner Obhut; ich wusste, dass der Engländer sie auf jede Weise in seinen Besitz bringen wollte. Stehlen, rauben, Feuer anlegen – aber alles sehr gescheit und geschickt – jedes Mittel war da recht, und ein jeder von uns hatte schon seine Erfahrungen gesammelt und sein Lehrgeld bezahlt.

Meine Papiere waren in meiner Handtasche; die ließ ich nicht aus. Im Bett lag sie unter meinem Kopfkissen; im Restaurant auf dem Stuhl und ich saß drauf. Kein angenehmes Sitzen, aber man gewohnt sich dran. Dann, an dem Morgen, gab ich die Papiere ab; einem Mann aus dem Mittelwesten, für den sie bestimmt waren und der nun endlich gekommen war, sie zu holen. Im siebenundvierzigsten Stock befanden sich die Räume, wo ich ihn traf; unten in der Stadt, in einem großen Haus des Broadway. Als ich hinaustrat auf den Flur, stand eine Dame da; ich fühlte gleich, dass sie auf mich wartete: wenn man immer beobachtet ist, bekommt man ein außerordentlich sicheres Empfinden dafür, Detektive zu erkennen. Ich stieg in den Aufzug; mit mir die Dame. Ich ging zur Hochbahn der vierten Avenue; sie folgte, kam in dasselbe Abteil, saß mir gegenüber. Meine Ledertasche legte ich neben mich; stattlich genug sah sie aus, genau wie zuvor, aber nur Zeitungen hielt ihr Bauch und ein paar Dutzend grüner Gutscheine der Zigarrenläden. Nichts sonst.3

Sehr leer war‘s im Abteil; kein Mensch fuhr um diese Zeit die Stadt hinauf. Wie wird sie‘s nur anstellen, überlegte ich, meine Tasche zu erwischen? Sie starrte mich an und ich starrte zurück. Ein dunkles Straßenkleid, sehr gut geschnitten. Ein Foulardtuch4 über dem Arm – was sie nur mit dem Tuch wollte, das so ganz und gar nicht zu ihr passte? Kleine Füße in spitzen Schuhen, die Absätze nicht allzu hoch. Die Hände, sehr schmal und klein, in Wildleder. Die Hüften ein wenig zu breit, das Gesicht ein wenig zu rund. Rotblonde Haare – Palma der Alte5. Und die grüngoldenen Augen, die dazu gehörten, helle Brauen, durchsichtige Haut mit ein paar Sommersprossen. Der Mund klein genug; die Oberlippe rund gespitzt, als ob sie pfeifen wollte. Und irgendwo lag etwas Leidenschaftliches in ihren Zügen.

Es war ganz offensichtlich, dass sie nur an meine Ledermappe dachte, dass ihr Hirn fieberhaft arbeitete, wie sie es anstellen sollte. Ich nahm eine Zeitung aus der Rocktasche, hielt sie vor mich hin, schielte ungesehen drüber hinweg – auch das lernt man sehr leicht mit einiger Übung. Endlich schien sie einen Entschluss zu fassen. Ich sah, wie sie ihre Fahrkarte aus dem Handschuh zog, fallen ließ, mit dem Fuß vorsichtig unter den Sitz schob.

Ich überlegte – fand bald heraus, was sie wollte. Aussteigen, wenn ich ausstieg, mit mir durch die Sperre gehen. Man würde sie anhalten – o weh, sie hatte ihre Karte verloren! Und ihr Täschchen dazu: kein Geld! Sie würde mich bitten. So mich kennen lernen. Und – wenn es ihr vorher gelungen wäre, mich für sie zu erwärmen – vielleicht würde ich sie zum Luncheon6 einladen. Da mochte sich eine Gelegenheit geben –

Wie ich die Zeitung sinken ließ, lachte sie mich an. Gescheit war es – und doch unglaublich ungeschickt. Gescheit – denn sie hatte sehr schöne, sehr weiße, sehr ebenmäßige Zähne. Der Ausdruck ihres Gesichtes wandelte sich; sehr jung sah sie aus und der Mund wie einladend zum Kusse. Wenn sie ein Mittel der Verführung hatte, so war es ihr Lächeln.

Dennoch, sehr ungeschickt. Wir waren gewöhnt an Geheimagenten in jenen Tagen, männliche und weibliche, berufsmäßige und Laien. Wir kannten uns gut aus in jeder Beziehung. Dies Lächeln war eine offenkundige Einladung, die gar keinen Zweifel duldete. Anfängerin war sie obendrein: eine helle Röte deckte die Wangen.

Entzückend sah sie aus; gern wäre ich eingegangen auf das Abenteuer. Nur: es ging nicht. Ging durchaus nicht. An der Haltestelle, wo ich aussteigen wollte, erwartete mich jemand; einer, den der Engländer bestimmt noch nicht kannte und den er nicht kennen lernen sollte, solange das möglich war. Ich musste sie vorher abschütteln. Und das war meine Handtasche wert. Ich riss einen Zettel aus meinem Notizbuch; schrieb darauf: „Sir Norman Baites. – Viel Vergnügen!“ Zog den hübschen kleinen Schlüssel aus der Westentasche, schloss das Kunstschloss auf, gab umständlich den Zettel in die Ledertasche. Schloss wieder zu, legte sie neben mich. Starrte auf die Frau.

Die lächelte, lächelte noch einmal. Dann gab ich ihr das Lächeln zurück. Sie knöpfte ihren Handschuh auf, zog ihn aus, ließ ihn fallen, putzte mit den Fingern an ihrem Smaragdring. Das alles war so offensichtlich, so auffallend – auch der Harmloseste wäre nicht darauf reingefallen. Nein, diese Frau hatte wenig Berufung zur Geheimagentin.

Also gut, ich hob ihr den Handschuh auf. Reichte ihn ihr, streichelte mit dem kleinen Finger ihre weiße Haut – es war ihr sichtlich sehr unangenehm. Wie zur Abwehr schlossen sich ihre Lippen – einen Augenblick nur – dann lächelte sie wieder.

Sie wartete – aber ich sprach kein Wort. Lehnte mich zurück. Ich sah gut, wie sie es quälte; krampfhaft, fast verzerrt wurde ihr Lächeln. Blieb dennoch schön. Ein Tränenschimmer legte sich über die Augen; ich fühlte: gleich würde sie losheulen.

Es tat mir wohl, sie zu quälen. Dennoch: es war so billig. Und dann wuchs in mir ein hochmütiges Mitleid. Ich stand auf, wandte ihr den Rücken; ging ein paar Schritte durchs Abteil, schaute zum Fenster hinaus.

Nach einer Minute kam ich zurück: richtig, die Ledermappe war fort. Ich nickte – also dazu hatte sie dies lächerliche Tuch mitgenommen, um meine Tasche drin einzuwickeln! Ungeschickt genug überdies – an beiden Enden guckte sie heraus. Sie lächelte noch immer – starr und stier, eine regelrechte Grimasse. Aber: immer noch schön.

Im nächsten Augenblick hielt der Zug; sie sprang auf, lief zur Tür. Ich bückte mich, griff ihre Fahrkarte auf, sprang ihr nach. Dicht vor der Tür erreichte ich sie; sie blieb stehen, zitterte. Stumm reichte ich ihr die Fahrkarte. Riss die Türe auf, ließ sie hinaus. Sah noch, wie sie lief, dann plötzlich stehen blieb, sich umschaute: schon fuhr der Zug. Und wieder lächelte sie, schöner...


Piccol, Jo
Jo Piccol (Pseudonym) lebt als Unternehmer, Autor, Herausgeber und Übersetzer in Wien. Im JOJOMEDIA-Verlag gibt er die Reihe UNTOTE KLASSIKER heraus. Veröffentlichungen als Autor in verschiedenen Genres: ANSTALTSNOTIZEN (2017), COPY-KILLA (2017), 2 SCHWEINE IN AUSTRALIEN (2016, mit Joe S. Nuts).

Kugel, Wilfried
Wilfried Kugel (geb. 1949 in Berlin) erwarb 1978 sein Diplom in Physik; 1977-1980 Sprecher des "Forschungsprojekt-Schwerpunkt Biokommunikation" am Institut für angewandte Statistik des Fachbereichs Informatik der Technischen Universität Berlin; 1987 Dr. phil.; 1989-1991 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Heinrich-Heine-Institut (Düsseldorf); 1997-2000 Leiter des Gast-Forschungsprojektes "Prognostizierbarkeit stochastischer Ereignisse" am Institut für Experimentalphysik der Freien Universität Berlin. Autor von Büchern über Hanns Heinz Ewers (1992), Erik Jan Hanussen (1998) und den Reichstagsbrand (mit A. Bahar, 2001, 2013). Er rekonstruierte 1987 bis 1988 und 2012 bis 2013 den stilbildenden Stummfilmklassiker "Der Student von Prag" (H. H. Ewers, 1913).

Ewers, Hanns Heinz
Hanns Heinz Ewers (1871 - 1943) avancierte Anfang des 20. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum vom Kabarettstar zum Filmpionier und Bestsellerautor, der mit Romanen wie ALRAUNE und VAMPIR sowie seinen Sammlungen von "seltsamen" Geschichten (DAS GRAUEN, DIE BESESSENEN) auch weltweite Bekanntheit erlangte.



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