Ewert | Tom Elios Verrückt sein | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 156 Seiten

Reihe: Tom Elio

Ewert Tom Elios Verrückt sein

Mit 18 ein Motorrad kaufen Roulette spielen im Mittelmeer segeln
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-347-92578-6
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Mit 18 ein Motorrad kaufen Roulette spielen im Mittelmeer segeln

E-Book, Deutsch, Band 1, 156 Seiten

Reihe: Tom Elio

ISBN: 978-3-347-92578-6
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als 18jähriger sich in Szene setzen, ein Motorrad kaufen, durch Kneipen bummeln, ein Spielkasino besuchen, Roulette spielen, Frankreich entdecken, ein Segelboot im Mittelmeer mieten, zwei havarierte Mädchen mitnehmen, in Monaco ankern, auf Korsika landen, ein Schiffsunglück erleben, Rückkehr nach Paris.

Von Ostpreußen erfolgt der unfreiwillige Sprung an die Nordseeküste nach Bremerhaven. Von dort geht es ins Bergische Land in die Klingenstadt Solingen. Der weitere Weg führt mit dem Versuch der Selbstständigkeit in die Großstadt Stuttgart und vollendet sich in Berlin.
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18ter Geburtstag

In ein paar Tagen, der Kalender des Jahres im Sommer 1962 gab es vor, würde sich mein 18. Geburtstag ereignen. Mir war das im Grunde genommen gleichgültig. Aber ich konnte den Tag nicht ignorieren. Die familiäre Tradition erwartete ein Fest.

Deshalb geriet ich ganz gegen meine Gewohnheit ins Grübeln was diesen Geburtstag besonders auszeichnete. Irgendwelche Veränderungen konnte ich an mir nicht feststellen, und auch mein ganzes Drumherum blieb wie es war. Davon zu berichten würde nur Langweilen. Es gab nichts Spannendes womit ich hätte auftrumpfen können.

Ganz anders konnten einige meiner Freunde damit prahlten, dass an ihrem 18ten der Führerschein auf dem Gabentisch lag. Erstmals im Leben durften sie an diesem Tag ein Auto fahren. Das hatte mir sehr imponiert. Da ich aber über kein Auto verfügte, sah ich keinen Sinn darin ihnen nachzueifern. Ich musste mir schon etwas anderes einfallen lassen, dachte ich.

Nicht dass ich allzu viel Wert darauf legte, an diesem Tag auf einen Erfolg in meinem noch jungen Leben hinzuweisen. Aber es wäre schön etwas zu präsentieren, einen Joker, der in einer Diskussion gewürdigt werden könnte. Es hätte mir geholfen, das Image eines bislang gedanken- und planlosen Jungen zu verbessern.

Bislang war ich nur auf die profane Idee gekommen, mit ein paar neuen Jeans und einem farbenfrohen Hemd auf meine Lässigkeit hinzuweisen und beim Tanzen zu späterer Stunde eine gute Figur abzugeben.

Von den Gästen würde Vater fehlen, der in der südamerikanischen Pampa als Ingenieur am Bau einer Straße schuftete. Er war nach eigener Aussage anscheinend unabkömmlich, scheute vielleicht die Strapazen transkontinentaler Flüge. Dafür hatte ich Verständnis. Gleichzeitig ersparte er sich Reisekosten und ich könnte ihn bitten, je nach seiner Großzügigkeit, mir einen Teil davon zu überweisen. Eine einfache finanzielle Transaktion gegenüber dem Reiseaufwand, dachte ich.

In der Ausgestaltung des Festes war nicht ich, sondern Mutter die wichtigste Person. Sie würde sich nicht lumpen lassen alles zu arrangieren und die Dekoration herzurichten. Ein exzellentes Buffet zu erstellen war ihr ein Bedürfnis und Berufung. Frohgemut und stets guter Laune ging sie an die Sache heran, scheute keine Mühe und Kosten.

Ihr zur Seite stand Onkel Karl, der sich gerne als nachahmenswertes Vorbild präsentierte und Mutter zuliebe wohlwollenden Vaterersatz spielte. Seine kantigen Gesichtszüge passten zu seinem autoritären Gehabe, dem ich nichts abgewinnen konnte. Er war reich genug spendabel zu sein, mir fast jeden Wunsch zu erfüllen, knauserte jedoch. Er liebte es darauf hinzuweisen, dass ein Jeder nur das Potential nutzen müsste, das in ihm schlummerte. Dann könnte er es weit bringen. Ich hatte das meinige noch nicht entdeckt.

„In deinem Alter war ich bereits ein hoffnungsvoller Einzelhandelskaufmann“, pflegte er stolz zu sagen.

Allein die Vorstellung es ihm gleich zu tun schockte mich.

Wichtig seiner Meinung nach war es jede Deutsche Mark zweimal umzudrehen, am besten gar nicht auszugeben, sondern gewinnbringend anzulegen. Letztere Fähigkeit hatte er zweifellos eindrucksvoll entwickelt, während ich über die Löcher in meinen Händen nachdachte, durch die das Geld rutschte. Er könnte mir ein paar Goldmünzen schenken, dachte ich. Sicherlich warfen sie irgendwann Rendite ab, wenn ich sie nicht vorher verprasste.

Mit weiteren Verwandten und Erwachsenen, netten und angenehmen Menschen, gedachte ich während des Festes einige freundliche Worte zu wechseln. Zur Stimmung würden vor allem meine jugendlichen Gäste beitragen, ohne dass eine der eingeladenen Mädchen bislang mehr als ein Auge auf mich geworfen hatten. Sollte dies während der Feier geschehen, wäre es wohl das größte Geschenk für mich.

Willst du dies oder etwas anderes erreichen, musst du dich in Szene setzen, selbstbewusst und souverän sein, dachte ich. Da kommst du nicht drumherum. Das wäre die beste Werbung geachtet und geliebt zu werden. Allein der Blick in mein chaotisches Zimmer gab einen Seelenzustand wieder, der dieser Wunschvorstellung widersprach.

Zu einem verantwortungsvollen Leben gehört Ordnung, dachte ich, und die wollte ich augenblicklich beweisen. Als erstes meinen Schreibtisch derart herrichten, dass er zu einer sinnvollen Arbeit Platz bot. Als Ablage verstaubter Druckerzeugnisse und nicht akzeptablem Schreibwerkzeug verfehlte er seinen Zweck. Ab in den Müll mit dem unnötigem Kram, dachte ich und begann mein Werk. Mutter würde glücklich sein, mich beim Aufräumen zu erleben. Doch inmitten meines tatendurstigen Sichtens und Wegwerfens stockte ich bereits nach kurzer Zeit. Ein Hochglanzprospekt kam unter dem Stapel vergilbter Papiere zum Vorschein und weckte mein Interesse. Sicherlich schon einmal, ansonsten hätte ich es nicht aufbewahrt. Normalerweise werfe ich die von mir verachteten und zumeist verlogenen Reklameprodukte sofort in den Papierkorb und ärgere mich über die Verschwendung an Material und geistiger Verausgabung. Aber in diesem Falle fesselte mich erneut die Ästhetik der abgebildeten Motorräder. Ich vergaß die Zeit.

Gleichzeitig erwachten Erinnerungen an die gemeinsame Fahrten mit Vater auf seinem robusten Motorrad, an den Zauber unbeschwerten Fahrens durch die Natur.

„Steig auf mein Sohn, wir fahren nach Irgendwo,“ pflegte er in Vorfreude zu sagen, verpasste mir Motorradhelm und -brille und wir bretterten los.

„Das Leben kann dir viel bieten wenn du nur aus einer Laune heraus handelst, ein Ziel ist nicht immer vonnöten.

So landeten wir je nach Zufall auf der mit Wildblumen bestandenen Wiese eines Flusses oder inmitten eines fröhlichen Dorffestes und waren glücklich.

Sein erstes Auto im Tausch gegen das Motorrad machte diese Touren zunichte. Ich langweilte mich auf der Hinterbank und kein Fahrtwind erfrischte mehr mein Gesicht.

Wahrscheinlich aus Trotz erwarb ich deshalb mit 16 Jahren ein Moped, um tatendurstig alte Freude zu genießen. Doch das altersschwache Gefährt versagte alsbald seinen Dienst.

Noch melancholisch verhaftet und beim Anblick der abgebildeten Motorräder inmitten des vermüllten Schreibtisches, suchte ich nach einem Ausweg weiterzumachen. Die Phantasie erlöste mich. Wie Phönix aus der Asche erwuchs vor meinen Augen das Abbild eines funkelnagelneuen Motorrades. Das wollte ich haben.

Bereits am anderen Tag folgte ich der Adresse der Broschüre und betrat die Stille einer Kathedrale voller Motorräder. Vorsichtig bewegte ich mich durch die ausgestellten Heiligtümer, die Auge und Herz betörten. Das hier waren gegenüber früher alles Wunderwerke mit zahlreichen Einzelheiten, die das Fahren zu einem göttlichen Vergnügen machten. An den blankpolierten spiegelnden Tanks brach sich das Licht. Die wuchtigen Motorblöcke verrieten Kraft, die auf pechschwarze Reifen mit exzellenter Bodenhaftung übertragen wurde. Goldfarbene Veredelungen und chromblitzende Accessoires schmückten die Modelle. Technische Daten auf kleinen Täfelchen vermittelten Hochachtung, mehr noch der Preis.

In einem dagegen nüchternen Büroraum lümmelte der anzunehmende Hohepriester dieses Heiligtums, blickte kurz auf, ließ mich gewähren. Ich schlenderte langsam durch die Reihen der ausgestellten Maschinen, wägte ab und war mir meiner finanziellen Grenzen bewusst.

Meine Vermutung bestätigte sich, dass der einzige neben mir noch anwesende Mensch auch der Verantwortliche war. Wie ein Schatten heftete er sich alsbald an mich, um mir pflichtgemäß sein Evangelium zu verkünden, mich zum Kauf zu bekehren, seinen Klingelbeutel zu füllen. Sein Äußeres, blankpolierter Schädel, gestutzter Mund-und Kinnbart, asketisch schlanke Figur in dunklem Anzugtuch, unterstrichen seine missionarische Aufgabe. Die eng aneinander stehenden Augen und der leicht geöffneten Mund mit den kräftige Zähne verrieten aggressive Dynamik. Ich war auf der Hut.

„Hallo junger Freund, kann ich Ihnen behilflich sein?“, eröffnete er gespielt leger die Offensive.

„Schöne Motorräder“ erwiderte ich, so wie jemand ganz nebenbei schönes Wetter sagt, weil ihm sonst nichts einfiel, und er in Ruhe gelassen werden wollte. Seine Anbiederung provozierte meine Ablehnung.

„Ihr junger Freund möchte noch etwas herumspazieren, aber noch haben wir nicht Freundschaft geschlossen“, stopfte ich ihm das Maul.

Ein Missionar, und insbesondere wenn noch ein Verkäufer in ihm steckt, gibt so schnell nicht auf. Seinem resignativen Rückzug folgte wenig später ein pädagogischer Angriff als wir nach meinem Rundgang wieder aufeinandertrafen.

„Lassen Sie sich einmal unverbindlich in die Welt des Motorrades einführen. Ich kann ihnen viel Interessantes dazu sagen.“

Schön und gut, dachte ich, lass ihn reden, sehr wahrscheinlich brauchte ich ihn noch. Ein Motorrad hatte mein Interesse geweckt. Eine pechschwarzes schnittiges einzylindriges...



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