F. / Röper | Papas Heldin | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 204 Seiten

F. / Röper Papas Heldin

Die Geschichte von Dani und Ralf
2. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-3216-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die Geschichte von Dani und Ralf

E-Book, Deutsch, 204 Seiten

ISBN: 978-3-7412-3216-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Ärzte gaben unserer Heldin drei Tage. Kürzer kann ein menschliches Leben kaum sein. Unsere Tochter würde wohl gleich mit ihren Heldentaten beginnen müssen. Sie wurde zu 'Dani in Bestform". Wie schnell sich ein Leben dann ändern kann, wie eine Lawine, die plötzlich ins Tal stürzt und nicht aufzuhalten ist, musste ich in den vergangenen Jahren erfahren. Dieses Buch erzählt die Geschichte von Dani und ihrem Papa Ralf. Ihnen ist es gewidmet.

Autor und Geschäftsführung von "Biografie meines Lebens" - Ihr Leben als Buch. Diplom Kultur- und Sozialwissenschaftler, Journalist, Autor, Biograf Verfasser von u.a. Künstler-Biografien, journalistische Tätigkeit, z.B. für die Süddeutsche Zeitung, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und u.a. in New York City, USA.
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Drei Tage


Elf Monate nach unserer Hochzeit wurde ich schwanger. Wie glücklich streichelten wir beide meinen Bauch, konnten die Geburt unseres gemeinsamen Kindes kaum erwarten. Niemand hätte zu denken gewagt, dass Ralfs und meine Kräfte bald auf eine so harte Probe gestellt würden.

Im dritten Monat der Schwangerschaft trat Fieber auf, 39 Grad Celsius. Eine Cerclage wurde gelegt, also der Muttermund umschlungen, um eine Frühgeburt unseres Kindes zu vermeiden. Die Ärzte planten bereits damals einen Kaiserschnitt ein. Die Geburt würde keine natürliche sein. Erstmalig drang während dieser Tage die medizinische Diagnostik in ihrer, trotz vieler großartiger Ärzte, letztendlich ganzen Kälte in unser so unverwundbar geglaubtes Glück ein. Ängste zogen in unsere Leben ein, Ängste, die uns blutjungem und naivem Liebespaar damals gänzlich unbekannt waren. Ralf war damals einundzwanzig Jahre alt, ich zwanzig.

Der vorzeitige Blasensprung und eine Beckenendlage unseres Kindes machten den Kaiserschnitt bereits eine Woche vor dem regulären Geburtstermin unumgänglich. Seit mehreren Tagen lag ich bereits in der Klinik. Aber jetzt würde es losgehen. Zittern und Angst überkam mich, ein Unglück könne geschehen.

„Wo ist Ralf? Bitte ruft ihn schnell!“

Im Außendienst des Fernmeldeamtes unterwegs, war Ralf nicht zu erreichen. Mobiltelefone gab es damals nicht. Heute unvorstellbar. Aber wer unterwegs war, war eben weg. Stundenlang probierten wir es. So sehr brauchte ich ihn jetzt, wurde immer nervöser. Meiner Schwester Beate gelang es schließlich, ihn zu erreichen.

Ralf schaute damals auf den Kalender. Es war ein Freitag, der Dreizehnte. Abergläubisch war er nie. Trotzdem überfiel auch ihn Angst, während er in die Klinik eilte.

Unter Vollnarkose, wie damals üblich, gelang der Schnitt. Unsere Daniela wurde ins Licht der Welt gehoben.

Unser Mädchen! Unser ganzes Glück!

Wie zwei Tanks, löchrige Schwämme ohne Funktion, füllten Danis übergroße Nieren ihren Bauch. Polyzystische Nierenmissbildung. Beidseitig. So etwas hatten die Ärzte hier noch nie gesehen. Trotzdem wuchs wie durch ein Wunder Danielas während der ersten drei Untersuchungen ermittelter Apgar-Index von sehr schlechten Drei auf heldenhafte Neun an: 3-6-9 – super Dani, trotz allem nur knapp an der Bestnote Zehn vorbei.

Danielas Nierenwerte aber waren katastrophal schlecht. Außerdem röchelte unser Mädchen, bekam kaum Luft. Asphyxie. Drohender Erstickungszustand durch Absinken des arteriellen Sauerstoffgehalts, Kreislaufschwäche. Umgehend brachten die Ärzte unser Baby in die Uni-Kinderklinik und auf die erste Intensivstation ihres Lebens.

Selbst lag ich noch in der Narkose, wurde schließlich wach und von den Ärzten mit den Worten begrüßt: „Sie haben ein Mädchen!“

Erschöpft wie ich war, gelang mir nur mühsam ein Lächeln und ich erfasste im selben Moment, wie Sorgen über das Gesicht des Arztes huschten, lernte meine erste Lektion im Lesen der Mimik von Ärzten. Wie oft werde ich in den kommenden Jahrzehnten in ihre Gesichter schauen und noch vor dem Öffnen des Mundes und den ersten Worten wissen, was sie mir sagen werden.

„Leider hat ihr Mädchen Anpassungsschwierigkeiten und musste gleich in die Klinik“, sagte der Arzt mit ruhiger Stimme.

„Anpassungsschwierigkeiten“, dieses Wort hatte er gewählt. Dann wurde mein Bett, geschoben von einer Schwester, in Bewegung gesetzt, entlang der Flure, auf eine Tür zu, neben der meine Eltern standen. Wie im Nebel passierte ich sie. Dennoch sah ich es: Unendlich traurig standen sie dort, Mama hatte Tränen im Gesicht, Papa sah gänzlich zerschlagen aus. Gleichzeitig waren sie wohl glücklich, mich gesund zu sehen.

„Was ist mit Dani?“

Erfüllt von Liebe presste Ralf mich gleich an sich, hielt mich fest, schaute mich dann an und musste, weil er bereits mehr wusste über unsere winzige Dani, zu sprechen beginnen. Worte aus Angst und Trauer, unter Schmerzen ausgesprochen: „Elke, unsere Dani ist sehr, sehr krank. Die Ärzte haben gesagt, dass sie höchstens drei Tage leben wird.“

Unsere Welt zerbrach.

Nur mit unserer Liebe, mit endloser Kraft und der Unterstützung unserer Familien und Freunde würden wir sie wieder errichten und zum Leuchten bringen können.

Selbst war ich von der Operation und Traurigkeit zu geschwächt, um zu Dani in die Kinderklinik zu fahren. Ralf hasste Krankenhäuser. Natürlich aber fuhr er zu unserem Mädchen, schritt vorbei an den Neugeborenen, die, allesamt todkrank, in Inkubatoren seinen Weg säumten, bis zu unserer Dani. Kam man am nächsten Tag wieder, war oft erneut eines der kleinen Bettchen leer. Oder ein anderes Kind lag darin.

„Ihr kleines Mädchen“, sagte eine hünenhafte Professorin zu Ralf, „liegt in diesem Inkubator dort.“

Ralf trat an die Maschine. Lange betrachtete er seine Tochter, so klein war sie mit ihren 43 Zentimetern und 2.700 Gramm. Seine Hand tastete an seiner Jacke herunter. Traurig zog er eine Sofortbildkamera aus seiner Tasche, die er für den Außendienst beim Fernmeldeamt brauchte, wandte sich einer Schwester zu und bat sie, ein Foto zu machen.

„Darf ich mein Kind auf den Arm nehmen?“, fragte Ralf vorsichtig.

Die Schwester lächelte und half ihm. Machte dann ein Foto von den beiden. Kurz darauf schob sich das erste Bild unseres Kindes unten aus dem Apparat, erst nur weißer Nebel darauf, dann, von Sekunde zu Sekunde deutlicher zu erkennen, unsere zauberhafte Dani in den Armen ihres Papas. Und dieses ganz junge Leben sollte in wenigen Stunden schon wieder vorbei sein? Das Foto in seiner Hand trat Ralf ins Freie vor die Klinik, sprach ein Gelübde in den Juli-Himmel!

„Lieber Gott, lass das Kind nicht leiden, aber wenn du mir die Dani weiter schenkst, werde ich mich das ganze Leben mit aller Kraft um sie kümmern.“

So geschah es.

Wie das Foto nur langsam ein Bild unseres Kindes zur Erscheinung brachte, würde Dani viele Wochen benötigen, um aus ihrer lebensbedrohlichen Situation und der Klinik bedächtig einen Weg in die Welt und ihr Leben mit Ralf und mir zu finden. Bis dahin lag damals aber noch ein weiter Weg vor uns.

Am Sonntag nach ihrer Geburt ließen wir Dani von meinem Schwiegervater Horst, der, wie unsere beiden Familien, Teil der Neuapostolischen Gemeinde an der Ersten Fährgasse in Bonn war, nottaufen. Noch zu geschwächt, konnte ich nicht dabei sein. Wieder hielt Ralf seine Dani auf dem Arm, würde sein Leben lang davon berichten, wie sein Mädchen ihn angeschaut habe. Damals aber erzählte Ralf nur Düsteres von Dani, wollte mir nicht viel Hoffnung machen, mich schonen. Ich sollte mich nicht an ein Kind klammern, dem die Ärzte, weil es sterben würde, nicht einmal zu essen gaben.

Das Telefon klingelte. Ist sie gestorben? Immer dieser Gedanke.

Heldinnen aber lassen sich nicht so leicht unterkriegen. Tatsächlich folgte auf den zweiten Tag der dritte, auf den dritten der vierte und so fort.

Unser Mädchen wuchs unter den ratlosen Blicken der Ärzte und den vielen Fragen ihrer Eltern.

„Kann man da gar nichts machen¨, fragte Ralf, „transplantieren vielleicht?¨ Immer war ihm dieses technische Verständnis eigen. Defekte Teile gehören natürlich ausgetauscht.

Die hünenhafte Professorin schüttelte den Kopf. Bei so kleinen Kindern sei das leider noch nicht möglich.

Es stellte sich heraus, dass die Ärzte auch nicht recht wussten, was mit Dani los war. „Hypoxischer Hirnschaden durch Sauerstoffmangel während der Geburt“, war eine der „Gott sei Dank“ falschen Diagnosen, die wir erhielten. Deshalb habe unser Kind auch keinen Trinkreflex. Außerdem sei die Kopfdecke verknöchert, das Gehirn könne sich nicht entwickeln. Lebe sie weiter, müsse die Schädeldecke gesprengt werden. Das sagten sie uns. Gesprengt. Unerträgliche Sätze, die uns allen beinahe die Luft abschnürten. Eigentlich sprach nichts dafür, dass Dani leben würde. Und immer wieder auf diese Intensivstation für Kinder. Wieder ein Bett leer. Ein letzter Hauch. Das konnte uns auch passieren.

Ralf und ich aber fragten und handelten. „Was können wir tun? Sie lebt doch, sie muss doch jetzt essen! Geben sie ihr doch etwas!“

Muttermilch konnten Danis Nieren nicht verarbeiten. Am fünften Tag gaben die Ärzte Dani über eine Nasensonde deshalb fünf Tropfen Mazola-Öl, gemischt mit Wasser und Zucker, um ihrem kleinen Körper Kohlenhydrate zuzuführen. Zitternd saßen wir an ihrem Bett, als Dani die Mischung erbrach.

„Frau F., Sie sind doch noch so jung“, sagte eine Ärztin damals zu mir, „Sie können doch noch so viele Kinder bekommen.“

Mit großen Augen sah ich die Frau an. Nichts als Mitleid brachte sie mir entgegen.

„Lassen Sie Dani doch hier¨, fügte sie hinzu.

Diese Offerte entsetzte mich. Verstanden habe ich sie nicht. Auch nicht nachgefragt. Was aber wäre geschehen, wenn wir „Ja“ gesagt hätten, „ja“, wir lassen die Dani dort. Was wäre mit unserem Kind geschehen?

Ich wage es nicht zu denken.

Also weiter. „Geben Sie ihr zu essen. Sie muss doch essen.“

Die Ärzte griffen auf eine aus den USA importierte Nahrung für nierenkranke Babys zurück. Dani behielt diese bei sich. Die Nierenwerte wurden etwas besser. Manchmal konnten wir lächeln.

Kurz darauf erreichte uns die Nachricht, die Nahrung für Dani sei nicht mehr zu bekommen. Traurigkeit und Angst, Unwissenheit und Hilflosigkeit.

In alle Richtungen.

Ralf und ich fuhren heim.

Alles hatten wir vorbereitet gehabt, das Kinderzimmer und Kleidung für unser Baby waren hergerichtet.

Jetzt, Leere im Zimmer, Leere im Herzen. Auch im Kreise unserer Familie....



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