Ewert | Im Banne der gespaltenen Psyche | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 3, 292 Seiten

Reihe: Tom Elio

Ewert Im Banne der gespaltenen Psyche

Tom Elios Erkenntnis
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8495-8742-0
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Tom Elios Erkenntnis

E-Book, Deutsch, Band 3, 292 Seiten

Reihe: Tom Elio

ISBN: 978-3-8495-8742-0
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Tom, ein Kriegskind aus dem Osten versucht sich im kleinbürgerlichen Westdeutschland zurecht zu finden. Doch es zieht ihn in der Zeit des Kalten Krieges, abenteuerlustig nach Berlin. Unverhofft findet er Zugang zur Anatomie und entscheidet sich Medzin zu studieren. Die Psychiatrie in dieser Zeit sucht und findet neue Wege denen Tom sich auf seiner Ausbildung zum Psychiater anschließt.

Geboren1943 in Allenstein/Ostpreußen, aufgewachsen an der Nordseeküste und im Rheinland, Studium der Medizin im Berlin der 68er und 70iger Jahre. Begeisterung für die Psychiatrie und erste Erfahrungen sich im Privaten mit seelischen Erkrankungen auseinander zu zusetzen und Enttäuschungen zu verarbeiten.
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Das Staatsexamen / Winter 1975

Als Peter die mächtige steinerne Freitreppe hinunterstieg, fiel ihm mit jeder Stufe, die er nahm, eine Last von annähernd deren Gewicht von den Schultern. Ein plötzliches Glücksgefühl erzeugte eine frostige Gänsehaut, lud seine Haare elektrisch auf und sein Herz begann wie wild zu schlagen. Er griff nach dem glattpolierten Treppenlauf, um nicht zu taumeln und hielt den Kontakt. Unten angekommen, löste er zögernd, aber dann entschlossen die Hand und hatte in diesem Moment endgültig die Nabelschnur zur Alma Mater durchtrennt. Wie um sich zu überzeugen, warf er die Hände in die Luft, spürte seine ungestüme Kraft, stürmte durch die Eingangstür und sprang in einem Satz die Stufen des Portals hinunter, ins Freie. Die universitären Strukturen lagen hinter ihm.

Gierig atmete er die frische Luft ein und stieß sie mit einen langgezogenen Schrei wieder aus, wie ein Neugeborener, der das Licht der Welt erblickt. Die Zukunft lag hoffnungsvoll vor ihm. Sein Körper entspannte sich, die Enge des geschlossenen Raumes lag hinter ihm, vor ihm die Allee, die in ein Reich voller phantastischer Vorstellungen hinausführte.

Mit dem heutigen Tag ging ein sechsjähriges Studium zu Ende, eine Zeit voller gedanklichen Reichtums, Wissensakkumulation und Erkenntnissen. Ein Lebensabschnitt, den er geliebt und der ihn ausgefüllt hatte, geborgen im Schoß der Universität und dem abschließenden Zwang der Examensgeburt, begleitet von den anstrengenden Wehen akademischer Prüfungen. Die akademischen Hebammen waren Vergangenheit. Ein frisch geborener Mediziner schaute ins gleißende Licht der höher steigenden Sonne, das beständig an Intensität gewann. Ein vollkommen neuer Lebensabschnitt lag vor ihm. Die dickleibigen mit Wissen gespickten Fachbücher auf seinem Schreibtisch, die sich bis auf Augenhöhe stapelten, ihm die freie Sicht versperrten und um den Schreibtisch herum auf dem Fußboden gruppiert waren, teilweise aufgeschlagen, an wichtigen Stellen markiert, würde er in einem letzten Akt würdevoller Zuneigung dem Regal anvertrauen und ihnen noch einmal anerkennend über den Buchrücken streicheln, in ergebener Freundschaft.

Lautes Zurufen riss ihn aus seinen Träumen, holte ihn zurück in die Gegenwart. Deutlich erklang sein Name: „Peter, Peter, warte, warte!“

Normas helle und Holgers dunkle, rauchige Stimme mischten sich, und er staunte, wie er sie im Moment seiner hingebungsvollen Ergriffenheit vergessen konnte. Norma hatte ihn eingeholt, ergriff seinen Arm. „Komm, ein Foto, eine Erinnerung!“

Er blickte in ihr erhitztes, gerötetes Gesicht, welches ihm erstmals sei langem wieder glücklich schien, befreit vom Joch des monatelangen Staatsexamens, für dessen würdevolle Ernsthaftigkeit sie sich in eine weiße Bluse und ein schwarzes Kostüm, würdig ansprechend gekleidet hatte, jetzt durch einen hellen, offenen Wintermantel ungenügend bedeckt. Die langen schwarzen Haare umrahmten ein blasses, von starken Wangenknochen geprägtes ernstes, edles Gesicht, die rehbraunen Augen funkelten vor Erregung. Sie hängte sich bei Peter ein. „Lauf nicht fort, schnell ein Bild zur Erinnerung, Holger hat schon alles vorbereitet.“

Vergnügt lächelnd, von schmächtiger Statur, mit einem ungebändigten Kraushaar stand dieser, beide Hände tief in den Manteltaschen vergraben, vor dem Portal des langgezogenen, roten, mit Efeu bewachsenen Backsteinbaues aus der Gründerzeit, dem Hauptgebäude der Psychiatrischen Anstalten, inmitten eines Parkes, in welchem verschlungene Wege zu weiteren Häusern, viele im Wald verborgen, führten und Insassen beherbergte, die hier fernab der realen Welt in einem Eigenleben verharrten. Holger, dessen energisches Selbstbewusstsein Peter immer bewundert hatte, außer wenn es in eine unangebrachte Sturheit umschlug, kam ihnen jetzt gestikulierend entgegen. Trotz des vollständig zugeknöpften Mantels und des langen, wollenen, weißen Schals, einmal um den Hals geschlungen, war es ihm anzusehen, dass er fror. Ein Umstand, der ihn jedoch nicht irritierte. Er deutete auf einen Portalsockel, hakte sich an der noch freien Seite von Norma ein, so dass diese in die Mitte kam und bugsierte die beiden in Stellung. Sein herzhaftes Lachen animierte zum Mitlachen.

„Selbstauslöser, dort drüber steht die Kamera, eben hat es Klick gemacht, garantiert kein gestelltes Bild. Kommt und lasst uns die Irrenanstalt verlassen.“

Übermütig wurde Peter an die Schultern genommen, geschüttelt und anerkennend auf die Schulter geklopft: „Tolle Prüfung, kauziger Typ, Mann ist der in Fahrt gekommen.“

„Deinen Enthusiasmus, den du Peter zukommen lässt, hätte ich nach der Prüfung gerne auch mir gegenüber gewünscht, zu mir hast du nur „gut gemacht“ geäußert“, maulte Norma verdrießlich, „deine Leidenschaft zu mir ging sowieso mit jeder weiteren Prüfung ein Stück bergab. Ich glaube, du wirst froh sein, wenn ich zu meinen Eltern abreise.“

„Mitnichten!“ Holgers Antwort kam schnell und prompt, „Ich werde dir folgen.“

Mit einem Hoffnungsschimmer in den Augen blickte ihn Norma sehnsüchtig an. Sie hing an ihm.

Holger griff sein Thema wieder auf: „Genial, wie du den in Stimmung gebracht hast, ansonsten als bösartig verschrien, schmeißt er uns die guten Noten jetzt nur so hinterher. Hat leider keine große Bedeutung mehr für die Gesamtnote. Die Psychiatrie und Neurologie sind nur ein Appendix der Gesamtprüfung mit einfacher Multiplikation.“

„Du mit deinem analytischen Verstand musst immer zu allem deinen sachlichen Kommentar abgeben, anstatt dich heute nur ganz einfach zu freuen, dass wir das Staatsexamen bestanden haben.“ Trotzig blickte Norma Holger an, der aber nicht auf sie einging, sondern seinen Gedankengang fortsetzte. „In der Prüfungsordnung und im Allgemeinen nur ein kleines Fach, aber für mich nimmt es den Stellenwert wie ein großes ein. Was ist bedeutungsvoller als das Gehirn?“

„Kann jedoch nicht allein existieren, taugt nur im Verbund des menschlichen Körpers, und für dich zählt anscheinend nur das Denken, die Intelligenz, die Vernunft. Aber wenn für dich das Gehirn bedeutungsvoll ist, so musst du wenigstens anerkennen, dass dort auch das gefühlsmäßige Erleben beheimatet ist, welches bei dir zur Zeit zu kurz kommt.“

Peter kannte diese und ähnliche Diskussionen aus letzterer Vergangenheit, anfangs noch zaghaft geführt, aber zunehmend augenfälliger. Partei wollte er nicht ergreifen, schritt stattdessen in die Allee hinein. Hier in dieser Anstalt hatten in der Vergangenheit altehrwürdige Irrenärzte, wie sie sich früher nannten, eine kleine verschworen Gemeinde, sich ihrer Irren angenommen, sie hier verwahrt und auch mit ihnen gelebt. Heute nannten sie sich Ärzte für Neurologie und Psychiatrie, wohnten entfernt und waren stolz darauf, über wirksame Möglichkeiten der medikamentösen Therapie zu verfügen.

Der ihn prüfende Professor Ernst Ganglier war tatsächlich ein schrulliger Typ gewesen. Fast ein Fossil aus alter Zeit, im grauen Anzug, grauhaarig, mit tiefen Gesichtsfurchen, aber lebhafter Mimik und wissbegierigen Augen. Im Verlauf der Prüfung hatte sich gezeigt, doch nicht so verstaubt zu sein, wie er aussah, sondern auch durchaus Anteilnahme zeigen konnte.

„Eine heterogene Gruppe“, war seine Meinung nach eingehender Musterung der drei. Zu groß war der Unterschied in ihrer Kleidung, Gestik und Verhalten. Norma in schwarzweiß, ruhig, fast demütig, Holger bunt und zappelig, Peter gleichmütig, mit altmodischem Jackett und gefasst.

Ganglier war ein paarmal mit forschem Schritt im Zimmer auf- und abgegangen, ohne sie aus den Augen zu lassen, hatte sie dann aufgefordert, auf den Stühlen vor seinem riesigen Schreibtisch Platz zu nehmen und es sich selber in einem Lehnstuhl bequem gemacht, indem er zusätzlich die Beine auf einem Schemel ausstreckte.

„Im jahrelangen Umgang mit Menschen geübt, versuche ich immer mir zunächst vom rein Äußeren her, ein Urteil zu bilden, bevor ich aus der Unterhaltung meine Rückschlüsse ziehe. Sie haben meine Neugier geweckt. Ein Arzt stellt eine Persönlichkeit dar, gepaart mit Wissen. Heute geht es aber mehr um ihr Wissen, die Persönlichkeit kommt noch.“

Bedeutungsvoll blickte er um sich. Peter hatte das Gefühl einer obrigkeitsgeführten Anhörung mit diffamierenden Vorurteilen, spürte eine Beklemmung, die ihn wütend machte, Holger neben ihm machte ebenfalls ein missbilligendes Gesicht, und Norma schien in ihrem Stuhl immer kleiner zu werden. In dieser aufkommenden unheilvollen Atmosphäre richtete Ganglier mit fester Stimme die Frage an Peter: „Nach James Parkinson wurde eine Krankheit benannt. Was können sie darüber berichten?“

Schlagartig waren alle hellwach und auf das Thema konzentriert.

Volltreffer! Die Lektüre vom gestrigen Abend, „James Parkinson“ von Norbert J. Pies, einer der „Piesacker“. Peter sammelte sich, zögerte, aber nur um die Spannung zu steigern, während die Blicke aller auf ihm ruhten. Zunächst langsam, dann schnell und sicher arbeitete er sich durchs Thema.

„James Parkinson war der Erstbeschreiber dieser nach ihm benannten Erkrankung. 1817, sieben Jahre vor seinem Tod, er wurde 69 Jahre alt, erschien sein „Essay on the Shaking Palsy“, die Schüttellähmung, deren Auffälligkeiten er nach der Beobachtung an sechs Patienten, von denen er nur einen genauer untersuchte, beschrieb.

Die Symptome Tremor, Akinese und zusätzlich der Rigor sind die Trias, die das Krankheitsbild umreißen, wobei am auffälligsten der Tremor, das Zittern ist, häufig zunächst...



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